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23APR2022
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Ich lese Ihnen heute eine Meldung vor, die noch in keiner Zeitung gestanden hat. Darin heißt es: “Die Schulbehörde in N. wies die Direktoren an zu verhindern, dass Fach- und Oberschüler die Mittwochabend-Orgelkonzerte besuchen. Lehrer fingen Schüler vor den Kirchenportalen ab und sagten den Eltern: Entweder – oder. Eltern sagten ihren Kindern: Entweder – oder. Bald reichten die Sitzplätze im Schiff und auf den Emporen nicht mehr aus.“

Diese „Meldung, die in keiner Zeitung stand“, hat der Schriftsteller Reiner Kunze verfasst. Von Beginn der DDR an hat er dort gelebt. Dann hat er dem Land 1977 für immer den Rücken gekehrt. „Die wunderbaren Jahre“ heißt der kleine Prosaband, der kurz darauf im Westen erschienen ist. Und der Titel ist durchaus ironisch gemeint.

Denn was war das für ein Land, das den Besuch von Orgelkonzerten verboten hat? Welche Gefahr geht denn von Orgeln aus? Und warum soll ein Kirchenraum erst gar nicht betreten werden? Auch darauf hat Reiner Kunze eine Antwort gegeben. Er schreibt: „Hier müssen sie nichts sagen, was sie nicht denken. Hier umfängt sie das Nichtalltägliche und sie müssen mit keinem Kompromiss dafür zahlen. Hier ist der Ruhepunkt der Woche. Sie sind sich einig im Hiersein. Hier herrscht die Orgel.“

Wo aber die Orgel herrscht, so führe ich seine Gedanken weiter, da relativieren sich ganz schnell alle anderen Herrschaftsansprüche. Hinter den Kirchentüren tut sich ein Raum der Freiheit auf, der anscheinend auch dann zu spüren ist, wenn niemand etwas predigt oder sagt. Wenn nur die Orgel herrscht. Und niemand sich verstellen muss. Einfach nur sein darf. Hören. Und verstehen. Und widerstehen.

Zum Schluss seines Orgelkonzerts äußert Reiner Kunze noch einen Wunsch. Und ich wünschte, der würde wahr. Überall dort, wo es immer noch verboten ist, in Freiheit die Wahrheit zu sagen:

„Alle Orgeln, sie alle müssten plötzlich zu tönen beginnen und die Lügen, von denen die Luft schon so gesättigt ist, dass der um Ehrlichkeit Bemühte kaum noch atmen kann, hinwegfegen. Hinwegdröhnen all den Terror im Geiste … Wenigstens ein einziges Mal, wenigstens für einen Mittwochabend.“

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Was brauche ich zum Leben? Zum glücklichen Leben? Für diesen neuen Tag. Ganz materiell gedacht: Über wie viel Geld muss ich verfügen, damit ich mich mit dem versorgen kann, was ich zum Leben brauche? Beim Nachdenken darüber hat mich ein Gedicht von Reiner Kunze inspiriert:
„Fast ein Gebet"* - schreibt Reiner Kunze über sein Gedicht. Und das geht so:

Wir haben ein Dach
und Brot im Fach
und Wasser im Haus,
da hält man's aus.

Und wir haben es warm
Und haben ein Bett.
O Gott, dass doch jeder
Das alles hätt'!

Brot und Wasser und ein Dach über dem Kopf:  Ist das wirklich a l l e s, was ich zum Glück brauche?
„Ach, dass doch jeder das alles hätt..." Ist das bloß ein Lebensgefühl aus längst vergangenen DDR-Zeiten, als Reiner Kunze noch nicht mit dem prallvollen Warenkorb der westsdeutschen Gesellschaft bekannt war? Nur ein Armutsideal? Oft beschworen gerade von denen, die sich alles kaufen können - mehr als Brot und Wasser und ein Dach über dem Kopf?
Mich berührt Reiner Kunzes Gedicht positiv. Ich möchte ich am liebsten
einziehen - in die Welt seines Gedichts. Seit meiner Kindheit. Da habe ich genau solche Phantasien im Kopf gehabt: Essen und Trinken und eine Wohnung, Kleider und Schuhe inklusive, das was ich im Alltag brauche, das wär´s doch. Mehr brauche ich nicht zum eigenständigen Leben.
Aber dann wurde es immer aufwendiger. Ein Gerätepark hat sich in mein Leben eingenistet - und scheinbar unverzichtbar gemacht. Anlässe und Verbindlichkeiten sind dazu gekommen, mit Erwartungen an Kleidung und Verköstigungen, die einen großen materiellen Aufwand bedeuten. Standards ohne Ende, die es zu erfüllen gilt - sonst gehöre ich nicht dazu.
Darum möchte ich lieber heute noch in Reiner Kunzes Gedichtwelt umziehen. Nicht allein.  „W i r  haben es warm und haben ein Bett", heißt es. Also mit allen Glücksversprechen, die in diesen knappen Worten liegen. Wie schön wäre das, wie satt wäre ich da. Diese Kargheit klagt nicht an - ich fühle mich frei.
 „O Gott, dass doch jeder - Das alles hätt'!" Diese Erinnerung ist nötig. Denn wie viele Menschen müssen gerade das entbehren. „Fast ein Gebet" nennt Reiner Kunze auch darum sein Gedicht. Fast wie ein Vaterunser - kommt es mir vor - wie eine Erklärung einer Bitte daraus: „Unser tägliches Brot gib uns heute..."  Mit Reiner Kunzes Gedicht im Hinterkopf fällt mir auf: Das ist eine Bitte nicht nur für die, die das Nötige entbehren, sondern auch für alle, die im Zuviel ihr Glück verlieren.
Gib uns, was wir heute um Leben brauchen - nicht weniger. 
Und mehr brauche ich nicht. Hilf mir dabei, genau das zu begreifen.
*Reiner Kunze, Gedichte, Frankfurt/M 2001, S.320

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18JAN2022
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Wer da bedrängt ist, findet Mauern, ein Dach, und muss nicht beten.
Das hat Reiner Kunze geschrieben. Über ein Pfarrhaus in der DDR. Der Satz hat mir immer gefallen.  Inzwischen wohne ich selbst in einem Pfarrhaus. Mit Mauern und einem Dach. Es klingelt oft an der Tür. Meistens am Freitagnachmittag. Dann sind alle Ämter geschlossen; die meisten Beratungsstellen auch. Und ein langes Wochenende steht bevor. Durch den Spion sehe ich einen unbekannten Mann vor der Tür. Nicht eben gepflegte Erscheinung. Ich frage mich, ob ich zuhause bin.

Es klingelt noch einmal. Ich seufze, öffne, und der Mann fragt: „Ist der Herr Pfarrer nicht da?“  Ich antworte: „Nein, tut mir leid, der Herr Pfarrer ist nicht da.“ Und das ist nicht einmal gelogen. Aber dann höre ich mich weiterreden: „Aber ich bin die Pfarrerin. Kann ich Ihnen helfen?“ Warum habe ich das gesagt? Warum nicht einfach die Tür wieder zugemacht? Stattdessen habe ich ihn geradezu eingeladen, mir seine Geschichte zu erzählen. Eine abenteuerliche Geschichte, immer nach dem gleichen Strickmuster - kein Wort davon dürfte wahr sein: Er müsse zum Arzt, oder schnell zu seiner Schwester ins Ausland, oder Geld für eine Beerdigung auftreiben. Während er redet, zieht es eiskalt durch die Tür ins Pfarrhaus, hinter die dicken Mauern. Einen Stock höher, unterm sicheren Dach, wartet mein Schreibtisch auf mich. Die Bibel, die Predigtvorbereitung.

„Nein“, muss ich dem Mann sagen, Bargeld kann ich ihm nicht geben, und eine Fahrkarte nur für die Straßenbahn in die Stadt. Oder einen Einkaufsgutschein für den Supermarkt um die Ecke. Er schaut mich verständnislos an. Und tischt mir eine neue Variante seiner Geschichte auf. Er müsse unbedingt weg von hier. Und das Geld würde er zurückzahlen - ganz sicher - mit Zinsen. Er redet ohne Unterbrechung.  Ich bereite meinen Rückzug vor. Er wird mir nicht den Gefallen tun, sich abspeisen zu lassen. Mit einem Butterbrot und einem Apfel. Er wird da stehen bleiben und reden. Und ich werde ihn stehen lassen. Die Tür vor seiner Nase zu machen. Vielleicht sogar, während er noch spricht. Nach neuen Erklärungen sucht, die mich vielleicht doch noch überzeugen. Oder auch nur am Weggehen hindern. Zurück hinter die dicken Mauern. Unter das schützende Dach. Wer da bedrängt ist, findet Mauern, ein Dach. Und muss nicht beten: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast…“

Der hatte kein Pfarrhaus. Keine Mauern. Kein Dach. Sprach trotzdem: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Keine Vertröstungen. Keine Ausflüchte. Keine Alternativangebote. Keine Gutscheine. Nur Gutes und Barmherzigkeit.
Wer da bedrängt ist, findet Zuflucht und darf bleiben. Im Hause des Herrn. Immerdar.

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„Fast ein Gebet“ heißt ein Gedicht, das der Dichter Reiner Kunze geschrieben hat. Es geht so:

Wir haben ein Dach
und Brot im Fach
und Wasser im Haus,
da hält man’s aus.

Und wir haben es warm
Und haben ein Bett.
O Gott, daß doch jeder
Das alles hätt’!

Das kenne ich auch. Solche Momente, in denen mir plötzlich bewusst wird, wie viel das ist: Ein Dach über dem Kopf, eine schöne Wohnung,  immer Essen auf dem Tisch und Getränke, nicht nur Wasser, sondern auch Kaffee oder Wein und ein gemütliches Bett für den ungestörten Schlaf
Das haben längst nicht alle. Aber ich und Sie, wir haben das.
Ich erschrecke manchmal darüber, wie selbstverständlich ich das alles nehme.
Und zugleich bin ich auch dankbar,  dass alles da ist, was ich brauche. Auch für die Menschen, die mir wichtig sind.
Aber ich muss nur kurz die Nachrichten anschalten, um zu wissen, wie bevorzugt ich leben kann und was für ein Glück das ist. Unverdientes Glück.
Ich finde, in so einem Moment das «Danke» auch nur zu fühlen, das  ist schon ein Gebet, auch ohne viele Worte.
Der Dichter Reiner Kunze nimmt es da genauer. Er nennt sein Gedicht: „fast“ ein Gebet. Er besteht auf seinem „fast“. Er schreibt es sogar in die Überschrift.
Vielleicht nennt er sein Gedicht so,  weil er spürt, dass Dankbarkeit leicht auch bequem machen kann.  Reiner Kunze aber begnügt sich gerade nicht damit, selbstgenügsam und zufrieden ein Loblied zu singen.
In dem Moment, in dem er dankbar feststellt, was er alles hat, merkt er ja, was anderen Menschen alles fehlt. Er sieht die Kluft  zwischen denen, die alles haben und denen, die zu wenig haben.
Er merkt, dass das ist nicht gerecht ist.
„O Gott, dass doch jeder/das alles hätt’», schreibt er.
Dass nur Gott helfen soll, wird  nicht genügen. Gott hilft, indem wir helfen. Nicht anders.
Meine Erfahrung ist, am besten kann ich helfen, wenn ich einmal wieder aufgewacht bin aus der Selbstverständlchkeit, alles zu haben, was ich zum Leben brauche.
Und dann fange ich irgendwo ganz klein an. Vielleicht verdopple oder verdreifache ich den Geldbetrag, den ich normalerweise sonntags im Gottesdienst in die Kollekte gebe. Oder ich schenke jemandem etwas, weil ich weiß, er braucht es. Und ich versuche, die Partei zu wählen, die es auch wichtig findet, dass alle das haben:

… ein Dach
und Brot im Fach
und Wasser im Haus,
da hält man’s aus.

Und wir haben es warm
Und haben ein Bett.
O Gott, daß doch jeder
Das alles hätt’!

(in :Reiner Kunze, Gedichte, Frankfurt/M 2001, 320):

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Ich finde, um ein Ehejubiläum zu feiern, muss man nicht warten bis die 10, die 25 oder 50 Jahre voll sind. Ich finde, das kann man auch zwischendrin tun. An irgendeinem Hochzeitstag. Oder in der Erinnerung an den Tag, an dem die Liebe begann.
Der Dichter Reiner Kunze hat darüber ein Gedicht geschrieben, über zwei in einem Boot.

Rudern zwei ein Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine
führn durch die Sterne,
wird der andere
führn durch die Stürme,
und am Ende ganz am Ende
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.

Mir gefällt dieses Gedicht sehr. Es ermutigt zur Liebe und dazu, sich in einer Beziehung über Jahre auf einen anderen Menschen einzulassen.  Und zwar geht das so:
Zwei Menschen fügen ihre Stärken zusammen und meistern so ihr Leben und ihre Beziehung. Der eine kennt sich aus mit den Sternen. Er kann sich gut orientieren und ansagen, wohin die Fahrt gehen soll. Die andere weiß, was man im Sturm tun muss, damit das Boot nicht kentert. Je nach Herausforderung führt mal der eine, mal die andere. Keiner kann alles. Aber gemeinsam meistern sie vieles.
und am Ende ganz am End
wird das Meer in der Erinnerung blau sein
.
Das Ende des Gedichts ist genial, finde ich. Es sagt nämlich, wenn ihr zurückblickt, dann wird das Meer blau sein. Am Ende sind es nicht die harten Zeiten, die in Erinnerung bleiben, sondern die Tatsache, dass ihr sie gemeinsam überstanden habt. Diese Erfahrung machen natürlich nicht nur langjährige Paare. Das erleben auch Freundinnen und Freunde. Schwere Zeiten kann man gemeinsam meistern. Und es tut gut, sich daran zu erinnern. Dann sieht man, wie sich der Himmel im Wasser spiegelt.
Der Dichter Reiner Kunze verspricht: Die kostbarsten Erfahrungen, das sind gerade die Belastungen, die ein Paar gemeinsam getragen hat.
In jedem Fall ist eine langjährige Freundschaft oder eine Ehe kein ruhiger Hafen. Sie ist manchmal ein ganz schön wildes Meer.
Christen vertrauen in solchen Stürmen des Lebens im schwankenden Boot, nicht nur auf das eigene Können, sondern auf Gott. Denn sie wissen: wenn die Wellen hochschlagen, kann man leicht untergehen.
In Kunzes Gedicht ist für mich das Blau des Himmels die Farbe für Gott. Die spiegelt sich im Meer, über das die beiden fahren müssen. Und im Rückblick können sie vielleicht erkennen, dass Gott sie getragen hat im Auf und Ab ihrer Beziehung durch all die Jahre, dass Gott sich spiegelt in der Fahrt durch das Meer ihrer Beziehung.
Deshalb also: „ am Ende, ganz am Ende, wird das Meer in der Erinnerung blau sein“

Reiner Kunze. RUDERN ZWEI. Aus: ders., Frühe Gedichte In: Gespräch mit der Amsel. © S. Fischer Verlag GmbH. Frankfurt am Main, 1984

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17720
Von dem Dichter Reiner Kunze gibt es ein Neujahrsgedicht. Es lautet:
Drei Wünsche für das Neue Jahr
Durchsichtige Zäune
Hartnäckige Fragen (im Nacken ein wenig Flaum)
Brücken, die bei Vormarsch brechen
Mir gefällt besonders der zweite Wunsch: „Hartnäckige Fragen” wünscht Reiner Kunze für das Neue Jahr. Ein schöner Wunsch! Mir wären ein paar gute Antworten lieber als die vielen ungelösten Fragen.
Wäre da nicht dieser Zusatz: Hartnäckige Fragen – „im Nacken ein wenig Flaum“, steht da noch. Flaum in Nacken haben junge Lebewesen, Vögel und vor allem auch kleine Kinder. Hartnäckige Fragen mit Flaum - vielleicht meint der Dichter die grundsätzlichen Fragen wie Kinder sie stellen. Friert die Oma nicht, wenn sie auf dem Friedhof liegt und es schneit? Was tut der Mond, wenn er nicht scheint? Kriegt ein Hund Flügel, wenn er in den Himmel kommt? Warum sind mache Menschen so böse? Frag nicht so dumm! Die Oma spürt doch nichts mehr. Der Mond scheint eben nur nachts. Der Hund ist doch nur ein Tier. Und warum manche Menschen so böse sind, weiß ich auch nicht. Frag nicht so dumm.
Kinder fragen nie dumm. Sie fragen respektlos, neugierig, also begierig, Neues zu sehen und zu erfahren. Bei ihnen ist leben fragen. Das tun sie mit einem untrüglichen Gespür für Lüge und Wahrheit. So treffen sie oft den Punkt, wo Erwachsene sich irgendwie zufriedengegeben haben. Tot ist tot. Wenn der Mond nicht da ist, ist er halt weg. Wenn Menschen böse sind - ich kann´s auch nicht ändern.
Hartnäckige Fragen wünscht der Dichter für das Neue Jahr. Fragen mit einem harten Nacken, unbeugsam, unnachgiebig. Als in der DDR lebender Schriftsteller, der schließlich zum Dissidenten wurde, hat Reiner Kunze dabei sicher nicht zuletzt an politische Fragen gedacht. Auch da: Sich nicht beschwichtigen lassen, sich nicht zu rasch zufriedengeben.
Ich finde das einen guten Wunsch, einen guten Vorsatz für das neue Jahr:

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28MRZ2020
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„Wir haben ein Dach und ein Brot im Fach, und Wasser im Haus, da hält man’s aus. Wir haben es warm und haben ein Bett. O Gott, dass doch jeder das alles hätt!“ Das ist ein Text von Reiner Kunze und er heißt „Fast ein Gebet“.

Ich habe mich gefragt, warum Reiner Kunze ihn so genannt hat. Was würde er denn sagen, wenn er nicht nur „fast ein Gebet“ formulieren, sondern voll und ganz beten würde? Würde er Gott fragen, klagen oder ihn anklagen, dass es so viele Menschen gibt, denen es nicht so gut geht wie den meisten von uns? Wie uns, die wir mehr, so viel mehr haben als ein Dach überm Kopf, Brot zu essen, Wasser zu trinken und ein warmes Bett, in das wir uns jeden Abend legen können. Auch und gerade in diesen sorgenvollen Zeiten, in denen wir Vieles entbehren müssen.
Natürlich findet man immer Menschen, denen es schlechter geht, als einem selbst. Und das soll auch kein falscher Trost sein. Und ich weiß auch sehr wohl, dass viele Menschen am frühen Morgen vor den Nachrichten nicht auch noch in den kirchlichen Sendungen vom Elend der Welt hören wollen. Aber ich möchte gerade jetzt nicht die Menschen vergessen, denen es schon lange viel schlechter geht als uns.

Die Menschen in Syrien etwa, die seit 9 Jahren Krieg haben.

Die Menschen in Ostafrika, denen eine Heuschreckenplage die Ernte genommen hat und wo es in manchen Regionen seit Jahren nicht geregnet hat.

Und nicht zuletzt die Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern, die bei Wind und Wetter, Nässe und Kälte in Zelten auf Papp-Kartons schlafen.

Ja ich weiß, das alles drückt nur noch mehr auf die Seele, mir auch. Aber ich finde ich darf diese Menschen nicht aus den Augen verlieren. Und wenn es nur dazu dient, dass ich sie wieder in den Blick nehme, wenn wir hier das Gröbste überstanden haben. Denn sie „haben kein Dach und kein Brot im Fach und auch kein Wasser im Haus. Sie haben’s nicht warm und oft nicht einmal ein Bett. O Gott, dass doch jeder das wenigstens hätt“…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30584

Es ist auffallend. Fast bei jeder Fernsehübertragung von der  Fußball Weltmeisterschaft in Brasilien wird das Wahrzeichen von Rio de Janeiro eingeblendet. Über der Millionenstadt erhebt sich eine über 30 Meter Hohe Statue mit weit ausgestreckten Armen, errichtet anlässlich des hundert jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit Brasiliens. „Die Brasilianer nennen diese grandiose Figur:“Cristo Redentor“ das heißt auf Deutsch: “Christus der Erlöser.

Die große einladende Geste der Christusfigur hat eine tiefe symbolische Bedeutung, die viele Menschen berührt und anspricht. Da öffnet jemand mit ausgestreckten Armen enge Grenzen und Horizonte. und macht deutlich, dass er für alle da ist, weithin sichtbar und zugänglich. Es ist eine menschliche Geste, die niemand ausschließt und keinem den Zutritt verwehrt. Hier ist Platz für alle. In dieser Offenheit finden sich die Schönen von Rio genauso wie die Armen von den Müllkippen, die Sieger aus den Stadien, wie die Verlierer, die Einheimischen und die Fremden. Egal von welcher Seite jemand zu den offenen Händen hinaufblickt, er wird feststellen, die Hände bleiben offen als würden sie die ganze Welt empfangen.

Diese gewaltige Figur ist nicht nur eine touristische Attraktion, zu der täglich die Massen hinaufsteigen, sie ist im besten Sinn ein Denkmal, das zum Nachdenken anregt und auf sprechende Weise die Botschaft des Evangeliums verkündet. Ich denke zum Beispiel an die Verse aus dem Matthäusevangeliums „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Oder nach einer anderen Übersetzung:“ich werde euch aufatmen lassen“(Mt 11,28).Jesus richtet sich hier nicht an eine bestimmte Glaubensgemeinschaft oder Volksgruppe, an keine der vielen Parteiungen seiner Zeit. Er spricht zu allen. Erst recht zu denen , die eine schwere Last tragen und gerne das drückende Gepäck ihres Lebens endlich ablegen möchten. Und sicher spricht er auch  zu denen, die ihren Glauben und ihre Religion als drückendes Joch empfinden. Sein Ziel ist nicht der verkrümmte und niedergedrückte sondern der aufgerichtet und befreite Mensch. Er erzählt von einem Gott, der niemand ausgrenzt oder abschreibt. und verkörpert mit dem, was er sagt und tut diese grenzenlose Offenheit Gottes und dessen unerschöpfliche Liebe zum Menschen.

 Ich meine, es ist kein schlechter Nebeneffekt, dass zur Zeit mit den Bildern aus Rio ganz nebenbei und sicher nicht mit Absicht diese Sicht auf die ausgebreiteten Hände Jesu mitgeliefert wird.                            

(Musikalisches Intermezzo)

Die offenen Hände haben Platz für alle. Ich spreche heute von der Christusfigur in Rio de Janeiro, die weithin sichtbar die Botschaft Jesu bezeugt. Sie erinnert mich an ein kleines prägnantes Gedicht, das der Lyriker Reiner Kunze vor vielen Jahren geschrieben hat. Und darin heißt es: “wer da bedrängt ist  findet ein Dach und Mauern. Und muss nicht beten“. Reiner Kunze  hat dieses Gedicht einem Pfarrer gewidmet. Es trägt den Titel Pfarrhaus und beschreibt, was Gastfreundschaft meint: einen Ort der Geborgenheit und der Sicherheit, wo jemand einfach willkommen ist. Und wo keine Bedingungen gestellt werden. Stellen sie sich das vor, ein Pfarrhaus, wo man nicht beten muss! Kunze beschreibt eine Offenheit, die dem anderen  Raum lässt, sich selber zu sein und ihm nichts abverlangt, zu dem er nicht oder noch nicht in der Lage ist. Eine Offenheit, in der der andere sich zeigen darf, wie er ist und wo er etwas spürt von der Achtung und dem Respekt, mit dem Jesus jedem Menschen begegnet.

Es gehört eine große Gelassenheit und Freiheit dazu, den anderen wirklich anders zu lassen. Aber erst so kommt es zu echten Begegnungen und erst so können wir uns verändern. Ich denke an die Begegnung Jesu mit Zachäus, .Mit dem wollte niemand sich an einen Tisch setzen. Er war außen vor und als Zollbeamte richtig verhasst. Mit so einem setzt sich Jesus an den Tisch, ohne zuvor von Zachäus dies oder das zu verlangen. Wir wissen, diese Begegnung hat das Leben des Zachäus total verändert. In der einladenden Gastfreundschaft Jesu hat er für sich selbst einen neuen Weg gefunden.

„Wer bedrängt ist findet Mauern und ein Dach und muss nicht beten“. Die Betonung liegt auf muss. Er muss nicht beten, aber findet hoffentlich Menschen, die für ihn beten und interessiert Anteilnehmen, an dem was er lebt und glaubt und hofft. Und er findet hoffentlich eine große Achtung vor dem ,was er als Fremder mitbringt  Kunzes Gedicht sollte nicht nur über allen Pfarrhäusern stehen, sondern über unseren Kirchen und kirchlichen Einrichtungen und über allen Häusern, wo Christen wohnen. Nicht als folgenlose Poesie, sondern als ständige Erinnerung daran, nicht neue Barrieren und Hürden zu errichten, sondern allen zu zeigen, dass sie wirklich willkommen sind.

Einmal nach der kürzesten Definition für Kirche gefragt, antwortete der frühere Münchner Kardinal Julius Döpfner:“das kürzeste Wort für Kirche heißt für mich: Einladung!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17886

Tagtäglich werden wir Augenzeugen eines faszinierenden Geschehens. Einmal aufgebrochen ist die Natur nicht mehr zu halten. Es wächst und blüht an allen Ecken und Enden und endlich kann man wieder draußen sein und die Vielfalt der Farben und die frische Luft genießen. Das saftige und frische Grün ist voller Leben. Und jetzt spazieren gehen zu können tut meinem Leib genauso gut wie meiner Seele.

Mir kommt in diesen Tagen immer wieder ein Gedicht in den Sinn, das der Lyriker Reiner Kunze nach seiner Übersiedelung aus der damaligen DDR, in der ihm kappen und präzisen Form verfasst hat. Es trägt den Titel „Zuflucht noch hinter der Zuflucht". Kunze beschreibt darin seine neue Umgebung, einen alten Bauernhof, der ihm mittlerweile zur Heimat geworden ist. Einen Ort, wo er ganz sicher ist und nur der Wind ungebeten durchs Tor tritt und wo niemand anruft-schon gar nicht die alles überwachende Stasi Behörde. Nur Gott ruft ihn an, sagt der Dichter, und beschreibt wie Gottdurch den Regen viele und verschiedene Leitungen legt, um mit dem Menschen ins Gespräch zu kommen."Was machst du, fragt Gott"  und unbeholfen und unsicher sagt der Angesprochene:"es regnet, was soll man tun". Und was antwortet darauf Gott? Reiner Kunze  beschreibt es so:"Und seine Antwort wächst grün durch alle Fenster."

Kunze sieht nicht nur die äußeren Vorgänge der Natur. Er sieht in ihnen eine Tiefe und Weite, die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen ist. Die Natur ist  für ihn mehr als nur eine Tatsache, ein Faktum. Sie ist eine Botschaft an  den Menschen und erzählt von einer wunderbaren Kraft, die alles geschaffen hat und alles in Bewegung hält. So wird nicht nur der urige und heimelige Bauernhof dem Dichter zur Zuflucht. Hinter dieser Zuflucht findet er noch eine weitere-so dann auch der Titel seines Gedichtes-eine Zuflucht, in der er geschützt und aufgehoben ist, die auch noch seine Unbeholfenheit und Hilflosigkeit und alle Verdrießlichkeit auffängt.

Ich finde es beeindruckend mit wie wenigen Worten in diesem Gedicht behutsam und sensibel von Gott geredet wird. Kunze muss nichts beweisen und demonstrieren: Er sprich von etwas ganz Alltäglichem. Aber gerade darin sieht er das Besondere. Vielleicht   hat  ihm  gerade die Stille und  die Zurückgezogenheit  geholfen, in den Prozessen  der Natur, den Initiator des Ganzen  und den Schöpfer von Allem zu entdecken. Kunze hat jedenfalls eine entscheidende Erfahrung gemacht: Die Antwort wächst grün durch alle Fenster.

Musik

Wenn ich wissen und erfahren will wie die Welt entstanden ist und wie die Gesetze der Natur funktionieren, wenn ich die Zusammenhänge und physikalischen und chemischen Bedingungen verstehen will, wenn ich kleinste Elementarteilchen und Atome entdecken will, werde ich nicht bei einem Dichter nachfragen sondern bei den Wissenschaften ,die dafür zuständig und kompetent sind.

Ich werde auch nicht die Bibel befragen, weil sie keine Antworten auf die naturwissenschaftlichen Fragen gibt. Die Antworten der Bibel sind anderer Art. Zum Beispiel der Schöpfungsbericht der Bibel mit seinem sieben Tage Schema. Das ist keine Reportage im modernen Sinn, eine Bericht oder eine Dokumentation. Das ist eher ein Lied, ein begeistertes Lied, in dem der Schöpfer besungen wird. Hinter allem, was es gibt-so die zentrale Botschaft dieses wunderbar poetischen Textes-,hinter allem steht nicht eine anonyme Zufälligkeit sondern das schöpferische Handeln Gottes, der sogar ein Liebhaber des Lebens genannt wird.

Der biblische Mensch ist so gesehen im besten Sinn ein Hinter- Weltler. Nicht weil er dumm und unaufgeklärt  wäre, bar jeglicher Einsicht. Und ohne kritischen Verstand. Er  kommt dahinter, dass alles eine Ursache und einen Anfang haben und dass es für alles einen Grund geben muss. Das ist  für mich nicht unsinnig sondern zutiefst hinter-sinnig. Weil selbst hinter dem Urknall oder wie auch immer der Anfang von allem erklärt wird, nochmals nach dessen Ursache gefragt werden muss.

Mich berührt es, dass auch namhafte Naturwissenschaftler bei allem Fragen Forschen und Entdecken immer wieder ins Stauen geraten und von der Großartigkeit der Schöpfung fasziniert und ergriffen sind. Sie haben keine Schwierigkeit einerseits ihren Forschungsergebnissen zu trauen und andererseits  oft einfach zu verstummen oder sogar zu beten.

Die Bibel ist voll solcher staunenden Ergriffenheit. Z.B wenn es im Psalm 104 heißt: „Herr wie zahlreich sind deine Werke, mit Weisheit hast du sie alle gemacht. Die Erde ist voll von deinen Geschöpfen."Oder an einer anderen Stelle:"Du lässt Gras wachsen für das Vieh, auch Pflanzen für die Menschen, die er anbaut, damit er Brot gewinnt von der Erde und Wein, der das Herz des Menschen erfreut". Schöpfung ist nicht ein längst zurückliegendes Geschehen, es ist jetzt und jeden Augenblick, weil der Atem Gottes, weil der schöpferischer und Heilige Geist alles belebt und bewegt. Wer der Heilige Geist ist- fragen sie jetzt vielleicht..Ich halte es mit dem Dichter und meine: die Antwort wächst grün durch alle Fenster.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15291
Drei Wünsche für das Neue Jahr
Durchsichtige Zäune
Hartnäckige Fragen (im Nacken ein wenig Flaum)
Brücken, die bei Vormarsch brechen
Von dem Schriftsteller Reiner Kunze stammt dieses Gedicht zu Neujahr.
Der 3. Wunsch darin hat es mir besonders angetan: „Brücken, die bei Vormarsch brechen”. Das ist auf den 1. Blick ein Widerspruch: Brücken sollen nicht brechen, sondern standhalten. Denn Brücken stellen Verbindung her von Ufer zu Ufer, von Mensch zu Mensch.
Ich lasse mir zum Neuen Jahr gerne Brücken wünsche, Brücken die zu andern Menschen führen und zu neuen Ufern, die es möglich machen, dass ich auf andere zugehe und andere auf mich, und dass ich Neuland betreten kann.
Manchmal trennen uns ja Abgründe voneinander, selbst wenn wir räumlich nahe zusammen sind. Allein schaffe ich dann vielleicht den Brückenschlag hinüber, doch wenn auf der andern Seite nicht mindestens Fundamente errichtet werden, geht der kühne Brückenbogen ins Leere.
Da will einer keine Brücke vor seiner Tür. Vielleicht ist er sich selbst genug, ist nicht neugierig auf Fremdes. Vielleicht ist er auch nur vorsichtig oder hat sogar Angst. Schließlich werden nicht nur im Krieg Brücken mißbraucht, um das andere Ufer einzunehmen, zu besetzen, gar zu vernichten.
Reiner Kunzes Neujahrswunsch trifft mitten ins Leben: Er wünscht uns Brücken, die bei Vormarsch brechen. Vormarsch meint hier sicher stampfende Stiefel, die in feindlicher Absicht die Brücke betreten. Die Brücken sollen von selbst zusammenbrechen, wenn Waffen und Panzer darüber rollen.
Waffen und Panzer gibt es nicht nur aus Metall und nicht nur im Krieg. Es gibt sie auch zwischen Menschen in Worten, in Gesten, im Schweigen, in Blicken. Und die stampfen und schleichen über die Brücke bis vor die Tür des andern, wenn nicht, ja, wenn nicht die Brücke ihren Dienst versagt, da sie sich so in ihr Gegenteil verkehrt sieht.
An einer breiten, einladenden Brücke wohnen dürfen ohne Angst - das lasse ich mir gern wünschen. Doch ich kann nicht sicher sein, daß sich dieser Wunsch erfüllt. Ich kann nur mir selbst vornehmen: Mißbrauche nie eine Brücke! Betritt sie stets in ehrlicher Absicht! Doch ein Risiko bleibt - für mich und für die anderen.

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