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SWR4 Sonntagsgedanken

04DEZ2022
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Ich bin vor einigen Tagen aus Israel zurückgekommen, wo ich eine Pilgergruppe begleiten durfte. Auf unserem Programm stand natürlich auch ein Besuch an der sogenannten Klagemauer, das ist für die Juden das wichtigste Heiligtum. Die gewaltigen Steine dieser Mauer sind die Überreste des zerstörten Tempels. Für die gläubigen Juden bedeuten sie die Gegenwart Gottes. Hier ist er ansprechbar wie nirgends sonst, hier können sie klagen und jubeln, singen und tanzen. Ich finde, es ist ein Ort ganz großer Sehnsucht. Die einen legen ihren Kopf fast zärtlich an die Steine, andere schieben einen kleinen Zettel mit ihren Anliegen zwischen die Steine. Wieder andere beten offensichtlich mehr mit ihrem Körper als mit Worten und bewegen sich rhythmisch hin und her.

Wir sind gemeinsam mit sehr vielen Menschen an der Mauer gewesen: junge und alte, fromme und weniger fromme, gläubige und zweifelnde. Platz gibt es dort für alle. Ausgeschlossen wir keiner, auch nicht die sogenannten Goijm, das sind die Nichtjuden.

Hier habe ich gespürt: Bei Gott gibt es keine Einlassbedingungen, keine Türsteher, die aussortieren. Freier Eintritt für jeden! Ich bin dann auch an die uralte Mauer herangetreten und hatte trotz aller Fremdheit das Gefühl, dass wir betenden Menschen zusammengehören. Mag jeder Gott mit einem anderen Namen ansprechen oder um einen passenden Namen für ihn ringen, uns verbindet die Sehnsucht oder das Heimweh nach einer Welt, in der es gerecht und friedlich zugeht, in der endlich die Waffen schweigen und die Flüchtlinge eine Heimat finden.

An dieser Mauer empfinden die Juden eine besondere Nähe zu Gott und spüren doch gleichzeitig, wie fern und unnahbar er sein kann. Die Betenden wissen, dass sie noch nicht ganz daheim sind und diese Welt alles andere ist als das Paradies, das doch alle irgendwie in ihrem Herzen suchen. Nein, gerade vor der Klagemauer zeigt sich das Heimweh, das über dieser heiligen Stätte deutlich zu spüren ist.

Viele Texte und Lieder aus dem ersten Teil unserer Bibel, dem sogenannten Alten Testament, sind geprägt von einem ganz tiefen Heimweh. Die Menschen leiden und spüren, wie sehr das Leben gefährdet und bedroht ist. Die Bibel verschweigt weder die Kriege und Gewalttaten, die Krankheiten und Katastrophen noch alle menschlichen Niederträchtigkeiten, die es gibt. Und gleichzeitig durchzieht alle Texte eine unstillbare Hoffnung. Im Bild gesprochen: dass die Wüste zu blühen beginnt.

Das ist für mich Advent. Menschen sehnen sich nach Erlösung. Dass die Welt nicht bleibt, wie sie ist, sondern wirklich zur Heimat für alle werden kann. „Das ist doch Utopie“ werden jetzt mache denken. Mag sein, aber ohne solche Hoffnungsbilder bleibt alles beim Alten.

Am heutigen 2. Adventssonntag wird in den Gottesdiensten einer dieser utopischen Texte gelesen, er stammt von dem Propheten Jesaja, geschrieben als das Volk Israel in einer extremen Notlage war. Er lautet: “Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn“.

Jetzt gilt nicht mehr das Recht des Stärkeren, jetzt können die unterschiedlichsten Menschen miteinander leben, keiner wird mehr betrogen oder missbraucht und überall gilt die Ordnung Gottes, die er zum Wohl von allen Menschen geschaffen hat. Jesaja ist zutiefst überzeugt, dass sich die Zustände in der Welt ändern werden, dass es keinen Grund gibt, zu resignieren. Er schreibt und hofft gegen die scheinbar unverrückbaren Verhältnisse. Und er macht den Menschen Mut.

Das ist für mich Advent: dass wir die Sehnsucht nach Gottes gerechter Welt nicht aufgeben und uns nicht mit den Verhältnissen arrangieren. Dass wir uns den Mund, die Ohren und die Augen nicht zuzuhalten. Advent ist die Zeit, in der wir besonders wach sein können und bewusst sehen, woran Menschen leiden und sterben.

Das ist für mich Advent. Dass wir in den Liedern und Texten unser Heimweh nach Gottes Welt ausdrücken und immer wieder sehnsuchtsvoll beten und singen „O komm, du Heiland aller Welt!“

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