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SWR1 Begegnungen

08MAI2022
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Annette Frier Copyright: Mathias Bothor

Die Schauspielerin und Komikerin Annette Frier ist vor allem für ihre humorvollen Rollen bekannt. Und auch unsere Begegnung ist ein Feuerwerk an guter Laune. Und das obwohl wir auch über viele ernste Themen sprechen. Denn ich will mit Annette Frier über ihre ZDF-Dokumentation „Unvergesslich“ reden. Da hat sie einen Chor für Menschen mit Demenz und deren Angehörige begleitet – und nimmt dem Thema Demenz mit ihrer lebensbejahenden und heiteren Art die Schwere, ohne es zu verharmlosen oder zu romantisieren. Denn sie weiß: Die Diagnose ist knallhart. Annette Frier erzählt mir, dass sie vor dieser Aufgabe großen Respekt hatte, weil sie unbedingt wollte, dass die Menschen im Fernsehen würdevoll gezeigt werden:                       

Die Maxime, die wir darüber gestellt haben, dass diese Würde immer, immer, immer davor steht. Und da haben sich alle dran gehalten. Was ich mir immer vorgenommen habe: Wenn du dahin gehst, bist du da! Du nimmst die Menschen wahr und auf und stellst dich komplett zur Verfügung und das muss reichen. Keine Ahnung haben und trotzdem umgehen müssen mit so einer Situation - das war das Experiment und davor hatte ich Schiss und dem hab ich mich aber dann auch gestellt.

Und Annette Frier fühlt sich für diesen Mut bis heute reich beschenkt. Der Chor probt weiter und sie ist regelmäßig bei den Proben mit dabei.                                                            

Da sind Freundschaften entstanden. Und wenn ich da reinkomme in diesen Raum, also wirklich: schon bei der Begrüßung fängt man schon fast an zu heulen  – vor Freude! Vor Freude!

Gemeinsam singen trotz Demenz- das funktioniert, weil der Bereich des Gehirns, der für alte Erinnerungen wie Lieder oder Gedichte zuständig ist, in der Regel kaum betroffen ist. Sich nicht einzusperren, sondern den Austausch mit anderen Betroffenen zu suchen - das ist vor allem auch für die Seelen der pflegenden Angehörigen immens wichtig:

Der Ehemann, die Ehefrau, die Schwester, die Tante, der Sohn die Tochter: und es sind immer Angehörige, deren Leben ändert sich ebenfalls von heute auf morgen komplett. Und diese Hilfe mit so einem Chor geht natürlich mindestens zu 50% an die Angehörigen. Was machen wir Samstag? Ah, wir haben was vor! Was machen wir denn Sonntagmorgen wenn der Kaffee ausgetrunken ist und das Frühstück fertig ist? Ah, wir proben! Wir singen das Lied nochmal zusammen, das ist keine Überforderung, und wenn man den Text nicht weiß, wird gesummt.

Egal, denn wichtig ist: Sie erleben sich als Teil einer Gemeinschaft, sind nicht länger isoliert. Das Projekt hat in Annette Frier auch noch mal die Frage nach dem Sinn des Lebens wachgerufen:

Da hab ich so viele Sachen geschnallt über das Leben: dass es nicht darum geht immer besser zu werden und immer toller und wir sind beruflich noch erfolgreicher geworden und so... interessiert am Ende des Tages-  das wirst du als Seelsorger wissen - keine Sau! Was interessiert ist: Wie haben wir unsere Zeit verbracht, wie – haben wir was gemeinsam erlebt oder nicht. 

Ich spreche mit der Schauspielerin Annette Frier. In der ZDF-Doku „Unvergesslich“ hat sie einen Chor für Menschen mit Demenz und deren Angehörige begleitet. Eine der Sängerinnen, Rita, hat sie bei den Dreharbeiten sehr beeindruckt, weil sie mit ihr über den Glauben an Gott gesprochen hat:

Wir saßen in dieser Kapelle und der Hans, ihr Mann, hat Orgel gespielt und das war alles sehr ergreifend und ganz schön und ganz warm und wir haben da so Hand gehalten. Und dann hab ich zu ihr gesagt: „Hast du Angst vorm Tod?“ Und dann hat die mich angeguckt und es kam aus der Pistole geschossen: „Nein, gar nicht“. Das war so authentisch, ich hab ihr jedes Wort geglaubt und ich hab sie bewundert für diese Stärke. Und fand da auch wirklich noch mal die Kraft von Glauben in Krise. Die ist mir da noch mal sehr eindrücklich bewusst geworden  

Auch Annette Frier glaubt an ein Leben nach dem Tod. Und hat, wie ich finde, ein wunderschönes Bild dafür gefunden: Der Tod als eine Station, als Haltestelle, an der man aussteigt, und danach wieder einsteigt, weil es irgendwie weitergeht:

Dieses Visualisieren vom Tod als Haltstelle, das gefällt mir! Das ist irgendwie auch tröstlich.

Und die 48-Jährige glaubt daran, dass es Gott gibt. Dass das viel wahrscheinlicher ist als eine Welt ohne Gott.  Ich will von ihr wissen: Warum?                            

Gott ist für mich wie eine Art Voraussetzung, dass wir überhaupt auf die Welt gekommen sind, dass wir überhaupt hier sind, dass wir leben. Wenn man das einfach mal so zulässt, die Selbstverständlichkeiten der Dinge noch mal wie ein Wunder zu sehen. Und ich glaub ja auch: Jemand der nicht an Gott glaubt, hat ja auch mit Gott zu tun. Das heißt: irgendwas ist da, also irgendwas ist da – das ist wie mit Familie: du kannst das verneinen, du kannst dich davon abwenden, aber trotzdem bleibt das deine Familie. Und das meine ich damit: Alles was zwischen Himmel und Erde ist, ist so offensichtlich mehr als wir und als das, was wir vermeintlich wissen. 

Besonders faszinierend aber auch herausfordernd sind für sie Jesu Worte in der Bergpredigt:  

Feindesliebe, sagen wir mal so, ist auf der Liste der Dinge, die ich noch lernen muss ziemlich weit oben. Wer das kann, hat meine uneingeschränkte Bewunderung. Das Gebot der Nächstenliebe, die Idee davon, bleibt stark- und um die muss es eigentlich in erster Linie gehen.

Es geht Annette Frier um die Menschen: Aktuell engagiert sie sich auch für die Betroffenen der Flut. Nachdem die Kölnerin das Ausmaß der Katastrophe unweit ihrer Haustür selbst gesehen hatte, rief sie die Aktion „Bis es wieder hell wird“ ins Leben. Und macht nun regelmäßig Kulturveranstaltungen vor Ort in betroffenen Gemeinden. Das nächste Mal am 14.Mai bei Schleiden in der Eifel. Warum sind kulturelle Veranstaltungen hier wichtig?

Es kommt  wirklich unmittelbar nach der Suppe, kommt das. Kultur ist für mich Begegnung und dass die stattfindet, das ist elementar in der Gesellschaft.

Und auch elementar für die Schauspielerin Annette Frier? 

100% ! Ich würde sogar mittlerweile sagen: Was ist es, was mich auch in diesen Beruf treibt? Und es ist wirklich Begegnung. Das ist am Ende des Tages das, von dem ich glaube: Darum geht es.

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