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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31MAI2019
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Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren! Diese Zeilen stammen von Joachim Neander, heute ist sein Todestag.

Der Text gehört zu einem Lied. Eines meiner Lieblingslieder im Evangelischen Gesangbuch. Ich muss aufpassen, dass ich nicht anfange vor mich hin zu singen. Lobe den Herren ist einfach ein wunderschönes Kirchenlied. Wobei der Begriff Kirchenlied in die Irre führt. Denn der Dichter hat beim Dichten gar nicht an die Kirche oder den Gottesdienst gedacht. Er hat sich vorgestellt, dass man das Lied „auff Reisen / zu Hauß oder bei Ergetzungen im Grünen“ singt. Joachim Neander selbst war gerne draußen in der Natur. So gern, dass das Tal des Flüsschens Düssel ihm zu Ehren in Neandertal umbenannt wurde.

Ich finde seine Vorschläge großartig. Allein die Sprache: wann habe ich mich das letzte Mal im Grünen ergötzt?  Und dann auch noch dazu gesungen? Das muss Ewigkeiten her sein. Also nix wie raus in die Natur und dann geschmettert: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren.

Zum Glück muss ich nicht allein singen. Ich habe ja eine Seele und die singt mit. Genau genommen singt sogar vor allem meine Seele. Denn, ehrlich gesagt, mir ist es eher peinlich, in aller Öffentlichkeit fromme Lieder zu singen. Wenn das einer hört! Von der Qualität meines Gesangs ganz zu schweigen. Doch meine Seele hat da keine Skrupel. Sie ist ganz unbefangen. Denn sie verkörpert sozusagen die religiöse Seite in mir. Sie ist ein Sachverständiger in Glaubensfragen. Eine Art Kontaktmann oder Kontaktfrau zu Gott. Mit meiner Seele kann ich in einen inneren Dialog treten und sie auffordern: mach du mal lieber, fang doch schon mal an, ich trau mich noch nicht so richtig. Und dann legt sie los: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.

Klasse, so eine Seele. Meine geliebte Seele. Befreit mich von falscher Scham. Lehrt mich Begeisterung. Zeigt mir, wie das geht, Gott zu loben: Auf Reisen, zu Hause, im Grünen. Wahrhaft ergötzlich!

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