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SWR4 Sonntagsgedanken

14AUG2022
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Ob er dort oben auch Gott gesehen habe. Das wird der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin, der kurz zuvor als erster Mensch ins Weltall geflogen ist, nach seiner Rückkehr zur Erde gefragt. Nein, antwortet Gagarin. „Ich war im Weltall, aber Gott bin ich dort nicht begegnet.“ So wird es von der sowjetischen Staatspropaganda kolportiert. Der Satz ist in die Geschichte eingegangen. Gott ist nicht da oben. Dort ist vor allem eine endlose, lebensfeindliche Leere.

Die kleine Episode liegt mehr als 60 Jahre zurück. Ich musste an sie denken bei dem Fest, das die katholische Kirche morgen feiert. Mariä Himmelfahrt, oder wie es korrekt heißt: Mariä Aufnahme in den Himmel. Schaut man sich nämlich Gemälde an, die das Ereignis darstellen sollen, dann findet sich darauf fast immer eine gut gekleidete Frau, die unter den andächtigen Blicken der Umstehenden sanft nach oben entschwebt. Den Wolken entgegen. In den Himmel. Oder dahin, wo man ihn sich gemeinhin vorstellt. Ein nettes Bild, das trotzdem irritiert.

Aufnahme in den Himmel, oder schlicht und einfach „Himmelfahrt“ meint ja, dass da ein Mensch nach dem Ende seines Lebens auf der Erde zu Gott kommt. Das erhoffe ich mir als Christ aber nicht nur für Maria, die Mutter von Jesus. Das hoffe ich für alle, die ich gekannt und geliebt habe und die schon gestorben sind. Und natürlich hoffe ich darauf auch selbst, wenn mein Leben hier mal irgendwann zu Ende geht. Dass auch mich dann ein neues Leben bei Gott erwartet. Eines, das sicher ganz anders sein wird als das jetzige. Nur was macht es dann bei Maria so besonders?

Es war im Jahr 1950, als der damalige Papst feierlich ein Dogma verkündete. Etwas also, dass für katholische Christinnen und Christen nun verbindlich zu glauben ist. Papst Pius XII. legte damals nämlich fest, dass Maria, die Mutter Jesu mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden sei. Fromme Legenden gab es darüber schon länger. Dass ihr Grab leer gewesen sei. Dass an dem Ort, wo man ihren Leichnam hingelegt hatte, nur noch ein duftendes Blütenmeer gewesen wäre. Dass Gott also, vereinfacht gesagt, den ganzen Menschen Maria mit Seele und Leib von der Erde weg zu sich geholt habe – wie auch immer das passiert sein soll.  Aber kann ich das wirklich glauben? Will ich das überhaupt glauben? Ändert das grundlegend etwas an meiner Sicht auf Maria, von der wir gesichert gar nicht viel wissen? Oder haben sich fromme Seelen da etwas Schräges ausgedacht, um Maria besonders herauszuheben? Fest steht: Maria befindet sich damit in prominenter Gesellschaft.

Ein Mensch, der sozusagen mit Leib und Seele direkt in den Himmel aufgenommen wird. Diese Vorstellung gab es schon, bevor der Papst es für Maria zum Dogma gemacht hat. Da gibt es im Alten Testament zum Beispiel die dramatische Geschichte vom Propheten Elija. Vor den entsetzen Blicken seines Schülers Elischa nimmt ihn ein feuriger Wagen auf, so heißt es da, und bringt ihn direkt in den Himmel. Elischa bleibt allein zurück. Den Mantel, der Elija entfallen war, hält er noch in seinen Händen. Und von Jesus erzählt die Bibel, eine Wolke habe ihn nach seiner Auferstehung aufgenommen und den Blicken der Freunde entzogen. Es sind also die ganz großen Gestalten des Glaubens, denen diese vermeintliche Ehre zuteil wird, kein Grab mehr hier auf Erden zu haben. Aber muss ich das als katholischer Christ wirklich genau so glauben?

Vielleicht sind ja gerade die plastischen Darstellungen dieser Geschichten das Problem. Das Kopfkino, das dann unweigerlich einsetzt. All die kunstvollen Gemälde, die solche Geschichten so anschaulich und in Farbe illustrieren. Dabei wollen die Geschichten gar keine physischen Vorgänge beschreiben. Weil sie Glaubensgeschichten sind, die nur aus dem Glauben heraus verständlich werden. Und da ergeben sie Sinn. Jesus und mit ihm seine Mutter Maria werden darin quasi zu Prototypen gläubiger Menschen. Zu Vorbildern, die ihr Leben ganz und gar im Sinne Gottes gelebt haben. Die Gott schon zu Lebzeiten so nahe waren, wie niemand sonst. So ein Mensch, und das verstehe ich aus der Geschichte von der Himmelfahrt, braucht am Ende seines Lebens keine Läuterung mehr. Keinen Rückblick auf das eigene Leben und das, was da vielleicht nicht so doll gelaufen ist. Weil da nichts ist, wo dieser Mensch unter seinen Möglichkeiten geblieben wäre. Wo am Ende des Lebens vielleicht doch noch „Rechnungen“ offen geblieben sind. Etwas, das ich von mir so sicher nicht sagen kann. Und auch von keinem anderen, den ich kenne. Und weil Menschen wie Jesus und Maria offenbar so ganz und gar in Gottes Sinn gelebt haben, darum sind sie auch schon vollendet. Zu Lebzeiten. Ganz bei Gott. Das ist es wohl, was mir die Geschichte von der Himmelfahrt eigentlich erzählen will.

Wenn ich die Geschichte aber so lese, dann muss der Himmel auch nicht oben sein. Dann kann er überall sein. Als Bild, als Chiffre für Gott. Der Kosmonaut Juri Gagarin, der angeblich ein gläubiger Christ war, soll seinen berühmten Satz übrigens in Wahrheit nie gesagt haben. Er wurde ihm in den Mund gelegt. Zu Freunden soll er vielmehr gemeint haben: „Ein Astronaut kann nicht ins All fliegen und Gott nicht schon in seinem Kopf und in seinem Herzen haben!“

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