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24JUL2024
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Wir hatten Glück gehabt bei unserem Kurzurlaub am Bodensee über Pfingsten. Bevor der große Regen und das Hochwasser kamen. Ein Programmpunkt: Besuch des Museums in Konstanz. Sonderausstellung berühmter alter Handschriften aus den Werkstätten der Klosterinsel Reichenau. Zugegeben, etwas speziell, deshalb ging meine Frau in der Zeit auch lieber shoppen. Ich jedenfalls schaute mir uralte Bücher an. Unter anderem ein Buch, über 1000 Jahre alt, mit Texten aus der Bibel  und berühmt wegen seiner vielen tollen Bilder aus dem Leben Jesu. Eines der Bilder zeigt ein kleines Boot, es erinnert wirklich an die sprichwörtliche Nussschale. Darin sitzen die Jünger Jesu. Die Wellen schlagen hoch. Die Lage ist verzweifelt. Doch Jesus geht übers Wasser, greift den Petrus an der Hand und rettet die gesamte Mannschaft. Ein Wunder. Und jeder weiß: alles ist gut! Wenn man nur seine Hand nach dem Herrn ausstreckt. Er wird sie ergreifen, egal wo dir das Wasser steht. Ganz schön naiv, mag man da heute denken. Und das ist ja auch so. Was mögen die Leute sagen, denen aktuell wirklich die Brühe im Haus steht und die nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Da hilft keine Wundergeschichte aus der Bibel. Da muss man erbarmungslos selbst anpacken, ist auf die konkrete Hilfe von Feuerwehr, THW und die Solidarität der Nachbarn und Freunde angewiesen. Und oft genug wirken die ja auch kleine Wunder, mitten im stürmischen Alltag. Was das Bild aus der Bibel betrifft: vielleicht kann es trotzdem eine Hilfe sein. Ich stelle mir das so vor: die Freunde Jesu damals waren verzweifelt und fühlten sich allein gelassen.  Ohne ihren Anführer, Jesus, der nicht mehr bei ihnen war. Und dann hören sie irgendwie tief in ihrem Innern seine Stimme. „Habt ihr noch immer keinen Glauben? Ich bin doch trotzdem bei euch.“ Und mit neuer Kraft greifen sie in die Ruder und erreichen das rettende Ufer.  Ich finde, das hat etwas sehr Tröstliches. Ich glaube jedenfalls, dass Gott seine Hand nach mir ausstreckt, so wie Jesus auf dem Bild aus der alten Handschrift. Und mit diesem Gedanken fällt mir –um im Bild zu bleiben- das alltägliche mühsame Rudern etwas leichter.

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23JUL2024
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Ein Bekannter hat mir ein Erlebnis aus seiner Jugend erzählt. Als junger Student Anfang der 50er Jahre ist er mit einem Freund zu Fuß unterwegs in Frankreich. Sie wollen nach Paris. Damals nicht ohne. Denn seit dem 2. Weltkrieg sind noch nicht viele Jahre vergangen. Auf der Landstraße fährt ein großer PKW an ihnen vorbei. Einige Meter vor ihnen bremst er, bleibt stehen und ein  Chauffeur mit Mütze steigt aus.  Wo sie denn hin wollten und ob sie ein Stück mitfahren wollten. Gerne steigen die beiden ein. Im Fond sitzt ein älterer Herr mit Brille. Um ihn herum liegen Akten. Die räumt er beiseite. Er grüßt  freundlich, fragt die beiden nach ihren Namen und wo sie herkommen.  Er interessiert sich für die Lage in Deutschland, wie junge Menschen dort leben und denken. Irgendwann fällt bei den beiden Jungs der Groschen. Sie sitzen zusammen mit dem französischen Außenminister im Auto, Robert Schuman. Der ist bis heute einer der ganz großen Europäer der Nachkriegsgeschichte. Und ein tief gläubiger Christ. Von ihm kam die Idee, Frankreich und Deutschland wirtschaftlich so zu verzahnen, dass ein Krieg zwischen diesen beiden Nationen praktisch unmöglich werden sollte. Dazu gehörte auch die Bereitschaft, Deutschland nach dem Krieg nicht mit eiserner Faust zu beherrschen sondern sich mit dem neuen deutschen  Staat zu versöhnen.  Was daraus wurde, hat Geschichte geschrieben. Die Europäische Union. Die hat es geschafft, 77 Jahre lang, bis 2022 Frieden in Europa zu bewahren. Das hat es nie vorher gegeben. Daran kann man nicht oft genug erinnern. Was hätte Schuman wohl gesagt zum Krieg gegen die Ukraine?  Wie würde er über die aktuellen französischen Parlamentswahlen denken? Gäbe es heute überall auf der Welt Politiker wie ihn, dann  sähe es ganz sicher friedlicher aus. Dann würden Hände ausgestreckt und nicht mit der Faust gedroht. Dann würde ernsthaft zugehört statt populistische Parolen gegrölt.  Als Robert Schuman 1950 seinen Plan einer wirtschaftlichen Union mit Deutschland auf Augenhöhe öffentlich macht, fragt ein Journalist: „Herr Minister, ist das nicht ein Sprung ins Ungewisse?“. Und Schuman antwortet: „ Ja, schon. Aber den müssen wir machen“.  Solche Politiker wünsche ich mir heute. Menschen, die die Hand ausstrecken und nicht die Faust ballen.

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22JUL2024
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Seit einiger Zeit sehe ich meine Umgebung mit anderen Augen. Das heißt, sie sieht auf einmal ganz neu aus. Ungewohnt anders. Ich gehe nämlich mehr zu Fuß.  Z.B rausche ich jetzt nicht mehr im Auto links an der Schrebergartenanlage am Ortsrand vorbei. Jetzt spaziere ich rechts über den Wanderweg, auf der einen Seite die liebevoll angelegten Kleingärten, auf der anderen fließt ein Bach. Am Ufer stehen Bäume. Einer ist vor einiger Zeit in den Bach gerutscht. Arbeiter der Stadt  haben den Stamm abgesägt, aber der Stumpf steht noch schräg hoch aus dem Wasser. Er gehört zum Revier eines Entenpaares. Und weil genau an dieser Stelle am Ufer eine Bank steht, habe ich mir angewöhnt, morgens bei meiner Walking-Tour dort Halt zu machen. Ich sitze also ruhig da und beobachte die beiden. Er sitzt oben auf dem Baumstumpf  über dem Wasser und sonnt sich.  Sie sitzt an der Uferböschung und schaut rüber. Er putzt sich das Gefieder, schlägt mit den Flügeln. Ihr gefällt das wohl, sie beschließt: schwimm doch mal rüber. Sie watschelt ins Wasser, schwimmt los und nimmt dann erst mal ein Bad. Sie taucht ein ums andere Mal mit dem Kopf unter, schüttelt sich dann, putzt die Federn, schnäbelt ausgiebig an sich rum. Hätte sie einen Spiegel, sie würde sicher reinschauen um das Ergebnis zu betrachten.  Dann hüpft sie zu ihrem Partner auf den Baumstumpf. Begrüßung, Küsschen links und rechts –so wirkt es jedenfalls auf mich-  dann sucht sie sich ein  gemütliches Plätzchen in der Sonne.  Und ich sitze am Ufer und genieße dieses kleine Schauspiel. Schön, dass man die Welt um sich herum auch mal in aller Ruhe und mit Interesse an den kleinen Dingen sehen kann.  Ich jedenfalls brauche diese stillen Momente von heiler Welt und Natur, um mit dem Rest des Tages klar zu kommen.  Mit all den anderen Bildern und Eindrücken, die auf mich einprasseln und die ziemlich oft weit weniger friedlich sind.  Und ich schicke ein kleines Gebet zum Himmel: Danke Gott, dass du durch ein einfaches Entenpärchen so viel bei mir bewirken kannst.

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20JUL2024
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Der Junge hüpft mit Gummistiefeln in eine Pfütze. Hüpft und hüpft. Und lacht. Am Vormittag hatte es doll geregnet und nun weiß der Junge fast nicht, welche Pfütze er zuerst nehmen soll.

Eine Frau kommt vom Friedhof. Sie geht durch das Tor, es quietscht, der Junge schaut rüber zu ihr. Vorhin war sie mit dem Schirm durch den Regen gekommen. Das Wetter war ihr grad recht gewesen, um auf den Friedhof zu gehen. „In mir drinnen regnet es eh seit Wochen“, hat sie gedacht. Und so begegnet sie wenigstens nicht so vielen Leuten.

Jetzt geht sie auf den Jungen zu, der zu einem letzten Hüpfer in die Pfütze ansetzt. Die Frau will ausweichen, gleich wird’s platschen. Sie zögert. Und mit einem Mal tritt sie ganz fest mit dem Fuß in die Pfütze. Es spritzt, sie spürt das Wasser an der Strumpfhose. Es ist kühl. Ein eigentümlich erfrischendes Gefühl.

Sie tritt nochmal in die Pfütze, sie stampft jetzt richtig auf. Der Asphalt ist hart unter ihren Sohlen, tut fast weh. Sie spürt ihre Wut. Wie kann das hier sein? Musste das sein? Sie stampft und stampft, Tränen laufen ihr übers Gesicht. Schuhe, Strümpfe, Beine, Wangen, Gesicht, alles ist nass.

Der Junge steht noch da. Er ist ganz still in seinen gestreiften Gummistiefeln und guckt die Frau an. Langsam und vorsichtig geht er jetzt weg und macht einen Bogen um die Frau und um die Pfütze. Die Pfütze gehört jetzt ihr.

Alles hat seine Zeit, so hat in der Bibel eine gedichtet. Sie kannte das Leben wie wir. Und war überzeugt: Das Leben ist nicht einfach lose Abfolge: Hüpfende Kinder und irgendwann sind sie groß. Trauer hat ihre Zeit und irgendwann ist sie wieder gut. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Jedenfalls nicht immer.

Die Sommerpfützen sind übrig vom Regen. Und zum Glück hüpfen auch Erwachsene manchmal rein. Wir wissen noch, wie’s geht. Nur die gestreiften Gummistiefel passen nicht mehr. Alles hat seine Zeit.

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19JUL2024
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Es gibt ja so Sachen, die machen gute Laune, einfach, weil es sie gibt. Eine besondere Fähre auf der Insel Rügen ist für mich so eine Sache. Keine Autofähre, viel kleiner. Ruderfähre steht auf dem Schild.

Der Schiffer fährt Urlauberinnen und Urlauber mit dieser Fähre über einen kleinen Arm der Ostsee. Holzstege an den Anlegestellen, daneben stehen überdachte Bänke, falls die Leute auf die Fähre warten müssen.

Früher ist der Schiffer gerudert, das sieht man seinen Armen an. Jetzt fährt er mit einem Außenbordmotor und sitzt dafür ganz hinten im Boot. Vor ihm etwa 10 Leute mit Fahrrädern. Früher hat er angepackt und zuerst die Räder ins Boot gehoben, dann aufgepasst, dass die Passagiere nicht stolpern. Jetzt hieven die Leute die Räder selbst rein.

„Das kannste selbst machen, bist jünger als ich!“, sagt der Schiffer zu den Männern, die jünger sind. Und er sagt es auch zu denen in seinem Alter. Und zu den Frauen sagt er: „Früher war’s mir eine Ehre, dir den Arm zu reichen beim Einsteigen, heut bin ich keine sichere Bank mehr. Halt dich gut fest hier!“ Er spricht mit tiefer Stimme, bisschen verschmitzt, bei manchen auch frech. Auf eine Art, die man ihm nicht übel nehmen kann.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich auf Rügen im Urlaub war. An die Ruderfähre und ihren Schiffer erinnere ich mich immer noch. Die beiden wirkten ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig sind sie für mich Bild dafür, wie sehr wir Spuren im Leben von anderen hinterlassen, wenn wir etwas mit Kraft und vor allem mit Herz und Leidenschaft tun. Ein bisschen verschmitzt, auch dann, wenn die Kraft nachlässt.

Alles hat seine Zeit. So hat einer in der Bibel gedichtet. So weise ist das. Wir müssen nicht unbegrenzt strotzen vor Kraft. Auch Fahrräder-nicht-mehr-Heben-können hat seine Zeit. Wir fallen nicht gleich aus der Zeit, wenn wir nicht mehr können, was früher ganz normal war.

„Mach mal die Leinen los, volle Kraft voraus!“, ruft der Schiffer für die Urlauber lachend. Und vielleicht meint er das auch ernst mit der Kraft.

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18JUL2024
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Der Mann steht da und spielt Akkordeon. Mitten in den Dünen auf der Insel Langeoog. Herbert heißt er und er macht das jeden Sommer. Für die Einheimischen und noch mehr für die Touristen. Die sollen nicht nur zuhören, sondern mitsingen. Deshalb hat Herbert immer einen Korb mit Liederbüchern dabei. Im Singen sind dann alle Urlauberinnen und Urlauber Nordlichter. Sie singen Lieder von Nordseewellen, die an den Strand trekken. Oder genauer: An den S-trand trekken.

Bei gutem Wetter sitzen richtig viele Leute da in den Dünen, auf mitgebrachten Hockern und auf Decken. Da sind Leute, die zu Hause immer donnerstags im Chor singen. Und andere, die immer sagen: Ach, Singen konnt‘ ich noch nie.

Es ist Sommer und Urlaub. Und da machen wir Sachen, die wir sonst vielleicht nie machen. Oder selten. Und wenn wir dann heimfahren aus dem Urlaub, dann versuchen wir etwas mitzunehmen davon, Rotwein aus Frankreich zum Beispiel und diesen besonderen Käse, Vla aus Holland, echten Ostfriesentee oder – vom Dünensingen - das Langeooger Liederbuch.

Zu Hause singe ich eher selten „Wo sie Nordseewellen trekken an den S-trand“. Nicht nur weil das Akkordeon und die Dünen fehlen. Es gehört eben zum Urlaub, nicht zum Alltag. Vla schmeckt zu Hause nicht wie in Holland und auch beim Käse kommt’s mir so vor, als sei er in Frankreich aromatischer gewesen.

Ich finde es eine liebenswerte Eigenschaft, dass wir versuchen, das zu bewahren, was uns einen Sommer lang der Geschmack von Erholung war.

Alles hat seine Zeit, sagt einer in der Bibel. Klingt wie ein altkluges Fazit: Ja, weißt du doch, alles hat ein Ende… Aber dieser weise Mensch in der Bibel wollte uns gerade daran erinnern: Leben ist nicht einfach eine lose Abfolge aus Singen und Nicht-Mehr-Singen, Urlaub und Alltag. Wir klugen Menschen, wir wissen doch, dass wir zu Hause keine Lieder von Nordseewellen singen. Aber manchmal summen wir sie doch, leise. Dann, wenn wir das im Alltag grad sehr brauchen.

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17JUL2024
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Im Sommer bin ich immer gerne am Wasser. Ob am Meer oder an einem klaren Fluss, ob im Freibad oder einfach am kleinen Planschbecken im Garten oder auf dem Balkon. Wasser ist immer erfrischend und belebend, es tut einfach gut.

Egal, ob man ganz eintaucht oder nur ein bisschen mit den Zehen darin herumplätschert: Frisches Wasser kann für einen Moment alles wegspülen:

Die Hitze, die mir zu schaffen macht, die Anstrengung und Erschöpfung, den Schweiß und den Dreck des Alltags, die schweren Gedanken. Und ganz egal, ob ich mich im Meer in die Wellen stürze oder bloß meine Füße im Planschbecken bade:

Im Wasser fällt es mir immer leichter, mal kurz nicht mehr so „erwachsen“ zu sein. Jesus sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erfrischen.“ Ich stelle mir vor, wie das wohl wäre, wenn ich ihn besuchen würde. Und Jesus würde mir ein kleines, quietschbuntes Planschbecken hinstellen mit kaltem, klarem Wasser.

„Geh doch wenigstens mal mit den Füßen rein“, sagt er. „Was Du da alles mit Dir rumschleppst - das kannst Du mir solange geben. Ich halte das für Dich.“

Also gebe ich ihm all das, was mich belastet, kremple die Hosenbeine hoch und steige ins Planschbecken. Das kalte Wasser geht mir bis zu den Waden.

Jesus hilft mir, den ganzen Schweiß und Dreck abzuwaschen, von meinen Füßen und von meiner Seele. „Du musst gar nicht immer so erwachsen tun,“ sagt er dann zu mir und spritzt mich nass. Und ich spritze zurück – schließlich sind wir alle Kinder Gottes.

Ich komme aus dem Wasser und kann weitergehen. Vieles von dem, was ich zu tragen habe, nehme ich wieder mit. Manches hebt er für mich auf, bis ich es wieder tragen kann. Und ich gehe leichter, weil ich weiß, dass da einer ist, der es gut mit mir meint.

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16JUL2024
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Im Sommer geh ich gerne wandern in den Bergen. Wenn ich losgehe, bin ich voll motiviert: Die Sonne scheint, das Gras ist grün, der Bergbach plätschert. Einfach schön.

Je länger der Aufstieg dauert, desto öfter frage ich mich aber, warum Menschen das überhaupt freiwillig machen: Auf Berge steigen. Es ist anstrengend und schweißtreibend. Bald kommt mir der Weg länger vor als geplant. Dann werden die Beine schwer und ich frage mich, ob ich nicht einfach in die nächste Hütte einkehren sollte. Aber nein: Der Gipfel ruft.

Als ich dann oben ankomme, weiß ich wieder, warum Menschen sowas freiwillig machen. Ich sehe mich um und vergesse die Anstrengung. Mein Magen zieht sich zusammen, so überwältigend und erhaben finde ich das, was ich sehe. Der Blick weitet sich, es ist so viel Himmel da. Ringsum erhebt sich mächtig und ewig die faszinierende Berglandschaft. Ich sehe ins Tal hinunter, kann die Straßen erkennen und ganz winzig kleine Autos. Seltsam, wenn ich mir vorstelle, dass die Leute dort unten ihrem ganz normalen Alltag nachgehen, während ich hier oben so entrückt von allem bin.

In der Bibel spielen Berge oft eine besondere Rolle. Es ist da von „heiligen Bergen“ die Rede. In ihrer Nähe begegnen die Menschen Gott. Auf so einem heiligen Berg hat Gott Mose seinen Namen gesagt. Er sagte: „Mein Name ist: ‚Ich bin da.‘“

Und wenn ich oben auf dem Gipfel bin und es im Magen zieht, weil die Berge so groß sind und der Himmel so nah; weil die Menschen dort unten so weit weg sind und wir doch zueinander gehören – dann verstehe ich, warum die Menschen damals geglaubt haben, Gott wohnt vielleicht in einem solchen Berg.

Ich glaube, was ich fühle, ist so etwas wie Ehrfurcht. Ich komme mir ganz schön klein und unbedeutend vor. Ein bisschen verloren. Aber gleichzeitig bin ich glücklich, dass ich so etwas sehen und fühlen kann. Und das Glück und die Ehrfurcht werden noch mehr, wenn ich daran denke, was Mose auf dem Berg gehört hat. Dass Gott sagt: „Ich bin da.“

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15JUL2024
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Im Sommer verbringen viele Menschen gerne Zeit in ihrem Garten. Die einen mögen es dort ordentlich: Sie schneiden die Rasenkanten, zupfen Unkraut und genießen es zu sehen, wie alles wächst und gedeiht, so wie sie es sich vorgestellt haben. Die anderen sind Nutzgärtner und ziehen mit Hingabe Tomaten, Kräuter und Kartoffeln. Und das selbst gezogene Gemüse schmeckt dann ganz besonders gut.

Wieder andere mögen es, der Natur ihren Lauf zu lassen. Sie sorgen dafür, dass Wasser in der Vogeltränke ist und schneiden ab und zu die pieksenden Rosenranken zurück. Ansonsten freuen sie sich über alles, was wächst, ohne viel Arbeit zu machen.

So verschieden die Menschen das mit der Gartenarbeit auch angehen, eines merken sie alle:
Es wird schwieriger, den Garten im Sommer am Leben zu erhalten. In den letzten Jahren musste ich mir Gedanken darum machen, wann, wie oft und zu welcher Tages- oder noch besser Nachtzeit ich kostbares Wasser zum Gießen einsetze. Dieses Jahr ist es mir bisher viel zu nass, um überhaupt in den Garten zu gehen. Außerdem sind wegen des Hochwassers im Frühsommer die Schnaken wirklich eine Plage.

Alles irgendwie anders als früher, und natürlich weiß ich, woran das liegt: Die Klimakrise hat begonnen. Künftig brauche ich in meinem Garten Pflanzen, die mit langen Dürreperioden klarkommen, aber auch Starkregen überstehen.

Und die, die bereits eine Hochwasserkatastrophe erlebt haben, oder die, bei denen gar nichts mehr wächst oder die meilenweit in der Hitze laufen müssen, um an einen Eimer Wasser zu kommen – die haben ganz andere Sorgen als ihre Rasenkanten, ihre Tomatenschößlinge oder den besten Schattenplatz für ihre Liege zu finden.

Einmal wird Gott in der Bibel als Gärtner beschrieben, der abends durch seinen schönen, kühlen Garten Eden geht.

Seitdem haben wir Menschen ihm ganz schön ins Handwerk gepfuscht. Höchste Zeit, mehr für das Klima zu tun – um unsretwillen.

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13JUL2024
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Als ich noch ein Kind war, erzählte mir meine Tante oft die Geschichte von einem Kobold und einem geheimen Schatz. Ich bin im Schwarzwald großgeworden. Und manche Gegenden dort sind bis heute verwunschen und sagenumwoben. Die Geschichte meiner Tante spielte in der Nähe meines Dorfes. Für mich war diese Geschichte faszinierend, weil am Ende offenblieb, wo der Kobold seinen sagenumwobenen Schatz versteckt hatte. Mit Freunden ging ich danach auf Streifzüge durch die Wälder. Jeder Felsen oder jeder abgestorbene Baumstamm konnte auf das Versteck des Schatzes hindeuten. Und der Kobold musste auch dort irgendwo sein…

Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Wie fasziniert meine Freunde und ich von dieser Geschichte waren! Sie hat meine Fantasie angeregt. Und sie hat dazu beigetragen, dass wir tolle Abenteuer erleben konnten. Sie hat geschafft, was nur Geschichten schaffen können: wir haben die Welt um uns herum mit anderen Augen gesehen! Felsen im Wald wurden zu möglichen Verstecken für den Kobold-Schatz. Der Waldabschnitt vor uns konnte der Ort sein, an dem der Kobold heimlich lebte. Die Abdrücke – waren das vielleicht Koboldfußabdrücke? Durch diese Geschichte haben wir die Welt entdeckt. Die Geschichte hat uns ein kleines Stück ins Leben hineinbegleitet.

Heute werde ich regelrecht überschwemmt von Geschichten. Es wird viel Geld damit verdient, mir Dinge zu verkaufen, die in Geschichten verpackt sind. Manche wollen, dass ich extreme Parteien wähle oder Produkte kaufe, die ich nicht brauche. Und nicht jede Geschichte führt mich ins Leben hinein und macht mich neugierig auf die Welt und meine Mitmenschen. Ich denke, dass genau das die Bibel aber will: Geschichten erzählen, die mich ins Leben hineinführen und mich neugierig machen auf diese Welt, die immer neu entdeckt werden kann.

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