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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Schnäppchenjäger: Ja, auch ich gehöre zu dieser Spezies.  Auf dem Weg durch den Discounter suchen die Augen nicht nur die benötigten Produkte, sondern schweifen gern über den Nonfoodbereich. Was gibt es heute besonders günstig, auch wenn ich es gar nicht unbedingt brauche? Wo kann ich sparen? Allerdings schlich sich neulich ein ganz anderer Gedanke bei mir: Mache ich nicht das größte Schnäppchen, wenn ich mich mit Vergnügen begnüge! Dabei ist Genügsamkeit vielleicht gar keine spartanische Lebensweise mit verkniffenem Gesicht, sondern freier Verzicht um etwas Größeren willen?!

Jesus meinte schon: Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Für Kleinkinder ist es typisch, dass sie in einer bestimmten Phase immer wieder sagen: haben, haben, haben. Das ist beim Kleinkind verständlich. Aber häufig meinen wir noch als Erwachsene, die Lebensqualität würde gesteigert, wenn wir immer mehr haben.

Von diesem Irrtum will Jesus mich befreien : Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.

Ich muss nicht erst am Lebensende erkennen, worauf es wirklich ankommt, wovon ich eigentlich lebe. Auch das Kind merkt bald, dass Mama und Papa wichtiger sind als das Spielzeug vom Bruder. Ja, Beziehungen sind wichtiger als Besitz. Eine erfüllende Partnerschaft, gute Freunde, mit denen man Freud und Leid teilen kann, bereichern das Leben mehr als irgendwelche Besitztümer. Menschen sind wichtiger als eine Menge Dinge. Darum lohnt es sich, Beziehungen zu pflegen und sich Zeit für Menschen zu nehmen.

Nach Schnäppchen jagen, Gewinne maximieren, immer zu schauen auf das, was mir fehlt, als auf das, was ich habe, das kostet Zeit und Kraft. Zeit und Kraft, die ich gerne in das investieren möchte, was wirklich wichtig ist: tragfähige Beziehungen.

Wenn Jesus davon spricht, dass niemand davon lebt, dass er viele Güter hat, dann fordert er mich auch auf, ihm zu vertrauen. Er weiß, was wir brauchen. Aus dem Vertrauen zu Gott, aus der Beziehung zu ihm kann eine Freiheit erwachsen, die sich wirklich mit Vergnügen begnügen kann. Das bedeutet nicht, krampfhaft zu verzichten, sondern ist ein Erlebnis besonderer Freiheit.

Und wer auf diese Weise spart, verfügt über Reserven. Die können eingesetzt werden für die Hilfe anderer, für Freundschaften, für gemeinnützige Initiativen und vieles mehr. Somit ist es möglich, dass unter dem Strich alle gewinnen.

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13MAI2022
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„Am Ende wird alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, kann es noch nicht das Ende sein“. Diesen Satz vertonte der Deutsch-Rapper Casper in einem seiner Songs. „Am Ende wird alles gut“ – ist eine hoffnungsvolle, geradezu hoffnungsgeladene Aussage. Hier möchte jemand die Erlebnisse und Ereignisse seines Lebens – auch die schwierigen – positiv in sein Leben integrieren. Ein starker Optimismus kommt zur Sprache.

Dieser Satz fordert mich auch heraus, denn er ist nicht einfach zu verstehen. Ich kann ihm nicht einfach nickend zustimmen. Denn was bedeutet es, dass „am Ende alles gut werden soll“? Muss ich dann auch die schwierigsten Dinge meines Lebens „schönreden“? Oder blende ich das Unangenehme einfach aus und betrüge mich selbst?

Und was ist mit jenen, die sich genau das wünschen – „am Ende wird alles gut“ – und es ihr Leben lang nicht erleben? Was ist mit jenen, die an ihrer Hoffnung, dass „alles gut wird“ scheitern? Weil ihnen entsprechende Erfahrungen nicht zuteilwerden oder weil ihnen die seelische Stärke fehlt? Mancher Mensch erlebt: Ich bin seelisch nicht so stark, dass „am Ende alles gut wird“.

Darum weist mich dieser Satz darauf hin, dass dies eher eine Glaubenserfahrung sein könnte. Viele biblische Texte erzählen davon: Menschen, Gottvertrauende erleben schwierige Zeiten. Sie werden angefeindet, verleumdet, gehasst, unterdrückt, verfolgt – und das, obwohl sie niemanden geschädigt haben. Dennoch werden sie zu sozialen Außenseitern gemacht. Sie spüren: Von allein wird das „nie gut“. Deshalb wenden sie sich an Gott und klagen Ihm ihre Situation. David, der große israelitische König und begnadete Liederdichter drückte diese Erfahrung, dass „am Ende alles gut wurde“ so aus:  „Herr, mein Gott, da ich schrie zu dir, machtest du mich gesund“ (Ps 30,3). Das Spannende an den Psalmenliedern ist: Sie klagen Gott ihre schwierige Gegenwart. Aber sie vertrauen Gott, dass er ihre Klage hört und deshalb „am Ende alles gut wird“.

Dies Vertrauen möchte ich von diesen alten Texten immer wieder neu lernen: „Am Ende macht Gott alles gut“, denn Er hat das „letzte, gute Wort“.

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12MAI2022
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Manchmal erhält man unvermittelt und unvermutet bedrängende Mitteilungen. Manche davon können so schwer zu verdauen sein, dass man in eine Schockstarre verfällt. Oder es scheint sich der Boden unter einem zu öffnen. Dann gerät mit dieser einen Nachricht das gesamte Leben ins Wanken. Solche Mitteilungen bezeichnet man oft als „Hiobsbotschaft“.

Dies Wort bezieht sich auf eine biblische Person, die vor vielen tausend Jahren wahrlich Herausfordernd-Spannendes erleiden und erdulden musste. Hiob war eigentlich ein gemachter Mann – erfolgreich im beruflichen und familiären Leben. Doch dann wurde ihm nach und nach all das genommen, was sein Leben ausmachte. Er verlor seinen gesamten Besitz durch Diebstahl und Feuer. Dann starben all seine Kinder bei einem schrecklichen Unglück. Zuletzt wurde auch er gesundheitlich schwer krank. Eiternde, juckende Geschwüre bedeckten seinen Körper und trieben ihn fast in den Wahnsinn. Als jemand, der unter einer Neurodermitis leidet, weiß ich, wie sehr Juckreiz einen Menschen plagen kann. Hiob weiß sich nicht anders zu helfen, als sich in einen Aschehaufen zu setzen und mit einer Scherbe die Geschwüre aufzukratzen.

Trotz dieser furchtbaren Erlebnisse hielt er an seinem Glauben fest. Selbst als ihm geraten wurde, den Glauben an Gott dranzugeben, antwortet er mit dem Satz: „Wenn Gott uns Gutes schenkt, nehmen wir es gern an. Warum sollen wir dann nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen?“ Diese Dinge berichtet die Bibel in sehr knapper Form. Hiob erscheint völlig allein, auf sich gestellt.

Doch einige seiner Freunde hatten von seinem Ergehen gehört und besuchen ihn. Sie verhalten sich ebenfalls sehr ungewöhnlich, denn sie kommen – und schweigen. Eine ganze Woche sitzen sie mit Hiob zusammen und sagen kein Wort. Erst danach entspinnen sich lange Gespräche mit Klagen, Fragen und vermeintlichen Antworten. Hiob jedoch lässt sich durch ihr Nachfragen nicht verunsichern. Er ist sich keiner Schuld, keiner Vergehen bewusst. Immer wieder teilt er seinen Freunden mit, wie groß sein Gottvertrauen ist.

So ist auch der folgende Satz für mich ein herausforderndes Glaubensbekenntnis: „Das Leben gabst du mir und deine Liebe, dein Schutz bewahrte meinen Lebensgeist“ (Hiob 10,12). Ein solches Gottvertrauen gerade dann, wenn es fast unerträglich wird, fordert mich heraus und ermutigt mich sehr. Ich werde mir bewusst, dass ich mein ganzes Leben aus Gottes Hand empfange – im Guten wie im weniger Guten.

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11MAI2022
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Falls wir in den nächsten Tagen einigen Wetterkapriolen ausgesetzt sind, ist das „natürlich“. Tagsüber könnte es schon sommerlich-warm, nächtens jedoch empfindlich kühl, vielleicht sogar frostig werden. Ist dies der Fall, dann wissen wir: Uns „besuchen“ die „Eisheiligen“. Die bekanntesten von ihnen heißen Pankratius, Servatius und Bonifatius. Die Menschen früherer Zeiten lebten intensiver von und mit der Natur, der Schöpfung. Ihnen fiel auf, dass es Mitte Mai immer wieder Temperaturstürze gab. Da diese Menschen nicht nur das „Wetter“ direkter erlebten als wir, sondern auch den kirchlichen Heiligenkalender kannten, kennzeichnete man diese Tage schlicht mit eben jenen Namen. So lautet die Bauernregel an Pankratius: „Wenn’s an Pankratius gefriert, wird im Garten viel ruiniert. Ist Sankt Pankratius schön, wird guten Wein man sehn.“ Je nachdem also, wie das Wetter ist, freuen sich Gärtner, Winzer, Landwirte auf eine gute Ernte oder sie beobachten gespannt die weitere Entwicklung von Wachsen und Gedeihen.

Weil sich das Wetter an eben diesen Tagen sehr unterschiedlich zeigen kann, wurden diese kirchlichen Heiligen zu den „Eisheiligen“. Im Blick auf ihr christliches Leben waren sie weder „frostig“ noch „eisig“. Im Gegenteil: Sie lebten ihren Glauben in großer Überzeugung – und das oft schon in sehr jungen Jahren. Pankratius – sein Name bedeutet „der ganz Starke“ oder „der alles Beherrschende“ – wurde um 290 nChr in Kleinasien geboren und kam als Waisenkind zu seinem Onkel nach Rom. Dort jedoch war ihm kein langes Leben beschieden. Die Christen standen zu jener Zeit unter der strengen Beobachtung durch die weltlich-politischen Behörden und durchlitten damals einige Verfolgungen. Auch Pankratius geriet in eine solche. Er wurde um 304 nChr, mit vierzehn Jahren aufgrund seines Glaubens inhaftiert und kurze Zeit danach enthauptet.

Dieser „Eisheilige“ steht also nicht nur für besondere Wetterphänomene im Frühjahr. Vielmehr beeindruckt er mich damit, dass er schon in so jungen Jahren mit seinem christlichen Glauben ernst gemacht hat. Diesen „ganz starken“ Jugendlichen prägte sein Glaube so sehr, dass er ihn, wo immer es möglich war, bezeugte und sich auch von politischen Autoritäten nicht einschüchtern ließ. Von wegen „frostiger“ Eisheiliger – für mich kann seine Entschiedenheit zu einem echten Vorbild für mein eigenes christliches Bekenntnis in dieser Zeit werden.

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10MAI2022
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„Bin gleich da“ ist einer der Sätze, die ich am häufigsten in mein Smartphone tip­pe. „Bin gleich da“ – ich habe mich ver­spätet. Ich brauche noch ein bisschen. Nie war die Zeit knapper. Nicht nur, dass zuhause die Familie wartet. Im Büro wartet auch noch Ar­beit. Und dann ist da noch der Verein, die Kirchengemeinde, der Freundeskreis, die Eltern, die mehr und mehr Betreuung brauchen. Und wem das noch nicht reicht, der kann die Push-Mitteilungen auf seinem Smartphone aktivieren und bekommt damit stündlich die aktuellsten Nachrichten direkt aufs Handy.

Das Klagelied über mangelnde Zeit und ständige Erreichbarkeit ist nichts Neues. Die Frage ist, was macht das mit uns?

Wir werden unaufmerksamer – wenn wäh­rend eines guten Gesprächs mein Handy vibriert, bin ich sofort abgelenkt. Wir werden unentschlossener – heute sage ich gerne zu, aber wenn sich morgen etwas anderes ergibt, dann hat das vielleicht Vor­rang. Wir leben nicht den Moment, sondern ha­ben scheinbar alles zugleich im Blick. Willkommen im Informationszeitalter.

Mose, der Mann, der das Volk Israel im Auftrag Gottes aus der Sklaverei befreite, lebte lange vor dem Informationszeitalter. Vielleicht konnte er deshalb anders antworten, als Gott ihn aus einem brennenden Dornbusch heraus ansprach. (Ex 3,4) Als Mose Gottes Stimme hört, antwortet er: „Ich bin da.“ Kein „Moment, Gott, ich schreib noch kurz die Mail fertig.“ Kein „Ich bin gleich da.“ Einfach nur „Ich bin da.“ Was für eine ungewöhnliche Aussage, wo doch heute niemand mehr ist, wo er ist.

Nachdem Mose diese drei Worte gesprochen hat, bekommt er seinen großen Auftrag. Nach Ägypten gehen und ein ganzes Volk in die Freiheit führen. Diese Geschichte zeigt mir, was möglich ist, wenn wir da sind. Wenn wir uns Zeit nehmen. Es ist für mich als Seelsorger ein großes Privileg, das ich von Berufs wegen Zeit für Menschen habe. Das ich an Krankenbetten und in Altenheimen, an Geburtstagstischen und an der Kirchentüre sagen kann: Ich bin da. Immer wieder mache ich dabei die Erfahrung, dass dieser Satz Menschen tatsächlich in die Freiheit führt. Wenn sie erzählen können, was sie schon lange belastet. Wenn sie einmal loswerden können, was ihnen auf der Seele brennt. Wenn sie spüren, dass da jemand ist, der ihnen nichts verkaufen oder andrehen möchte, sondern gerne und offen zuhört. Ich weiß, dass die meisten von Ihnen dieses Privileg in ihrem Arbeitsalltag nicht haben. Aber ich möchte Ihnen Mut machen, diesen Satz doch hin und wieder zu sprechen. Zeiten und Momente zu suchen, in denen Sie da sind. Für Ihren Partner oder Ihre Partnerin, ganz ohne Smartphone in der Hand. Für Ihre Kinder, ohne in Gedanken schon im Büro zu sein. Für Ihre Freundin, ohne schon im Kopf die Einkaufsliste zu planen. Für den Kollegen, ohne nebenbei das Memo zu formulieren. Ich bin da. Dieser Satz öffnet Herzen, er schafft Nähe, gibt neue Perspektiven und er kann befreien.

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09MAI2022
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„Wenn sie jetzt schon vegetarisch isst, darf sie aber auch keine Ledertasche mehr tragen, sonst ist das nicht konsequent.“ „Wenn er jetzt schon ein E-Auto fährt, dann darf er aber auch nicht mehr in den Urlaub fliegen.“ Vielleicht kennen Sie solche Aussagen von der letzten Familienfeier oder aus der Kaffeepause bei der Arbeit. Jemand entscheidet sich, bewusster zu leben, einen Lebensbereich nachhaltiger oder neu auszurichten und gleich sind die zur Stelle, die es noch besser wissen. Dieses Phänomen ließ sich auch in der Coronazeit oft beobachten, als es plötzlich zahllose Virologinnen gab und bei der nächsten WM werden wir wieder Millionen Bundestrainer im Land haben. Es ist einfach und kostet nichts, vom Sofa im eigenen Wohnzimmer aus das Land zu regieren, Entscheidungen im Freundeskreis oder aus der Politik zu kommentieren und über die Inkompetenz oder Inkonsequenz der anderen überlegen den Kopf zu schütteln. Natürlich sind nicht alle Entscheidungen, die in der Politik, in meinem Freundeskreis, im Verein oder in der Firma getroffen werden konsequent. Und über Manches kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln. Aber ich will versuchen, nicht vorschnell zu urteilen. Laute Empörung schadet jeder Debatte. Ein bisschen Demut hingegen, hat noch selten geschadet.

In der Bibel heißt es an einer Stelle: Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. (Prediger 7,16f.)

Ich finde das klug. Denn dieser Vers richtet den Blick auf mich und lässt mich fragen: Wie konsequent bin ich in meinen Entscheidungen? Wie wohlüberlegt handle ich? Sollte ich tatsächlich spöttisch auf andere herabschauen? Ist es meine Aufgabe, das moralische Maß an andere anzulegen? Und nicht zuletzt: was ließe sich aus der Außensicht über meine Entscheidungen und Prinzipien sagen? Vielleicht sollte ich etwas vorsichtiger urteilen. Die andere Seite wäre natürlich, zu allem, was ich nicht tatsächlich besser kann oder wovon ich selbst nicht betroffen bin, zu schweigen. Vor allem die Augen zu verschließen und alles hinzunehmen. Aber das kann aus meiner Sicht auch nicht die Lösung sein. Denn so dividiert sich unsere Gesellschaft nur immer weiter auseinander. Darum finde ich den Mittelweg, den dieser Vers geht, so charmant. Gerecht sein – natürlich! Weise sein – auf jeden Fall! Dazu etwas Zurückhaltung und etwas weniger Empörungskultur. Eben nicht allzu gerecht, nicht allzu weise und nicht allzu gottlos. Ich glaube, das täte uns gut – in der Politik, in der Firma und sicher auch im Freundes- und Familienkreis.

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