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19JUL2026
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Mads Langer Copyright: Petra Kleis

Christopher Hoffmann trifft: den dänischen Singer-Songwriter Mads Langer

Der heute 42-jährige feierte internationale Erfolge mit Songs wie “You´re not alone” oder “Fact fiction”. Als junger Künstler wurde er in Dänemark entdeckt und zog zu einem großen Plattenlabel nach New York:

Das war wie ein Traum, gewaltig, es war viel größer, viel mehr Power als in Dänemark. Ich habe dort viel gelernt, schrieb Musik mit unglaublich talentierten Leuten. Aber nach einem Jahr war mir auch klar, dass das nichts für mich war. Man versuchte mich in eine Form zu pressen, aber das war nicht ich. Musik war immer kostbar für mich. Ich war froh, als mir klar wurde: Ich will nicht um jeden Preis berühmt sein. Also ging ich zurück, löste den Plattenvertrag auf und fing nochmal von vorne an. Ich habe immer auf meine innere Stimme gehört und fühlte mich mit meiner Seele verbunden.

Wenn ich die Musik von Mads Langer höre - seine kraftvolle Stimme, sein virtuoses Klavierspiel - spüre ich genau das: Seele. In seinen Popsongs verarbeitet er immer wieder auch existentielle Themen und auch seinen Glauben an Gott. Etwa in dem Song “Helt deroppe”, das ist dänisch und bedeutet: “ Ganz da oben”. Es geht um den Tag, als er erfährt, dass seine beste Freundin unheilbar an Krebs erkrankt ist:

Ich war am Meer in der Gegend wo meine Vorfahren lebten. Ich schaute in den Himmel, betete und fragte nach dem Sinn des Ganzen. Und dann habe ich in meinem Tagebuch notiert: Ich werde ein Lied schreiben, das heißt „…Ganz da oben“.

Erst Jahre später - er ist inzwischen Vater geworden -  erinnert ihn ein Satz seiner kleinen Tochter an diesen Tagebucheintrag:

An einem morgen, als ich am Klavier saß, kam meine zweijährige Tochter und zeigte aus dem Fenster auf eine Lücke in den Wolken am Himmel, wo die Sonne durchschien und meinte: „Ganz da oben, Dad…“ und sie sprach von einem Engel -  das war schon sehr berührend.

Und nun schreibt Mads Langer den Song “Ganz da oben” - und dort, glaubt er, ist auch seine verstorbene beste Freundin jetzt. Er hat auch das Lied “21:4” geschrieben. Das ist inspiriert von einem Bibelvers aus dem Buch der Offenbarung des Johannes. Da steht in Kapitel 21, Vers 4: ‚Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen, und es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, kein Weinen, keinen Schmerz, denn das Alte ist vergangen.' Diese Zusage gibt auch Mads Langer Hoffnung, denn er glaubt an die Auferstehung und an einen Gott, der alles ins Leben rief:

Ich glaube, dass alle Lebewesen untereinander und mit Gott verbunden sind, daher sehe ich mich als Puzzleteilchen im großen Puzzle, im großen Ganzen. 

Ich treffe Mads Langer in Kopenhagen, wo der weltweit erfolgreiche Popmusiker lebt. Er spielt Klavier seit er drei Jahre alt ist und seinen Beruf versteht er als Berufung...

Mir war von Anfang an klar, dass ich hier bin, um zu singen und Lieder, Texte und Gedichte zu schreiben. Das war nie eine Wahl.

Mads Langer ist ein gläubiger Mensch - und für sein Gottesbild ist ein Satz aus der Bibel ganz zentral: Gott ist die Liebe. (1 Joh 4,8)

Der Schlüssel ist: Du bist von Anfang an schon geliebt. Für mich geht es bei „Spiritualität“ nicht darum, der Weltzu entfliehen, sondern um die Botschaft der Liebe, der Vergebung. Wie du einem Fremden auf der Straße begegnest oder wie du dich im täglichen Leben bewegst.

Mads Langer trägt bei unserem Treffen eine coole blaue Anzugkombination, ist bekannt für seinen individuellen Style. Und er trägt eine silberne Kette mit einer Taube darauf, die den Heiligen Geist symbolisiert. Ich fragen ihn warum.

Das bedeutet mir sehr viel: Ich gebe mich und mein Leben täglich in den Dienst des Heiligen Geistes. Ich habe erkannt: Ich bin nicht hier, um zu nehmen oder zu besitzen. Ich bin hier, um zu geben. Vieles hat sich verändert, seit ich das erkannt habe, das Leben öffnet sich.

Dem Heiligen Geist dienen? Für Mads Langer kann das ganz viele Dimensionen haben. Ein guter Vater sein, achtsam mit den Mitmenschen umgehen - aber auch: mit sich selbst. Sich selbst annehmen und lieben, trotz Macken und Fehler - das ist ein großes Thema von Mads Langer. Und die Liebe zum Nächsten? Die versteht er auch ganz global und konkret.  Etwa, als er im letzten Jahr unter anderem mit der dänischen Diakonie ein Flüchtlingscamp in Uganda besucht hat:

Das war eine lebensverändernde Erfahrung. Hauptsächlich junge Frauen mit Kindern ohne Ehemänner, die entweder getötet wurden oder noch im Krieg sind. Ihnen zu helfen, ihre eigenen Gärten anzulegen. Viele dieser starken Frauen waren schon so weit, dass sie genug Früchte aus ihren Gärten ziehen konnten, um sie auf dem Markt zu verkaufen und damit ihre Kinder in die Schule zu schicken. Die größte Hilfe ist die, Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen.

Für Mads Langer ist klar: wir müssen weiterhin geflüchteten Menschen helfen:

Flüchtlinge sind uns ebenbürtig, und wir sollten immer daran denken: Wie würden wir behandelt werden wollen, wenn wir an ihrer Stelle wären?

Und er hat kürzlich ein weiteres Stück Land besucht, weil es sich der Mann im Weißen Haus unter den Nagel reißen will: Grönland. Als Däne ist es ihm wichtig für die Ureinwohner der Insel seine Stimme zu erheben:

Grönland ist ein unglaublicher Ort. Ich war so bewegt von der Natur und den Menschen Grönlands. Stell dir vor, wie stark sie sind, sie haben dort seit Jahrhunderten überlebt. Ich möchte in Zukunft dazu beitragen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, ihre Kultur zu stärken und anzuerkennen und all das zu erhalten. Wir können viel von ihnen lernen.

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12JUL2026
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Stephan Seiler-Thies

Barbara Wurz trifft Pfarrer Stephan Seiler-Thies

Seit 2019 ist er Hochschulpfarrer an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er ist Ansprechpartner für Studentinnen, Studentin und die Lehrenden und gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen fürs kirchliche Veranstaltungsprogramm zuständig.  Alle Angebote sind wie selbstverständlich ökumenisch. Und natürlich dürfen auch alle Interessierten kommen – egal ob evangelisch, katholisch, muslimisch oder ohne Religion. Da gibt es

Wir haben Themenabende, Kochabende, Spieleabende ... dann gibt es Veranstaltungen, die wir in der Stadt machen, zum Beispiel mit der Volkshochschule, mit dem Scala oder der Landeszentrale für politische Bildung. Das können sich manche Studierende sogar fürs Studium Generale anrechnen lassen. Dann geht es mal hoch auf 150 bis 220 Studierende.

Ein Beispiel ist die Reihe „Ethik im Dialog“. Da geht es gezielt um Themen, die viele Menschen gerade bewegen: Klimawandel, Künstliche Intelligenz oder Demokratie.

Vor kurzem war der Fußball das Thema – mit der ZDF-Sportmoderatorin Claudia Neumann und dem Ehrenpräsidenten des VFB, Erwin Staud, auf dem Podium -  passend zur Weltmeisterschaft.

Und ich dachen na ja: wer Ehrenpräsident ist oder Sportsjournalistin ist: die werden den Sport lieben. Und es waren aber wirklich ganz, ganz kritische Töne, dass sie gesagt haben: Wir lieben alle den Sport Fußball, da sind wir aufgewachsen, wir arbeiten in diesem Feld, aber wir sehen hier Entwicklungen, die uns einfach nicht gut gefallen, (...) die ganze Kommerzialisierung, dass sozusagen es nur noch um Geld geht, Vereine aufgekauft werden... All das war an diesem Abend da und es war auch im Publikum zu spüren.

Mich interessiert, warum die Kirchen gerade solche Diskussionsveranstaltungen überhaupt mitorganisieren. Welches ist die Rolle, die sie bei den großen Gesellschaftlichen Fragen einnehmen sollte?

Es sind vielleicht die großen gesellschaftlichen, auch vielleicht gesellschaftspolitischen Themen und trotzdem erleben wir immer wieder in Reaktionen von Podiumsteilnehmern oder vom Publikum, wie ganz, ganz persönliche Fragen plötzlich eine Rolle spielen,(...) und dann ist man plötzlich ganz nah an den Menschen ran dran. (...) Und da sage ich: Was kann Schöneres passieren? Und ich glaub da spielt der Glaube, die Ethik und auch die Kirche einfach eine Rolle, diese Frage zu ermöglichen.

Die Fragen ermöglichen. Ich denke, das beschreibt sehr treffend den Kern von Hochschulseelsorge. Denn wenn Studentinnen und Studenten das persönliche Gespräch mit Stephan Seiler-Thies suchen, dann geht es oft genau darum. Um offene Fragen und Sorgen vor der Zukunft.

Das fängt an bei Klimakrise, geht über KI, dass sie sagen: Weiß ich denn noch, ob es meinen Beruf, wenn ich mit dem Studium fertig bin, überhaupt noch so gibt? Es geht aber auch bis in ganz persönliche Fragen. Was mich wirklich überrascht hat, (...) wie viel das Thema Trauer – Abschied von Menschen, die gestorben sind –  bei jungen Erwachsenen eine Rolle spielt.

Vor einiger Zeit war eine Studentin zu Stephan Seiler-Thies gekommen, weil sie den Tod ihrer Großmutter noch einmal neu verarbeiten musste. Dabei war die schon vor Jahren gestorben.

Und wir haben uns dem angenähert, dass sie gemerkt hat: sie ist von zu Hause ausgezogen, wo die Oma, die sie ihr Leben lang begleitet hat, wieder ganz wichtig und sie sich noch mal – ein zweites Mal – im Grunde verabschiedet, (...) weil sie jetzt selbst in eine neue Lebensphase einsteigt.

Mit dem Abschied vom Elternhaus und der Sicherheit des bisherigen Lebens kam auch die Trauer um den früheren Abschied zurück. Für mich ein Zeichen, wie herausfordernd der Aufbruch für junge Menschen in die Zukunft heutzutage ist. Heute scheint die sehr ungewiss. Und Stephan Seiler-Thies sieht noch eine Herausforderung:

Die jungen Menschen heute haben so wahnsinnig viele Möglichkeiten, vielleicht so viele wie niemand zuvor. (...) Also unsere Tochter hat neulich gesagt: „Es gibt über zehntausend Studiengänge.“ Ich dachte: Was, so viele? „Was soll ich jetzt studieren?“ Ich erlebe das bei ganz vielen jungen Menschen, die sagen: Die Welt steht mir offen, aber wohin soll ich denn jetzt gehen?

Natürlich ist es auch toll, so viele Möglichkeiten zu haben! Glaube und kirchliche Traditionen können da helfen, neue Orientierung und Halt zu finden. Das Wissen darüber geht bei den jungen Leuten aber immer weiter zurück, wie Stephan Seiler-Thies beobachtet. Doch gleichzeitig steigt das Interesse daran wieder. Zum Beispiel, wenn er bei einem Wanderangebot durch den Schwarzwald mit einem Segen in den Tag startet. Und ein junger Mann ihm prompt folgende Rückmeldung gibt:  

"Das mit dem Morgensegen, das kenne ich nicht so. Ihr Pfarrer müsst das wahrscheinlich machen. Aber es hat trotzdem gutgetan." Und da dachte ich: Wie schön! Für ihn was ganz Neues, und er ist offen darauf zugegangen und hat gesagt: Nehme ich einfach mal so mit.

Ich denke, darum geht es dem Hochschulseelsorger Stephan Seiler-Thies: Nicht um fertige Antworten, sondern darum, jungen Menschen einen Raum zu öffnen für Fragen. Und manchmal auch, um einen Segen mit auf den Weg zu bekommen.

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05JUL2026
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Daniel Beerstecher copyright: Manuela Pfann

Ich bin Manuela Pfann von der katholischen Kirche und treffe den Künstler Daniel Beerstecher. Fürs Radio ist unsere Begegnung eine besondere Herausforderung. Denn: Sie werden Daniel im ersten Teil der Sendung nicht hören. Als wir uns im Schwarzwald treffen, ist er seit fast einem Jahr zu Fuß durch Deutschland unterwegs. Und dabei schweigt er. Ganz bewusst.
Er kommt mir mit einem großen Rucksack entgegen, und ich bin sehr gespannt, wie das wird, ein Tag mit einem Schweigenden.

„Hey Daniel, schön, Dich zu sehen, grüß Dich.“

Auf Daniels Rucksack ist ein großes Schild genäht, auf dem steht: „Ich höre zu. Ein Jahr im Schweigen.“ Das ist der Titel von Daniels Kunstprojekt – und gleichzeitig genau das, was er macht: Er hört Leuten zu, die ihn begleiten, so wie ich jetzt, oder denen, die vorbeikommen, wenn er irgendwo auf einem Platz sitzt. Er will erforschen, was passiert, wenn er Menschen aufmerksam zuhört; und selber dabei schweigt.

Wir machen uns jetzt erst mal auf den Weg.
Über den Schauinsland durch den wunderbar kühlen und stillen Schwarzwald.
Wenn es organisatorisch notwendig ist, spreche ich für uns beide:

„Wir hätten gerne eine Holunderschorle, eine Johannisbeerschorle, beide groß. Und zweimal das vegetarische Curry.“

Und wenn sich deshalb am Nachbartisch der kleiner Junge wundert und fragt:
„Warum spricht der nicht?“,
dann erkläre ich, was ich glaube von Daniels Projekt verstanden zu haben:  

Das ist Daniel und der kann sprechen, aber er will nicht.  …

Mir gibt Daniel auf unserem Weg immer mal wieder seinen Wanderstock. Der wird dann zu einem Redestab für mich. Ich merke, dass ich viel erzähle, mein Kopf scheint voll.  Daniel gibt mir Feedback auf einer Schreibtafel, das lese ich vor:  

„Sehnst Du Dich manchmal nach Stille im Kopf? Einfach mal eine Pause von all den Gedanken und Plänen im Kopf?“

Ja, das wär manchmal schön. Aber da sind halt immer offene Fragen in meinem Kopf.

Daniel notiert noch einen Satz, über den ich auf dem Weg nachdenke.

„Vielleicht musst Du erst die Stille finden, um die Antworten zu erhalten.“

Wir lassen den kühlen Wald hinter uns und kommen runter in die Stadt, nach Freiburg.
30 Grad! Hitze und Lärm erschlagen mich fast.

Trotzdem laufen wir die letzten Meter ziemlich flott, keine Trinkpause mehr, kein Eis auf dem Weg. Unser Ziel: Das Freiburger Münster. Wie herrlich kühl und still!
Daniel holt ein bisschen Kleingeld aus der Tasche, lässt es in den Opferstock für die Kerzen fallen und zündet eine an.

Wir bedanken uns beieinander für die Begleitung. Ich mit Worten, er zeigt es mir: Legt seine Hand aufs Herz, und macht eine kleine Verneigung. Was für eine schöne Geste!

In ein paar Wochen werde ich Daniel in Stuttgart wiedersehen. Von dort ist er vor einem Jahr schweigend losgelaufen und da wird er dann seine ersten Worte sprechen.

 

Es ist mucksmäuschenstill im Stuttgarter Hospitalhof. Gut 100 Leute sind gekommen, Mich interessiert nicht nur, welches seine ersten Worte nach einem Jahr sein werden, sondern auch, wie seine Stimme klingt. Er geht zum Mikrofon, holt einen Zettel aus der Hosentasche und liest vor.

Danke. Danke. Danke, dass ich hier heute stehen darf. Danke, dass ich ein Jahr lang schweigend durch Deutschland laufen durfte. Danke, dass ich diese wunderbare Erfahrung machen durfte. Mein erster und größter Dank gilt meiner Frau, Flavia. Danke, dass Du mich hast ziehen lassen.

Dieser Moment berührt mich sehr. Und ich glaube, da bin ich nicht allein. Daniel bedankt sich dann auch bei denen, die sich auf ihn eingelassen haben.

Einige haben mir später erzählt, dass sie in der Nacht vorher nicht schlafen konnten. Wie wird es sein, mit jemandem unterwegs zu sein, der nicht spricht, was erzähl ich ihm? Was passiert mit meinen Worten, wenn keine Antwort kommt? Und trotzdem haben sie den Mut aufgebracht, mir zu begegnen und mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Danke für dieses unglaubliche Vertrauen. Danke.

Mir sind zwei Dinge nach dem Tag mit Daniel vor ein paar Wochen noch sehr präsent: Die vielen Stunden, in denen wir schweigend gelaufen sind, haben mich total entspannt. Ich hatte nie das Gefühl, in seiner Gegenwart etwas sagen zu müssen. Und: Ich hatte den Eindruck, wir kommunizieren trotzdem sehr intensiv. Ich denke, es liegt daran, wie Daniel zugehört hat.
Jetzt kann ich ihn direkt fragen: Was macht denn gutes Zuhören aus?

Dass ich ganz da bin, dass ich mir nicht schon Gedanken mache, während du jetzt die Frage stellst oder irgendwas sagst.

Daniel hat in seinem Schweige-Jahr sehr vielen Menschen zugehört. Die meisten haben aus ihrem eigenen Leben erzählt, Politik war fast nie Thema, sagt er. Aber zwei Dinge sind ihm aufgefallen:

Als ich in Ostdeutschland war, dass die älteren Leute alle über die Wende gesprochen haben, wie einschneidend dieses Erlebnis war. Wenn ich bei Familien war, dass man nicht mehr hinterherkommt, überreizt ist, dass die Partner irgendwann nicht mehr miteinander richtig sprechen.Also das sind vielleicht so übergreifende Themen.

Was bleibt für ihn? Nach einem Jahr, 3.500 Kilometern zu Fuß, nicht sprechen, zelten im Schnee, Frostbeulen an Händen und Füßen, einsamen Stunden, Nudeln auf dem Benzinkocher, Sonnenuntergang am Meer … und, und, und?

Dass Dankbarkeit einen ziemlich weit bringen kann. Wenn man sich bewusst ist, was eigentlich alles positiv ist und wie viel schöne Sachen es gibt, dass man da wahnsinnig viel Kraft daraus schöpfen kann. Das Zweite ist vielleicht, dass Verbindung nicht dadurch entsteht, dass man viel redet und viel sendet, sondern dass man zuhört und dass man wirklich ganz präsent ist und dass das viel, viel tiefer ist und Worte eigentlich viel mehr überschätzt werden und das Zuhören unterschätzt wird.

Blog zum Projekt "Ich höre zu - ein Jahr im Schweigen": https://ich-hoere-zu.com/blog

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28JUN2026
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Karen Baradaran Foto: privat

Peter Annweiler trifft Karen Baradaran, Christ aus dem Iran

Zuerst habe ich ihn im Gottesdienst gehört. Gitarre gespielt hat er da – und dazu gesungen. So viel Sehnsucht und Klage liegt in seiner Musik, dass ich den 28jährigen Iraner unbedingt kennen lernen will. Ich will erfahren, wie er Christ geworden ist. Wie er es geschafft hat, nach Deutschland zu kommen und in Mannheim eine Ausbildung zu machen.
Ich treffe ihn an einem Tag, an dem es ihm nicht gut geht. Schlecht geschlafen hat er – aus Sorge um die Freunde im Iran.  Und dazu dann noch der Konflikt mit den USA.vor dem, was sich noch alles zuspitzen kann. Da ist es gut, zuerst über Kraftquellen zu sprechen.

Mit Musik habe ich guten Kontakt zwischen der Bibel und Gott gefunden. Mit Musik, ich spreche mit meinem Gott einfach.Ein Weg zwischen mir und meinem Gott – das ist Musik einfach.

Wie schön, wenn sich Musik und biblische Botschaft verbinden. Für mich eine geistliche Kraftquelle, die ich von klein auf kenne. Für Karen ist es eine neue Erfahrung. Er ist nämlich in einer Familie mit rigider muslimischer Tradition aufgewachsen – und in der gilt eigenes Musizieren eher als des Teufels,

weil ich habe Musik angefangen zu lernen und mein Onkel und mein Opa und meine Oma, sie haben gesagt, ja du bist nicht Muslim, du bist kein Mensch. Das ist alles „haram“ - das heißt „verboten“.Also sie haben gesagt, du bist kein Mensch mehr. Das war so schlimm für mich -

und so kommt es zum Bruch mit seiner Familie. Neben dem frühen Tod seines Vaters bringt ihn dann auch eine eigene Herzkrankheit in einer schwere Krise.

Ich hatte viel zu viel Schmerzen, also ich habe alles verloren, meine Glauben, Familie, Freunde, alles. Und das war, Leben für mich ist Ende. Das war alles dunkel und schwarz. Ich hatte keine Hoffnung, nix.Ich habe gesagt, Gott ist nicht da.

Karen fällt heraus aus allem, was er bisher gekannt hat. Und findet in der Zeit der Gottesferne neuen Halt:  Er lernt iranische Christen in einer Hauskirche kennen. Singen und Beten, Fürsorge und eine liebevolle Gemeinschaft verändern ihn:

So viele Leute, sie waren so lieb, einfach so lieb wirklich: mit viel Musik und Hoffnung und Energie. Sie waren so herzlich zu mir. Und dann habe ich da das beste Geschenk in meinem Leben bekommt, eine Bibel: Neue Liebe einfach, habe ich gelernt. Es gibt auch Gott! Also habe ich meinen richtigen Weg gefunden!

Es ist, als ob in einem Leben etwas neu zu glühen und blühen anfängt. Karen kommt tatsächlich gut durch eine Herzoperation und wird gesund. Durch seine Konversion kann er aber nicht im Iran bleiben. Seit gut 3 Jahren lebt er in Deutschland – denn er ist Christ geworden und für seine Lebenswende hat er eine Fluchtgeschichte auf sich genommen.

Wir waren mit meinem Bruder auf der Arbeit und meine Mutter hat ein paar Mal angerufen. Und ich habe richtig Angst bekommen und meine Mutter hat nur am Telefon geschrien. Einfach gesagt, kommt nie wieder, die Polizei ist hier und sie suchen nach euch. Was habt ihr gemacht? Was passiert hier?

Und dann merke ich, wie Karen die Stimme stockt. Den muslimischen Glauben abzulegen ist im Iran streng verboten. Ich ahne, welche Todesangst er gehabt haben muss. Dazu dann die Flucht - davon kann man nicht „einfach so“ erzählen.
Wie stark, dass er trotz erster Ablehnung seines Asylantrags sagen kann:  

Ich bin natürlich safe. Ich bin nicht tot. Deutschland hat neue Hoffnungen und natürlich neue Chancen zu leben gegeben.

- und konkret heißt das: In Heidelberg kommt er an, in Mannheim lebt er jetzt.

Nach seiner Taufe kommt er regelmäßig zum Gottesdienst und merkt: Ich will fester in meinem Glauben werden, ich will konfirmiert werden. Stolz liest er mir das Bibelwort für seine Konfirmation vor:

Jesaja 41,10: „Fürchte dich nicht! Ich stärke dich, ich helfe dir auch. Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

Wie stark, wenn er einer nach einer traumatischen Flucht vertrauensvoll im Leben steht. Karens Geschichte spornt mich an, zuerst auf Gottes fürsorgendes Wirken zu vertrauen. So hat das ja mal angefangen mit der Kirche: als sich Menschen verbinden und verbünden, weil sie von einer Liebe getragen sind, die Grenzen einreißt und frei macht. Karen formuliert es im Rückblick so:

Das war wichtig für mich: nur Hoffnung und Liebe, weil für meine Religion, also die letzte Religion für mich, war keine Liebe mehr. und alles war Hassen und Muss, Muss, Muss, Muss. Aber in der Bibel habe ich kein Muss und Hassen gefunden.

Für Karen ist das eine neue Erfahrung: Dass Religion frei machen kann und darin hilft, auch Schweres auszuhalten, etwa die Todesnachrichten, die ihn seit Januar nach den Protesten im Iran erreichen.

Viele Leute, sie sind auf der Straße immer noch, sie kämpfen wegen Freiheit, sie wollen nur Freiheit: Freiheit für Religion, einfach Freiheit und Demokratie.

Wie schwer das für Exiliraner wohl ist: Aushalten, was passiert – und doch die Hoffnung nicht aufgeben. Karen würde bestimmt sagen: Es bleibt nichts anders als zu demonstrieren, zu hoffen und zu beten. Ich wünsche ihm von Herzen die Anerkennung seines Asylantrags. Und unserem Land und meiner Kirche wünsche ich viele Begegnungen mit Geflüchteten wie ich sie mit Karen erleben durfte.

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21JUN2026
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Tobias Moretti copyright: Christian Hartmann

Christopher Hoffmann trifft: den Schauspieler Tobias Moretti.

Der Österreicher gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Charakterdarstellern - und das seit Jahrzehnten. Er hat so unterschiedliche Rollen wie Ludwig van Beethoven, Mackie Messer oder den Gründer der Gestapo  Rudolf Diels gespielt. Als Kind habe ich ihn in den 90ern zum ersten Mal bei “Kommissar Rex” gesehen  - und die Serie geliebt. Immer wieder schlüpft er seither in Filmen auch in die Rolle von Pfarrern. 1959 in Tirol geboren, wuchs Tobias Moretti mit dem katholischen Glauben auf - seine Mutter legte ihm dafür den Grundstein ganz unverkrampft in die Wiege:

“Aber nie in irgendeiner Form uns überstülpend, sondern einfach das vorgelebt in ganz einfachen Dingen: Einem Kind weitergeben, dass man eine Stärke erfährt, weil man nicht allein ist. Dass man die Grundbedingungen des Sozialen erlernt, dass was man sozusagen selber nicht möchte, das tut man auch den anderen nicht. Und ich hab mich da immer empfunden als ein Mensch, der durch die Familie und die Religion das Prinzip des Miteinander versteht und versucht -weil es ist ja immer nur ein Versuch, jeden Tag.“

Tobias Moretti erinnert sich auch daran, dass seine Mutter Abends immer ein Gebet mit ihm gesprochen hat. Das haben sie aber damals schon gemeinsam abgeändert. Und diese veränderte Version, die hat Tobias Moretti dann Jahrzehnte später auch wieder mit seinen drei Kindern gebetet:

“Jesukindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir, mein Herz ist klein, darf niemand hinein, als du, mein liebes Jesulein.” So, damit geht man schlafen. Das haben wir gleich geändert und das hab ich dann auch bei meinen Kindern gemacht: das heißt dann  “Jesukindlein, komm zu mir, mach ein frohes Kind aus mir - nicht fromm, sondern froh! Mein Herz ist klein, dürfen alle hinein, - nicht niemand hinein, nur du - , sondern dürfen alle hinein, besonders du mein liebes Jesulein,” so haben wir sozusagen inhaltlich die Dinge interpretiert.

Neben seiner Mutter hat vor allem auch ein Jugendzentrum der Jesuiten in Innsbruck sein Interesse für religiöse Fragen geweckt:

Mit 10 Jahren bin ich dann zu den Jesuiten gekommen und das war das größte Jugendzentrum Europas damals mit über 1000 Leuten.

Hier geht es um die großen Fragen des Lebens, aber auch um die alltäglichen Sorgen der jungen Menschen, sie fühlen sich ernst genommen - Glauben und Leben, das gehört für Moretti immer zusammen. Und das imponiert ihm auch an einer seiner Figuren aus dem Film “Das ewige Lied ”. Er spielt darin den österreichischen Pfarrer Joseph Mohr, der den Text für das Lied “Stille Nacht, heilige Nacht” geschrieben hat . Und er spielt das mit einer Inbrunst für das Evangelium, die mich beeindruckt. Was fasziniert ihn an diesem Pfarrer Mohr?

Das war einer, der an den Menschen dran war und das ist das Entscheidende. Weil wir haben uns durch Jesus eine neue Erkenntnis geschaffen: die der Verzeihung, die der Nächstenliebe, die der Liebe.  Und das ist das, was, so Menschen wie der Mohr, die eine Vision haben, ob das eine soziale Vision ist oder eine geistliche oder geistige, dass die immer mit dem Leben zu tun haben muss.

Versöhnung, Nächstenliebe - Tobias Moretti sieht da auch in seinem Alltag noch viel Luft nach oben - aber er will an diese christlichen Werte immer wieder erinnert werden... und daran wachsen:

Ich bin ja gar kein guter Mensch,  also ich möchte es vielleicht sein, aber ich bin gar keine. Aber trotzdem hab ich das Bedürfnis, dass ich das sein will, als Orientierung.

Ich treffe den Schauspieler in Wien, wo er an jenem Abend im Burgtheater auftritt. Denn neben zahlreichen Filmen und Serien wie “Deutschstunde”, “Gipsy Queen” oder “Bad Banks”, spielt er auch immer noch auf der Bühne - ein Highlight für mich: seine Interpretation der Figur des “Jedermann” bei den Salzburger Festspielen. Dieser “Jedermann” in Hugo von Hofmannsthals gleichnamigem Theaterstück lebt rücksichtslos für Macht und Geld:

Da überhöht sich der Mensch selber und auch die Gesellschaft, die ja die nächste Struktur von Menschentum ist. Und das ist das Problem das wir haben und das ist - wenn man so will -  der globale Mammon.

Mammon  - dieser biblische Begriff meint, dass der Mensch von seiner Geldgier beherrscht wird - so wie die Figur des Jedermann, die für Reichtum und Ansehen über Leichen geht. Moretti glaubt, dass dieser Mammon, diese Gier, auch heute in der Welt vorhanden ist, zum Beispiel wenn Menschen  ausgebeutet werden. Wenn nur noch der Profit zählt. Moretti war bei seinem Jedermann ganz wichtig:

“Im entscheidenden Moment muss es zu einer Art von Erkenntnis kommen, zu einer Erkenntnis, dass es mehr gibt als das!”

Moretti glaubt: Wir sind als Menschen dazu fähig freie Entscheidungen zu treffen und gut zu handeln, wenn wir denn wollen:

“Der Mensch ist ja mit vielen göttlichen Prinzipien ausgestattet - die Erkenntnis und die Liebe, die Möglichkeit der freien Wahl . Weil jeder Mensch hat in sich sowas wie ein inneres, ein  moralisches Grundverständnis, das tragen wir in uns, wenn wir das nicht in uns tragen, dann ist etwas kaputt. Es ist nicht normal, dass  wenn ein anderer leidet oder einem Mitmenschen etwas widerfährt, dass man sich darüber freut, es ist so dass man Mitleid kennt und wir nennen das moralische Instanz und die hat jeder Mensch in sich.

Tobias Moretti ist nicht nur ein vielseitiger Schauspieler - er hat auch privat die unterschiedlichsten Interessen: Betreibt mit seiner Frau einen Bauernhof in den Bergen Tirols. Fuhr 2013 mit seinem Bruder auf dem Motorrad bei der “Africa race” mit, einer Rallye von Paris nach Dakar. Oder trägt an Feiertagen im Gottesdienst seiner Kirchengemeinde Lesungen aus der Bibel vor. So engagiert Tobias Moretti seine Rollen als Schauspieler verkörpert, so engagiert erlebe ich ihn  auch bei unserer Begegnung im Gespräch über Sinnfragen:

“Ich freu mich, dass es solche Sendungen gibt, dass wir drüber nachdenken, über uns nachdenken - finde ich unglaublich wichtig, gerade als Orientierung.”

Und es war mir eine große Freude sich mit dem Künstler und Mensch Tobias Moretti über Gott und die Welt zu unterhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44650
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14JUN2026
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Vanessa Bührmann und Jessica Grünenwald

Anne Waßmann-Böhm trifft Jessica Grünenwald

Über den engen Gassen von Ober-Ingelheim liegt die Burgkirche. Alte Wehrmauern, ein Rosengarten – der perfekte Ort für eine romantische Hochzeit. Im Sommer finden auch viele statt – die meisten werden lange im Voraus geplant. Doch am 26. Juni läuft es anders. Dann heißt es „Einfach heiraten“. „Einfach heiraten“ ist eine Aktion der evangelischen Kirche, die in diesem Jahr wieder an mehr als 350 Orten in Deutschland stattfindet. In Ober-Ingelheim organisiert Pfarrerin Jessica Grünenwald die Aktion.

„Ich habe im letzten Jahr… von Paaren gehört, die an der Aktion teilgenommen haben. Und die waren so begeistert, so beglückt aus der Trauung hinausgekommen, dass mich das so fasziniert hat, dass ich gesagt habe, das berührt mich selbst beim Zuhören. Und diese Erfahrung möchte ich den Menschen (hier vor Ort in Ingelheim) auch ermöglichen und schenken.“

Wer an diesem Tag kommen möchte, kann sich vorher bei der Kirchengemeinde anmelden, muss aber nicht. Und wie kann ich mir das vorstellen, wenn ich wirklich einfach vorbeikomme?

„Jedes Paar wird im schönen Rosengarten in Empfang genommen und begrüßt. Es bekommt einen Paten oder eine Patin zur Seite gestellt. Gemeinsam gehen sie durch den Rosengarten. Dort dürfen sie sich Musik aussuchen, einen Trauspruch für ihr Leben oder etwas, das zu ihnen als Paar passt. Und dann gibt es ein Traugespräch oder ein Segensgespräch.“

Ein Gespräch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer in offener Atmosphäre. Darüber, was dem Paar im gemeinsamen Leben wichtig ist. Bevor die beiden dann getraut oder gesegnet werden. Alles also ohne lange Vorbereitung oder die hohen Kosten, die ein klassisches Fest mit sich bringen kann. Ein Fest soll es trotzdem sein. Aber die Vorarbeit, die machen andere.

„Wir sind ein großes Team, das besteht aus Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen. Und wir sind seit Wochen am Überlegen, damit es ein schönes Fest für die Paare werden kann. Mit Segen, Sekt und mit einer kleinen Überraschung.“

Ein Fest für alle Paare gemeinsam. Aber trotzdem keine „Reihenabfertigung“ oder ein „Event“, das man nebenbei mitnehmen kann.  Jedes Paar wird gesehen. Jedes Paar bekommt seinen ganz eigenen Segensmoment geschenkt.

Die Leute haben sich schon viele Gedanken darüber gemacht, warum sie diese Art von Heiraten und Segnung wählen. Und letztlich mag man sagen, es ist ein Event. Aber ich glaube, dieser Event-Charakter steht für die Paare gar nicht so im Mittelpunkt, sondern dieser spontane Segen, den sie zugesprochen bekommen. Dass die Liebe im Mittelpunkt steht, ohne dass sie viel vorher organisieren müssen.

Die Aktion „Einfach heiraten“ richtet sich an ganz unterschiedliche Menschen. Paare können sich kirchlich trauen lassen, wenn sie standesamtlich verheiratet sind.

„Aber es gibt auch Paare, die haben sich schon zum Segen angemeldet. Die sagen, wir sind schon lange standesamtlich verheiratet und auch kirchlich getraut und haben einen langen gemeinsamen Weg hinter uns…und wollen den Segen jetzt erneuern.“

Besonders berührt hat Jessica Grünenwald, dass auch zwei Frauen sich angemeldet haben, beide Ende sechzig. Im August werden sie standesamtlich heiraten.

„Und die haben gesagt, ich habe Tränen in den Augen, dass sie die Möglichkeit uns bieten, dass wir uns als Paar gleichgeschlechtlich diesen Segen zusprechen lassen können.“

Auch andere Anmeldungen sind ihr in Erinnerung geblieben:

„Eine Dame hat sich angemeldet und gesagt: „Mein Mann weiß noch gar nichts davon. Ich werde meinen Mann überraschen“ Und die sind auch schon 39 Jahre zusammen.“

Oder die Familie, die nach vielen Jahren endlich ihre kirchliche Trauung nachholen möchte,

„die gesagt haben, wir sind schon so lange standesamtlich verheiratet, haben nie die Kurve gekriegt, kirchlich zu heiraten. Erst kam Kind eins, dann haben wir das zweite Kind bekommen. Und jetzt nehmen sie das Angebot an, lassen sich kirchlich trauen und finden es schön, dass sie auch die Kinder mit dazunehmen können.“

Viele Menschen, viele Geschichten. Für Jessica Grünenwald zeigt sich darin, warum Segen die Menschen berührt.

„Nicht alles kann ich bestimmen im Leben. Nicht alles kann ich (so leiten und führen und) so beeinflussen, wie ich es gerne hätte. Und wenn ich dann daran glaube, dass ich gehalten bin in Gottes Segen, erleichtert das manche Schritte und manche Wendungen im Leben, hoffnungsvoll weiterzugehen.“

Und was wünscht sie sich für die Paare am Ende dieses Segenstages?

„Mit einem Leuchten in den Augen würde ich mich freuen, wenn sie sagen: Genau das haben wir als Paar gebraucht. Und wir gehen jetzt gestärkt durch den Segen unseren weiteren gemeinsamen Lebensweg.“

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07JUN2026
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Betty BBQ copyright: Privatfoto

... mit Johanna Vering und meine Gesprächspartnerin stellt sich am besten einfach selbst vor.

Ja, hallöchen, ich bin Betty BBQ, die Schwarzwald Drag Queen, Entertainerin.

Betty BBQ trägt einen roten Bollenhut und ein Kleid, das an eine Schwarzwälder Tracht erinnert. Und Betty BBQ ist eine Kunstfigur. 
Der Mensch hinter Betty BBQ ist ein homosexueller Mann. Und katholischer Christ. Jetzt ist unsere katholische Kirche ja nicht gerade bekannt dafür, dass sie queeren Menschen gegenüber wahnsinnig offen ist. Das finde ich echt spannend. Wie ist das mit der Kirche und ihm? Hat er seinen Platz gefunden?  

Ja, würd ich tatsächlich sagen, als Privatperson auf jeden Fall. Ich geh ja nicht als Betty Barbecue in die Kirche, das Bedürfnis hätte ich auch gar nicht. Das ist zwar eine Seite von mir, das ist mein Job, das ist zum Teil auch meine Berufung. Aber der Mensch dahinter, der glaubt, der muss sich nicht zweieinhalb Stunden aufhübschen, um in den Gottesdienst zu gehen, sondern vor dem Herrn stehe ich dann privat, so wie ich bin.
Also das ist für mich auch immer wieder ein Ausgleich, auch wenn ich in der Kirche ganz, ganz oft die Gemeinschaft vermisse, die so gepredigt wird, wenn ich ehrlich bin. Aber ich hab meine Wege gefunden, eben trotzdem dort willkommen zu sein.

Und dann erzählt Betty, wann sie Gott besonders spürt.

Da stutzen jetzt sicher einige Zuhörer, aber eben Gott und Glaube finden auch da statt, wo eben nicht nur Leid ist, sondern wo Menschen zusammenkommen, wo sie sich gemeinsam freuen, gemeinsam lachen, vielleicht auch mal die Sorgen vergessen und auch einfach Zwischenmenschliches, wo Bänder entstehen. Genau dort ist auch Gott und Glauben.
Und das ist das, was mir so unfassbar viel Energie gibt. Und ganz tief in mir drin bin ich überzeugt, dass ohne Gott das alles gar nicht möglich wäre.

Diese Energie nutzt sie unter anderem, um bei ihren Stadtführungen Menschen zusammen zu bringen und ihnen ihre Heimat Freiburg näher zu bringen. Betty BBQ ist so etwas wie die regionale Botschafterin für Vielfalt und gute Unterhaltung.

Ich habe ein Lebensmotto, das heißt, Heimat ist nicht nur schwarz-weiß. Vielfalt, das ist das, was wichtig ist und Vielfalt kann auch überall zu Hause haben.

Zur traurigen Wahrheit gehört leider auch, dass Betty schon mehrfach angegriffen worden ist. Von Menschen, die ein Problem mit einem Mann in Frauenkleidern haben oder mit Personen, die sich so öffentlich für Vielfalt und buntes Leben engagieren. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man solche Angriffe verkraftet. Wie hat Betty das geschafft?  

Mein Umfeld hat mir immer wieder zugesprochen und ich hab mich halt auch immer wieder auf meine Berufung bezogen, weil ich bin der tiefen Überzeugung, dass das, was

 

ich mit Betty BBQ hab, das ist, was in meinem Leben vorgesehen ist, das ist mein Weg.
Das Ganze auch in meinem Leben und meiner Arbeit nicht so viel Raum gewinnen zu lassen, weil man darf dem Bösen nicht so viel Raum geben.

Wow, ich bewundere, wie sie das schafft, unter allen Umständen für sich und das, was ihr wichtig ist, einzustehen.
Was macht die Drag Queen eigentlich gerne, wenn sie nicht mit Makeup und Bollenhut in der Stadt unterwegs ist?

Wenn manchmal nicht so viel los ist, einfach ein Käffchen trinken, draußen sitzen, die Leute beobachten und vor allem das dann privat, also nicht im Fummel, wie man bei Drag Queens ja sagt, sondern ganz einfach in Jeans und T-Shirt. Kein Mensch erkennt mich und ich kann mal ganz passiv einfach nur Beobachter sein.

Betty liebt die Stadt. Auf ihren Führungen geht es natürlich immer auch ins Münster, dem Wahrzeichen der Stadt. Was bedeutet diese Kirche für Betty?  

Das Freiburger Münster bedeutet tatsächlich viel für mich. Und vor allem ist es auch der Punkt, der einen begrüßt. Ob man vom Bahnhof kommt, ob man mit dem Auto in die Stadt fährt oder ob man gar zu Fuß Richtung Freiburg pilgert, das Münster mit seinem schönsten Turm der Christenheit, wie mal ein Historiker geschrieben hat, begrüßt einen von weitem.

Genau das erlebe ich auch. Ich hab in Freiburg studiert und bis heute geht es mir so. Wenn ich in Freiburg bin und das erste Mal den Münstertum sehe, bekomme ich Gänsehaut.
Für Betty BBQ und mich steht der Münsterturm auch für den Glauben.  Und der spielt eine wichtige Rolle in Bettys Leben. Was ist es, was sie daran schätzt?

Ich kann immer nur dazu sagen, der Glaube bedeutet mir wahnsinnig viel und hat mir auch schon sehr, sehr viel geholfen. Ob ich jetzt wirklich ein frommer oder gläubiger Mensch bin, das weiß ich nicht zu beurteilen. Aber auch als Sünder angenommen zu sein, das ist eine sehr, sehr schöne Botschaft, die mich schon über vieles gerettet hat in meinem Leben.

Betty BBQ hat nicht nur ihren Platz in der Kirche gefunden, sondern ...

... auch meine spirituellen Wege gefunden, indem ich zum Beispiel unfassbar viel pilgere und wallfahrte.

Betty ist schon nach Santiago de Compostela gepilgert, zum Heiligen Rock nach Trier, nach Köln, nach Walldürn im Odenwald oder auch auf den Hörnleberg im Elztal. Was reizt sie daran?

Die Ruhe, das Gottvertrauen und die Erfahrungen am Wegesrand. Einfach dieses in Einsamkeit Gemeinschaft erleben. Hört sich jetzt komisch an, aber genau das, das ist Pilgern zum Teil. Man ist zum Teil sehr, sehr viel wirklich einsam, hat Zeit, viel nachzudenken. Aber wenn der Weg und der Herrgott es will, dann hat man auch Leute an seiner Seite, weil man einfach jemand kennenlernt, weil man spontane Begegnungen hat.
Dieses komplett leben aus dem Gottvertrauen heraus und das mit nur einem Rucksack auf dem Rücken, mit den wenigsten Dingen, die man braucht, dieser Minimalismus auf Zeit, das ist so unfassbar befreiend und auch erfüllend.

Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Gott mitten im Leben ist. Sei es unterwegs beim Pilgern, beim Feiern in der Freiburger Altstadt oder wenn es Zuhause drunter und drüber geht. Betty fasst es so zusammen:

 

Wer Gott ist, das wage ich nicht zu sagen. Ich wage es aber aus voller Überzeugung zu sagen, er ist da!

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04JUN2026
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Martina Steinbrecher trifft Anna-Manon Schimmel

Die Pfarrerin lebt idyllisch: Ein großes Haus auf dem Land, bevölkert von Hunden, Katzen und Schildkröten; viel Platz für Mensch und Tier. Drei Dörfer in den Rheinauen in der Nähe von Offenburg gehören zu Annas evangelischer Gemeinde. Heute, am katholischen Feiertag Fronleichnam hat sie frei. Sie hat aber auch schon mal mitgeholfen bei den Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession:

Die schönste Erfahrung, die ich gemacht habe mit Fronleichnam war, als ich tatsächlich selber morgens, ganz ganz früh, mit ganz vielen Menschen Blüten gelegt habe auf dem Boden – diese Blütenbilder.

Typisch Anna: Wenn sie was anpackt, kniet sie sich voll rein. Und auch heute Morgen haben sich wieder an vielen Orten landauf landab vor allem Frauen ins Zeug gelegt, um aus tausenden von Blüten kunstvolle Bodenbilder zu arrangieren. Über diese Blütenteppiche schreitet dann später der Priester mit der Monstranz. Und die ganze Gemeinde hinterher. Was der evangelischen Pfarrerin am katholischen Brauch gefällt:

Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass wir mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit gehen müssen, weil er sonst verschwindet. Dass man nicht wartet, bis sonntags die Kirche voll wird, sondern eben schaut, wo kann ich denn hingehen? Wo ist Öffentlichkeit? Wo kann ich auftauchen? Das finde ich einfach superwichtig.

Anna-Manon Schimmel hat die Frage nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Glauben zu den Menschen gehen kann, für sich eindeutig beantwortet:

Also, sagen wir so: Ich bin selber Kneipengängerin, und als ich Studentin war, bin ich wirklich sehr, sehr gern in Heidelberg in die ganzen Kneipen in der Unteren Straße gegangen.  

In so einer Kneipe hat Anna dann auch so eine Art Berufungserlebnis gehabt. Sie weiß es noch genau: Es war ein Faschingsdienstag. Und nach der Uni ist sie mit ein paar Kommilitonen in eine Kneipe eingekehrt.  

Und plötzlich: Alle sind dann irgendwie aufgestanden und haben gesagt: Anna, du predigst jetzt! Und dann hat irgendjemand zum Wirt gesagt, er soll mal die Musik leise stellen, und dann hat er die Musik leise gestellt und dann hatte ich auch keine Wahl.

Anna steht auf und predigt. Mitten hinein in die Gespräche und Themen der Leute an den Tischen und an der Theke. Von Jesus, der dabei ist im Leben, auch wenn’s mal eng wird.

 … und alle waren so still und danach waren alle irgendwie total ergriffen. Und da habe ich das erste Mal gedacht: Krass, dass es geht an so einem Ort, dass es mucksmäuschenstill werden kann, an einem Ort, wo das Leben tobt.

Mir fällt dazu der alte Schlager von der kleinen Kneipe in unserer Straße ein: „Und du stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke, und bist gleich mit jedem per Du. Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.“ 50 Jahre später ist die Kneipenkultur längst eine andere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anna mit ihrer Botschaft sehr gut in diese Atmosphäre hineinpasst: Bei dem Gott, von dem sie erzählt, hat schließlich auch jeder Kredit. Gnade heißt das im Kirchensprech.

Ich sage immer, in der Kneipe muss es eben nicht leise sein. Wenn ich spreche, wird es automatisch leise. Aber die Leute dürfen sich eben noch ihr Bier oder ihre Cola weiterhin bestellen. Gerade dieses Wuselige, das ist eben so charmant an der Kneipe.

Anna trägt keinen Talar. In Jeans und T-Shirt unterscheidet sie sich nicht von den anderen Kneipengängern. Zum Predigen lehnt sie am Tresen; zum Beten setzt sie sich auf den letzten freien Platz auf der Treppe. In einer anderen Ecke sitzt ein Gitarrist auf einem Barhocker.

Wir haben schon mehr mit Schlagermusik gehabt, mit Akkordeon und Gitarre. Und bei Liedern, die alle kennen, dann schunkeln und singen natürlich schon auch Leute mit. Aber wir singen eben nicht „Großer Gott, wir loben Dich“ oder eben diese klassischen Gesangbuchlieder.   

Jeder darf mitmachen, keiner muss. Auch die Liturgie – also die Form des Gottesdienstes – ist an den Ort bestens angepasst. Es beginnt mit einer Begrüßung.

Und dann eben immer dieses „Prost Gott!“ Da zähle ich dann bis drei. Und wir heben alle unser Glas und schauen gegen den Himmel. Und sagen Prost Gott. Das machen wir einmal am Anfang. Und einmal ganz am Schluss vor dem Segen.

Gebetsanliegen werden auf Bierdeckel geschrieben und anschließend eingesammelt, egal wie viele. Alle Gebete werden laut vorgelesen Das kann dann schon mal länger dauern als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen. Abschaffen möchte Anna-Manon Schimmel den übrigens nicht. Sie will aber Mut machen, mit Gottesdiensten auch an andere Orte zu gehen, und vor allem zu Menschen, die mit einem klassischen Sonntagsgottesdienst nicht so gut klarkommen:   

In der Kirche ist es ja manchmal so, dass man denkt: O je, wenn es über eine Stunde geht, dann scharrt man schon mit den Hufen und denkt, jetzt könnte die Person da vorn mal zum Punkt kommen. Aber in der Kneipe erlebe ich das anders. Weil mehr ein Austausch, ein Miteinander ist. 

Und das ist dann tatsächlich ein sehr evangelisches Konzept: Gottesdienste sind nicht an heilige Orte oder Zeiten gebunden. Sie können überall stattfinden, wo Menschen sich im Namen des dreieinigen Gottes versammeln: eins, zwei, drei: Prost, Gott!

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31MAI2026
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Barbara Pachl-Eberhart copyright: Nina Goldnagl

Sie ist die Autorin des Buches „Vier minus drei”*, das nun verfilmt wurde. „Vier minus drei” - die drei steht für drei Personen: ihren Ehemann Heli und ihre Kinder Thimo und Fini. Alle drei hat die Österreicherin vor 18 Jahren bei einem schrecklichen Unfall verloren. Barbara Pachl-Eberhart kann sich noch genau daran erinnern:

Gründonnerstag 2008, ein sonniger Tag, ein bisschen kühl aber durchaus strahlend und ich war gerade unterwegs, hatte mich in der Früh noch verabschiedet, fröhlich, glücklich von meiner Familie. War bei einem Arzttermin mit dem Auto ein bisschen weit entfernt. Und dann noch schnell im Supermarkt Ostereinkäufe machen. Und gerade als ich ins Auto eingestiegen bin, hat mein Handy geläutet und es war die Tagesmutter meiner Tochter und am anderen Ende der Leitung war eine sehr brüchige Stimme - die nur gesagt hat: „Du, es war ein Unfall mit einem Clownbus an einem Bahnübergang.”

Der Clownbus - so hieß das Fahrzeug, weil Barbara und ihr Mann Heli beide als Clowns gearbeitet haben. Barbara als Krankenhausclown in jenem Hospital, in das nun ihre Kinder eingeliefert werden und wo sie kurz darauf sterben:

Ich hab zehn Jahre lang als Clown gearbeitet in genau diesem Krankenhaus - ich hätte auch am selben Tag um die selbe Zeit einen Clowneinsatz gehabt, auf der Station auf der meine Kinder lagen, und wo ich außerdem  - und ich glaub das ist ganz wichtig - , wusste dass ich bei Weitem nicht die einzige bin, der so etwas passiert.

Barbara Pachl-Eberhart beginnt in den Wochen nach dem Unfall ihren Verstorbenen Briefe in den Himmel zu schicken - sie glaubt bis heute ganz fest, dass es ihnen gut geht, da wo sie jetzt sind, bei Gott. Sie liest spirituelle Bücher, stellt die Sinnfrage...

Und ich denk geistige Nahrung kann an einer Stelle, wo alles andere wegbricht unendlich lebensrettend sein. Und die Herausforderung war dann eher mich auch um meinen Körper zu kümmern.

Dabei hilft ihr ganz konkret ihr Freundeskreis. An den hat sie in einer emotionalen Mail einen Hilferuf geschrieben:  „Vergesst mich bitte nicht...” Die Botschaft kommt an:

Meine Freunde haben mir Essen gebracht, aber sie haben mir z.B. auch Klopapier gebracht, die haben mitgedacht: Die haben gedacht die Barbara war jetzt schon zwei Wochen nicht mehr einkaufen, was könnte sie brauchen? Oder sie sind einfach gekommen und haben mir den Rasen gemäht und ich war so dankbar für diese praktischen Hilfen an einer Stelle, wo ich das selber einfach nicht konnte.

Mich beeindruckt sehr, wie der Glaube an Gott Barbara Pachl-Eberhart, trotz allem was sie erleben musste, immer noch trägt:

Ich glaub nicht, dass Gott die Kraft ist, die uns beschützt vor allem was uns weh tut. Aber ich glaube, dass Gott ganz unbedingt die Kraft ist, die ganz nah bei uns ist und die uns trägt, wenn etwas weh tut. Und wenn Menschen an mich denken im Krankenhaus am Bett meiner Kinder, die sterben und sich fragen:  „Wo war denn Gott da?” Dann sag ich: „Bei mir natürlich und er hat meine Hand gehalten und er ist mir beigestanden und er hat dafür gesorgt, dass ich irgendwie dadurch gehen kann.

Ich treffe Barbara Pachl-Eberhart in Wien, wo sie heute lebt. Nachdem sie mit Anfang 30 Ehemann und beide Kinder verloren hat, durchlebte sie Schmerz, Trauer, Depressionen, Zusammenbrüche. Ging zur Psychotherapie. Die heute 52-Jährige hat sich aber auch neu verlieben können, ist heute Mutter der 9-Jährigen Erika. Und sie strahlt mit ihren wachen Augen eine Lebensfreude aus, die mich vor dem Hintergrund ihres Verlusts, sehr bewegt. Das geht nicht nur mir so - inzwischen ist sie für viele Menschen zu einer Anlaufstelle in Trauerfragen geworden, hat darüber auch das Buch „Warum gerade du?”** verfasst, bietet Schreibseminare und Trauerkurse an.

Ein Rat, den ich wirklich gerne und von Herzen gebe, ist, dass man nicht versuchen sollte die Dinge ganz allein zu schaffen, nur mit sich selbst auszumachen - das ist zu wenig. Deshalb gibt es ja so viele von uns. Und wenn man das auf eine spirituelle Ebene bringt, dann gibt es eben jenseits von allen Menschen, mit denen wir reden können, auch noch ein Du, an das ich mich wenden kann , bei dem ich wirklich davon ausgehen kann, dass es mich versteht und nicht nur das, sondern dass es vielleicht auch aktiv irgendwie mir hilft.

Natürlich hat sich ihr Glaube an Gott verändert, aber verloren hat ihn die katholische Christin nicht:

Geblieben ist einfach dieses ganz tiefe Gefühl wir sind nicht allein, wir sind begleitet und vielleicht die Erscheinungsform in der mir Gott am meisten erscheint ist jeder neue Tag,  im Wissen da gibt es ein Du. Und der neue Tag ist ein Du, das ich noch nicht kenne, aber dem ich vertraue.

Dieses Vertrauen in den Urheber allen Lebens strahlt sie während unserer Begegnung auch aus. Und sie packt es in wunderbare Bilder - ihre Bücher zu lesen ist trotz der Schwere der Thematik immer auch eine literarische Freude. Weil sie so sprachsensibel ist, hat sie am eigenen Leib erlebt, dass Sprache auch verletzen kann. Insbesondere in der Trauer. Etwa die Frage: „Ist es nicht mal bald gut mit dem Trauern?” Aber auch: „Wie geht es dir?” Für trauernde Menschen oft total überfordernd. Besser ist: „Wie geht es dir heute?” Sie ermutigt mit Trauernden im Kontakt zu bleiben. Und sich immer wieder diese Fragen zu stellen:

Frage dich jeden Tag: wie wärs wenn ich morgen sterben würde, könnte ich im Frieden gehen, hab ich alle Konflikte geklärt, bin ich jemandem was schuldig innerlich, hab ich meine Werte in die Welt gebracht? Und diese Fragen find ich extrem wertvoll für jeden Tag, den uns das Leben schenkt.

Dass ihr Leben nun verfilmt wurde und sie auch ganz eng in den Prozess der Entstehung mit einbezogen war, das ist für Barbara Pachl-Eberhart ebenfalls ein großes Geschenk.  Der Film „4-3” wurde auf der Berlinale uraufgeführt, ist weiterhin in Kinos zu sehen und erscheint bald auf DVD.

Ich möchte wirklich allen Menschen danken, die den Mut haben den Film anzuschauen - danke, dass ihr euch traut ein offener Mensch zu sein, euch einzulassen.

Und ich danke Barbara Pachl-Eberhart, für den Lebensmut, den sie mit anderen teilt.

*Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, Wilhelm Heyne Verlag, München.

** Barbara Pachl-Eberhart: Warum gerade du?, Antworten auf die großen Fragen der Trauer, Wilhelm Heyne Verlag, München. 

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25MAI2026
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Max Magiera

Felix Weise trifft Max Magiera, mitten auf einer Baustelle

Er arbeitet beim Stuttgarter katholischen Jugendreferat und begleitet  den Umbau der St. Nikolauskirche in Stuttgart – maßgeschneidert für die Bedürfnisse von jungen Menschen. Ein Projekt mit einiger Tragweite: Über 4 Millionen Euro werden bis zum Ende der Bauzeit in diesem Jahr investiert. So ein Investment muss gut überlegt und begleitet werden. Max Magiera erzählt, dass die ersten Überlegungen schon vor vielen Jahren begonnen haben:

2018 sind wir erst mal in einen Beteiligungsprozess gegangen und haben uns eben in verschiedenen Workshops an verschiedenen Stationen damit auseinandergesetzt, wie denn verschiedene Menschen sich die Kirche vorstellen und was dann auch verschiedene Akteure von dieser Kirche brauchen.

Klar – eine Kirche soll Raum bieten, um Gottesdienst zu feiern. Aber was genau sollte sich verändern, damit St. Nikolauskirche zur katholischen Jugendkirche wird? Max Magiera und das Team haben angefangen, mit dem Raum zu experimentieren und ihn ganz neu zu entdecken. Erst einmal, indem sie Kirchenbänke ausgebaut haben.

Dann gab es eine Übergangszeit,[…] man hat alle Bänke rausgenommennd man konnte den ganzen Raum, eben die ganzen 13 m bis nach oben mit einem Vorhang dann abtrennen und hatte so ein ganz anderes Raumgefühl und war mal ein bisschen weg von dem, was man sich dann so in der Kirche vorstellt.

Als wir jetzt in der Kirche stehen, ist von dem Vorhang und den ersten Experimenten nicht mehr viel zu sehen. Die Wände strahlen schon in einem warmen weiß und in den Rundbögen sind Querstangen eingelassen, an denen vielleicht irgendwann wieder Vorhänge hängen werden. Im Kirchenraum gibt es einen Altar und auch eine Figur der Heiligen Maria – an einem festen Platz, wie es sich für einen katholischen Kirchenraum gehört.

Man kann den Kirchenraum komplett umstellen. Also alles, was auf dem Boden steht, ist ziemlich flexibel, bis auf den Altar und die Marienanbetung, die sind nicht flexibel, aber ansonsten kann man den Raum wirklich dann komplett umgestalten. Man kann die Kirchenbänke zu zweit einfach an einen anderen Ort tragen und das ist natürlich ein ganz anderes Raumgefühl. Und das geht sogar so weit, dass man das Kreuz, was eigentlich vorne im Altarraum steht, sogar aus dieser Position nehmen kann und dann noch an verschiedenen anderen Stellen im Kirchenraum aufstellen kann.

Und dann sind da noch die  die Querstangen in den Rundbögen, die ich vorhin schon genannt habe:  

Dort kann man dann z.B. Vorhänge einhängen, man kann Workshopwände einhängen, man kann mal geschwind eine Projektionsfläche aufstellen und wirklich ganz, ganz individuell hier auch Räume und Nischen schaffen, wo man dann wiederum Dinge veranstalten kann.

Also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Workshops, Konzerte und Kulturveranstaltungen. Und: Die neu gestaltete Kirche soll auch zum Entdecken einladen:

Es gibt so kleine Spielereien, […]  zum Beispiel an einer Tafel, so ein Steckspiel, da kann man quasi verschiedene Wörter dann hinterlassen. Es gibt einen eine Nische, dass ein Taize Gong mit drinne. Also so ein bisschen dieses Entdeckerische, Spielerische kommt dann hier sehr schnell in dem Kirchenraum auf.

Hier entsteht eine Jugendkirche mit einem radikal flexiblen Konzept: ein Ort für Gemeinschaft in den unterschiedlichsten Formen. Max Magiera erzählt, was an der Atmosphäre auch als junger Mensch schätzt. 

Ich genieße die Stille und die Ruhe und kann vielleicht eine Kerze anzünden, weil ich gerade an jemand denkt, dem es nicht so gut geht. Das sind doch so Momente, wo man dann gerne in die Kirche kommt. Und gerade bei jungen Menschen ist es auch so, dass sie natürlich viel unterwegs sind, viel in der Schule, im Studium sind. Da hilft es dann auch, wenn sie einen Ort haben, wo sie einfach mal ein bisschen sich zentrieren können.

Dieses Gefühl erlebt er nicht in jeder Kirche. Es hat etwas mit der Architektur, aber eben auch mit der Konzeption des Kirchraums zu tun:

Ich erlebe es häufig eher im Gegenteil, dass man Kirchen hat, die unordentlich sind, die so bisschen kruschtelig sind, wo dann noch irgendwie ja der Schriftenstand überquillt und dann noch die Flohmarktkiste nebendran steht. Und ich finde es in der heutigen Zeit, wo wir doch viel auch irgendwie im digitalen Raum unterwegs sind, braucht es eher Orte, die ein bisschen schlichter sind, eine klarere Linie vorgeben und wo man mal wirklich zu sich selbst findet.

Kirche als Ruhepol in der Dauerinformationsflut unseres Medienzeitalters. Holy Detox sozusagen. Und ich kann mir das in dieser Kirche vorstellen, auch wenn ich sie noch als Baustelle sehe. Ganz neu erfunden wird hier das Rad nicht – aber mein Eindruck ist auch, dass das gar nicht der Anspruch ist. Vielleicht liegt das Innovative auch nicht so sehr in der Architektur, sondern im Zweck, den das Kirchengebäude erfüllen soll. Sie ist nicht nur ein sakraler Zweckbau, sondern ein ästhetischer Ort: 

Hier fühlen sich erstmal alle Leute wohl, weil es eben auch eine Kirche ist, die erst mal schön ist, die strahlt, die ruhig ist. so einen Ort braucht es glaube ich schon in jeder größeren Stadt, wo einfach die Menschen auch reinkommen können und wo sie sich wohlfühlen.

Kirche als Gebäude, an dem Menschen einen Ort haben, um zur Ruhe zu kommen und sich wohlzufühlen. Kommt das dann ganz ohne Gottesdienste aus, so eine Jugendkirche? Im Gegenteil. Im Planungsteam habe man beschlossen…

dass hier jeden Sonntag um 11:00 Uhr ganz normale Gemeindegottesdienst gefeiert wird und dann und wirklich auch jeden Sonntag um 18:30 Uhr ein junger Gottesdienst stattfindet in ganz unterschiedlichen Formaten. Also es kann eine kleine Andacht mal sein, das kann auch mal ein Taizegebet sein, das kann eine internationale Feier sein, also wirklich ganz, ganz individuell, aber sehr verlässlich.

Ein verlässlicher Ort zum Wohlfühlen – ich finde es gibt schlechtere Pläne für einen Kirchenraum. Das klingt auch in Max Magieras Wunsch für die nächsten 10 Jahre mit:

Ich hoffe einfach, dass die Kirche in zehn Jahren ein Ort ist, der Relevanz hat, den die Menschen kennen. Wo sie wissen, da bekommen sie eben etwas, das sie in ihrem Leben begleitet und unterstützt. Und dass der Raum einfach offen ist für den Stadtteil, für die ganze Stadt. Vielleicht strahlt er auch ein bisschen weiter hinaus, das hier Menschen herkommen und das einfach genießen.

Mehr Informationen zum Umbau: https://stuttgart.bdkj.info/themen/Jugendkirche

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44458
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