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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06AUG2022
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E = mc Quadrat. Vielleicht kennen Sie diese Formel noch aus dem Physikunterricht. Sie stammt von Albert Einstein. Der hat herausgefunden, dass Energie, e sich in Masse, m verwandeln kann, und umgekehrt. Seine Entdeckung ist ein Meilenstein der modernen Naturwissenschaft und hat die Wahrnehmung von Raum und Zeit radikal verändert. Und das nicht nur in der Theorie. Eine Umwandlung von Masse in Energie passiert zum Beispiel bei der Spaltung eines Atomkerns. Ein winziges Teilchen setzt einen gewaltigen Energieausbruch frei.

Heute vor 77 Jahren hat so eine Atombombe die japanische Stadt Hiroshima ausgelöscht und auf einen Schlag 100 000 Menschen getötet. Und trotz des katastrophalen Ausmaßes der Zerstörung wurde wenige Tage später noch eine zweite Bombe über Nagasaki abgeworfen.

Eine großartige Entdeckung hat in der angewendeten Praxis verheerende Folgen gezeigt. Keiner hat es gewagt, noch einmal eine Atombombe zu zünden. Aber jetzt wird wieder gezündelt. Zumindest mit Worten. Und es wächst die Angst, dass es in der Krise zu Eskalationen kommen könnte, wenn da einer die Beherrschung verliert. Und wieder gilt: „Die Zeit ist reif für ein Ja ohne jedes Nein zu Massenvernichtungswaffen!“

In der Heidelberger Heiliggeistkirche erinnert ein Kirchenfenster an den Abwurf der ersten Atombombe. Vor einem roten Feuerball steht in nüchternen Zahlen das Datum des heutigen Tages: 6.8.1945.  Darüber, quasi im Himmel, die Formel, die das möglich gemacht hat: e=mc Quadrat. Für immer festgehalten die Spannung zwischen der Tatsache, dass die Welt durch wundersame Gesetze zusammengehalten wird und jener anderen Tatsache, dass Menschen fähig sind, ihre Entdeckungen zum Guten oder zum Schlimmsten anzuwenden.  

Und dann stehen da noch zwei Bibelverse in diesem Kirchenfenster. Der eine beschreibt ein apokalyptisches Schreckensszenario, wie es sich in Hiroshima und Nagasaki abgespielt hat. Der andere verspricht: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“

Daran will ich mich halten, wenn die Ängste kommen.

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05AUG2022
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In dem kleinen Secondhandladen, in dem ich gerne einkaufe, steht Marilyn Monroe hinter der Kasse. Das heißt, eigentlich hängt sie dort in einer ihrer berühmten Posen und lächelt von einem schwarzweißen Plakat. Auch sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod hat ihr Bild nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Heute vor 60 Jahren, am Morgen des 5. August 1962, wurde sie nackt und tot in ihrem Bett aufgefunden, einen Telefonhörer in der Hand. Später hat sich herausgestellt, dass sie an einer Überdosis Tabletten gestorben ist, wahrscheinlich das Ergebnis eines Selbstmordversuchs. Klären lässt es sich nicht, ob sie ihrem Leben bewusst ein Ende machen wollte oder es sowieso nicht mehr in der Hand hatte, was mit ihr geschah. Sie war gerade mal 36 Jahre alt. Eine der schönsten und begehrtesten Frauen ihrer Zeit. Und eine der einsamsten.

So jedenfalls besingt es Elton John in einem Lied, das er nach ihrem Tod für sie geschrieben hat. Darin spricht er sie mit ihrem bürgerlichen Namen an und gibt ihr eine Würde zurück, die das Leben vor der Kamera ihr geraubt hat: „Goodbye, Norma Jeanne“. Und er vergleicht ihre Lebensgeschichte mit einer flackernden Kerze im Wind. Zu groß waren offensichtlich die Rollen, die sie spielen sollte auf der Leinwand und in der Öffentlichkeit, eine Projektionsfläche für Träume und Begierden von Männern wie Frauen, geliebt und gehasst, ins Scheinwerferlicht gezerrt, zu Tode gehetzt. Und eigentlich wollte sie wohl vor allem geliebt werden um ihrer selbst willen. So wie jeder Mensch.

Ernesto Cardenal, der große Dichter und katholische Priester aus Nicaragua, war nur ein Jahr älter als Norma Jeanne, hat sie aber um 58 Jahre überlebt. Er ist nicht beim Mitleid mit einer gescheiterten Hollywoodikone stehen geblieben. Er hat ein Gebet für sie geschrieben, das mich auch heute noch berührt. Es endet so:

„Der Film ist aus, doch ohne Happy End. Man fand sie tot, den Hörer in der Hand. Es war, wie wenn jemand die Nummer der einzigen Freundesstimme gewählt hat und eine Stimme vom Tonband hört, die schnarrt: Falsch verbunden!

Herr, wer es auch sei, den sie anrufen wollte und nicht erreichte (vielleicht war es auch niemand oder jemand, dessen Nummer nicht im Telefonbuch von Los Angeles steht):

Nimm du den Hörer ab!“

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04AUG2022
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Dort, wo der Rhein wieder aus dem Bodensee austritt, liegen drei kleine Inseln. Auf der größten von ihnen, der Insel Werd, finden sich Spuren menschlicher Besiedelung, die über 7000 Jahre weit bis in die Steinzeit zurückreichen.

Ich kann die Faszination für das Leben auf einer Insel gut verstehen. Denn ich mag die überschaubare Welt, die ich auf einer Insel betrete. Der begrenzte Raum vermittelt mir ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe. Anders als auf dem Festland kann ich hier den Überblick behalten. Deshalb verbringe ich meinen Urlaub gerne auf einer Insel. Und wenn ich es dann noch schaffe, mein Handy auszuschalten, ist das Inselglück perfekt.

Die Insel Werd ist für einen Urlaubsaufenthalt freilich viel zu klein. Neben der Kapelle des Heiligen Otmar, die schon im Mittelalter Pilger auf die Insel geführt hat, wohnen dort heute nur eine Handvoll Franziskanermönche. Im öffentlich zugänglichen Teil ihres Gartens haben sie ein begehbares Labyrinth angelegt, das dazu einlädt, die eigenen Lebenswege zu meditieren. Und bei meinem letzten Besuch habe ich vor dem hölzernen Steg, der auf das Inselchen führt, eine Tafel entdeckt mit dem Hinweis: „Wenn du glaubst, bete! Wenn du nicht glaubst, bewundere!“

Diesen Satz will ich mitnehmen auf meine Sommerinseln. Denn der Sommer lädt in besonderer Weise zum Staunen ein. Das Licht am Morgen, der Geruch, den die Sonne der trockenen Erde entlockt, unendliche Variationen über die Farbe Blau, das Verwischen der Grenzen zwischen drinnen und draußen. Und Zeit. Zeit, all das nicht nur im Vorübergehen zu registrieren, sondern mit allen Sinnen wahrzunehmen. Dabei ins Staunen finden. Die Welt in ihrer Schönheit und Weisheit bewundern, nicht nur abschätzen. Und vielleicht mündet das alles dann ja wie von selbst in ein Gebet:

„Wie zahlreich sind deine Werke, Herr. In Weisheit hast du sie alle gemacht. Die Erde ist voll von deinen Gütern.“

Ja, dieser Psalm, er muss wohl auf einer Sommerinsel entstanden sein.

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03AUG2022
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„Schaue vorwärts, nicht zurück. Neuer Mut ist Lebensglück.“ So steht es, neben vielen anderen Lebensweisheiten, in meinem Poesiealbum. Wenn es in biblischen Zeiten schon Poesiealben gegeben hätte, dann hätte ich diesen Vers gerne einer Frau hineingeschrieben, deren Name nicht bekannt ist. Deshalb nenne ich sie nach ihrem Mann. Frau Lot. Frau Lot hat zurückgeschaut. Und ist dabei zur Salzsäule erstarrt.

Was ist geschehen? Nach biblischem Bericht wohnen Herr und Frau Lot in Sodom und Gomorrha. Niemand weiß, wo diese Städte einmal gelegen haben. Geblieben ist von ihnen nur ihr übler Ruf. „Da geht es zu wie in Sodom und Gomorrha“, das beschreibt rechtsfreie Räume, Bandenkriminalität und sexualisierte Gewalt. Aber es leben dort eben auch Menschen, denen diese Städte trotz aller Widrigkeiten Heimat sind. So wie heutzutage viele Riesenstädte auf der ganzen Erde eine Heimat sind für ihre Bewohnerinnen. Mariupol für Anastasia. Johannesburg für Imani. Rio de Janeiro für Jasmin. Und eben Sodom für Frau Lot.

Trotz der schlimmen Zustände wäre es ihr wohl nicht eingefallen, ihre Heimat zu verlassen. Auch wenn es gefährlich war, nachts allein auf die Straße zu gehen. Auch wenn die Preise für Lebensmittel ins Unermessliche gestiegen sind. Ja, selbst wenn Gott selbst angekündigt hat, sie in Schutt und Asche zu legen. Sie will nicht gehen. Nicht um jeden Preis. Aber dann rennt sie doch ihrem Mann hinterher, flieht in allerletzter Sekunde. Nur einen Blick will sie noch werfen auf das, was sie zurückgelassen hat. Dreht sich um. Und erstarrt vor Entsetzen über das Ausmaß der Verwüstung. Heute würden wir vielleicht sagen: Sie trifft der Schlag.

„Schaue vorwärts, nicht zurück. Neuer Mut ist Lebensglück.“ Die Lehrerin, die mir diesen Satz einst ins Poesiealbum geschrieben hat, ist als Jugendliche auch aus einer brennenden Stadt geflüchtet. Und hat gelernt, dass sie sich mit aller Kraft nach vorne ausrichten muss, wenn sie nicht nur überleben, sondern wieder leben will. Ich wünsche mir, dass wir den geflüchteten Frauen, die in großer Zahl bei uns angekommen sind, helfen, in beide Richtungen zu schauen. Nach hinten, ohne zu erstarren. Nach vorn mit Mut und Zuversicht. Und dass sie ihr Lebensglück finden. In der alten oder in einer neuen Heimat.

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02AUG2022
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Ein Foto von einem Mann mit seinem Kind hat vor kurzem für heftige Diskussionen gesorgt. Auf diesem Foto ist der Politiker Anton Hofreiter mit seinem 15 Monate alten Sohn zu sehen. Und zwar bei der Arbeit! In einer Ausschusssitzung des deutschen Bundestags saß der Kleine auf Papas Schoß und fuhr mit seinem Spielzeugauto auf dem Tisch herum. Der Vater musste derweil die Sitzung leiten. Von der einen Seite kam lautstarkes Lob, weil endlich auch einmal in der Öffentlichkeit sichtbar wurde, dass Erziehung auch Männersache ist. Andere haben sich kopfschüttelnd darüber mokiert, warum ein Bundestagsabgeordneter nicht in der Lage ist, sich eine verlässliche Kinderbetreuung zu leisten. Und einige waren entsetzt, weil so ein Kind doch von der Arbeit ablenkt, nicht nur den Vater, sondern auch die anderen Arbeitswilligen.

Mir hat das Foto gefallen. Es hat mich erinnert an meine eigene Zeit als berufstätige Mutter mit einem ebenfalls berufstätigen Mann an der Seite. Der Zeitplan in dieser Lebensphase war immer ganz schön auf Kante genäht. Sobald sich nämlich irgendetwas verschoben hat, ist der ganze schöne Plan wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Und dann sind sowohl mein Mann als auch ich zu beruflichen Terminen mit Kind erschienen. An ein Ereignis erinnere ich mich dabei besonders gerne: Weil die Tagesmutter kurzfristig abgesagt hatte, habe ich meinen Sohn im Kinderwagen mit zu einem Gottesdienst ins Altenheim genommen. Solange er schlief, konnte ich dort ungestört meine Predigtgedanken zum Besten geben. Als er aber aufgewacht ist, war es um die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen geschehen. Jauchzend und herzend wendeten sich die Frauen, die zuvor eher apathisch in ihren Rollstühlen vor sich hingedämmert hatten, dem quirligen Leben in ihrer Mitte zu. Und ich habe gemerkt: Das kleine Kerlchen hat ihnen große Freude gemacht und sie vielleicht sogar näher an die Quelle des Lebens gebracht, als jedes meiner Worte es vermocht hätte.

Auch Jesus hat einmal mitten in einer wichtigen Diskussion mit seinen Jüngern ein Kind auf den Schoß genommen und es in die Mitte gestellt. Und ja, es hat abgelenkt von den drängenden Fragen, die da gerade verhandelt wurden, und darüber waren viele empört.  Aber es ist auch noch etwas andres passiert: Plötzlich hat sich nämlich ganz neu geordnet, was wichtig und was eher nebensächlich ist. Und wofür wir bei allem, was wir tun, auch arbeiten: Für die Zukunft unserer Kinder!

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01AUG2022
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Im Juni wurde wieder einmal der deutsche Filmpreis verliehen, die Lola. Bis spät in die Nacht habe ich vor dem Fernseher gehockt und mir die Verleihung der zahlreichen Preise angeschaut: fürs beste Bühnenbild, die beste Maske, für den besten Schnitt. Mir persönlich gefällt am besten die Kategorie der besten Nebenrolle. Wenn jemand seine Sache gut macht, sogar sehr gut, obwohl er nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Das bewundere ich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im richtigen Leben.

Beste Nebenrollen gibt es auch in den besten biblischen Geschichten. Zum Beispiel in dem berühmten Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da ist der Titelheld nämlich nur einer von zwei Söhnen, die in der Geschichte eine Rolle spielen. Und während er in die Welt hinauszieht, um dort sein Glück zu machen und dabei hollywoodreif scheitert, liefert die Lebensgeschichte des anderen keinen spannenden Stoff. Sie besteht nämlich in erster Linie aus der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und Pflichten und bietet nur wenig Abwechslung. Feldarbeit, Vieharbeit. Tagaus, tagein. Vielleicht mal ein kleines Feierabendglück. Als der Unglücksritter aber völlig abgebrannt wieder zuhause aufschlägt, steht er schon wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. Noch immer spielt er die Hauptrolle, und alles dreht und wendet sich um ihn. Am Abend seiner wundersamen Heimkehr steigt eine gigantische Willkommensparty, und der überglückliche Vater lässt es an nichts fehlen. Nur der ältere Bruder fehlt – der mit der Nebenrolle. Als der Vater ihn holen will, beschwert er sich bitter über sein Schattendasein und die fehlende Wertschätzung für seine jahrelange treue Arbeit. Nie hat er darum ein Gewese gemacht.  

Nun aber macht er den Mund auf! Und spricht auch für alle anderen, die mit ihrer Geschichte nie so recht im Rampenlicht stehen und doch mit ihrer Arbeit in ganz unaufgeregter Weise dafür sorgen, dass Geschichten ein gutes Ende nehmen. Denn schließlich hat der Sohn in der Nebenrolle mit seinem Durchhalten den Boden bereitet für den Wohlstand, aus dem der Vater nun schöpfen kann. Ohne ihn gäbe es kein Happy End – auch nicht für den gescheiterten Abenteurer in der Hauptrolle. Ich danke ihm für seine Ausdauer. Und für den Mut, auf seine Situation aufmerksam zu machen. Und verleihe ihm endlich eine Lola für die beste Nebenrolle.   

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