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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Zur Salzsäule erstarrt", das ist ein Bild aus der Bibel. Als Sprichwort ist es in unsere Alltagssprache eingegangen. Es steht für total erschreckt und handlungsunfähig sein. Die Geschichte von der Salzsäule ist eine furchtbar brutale Geschichte aus dem Alten Testament.
Da gibt es zwei Städte in denen es drunter und drüber geht: Sodom und Gomorra. Auch sie haben eine sprichwörtliche Bedeutung bekommen, sie stehen für moralische Verdorbenheit. Lot, ein aufrechter Mann, lebte in Sodom und sollte es wegen des Lotterlebens dort verlassen, denn es war dem Untergang geweiht. Zwei Engel warnen ihn und seine Familie und fordern ihn auf, die Stadt zu verlassen. Er dürfe dabei aber nicht zurück schauen. Er tut wie ihm geraten, Sodom und Gomorra gehen in Feuer und Schwefel unter. Lot und seine Familie sind gerettet, nur seine Frau nicht, denn sie dreht sich um, schaut auf die sterbenden Städte und - erstarrt zur Salzsäule.
Warum erzähle ich das an einem frühen Donnerstagmorgen? Weil mich diese Geschichte beschäftigt. Weil sie, so weit weg und so abenteuerlich sie auch ist, überraschend alltagsfähig ist.
Zum Beispiel, wenn ich mich frage, warum sich Lots Frau umgedreht hat. Warum sie zur Salzsäule erstarrt. Als Kind habe ich das immer als Strafe für Neugier oder vielleicht für Sensationslust gesehen oder es wurde mir so vermittelt.
Mit zunehmendem Alter habe ich andere Erklärungsmöglichkeiten entdeckt. Zum Beispiel, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt auf Trennungen, Schicksalsschläge oder Katastrophen zu reagieren:
Zurück schauen und nach vorn schauen. Zurückschauen ist wichtig, um zu lernen, um Dinge zu verarbeiten, sie zu bewältigen. Mann kann sich aber auch festbeißen an der Vergangenheit. Nicht mehr fähig sein sich von den Schrecknissen zu lösen und eben zur Salzsäule erstarren, handlungsunfähig und leblos werden.
Man kann aber auch nach vorn schauen, nur nach vorn schauen, aus Angst, Flucht oder Verdrängung. Dann ist man zwar äußerlich weg von der schrecklichen Erfahrung, aber innerlich nicht frei davon.
Und man kann schließlich auch nach vorn schauen, wenn man genügend zurück geschaut hat. Wenn die früheren Schrecken oder Verletzungen angeschaut, verarbeitet oder bewältigt wurden. Dann, aber erst dann kann man richtig nach vorn schauen und ist frei, wirklich frei.

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