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Ich erlebe immer wieder: Manche Lieder haben ihre Zeit. Die singe ich oder höre ich und dann verschwinden sie wieder für lange. Aber plötzlich tauchen sie wieder auf. John Lennons »Give peace a chance« höre ich in letzter Zeit immer wieder im Radio. Auch mit dem Lied »Friedensnetz« geht mir das auch so. Das habe ich als Jugendlicher gesungen. Der Refrain war für mich wahr. Ja, wir zu Hause, bei den Pfadfindern, aber auch überall auf der ganzen Welt, wir „knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, ein Friedensnetz.“ Und wir haben das auch gemacht im Gottesdienst. Netze geknüpft, uns verbunden, Frieden geteilt.
Musik
Heute denke ich: Warum habe ich bei den Strophen eigentlich so wenig zugehört? Da steht schon alles drin, was auch heute Sorgen macht. Dass Menschen gucken, wie sie das meiste aus ihrem Netz holen können. Dass viele nur ihren Fang im Blick haben. Nur das sehen, was für sie rausspringt. Klingt sehr moralisch – ist es auch. Ich erlebe das vor allem auf staatlicher Ebene: Krieg wird geführt – für die eigenen Interessen. Um das eigene Netz vollzumachen. Sich verbinden, gemeinsam an einem Netz knüpfen, den Frieden einfangen? Fehlanzeige.
Musik
Frieden, das scheint im Moment gängige Meinung zu sein, Frieden ist ein naiver Gedanke. Der Krieg in der Ukraine, die jahrzehntelangen Konflikte im Nahen Osten, die imperialen Gelüste der USA, die machen deutlich, dass es viele gibt, die an Frieden nicht interessiert sind. Davon spricht auch der Song »Friedensnetz«. Denn der cantus firmus in diesem Lied ist die Frage: „Wer denkt da an Frieden? Wer denkt an Shalom?“ Und wenn das Christinnen und Christen singen, dann erinnern sie daran, dass auch der christliche Glaube oftmals unfriedlich war: Im Namen des Glaubens wurden Andersglaubende getötet, Kriege geführt, Menschen versklavt und verfolgt. Frieden, das heißt auch, seine eigene Schuld in den Blick zu nehmen. Die gerissenen Fäden anzusehen, die man selbst hinterlassen hat.
Musik
Die Musik von Peter Janssens zu dem Text von Hans-Jürgen Netz bringt die ganze Zerrissenheit in Sachen Frieden auf den Punkt: Ich höre Anklänge an jüdische Volksmusik, höre den unruhigen Rhythmus, die Wechsel im Tempo. Dass der Frieden eben aus dünnen Fäden gewoben wird, reißen kann, das fängt die Musik ein. Und wird zugleich von einem unglaublichen Optimismus getragen: Immer dann, wenn es zum Refrain geht, denke ich, Ja, Frieden muss doch möglich sein.
Musik
Friedensnetz ist ein Hoffnungssong. Den ich mir und anderen zusingen kann. Der die Hoffnung weiterträgt, dass es bei allem Unfrieden eben auch Menschen gibt, die unbeirrt am Shalom, am Frieden arbeiten. Die im Alltag Frieden machen: Ein freundlicher Gruß im Straßenverkehr, ein Lächeln in der Straßenbahn, ein Anruf, der dem anderen das Herz wärmt. Überall lässt sich dieses Netz des Friedens knüpfen.
Text: Hans-Jürgen Netz (1975)
Melodie: Peter Janssens (1975)
Musik
01 Peter Janssens, Meine Lieder (von: Das Gesangsorchester Peter Janssens), In:
Peter Janssens Musik Verlag, Telgte, CD 1074 (1994), LC 4679
02 Lieder Zum Mitsingen(mit Peter Janssens Gesangsorchester); tvd Verlag Düsseldorf, tvd 7903 (1979), LC 5648
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43778„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“
Dieser Satz des Apostel Paulus ist einer der beliebtesten Trausprüche. Liebe ist für Paulus das Band, mit dem Gott die Welt an sich bindet. Menschen, die Liebe üben, verstärken dieses Band. Dazu brauchen sie Glauben – Vertrauen des Herzens – und Hoffnung, die Stärke der Seele.
Im Oratorium „Die Bekehrung der Magdalena“ des italienischen Barockkomponisten Giovanni Bononcini führen die Schwestern Marta und Maddalena einen innigen Dialog über die Worte des Paulus:
„Wer begleitet meine Füße zum Mensch gewordenen Gott?“, fragt Maddalena, und Marta antwortet: „Der Glaube.“ – „Wer unterstützt meine Seele?“ – „Die Hoffnung.“ – „Hoffen wir auf Vergebung und bitten um Mitleid“, singen beide.
Musik
Mit diesem Duett endet das 1701 in Wien uraufgeführte Oratorium. Es erzählt von den inneren Kämpfen der jungen Maddalena. Sie ist hin- und hergerissen: Soll sie sich selbst bespiegeln – oder über sich hinauswachsen? Unbeschwert für den Moment leben und die irdische Liebe auskosten – oder einen mühsameren Weg auf sich nehmen und erfahren, was göttliche Liebe in ihrer ganzen Schönheit bedeutet?
„Wer weckt die Sehnsucht?“, fragt sie ihre Schwester. „Der Mut“, antwortet diese. „Wem vertraust du dein Herz an?“ – „Der Liebe.“ – „Der Liebe, die Gottes Schönheit verbreitet“, stimmt Maddalena ein.
Musik
Im Oratorium kämpfen die göttliche und die irdische Liebe um die junge Maddalena, die ihren eigenen Weg finden muss. Dieser Weg war vor 300 Jahren viel enger begrenzt als heute. Doch der Dialog der beiden Schwestern über Glaube, Hoffnung und Liebe spricht mich auch heute direkt an.
Wer liebt, verbreitet Gottes Schönheit. Geleitet vom Glauben, getragen von der Hoffnung, geht die Liebe mutige Wege. Nicht die ausgetretenen Wege der Selbstliebe, sondern die oft schwierigen, leidvollen Wege, auf denen Gottes Spur in der Welt leuchtet. So wird die Welt liebevoller – und damit schöner.
Musik
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!
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Duett Maddalena und Marta: Al nume umanato – Giovanni Bononcini, La Conversione di Maddalena
Titel: Al Nume umanato (Duett Maddalena und Marta, Oratorium La Conversione di Maddalena von Giovanni Bononcini, 1701)
Komponist
T: Anonym (vor 1701)
M: Giovanni Bononcini (1670-1747)
Musikquellen
Giovanni Bononcini, La conversione di Maddalena / Emmanuela Galli / Marta Fumagalli / La Venexiana / Gabriele Palomba / Glossa Music / GCD 920944 / 02-25
Es gibt Lieder, die tragen mehr Geschichte in sich, als man ihnen beim ersten Hören anmerkt. Das heutige Lied zum Sonntag gehört für mich dazu. „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“ So beginnt es. Nicht laut. Nicht anklagend. Aber klar.
Musik 1: Anfang der 1. Strophe –
„Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr!
Zions Lied hab ich begraben in meinen Wunden groß.“
Gesungen wird dieser Text zu einer Melodie, die viele aus dem Film „Schindlers Liste“ kennen. Das Lied mit dem Originaltitel "Yerushalaim shel Zahav", auf deutsch "Jerusalem aus Gold", wurde 1967 von Naomi Schemer geschrieben.
Sie legt in ihr Lied ihr ganzes Sehnen und die Erinnerung an ein Jerusalem, das es damals nicht gab und bis heute nicht gibt. Bis 1967 war Jerusalem besetzt, durch eine Mauer geteilt, und die Juden durften die Jerusalemer Altstadt nicht betreten. Es sprach so vielen aus dem Herzen, dass es in Israel im gleichen Jahr zum Lied des Jahres gekürt und zu einer Hymne der Hoffnung wurde. Wir hören eine Stelle aus dem hebräischen Originallied.
Musik 2: Passage aus dem hebräischen Originallied "Yerushalaim shel Zahav"
Keine drei Wochen nachdem das Lied veröffentlicht wird, beginnt der Sechstagekrieg. Der Krieg verändert alles. Das Lied wird zum Schlachtruf und erreicht den Status einer inoffiziellen Nationalhymne.
Die Melodie ist dieselbe – aber der Klang ist ein anderer geworden. Shemers Lied wird nun zu einem Symbol für den Sieg.
Auch diese Geschichte gehört zum Lied und manche fragen sich vielleicht, ob es unter diesen Umständen überhaupt legitim war, das Lied abzuwandeln und in Kirchen zu singen.
Ich denke ja. Denn die Textdichterin Christine Heuser übersetzt die israelische Hymne nicht einfach ins Deutsche. Sie schreibt einen ganz neuen Text. Ein Text der nicht politisch vereinnahmt wurde, sondern meiner Meinung nach dem Lied eine andere und tiefe Botschaft schenkt.
Musik 3: 2. Strophe –
„Die Mauern sind aus schweren Steinen, Kerker, die gesprengt,
von den Grenzen, von den Gräbern aus der Last der Welt.
Die Tore sind aus reinen Perlen, Tränen, die gezählt.
Gott wusch sie aus unsern Augen, dass wir fröhlich sind.“
Auch Heusers Text erzählt von einer Sehnsucht, doch nicht nach einer politischen Heimat, sondern danach, bei Gott daheim zu sein.
In dem neuen geistlichen Lied wird Jerusalem, die freie Stadt, zu dem Ort, an dem sich die Sehnsucht aller erfüllt. Zur Oase für alle, die tiefe Wunden mit sich tragen. Zum Zuhause für alle, die heimatlos und vertrieben sind. Zu einem Fest für alle, die traurig sind, auf dass sie wieder fröhlich sein können.
Es sind starke Bilder, und mich tröstet die Vorstellung von einem Ort, an dem alle Tränen gezählt und aufgehoben sind, an dem Grenzen überwunden, und alle Kerker und Fesseln gesprengt sind, wie es im Lied heißt.
Doch das Entscheidende steht am Anfang:
„Ihr Mächtigen ich will nicht singen eurem tauben Ohr.“
Die Botschaft ist nicht für die, die sich sowieso schon mächtig fühlen und nicht zuhören. Befreiung kommt nicht von oben. Sondern von denjenigen, die die Augen offen halten, die hoffen, auch wenn das Ersehnte noch fern ist. Für sie ist das Versprechen, dass sie eines Tages ankommen werden und aufatmen können.
Musik 1: Refrain -
„In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem!
In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied!“
Text: Christine Heuser
Musik: Naomi Shemer-Sapir, nach einem baskischen Wiegenlied
Musikquellen
- Musik 1: Band und Singgruppe Hoffnungsschimmer: Wandlung, 1996, Track 6, LC 0896.
Musik 2: Shuly Natan: ירושלים של זהב (Yerushalaim shel Zahav), 1967, Track 1, Hed Arzi Ltd, BMN-554.
Musik 3: Kölner Jugendchor St. Stephan: Weihnachten in der Kölnarena - Live, „Ihr Mächtigen“, M0042736 (AMS).
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43739Manchmal trifft ein Popsong einen Nerv. Mit dem Lied „Über sieben Brücken musst du gehen“ geht mir das so. Auch ich finde mich manchmal darin wieder. Es ist ein Lied, das in einfachen Worten die Wechselfälle des Lebens besingt.
Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick
Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh
Manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu
Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß
Manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß
Manchmal bin ich schon am Morgen müd
Manchmal such ich Trost in einem Lied
Im Jahr 1978 wird der Song von der DDR-Rockband Karat veröffentlicht. Im Westen ist es Peter Maffay, der ihn populär gemacht hat. In Osten wie im Westen Deutschlands wird er schnell zu einer Art Volkslied.
Weil er etwas beschreibt, was jeder und jede kennt: Höhen und Tiefen, Wege und Sackgassen. Das Leben, wie es eben sein kann. Und einen manchmal hilflos und ratlos zurücklässt. Gäbe es nicht den Trost, den ein solches Lied vermittelt. Denn es gibt nicht nur Abgründe. Sondern auch Brücken, die über diese Abgründe führen.
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
Die Sieben spielt eine besondere Rolle. Ich denke an die sieben mageren und fetten Jahre, wie sie im Alten Testament beschrieben werden. Und sprichwörtlich geworden sind. Nach Zeiten des Mangels kommt wieder eine Zeit der Fülle. Und umgekehrt.
Auch das biblische Bild von den sieben Schöpfungstagen fällt mir ein. Als sich aus dem Chaos des Urzustandes nach und nach Leben entfaltet. Da steht die Sieben für Vollkommenheit und Ganzheit.
Mit solchen Aussichten kann ich vielleicht manche Unruhe und manche Leere besser ertragen.
Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man nur im Kreis zu gehen
Manchmal ist man wie von Fernweh krank
Manchmal sitzt man still auf einer Bank
(Manchmal greift man nach der ganzen Welt
Manchmal meint man dass der Glücksstern fällt
Manchmal nimmt man wo man lieber gibt
Manchmal hasst man das was man doch liebt
Ja, es gibt Situationen, da scheint alles zu Asche zu werden. Meine Pläne. Eine Beziehung. Ein ganzes Leben. In der Bibel ist von Asche immer dann die Rede, wenn es um die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des Lebens geht.
Aber da leuchtet auch - nicht zu übersehen - ein heller Schein auf! Es gibt das wunderbare Bibelwort vom hellen Schein, den Gott in unsere Herzen gelegt hat.
„Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“
Am Ende des Liedes ist der Lichtblick stärker als die Asche. Hoffnung auf Zukunft! Mag mir der Tunnel noch so endlos erscheinen...
Über sieben Brücken musst du gehen
Sieben dunkle Jahre überstehn
Sieben Mal wirst du die Asche sein
Aber einmal auch der helle Schein
***
CD: Über sieben Brücken, Karat 2, BMG, Amiga, LC 0055
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43693Im heutigen Lied zum Sonntag kann man jemanden hören, der mit melancholischem Ton auf sein Leben zurückschaut. Oder ist es doch eher das Lied eines Sturkopfes, der sein eigenes Ding durchgezogen hat?
In meinen Ohren klingt „My way“ von Frank Sinatra nach einem Menschen, der singt und sich dabei mit dem eigenen Lebensweg versöhnen möchte.
Wer die Geschichte von „My way“ kennt, hört in diesem Lied mehr als die Botschaft: „I did it my way“ – „Ich hab´s auf meine Weise getan“. Dieses Lied steht dafür, dass auch etwas, das anfangs nichts Besonderes war, mit der Zeit zu etwas Großartigem werden kann.
Denn erst schrittweise ist dieses Lied zum absoluten Welthit geworden. Zuerst hat der Komponist Jaques Revaux in den 1960er Jahren die Melodie erschaffen. Die erste Variante mit englischem Text war ein Flop, die zweite Version mit französischem Text wurde in Frankreich dann mittelmäßig erfolgreich. Sie heißt „Comme d´habitude“ und wurde von Claude Francois gesungen:
1) Je me lève et je te bouscule.
Tu ne te réveilles pas comme d'habitude.
Sur toi je remonte le drap,
j´ai peur que tu aies froid comme d'habitude.
Ma main caresse tes cheveux...
„Comme d´habitude“ - ein französisches Chanson mit mittelmäßigem Erfolg. Aber als der junge kanadische Sänger Paul Anka nach Paris kommt und zufällig dieses Lied im Radio hört, hat er sofort die Idee, einen eigenen englischen Text zur Melodie zu schreiben. Er schreibt „My way“, zugeschnitten auf Frank Sinatra, der in der Mitte seines Lebens zurückschaut, melancholisch und versöhnlich, aber auch stolz und mit einer Prise Trotz.
Da heißt es in der zweiten Strophe: „Es gibt schon ein paar Dinge, die ich bereut habe, aber dann auch wieder zu wenige, als dass ich sie erwähnen muss. Ich habe getan, was ich tun musste.“
2) Regrets, I've had a few
But then again, too few to mention
I did what I had to do
And saw it through without exemption.
I planned each charted course;
Each careful step along the byway,
But more, much more than this,
I did it my way.
Ich kann meinen Weg schrittweise finden. Und manches braucht mehrere Anläufe, wie das Lied selbst: Es heißt, Frank Sinatra habe am Anfang mit „My way“ gefremdelt, und doch ist er damit berühmt geworden, schließlich hat er das Lied über tausendmal gesungen. Dieses Lied, das er gar nicht alleine erschaffen hat. Da war Jaques Revaux, dem die Melodie eingefallen ist, da war der Sänger Claude Francois, der es zuerst interpretiert hat, dann Paul Anka, der dem Song den neuen Text verliehen hat. Erst dann hat es Frank Sinatra quasi in Empfang genommen.
„My way“ – Da geht ein Mensch den eigenen Weg, gleichzeitig lässt er sich inspirieren und wird erst zusammen mit anderen schöpferisch.
Wohl dem, der so auf sein Leben zurückschauen kann wie es im Lied heißt: „Ich stellte mich dem Ganzen und ich stand aufrecht, und ich habe es auf meine Art gemacht.“
3) ... and did it my way.
Yes, it was my way.
Quellen: 1) Instrumentalversion, Peter Herbolzheimer SWF-Formation add. strings, My way, M0535943(AMS)
2) „Comme d´habitude“, Claude Francois, M0300410(AMS)
3) „My way“, Frank Sinatra, 50th
Anniversary Edition, Best of France - Vive la France, M0578782(AMS)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43643Mit einem leeren Rucksack sitze ich auf dem Boden und überlege, was ich mitnehme ins neue Jahr. Was Sportliches mit viel Bewegungsfreiheit? Was Luftiges für die heißen Tage? Was Buntes, weil das Leben so schön ist? Was Graues, was für schwierige Zeiten? Mit einer ausgeblichenen Jeans in der Hand frage ich mich, wo eigentlich die Zeit geblieben ist. Die Jahre veralten, dichtet Jochen Klepper. Wie mein T-Shirt, wie meine Jeans. Wie Gewänder.
Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns gechenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.
Jochen Klepper blickt zurück auf das Jahr 1937. Ein Jahr voller Kopfschmerzen und schlafloser Nächte. Das Jahr, in dem er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde. Ein Jahr der Zumutungen für seine jüdische Frau und die beiden Stieftöchter. Das Jahr, in dem er zum Dichter geistlicher Lieder wurde. Am letzten Tag dieses Jahres schreibt Jochen Klepper in sein Tagebuch: Gott hat im alten Jahr ein „neues Lied“ gegeben. Das muss nun geglaubt sein.
Jochen Klepper findet Trost in der Bibel. Und diesen Trost verwandelt er in Gedichte. Er gibt den Trost weiter – und tröstet sich damit auch selbst.
In seinem Tagebuch schreibt er: Ich schrieb ein neues Kirchenlied, wie oft, wenn mir um Trost sehr bange ist. Nach neuen Kirchenliedern ist immer wieder der Friede, der im Herzen herrscht, auch in den Sinnen und Nerven.
Im Neujahrslied verarbeitet Klepper Verse aus Psalm 102:
Du aber bleibst, wie du bist, Gott, und deine Jahre nehmen kein Ende.
Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst beiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.
Mein Rucksack ist gepackt für das neue Jahr. Proviant für gute und für schlechte Zeiten. Jochen Kleppers Lied ist auch drin.
Es erinnert mich an die Mechanismen autoritärer Herrschaft. Und daran, mich für unsere Demokratie einzusetzen, wo immer das möglich ist. Jochen Klepper, seine Frau und seine jüngere Stieftochter haben sich 1942 unter dem Druck der Repressalien das Leben genommen. Wir sterben nun, ist Jochen Kleppers letzter Eintrag ins Tagebuch. Auch das steht bei Gott.
Siegfried Reda hat zu Jochen Kleppers Text eine Melodie geschrieben. Sie ist unstet, wechselt zwischen Zweier- und Dreier-Rhythmen, pendelt hoch und runter. Aber sie kann nicht anders, als in jeder Zeile wieder auf dem gleichen Ton zu landen. Beim Singen spüre ich: Ich gehe nicht verloren.
Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
Im Fluge unsrer Ziten:
Bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43641
Die Engel dürfen an Weihnachten nicht fehlen. Erst durch sie wird klar, wer da in der Krippe im Stall von Bethlehem liegt: Gottes Sohn. So singen sie: „Gloria in excelsis Deo“ - „Ehre sei Gott in der Höhe“. Kein Wunder, dass ihr Gloria in vielen Weihnachtsliedern erklingt:
An Weihnachten öffnet sich der der Himmel und Gott sagt allen Menschen guten Willens seinen Frieden zu. Seinen Shalom. Ein Frieden, der alle und alles miteinander verbindet. Gott und die Menschen, die Menschen untereinander – ja die ganze Schöpfung ist dann im Einklang.
Das Gloria der Engel bleibt nicht auf Weihnachten begrenzt. Es begleitet uns weiter durch das ganze Jahr, nämlich im Gloriagebet, das zum Eröffnungsteil der Messe gehört. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade.“ Mit den Worten der Engel loben und preisen die Gläubigen ihren Gott. Bis auf die Adventszeit - hier wird das Gloria bewusst ausgesetzt, und es erklingt dann in den weihnachtlichen Gottesdiensten umso festlicher, wie zum Beispiel in der bekannten h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach:
Bach hat viele seiner Werke mit der Widmung „soli Deo gloria“ unterschrieben: Allein Gott sei Ehre. Und in diesem Gloria ist das zu spüren, wenn Bach alles erklingen lässt, was Sänger und Orchester zu bieten haben, und die Sängerinnen und Trompeten bis in die höchsten Höhen steigen. So lässt uns Bach die Größe Gottes erahnen.
Der Gloria-Text der Messe ist wie ein Echo auf das Lied der Engel. Er wurde zu einem Hymnus erweitert, zu einem Lobpreis auf Gott. „Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an“ – so heißt es da. Als der Hymnus im 3. Jahrhundert. entstand, galten solche Rufe dem römischen Kaiser, der sich als siegreichen Herrscher feiern ließ. Für die Christen lag der wahre König und Herrscher der Welt hingegen in Windeln gewickelt in einer Krippe. Ausgesetzt und verwundbar. Ihm ging es nicht um die Macht, sondern er wollte den Menschen den Frieden bringen.
Und so komponiert Bach nach der fulminanten Eröffnung in einer ganz anderen Farbe und Stimmung das „et in terra pax“ - „und auf Erden Frieden“. Es beginnt leise, mit tiefen Stimmen, das Orchester begleitet nur. Eher wie eine flehentliche Bitte als eine selbstbewusste Ansage.
Es scheint, als läge der göttliche Friede beim Kind in der Krippe, scheinbar schwach und verletzlich. Doch er ist auf die Welt gekommen und er wächst unter allen Menschen guten Willens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43533Haben Sie noch Platz für Engel?
Ich meine jetzt nicht die kleinen aus Goldpapier und Glitzerglanz. Von denen haben Sie wahrscheinlich schon einige in Ihrem Weihnachtsschmuck.
Nein, ich meine richtige Engel. Boten Gottes. Mit richtigen Botschaften: Frieden auf Erden. Recht und Gerechtigkeit. Den Menschen ein Wohlgefallen.
Über solche Engel haben Pfarrer Olaf Trenn und Kirchenmusiker Günter Brick aus Berlin ein wunderbares neues Lied geschrieben. Mit einem ziemlich schrägen, aber dann doch wieder ganz logischen Gedanken:
„Engel brauchen Landeplätze,
unverbautes Niemandsland,
freie Zeiten, weite Räume,
steigen Leitern auf zum Himmel,
kommen auch in unsre Träume …“
Engel brauchen Landeplätze. So wie ein Rettungshubschrauber: ein bisschen Platz muss sein.
Aber – haben wir Platz? Ich schaue mich um in den Städten, ja: selbst in den Dörfern. Ich schaue in meinen Terminkalender …
Alles ziemlich voll. Wenn tatsächlich ein Engel vorbeikäme und versuchen würde, bei mir zu landen: Könnte er sich noch irgendwo dazwischen quetschen? Und würde ich das überhaupt merken?
„… fahren nieder auf die Erde,
flüstern gute Worte ein,
finde Freunde, Gott behüte
und begleite dich auf Reisen,
suche fliehend seine Güte …“
Wo sich „Güte“ auf „Gott behüte“ reimt, da wäre vielleicht so ein Landeplatz. Oder wo gute Worte nicht nur geflüstert werden, sondern einen Unterschied machen.
Mir fällt dazu ein Gedicht von Rose Ausländer ein:
„Der Engel in dir
freut sich über dein
Licht
weint über deine Finsternis.
Aus seinen Flügeln rauschen
Liebesworte
Gedichte Liebkosungen.
Er bewacht
deinen Weg
Lenk deinen Schritt
engelwärts.“
„Engelwärts“, an diesem Wort bleibe ich hängen. Wo ist das? In welche Richtung muss ich gehen?
Da geht es bestimmt zu den Landeplätzen der Engel! Da sehe ich, was Gott verspricht. Auch mir verspricht. Mitten in all dem vorweihnachtlichen Stress.
Engelwärts. Wenn ich dahin gehe, dann kann ein Engel bei mir landen. Und gar nicht gequetscht! Dann haben wir Platz. Dann kommt der Himmel auf die Erde.
„… singen davon, dass Gott klein wird,
haben auf ein Baby acht,
hüten es mitsamt den Großen,
wollen uns auf Händen tragen,
dass wir nicht an Steine stoßen …“
Engel bereiten alles vor, damit Gott kommen kann. Damit Advent wird. Mitten zwischen Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmärkten, unzähligen bunten Lämpchen. Damit Gott selbst Platz hat bei mir.
In den großen Erwartungen, die auch dieses Jahr vielleicht wieder enttäuscht werden. Weil ich nicht weiß, wie’s geht. Da landet Gottes Engel bei mir und hilft mir. Aus seinen Flügeln rauschen Liebesworte, Gedichte und Liebkosungen.
Und wenn ich mutlos zusammensacke, dann richtet der Engel mich auf. Dann lachen wir gemeinsam. Freuen uns, dass Gott bald da ist.Wie gut, dass der Engel einen Landeplatz bei mir gefunden hat!
„Engel brauchen Landeplätze,
unverbautes Niemandsland,
freie Zeiten, weite Räume,
steigen Leitern auf zum Himmel,
kommen auch in unsre Träume.“
Einen gesegneten vierten Advent wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!
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Titel / Lied: Engel brauchen Landeplätze (Olaf Trenn / Günter Brick)
Komponist
T: Olaf Trenn (2014)
M: Günter Brick (2014)
Musikquelle
Trenn, Olaf / Brick, Günter: Engel brauchen Landeplätze; Athesinus-Consort Berlin / Klaus-Martin Bresgott; CHORALGUT. 500 Jahre Evangelischer Choral
Die Advents- und Weihnachtszeit ist für mich auch eine Zeit der Musik und der Lieder. Und alle Jahre wieder werden da gerne die traditionellen Klassiker geschmettert. Neue Lieder hört man eher selten. Doch ein nicht so bekanntes Lied, bei dem sich das Hinhören durchaus lohnt, ist das Adventslied „Sehen können“ von Eugen Eckert und Joachim Raabe.
Erste Strophe : Sehen können, was kein Auge sieht,
hören können, was das Ohr nicht hört.
Spüren, dass da etwas ist,
noch nicht da, doch schon nah.
Manchmal gibt es Momente, in denen man spürt, dass etwas in der Luft liegt, ohne es benennen zu können. „Noch nicht da, doch schon nah“ heißt es im Lied immer wieder. Advent ist für mich genau dieser Zwischenraum: Warten und Sehnsucht auf der einen Seite und eine Ahnung bis hin zur Gewissheit, dass sich etwas anbahnt, auf der anderen.
Die Sehnsucht und die zarte Ahnung, von dem, was noch nicht da, aber schon nah ist, kommen auch musikalisch zum Ausdruck. Die Melodie steigt langsam, fast vorsichtig an, als würde sie die Nacht abtasten und nach dem ersten Schimmer suchen.
Sie drängt nicht. Sie lässt Raum. Und gerade dieser Raum schenkt die Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen, um so neu zu sehen, Anderes zu sehen, sehen zu können, was für die Augen verborgen bleibt. Eugen Eckert hat sich da bei seinem Liedtext von dem Ausspruch des kleinen Prinzen inspirieren lassen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Diese einfache Wahrheit greift er auf und weitet sie auf die anderen Sinne aus. Nicht nur mit dem Herzen sehen, sondern auch mit dem Herzen hören und spüren.
Zweite Strophe: Stehen können, wo sonst Laufen zählt.
Warten können, still in sich vergnügt.
Spüren, dass da etwas wird,
noch nicht da, doch schon nah.
Ich mag diese Strophe besonders, weil sie einen anderen Takt in die dichte Vorweihnachtszeit bringt und einen Gegenimpuls zur Hektik und zum Rummel in diesen Tagen schafft. Termine, Erwartungen, Eile - im Advent zählt eigentlich ein anderer Rhythmus und den greift das Lied mit einem kleinen, aber wichtigen Impuls auf: Bleib stehen. Sonst verpasst du das Beste, nämlich die Vorfreude.
Ich bin überzeugt, Gott kommt - und da ist es egal, ob die Wohnung fertig geputzt ist, die Deko perfekt ist, man den Gästen 20 Sorten selbstgebackene Plätzchen anbieten kann.
Gott kommt auch mitten in den Stress, in den ganzen Mist dieser Welt, in die Nacht.
Gott kommt nicht nur dorthin, wo schon alles gut ist, sondern dahin, wo etwas gut werden soll.
Mitten hinein ins Unfertige, ins Suchende, in die Sehnsucht.
letzte Strophe: Hoffen können, auch in tiefster Nacht.
Leben können. Hier und jetzt und dort.
Spüren, dass da etwas folgt,
noch nicht da, doch schon nah.
Die letzte Strophe führt das Lied in die Tiefe. Nicht alles ist hell – auch an Weihnachten nicht.
Es gibt Nächte, die bleiben länger als einem lieb ist. Adventshoffnung ist leise. Das bedeutet nicht, die Dunkelheit zu überspielen oder zu behaupten, dass alles einfach wird. Aber sie traut dem Licht zu, dass es stärker ist als die Nacht.
„Hoffen können“ – vielleicht ist das der schönste Weihnachtswunsch überhaupt.
Eine Hoffnung, die nicht vertröstet, sondern Mut macht zu leben.
Ich möchte glauben, dass etwas folgt, dass etwas wird, dass Gott unterwegs ist zu mir.
Komponist
Text: Eugen Eckert
Musik: Joachim Raabe
Musikquellen
- Musik:
Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg (Hg.): Lass dein Licht leuchten! 2005, Track 9, LC 11262.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43478Wie kommt Gott in diese Welt? Das heutige Lied zum Sonntag sagt: Gott kommt, indem wir auf ihn warten. Der Text ist während des Dreißigjährigen Krieges entstanden. In dunklen Zeiten also. Gott kommt, heißt es in dem Lied, indem wir unser Herzen öffnen und ihn bei uns einkehren lassen: den „wunderstarken Held“, der der Welt „Licht und Leben versprochen hat zu geben.“
Mit Ernst, o Menschenkinder,
das Herz in euch bestellt;
bald wird das Heil der Sünder,
der wunderstarke Held,
den Gott aus Gnad allein
der Welt zum Licht und Leben
versprochen hat zu geben,
bei allen kehren ein.
Darum geht es: „Bestelle dein Herz, bereite dich vor!“ Damit Gott bei dir einkehren kann. Das ist die Botschaft dieses Adventsliedes. Aber wie geht das? Gott einkehren lassen?
Einkehren setzt Auskehren voraus! Also muss ich erst Platz schaffen.
Auskehren, was hinderlich und sperrig ist. So wie wenn ich ein Zimmer oder eine Wohnung neu tapeziere oder neu möbliere. Das Abgewohnte und Abgestandene muss raus. Damit Neues einkehren kann. Und dann heißt es: Bahn frei für den, der da kommt!
Bereitet doch fein tüchtig
den Weg dem großen Gast;
macht seine Steige richtig,
lasst alles, was er hasst;
macht alle Bahnen recht,
die Täler all erhöhet,
macht niedrig, was hoch stehet,
was krumm ist, gleich und schlicht.
Wo Gott einkehren soll, muss ich mich abkehren von dem, was mich bewegungsunfähig macht und oft auch gefangen hält. Vielleicht schlage ich mal wieder ein Gesangbuch auf und erinnere mich an den Schwung eines alten Adventsliedes. Vielleicht suche ich in der vorweihnachtlichen Hektik einen stillen Kirchenraum auf und gönne mir eine Pause. Vielleicht überlege ich mir ein Geschenk für einen Menschen, an den oder die sonst niemand denkt. Und warte voller Vorfreude auf den, der sich nicht im Scheinwerferlicht der großen Weltbühne inszeniert, sondern in einem entlegenen Stall und einer schlichten Krippe zur Welt gekommen ist.
Ach mache du mich Armen
zu dieser heilgen Zeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.
Zieh in mein Herz hinein
vom Stall und von der Krippen,
so werden Herz und Lippen
dir allzeit dankbar sein.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Adventssonntag! Klaus Nagorni aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche
CD: Weynacht Gesaenge. Advent und Weihnacht in Renaissance und Frühbarock. Stimmwerck. Christophoros. Track 4, LC 00612
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43430Zeige Beiträge 1 bis 10 von 684 »






