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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23APR2022
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In der Petrikirche in Magdeburg hängt ein ungewöhnliches Bild. Es hat im Volksmund den Namen „Das schiefe Bild von Magdeburg“. Und das trifft es ziemlich genau. Mit Kollegen, die deutschlandweit fürs Radio und Fernsehen arbeiten, war ich vor kurzem dort. Das Bild hat keine rechten Winkel, und seine Seiten sind nicht gleich lang. Es steht an einer Seite sichtbar nach vorne ab. Und überhaupt hängt es eben schief an der Wand. Was man aber erst wahrnimmt, wenn man ganz genau hinsieht.

Das ist mit Absicht so. Klar. Der Künstler will darauf aufmerksam machen: Was wir sehen und wahrnehmen, stimmt nie ganz und gar. Ich als einzelner sehe immer nur einen Teil der Wirklichkeit. Andere sehen anderes. Was ich wahrnehme, ist abhängig von vielen Faktoren: den Menschen, mit denen ich zusammen bin; dem Ort, an dem wir uns befinden; der Zeit, in der etwas stattfindet; ob es Tag ist oder Nacht usw. Es kann sein, dass ich etwas für richtig halte, und andere halten es für falsch. Ich finde ein Thema interessant, andere langweilen sich. Mir gefällt eine Sache, anderen ganz und gar nicht. Zwei Menschen haben das Gleiche erlebt und beschreiben es ganz unterschiedlich. Wo ich Gerades sehe, nehmen andere ein Schieflage wahr. Das zu wissen entspannt. Es ist gut für uns, wenn wir nicht meinen, immer und in jeder Situation recht zu haben.

Ich finde, das schiefe Bild hängt in einer Kirche besonders passend. An einem Ort, wo es um Gott geht. Den wir nicht sehen können; und trotzdem sprechen wir von ihm. Ja, sogar mit ihm. Menschen suchen in der Kirche Halt und Orientierung in schwerer Zeit. Ganz verschiedene Menschen versuchen, mit Gott Kontakt aufzunehmen: wenn sie beten - für einen Verstorbenen, den sie vermissen; für ein Kind, das krank ist; für die Opfer des Kriegs in der Ukraine.

Gott existiert. Daran glaube ich. Aber wie er da ist, und wie er die Geschicke unserer Welt lenkt - das liegt nicht in meiner Hand. Es gibt Menschen, die das für meinen Geschmack zu genau wissen. Aber Gott ist oft anders, als ich es mir vorstelle oder wünsche. Und mein Bild von ihm ist manchmal bestimmt schief, auch wenn ich ihn mir noch so gerade vorstelle.

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22APR2022
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Ein Freund ruft mich an. Er bittet mich um ein Gespräch. Jetzt gleich. Ich bin einverstanden. Auch weil ich merke, dass etwas nicht stimmt; dass ihn etwas sehr beschäftigt. Als er da ist, bestätigt sich, was ich vermutet habe. Er trägt etwas mit sich herum, das ihm wehtut. Seit Tagen schon. Es hat auch mit mir zu tun. Er kämpft mit den Tränen. Er sagt, er sei enttäuscht von mir. Ich würde im Radio schöne Worte finden. Aber er sei so allein mit seinem Problem, und die Wunde sei tief und offen. Im Laufe des weiteren Gesprächs verstehe ich besser, worum es geht. Ich verstehe die Sachlage; das ist das eine. Er hat sich zwei Jahre lang angestrengt, mit seiner Familie gut durch die Pandemie zu kommen. Das hat sie an den Rand dessen gebracht, was sie aushalten. Jetzt bräuchte er Hilfe. Und niemand kommt von sich aus und unterstützt ihn. Auch ich nicht. Aber zwischen den Zeilen spüre ich, was noch dahintersteckt. Mein Freund ist müde und erschöpft. Er will mit aller Kraft, die er noch hat, daran festhalten, was ihm wichtig ist, was seinem Leben einen Rahmen und Halt gibt. Und er spürt immer deutlicher, dass er es nicht mehr schafft. Die Pandemie und der Krieg machen Angst. Ständig muss man überlegen, wen man treffen kann und welche Regeln jetzt gelten. Das alles ist anstrengend und viel. Und in seinem Fall eben zu anstrengend und zu viel. Wenn dann noch etwas dazukommt, womöglich etwas, das einem persönlich sehr nahe geht, dann gerät die Welt ins Wanken.

Mir sind in letzter Zeit so viele Menschen begegnet, die auf einmal zu weinen begonnen haben, wie noch nie. Von einer Sekunde auf die nächste. Wir haben gesprochen und ein bisschen die Last des Lebens geteilt. Und plötzlich bricht die Wunde auf, die man mühsam verbunden hatte. *Die Mutter ist alt und krank: Wie lange hat sie wohl noch? *Mein Sohn ist seit acht Monaten in der Psychiatrie. Was einen sonst in solchen Situationen daran hindert zusammenzubrechen oder seine Gefühle offen zu zeigen, das fällt auf einmal in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

Ich finde es gut und wichtig, wenn wir weinen und andere an unseren Gefühlen teilhaben lassen. Das ist zumindest ein erster Schritt, um loszulassen, was einen bedrückt. Es ist noch nicht die Lösung für das Sachproblem. Aber wer weiß, vielleicht relativiert sich das auch, wenn man spürt, dass andere die Last mit einem teilen.

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21APR2022
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Hin und wieder sage ich: Ich bin froh, dass ich nicht mehr so jung bin. Weil die Jungen es heute schwerer haben als ich. Ich hatte eine schöne Kindheit und eine ziemlich unbeschwerte Jugend. Mein Notenschnitt im Abitur war nicht so wichtig. Und ich musste beim Studieren nicht achtgeben, ob ich ein oder zwei Semester mehr brauche. Gefühlt ging es immer aufwärts. Kein Krieg, kaum Krisen. Wenn ich dann daran denke, wie anders das für junge Leute heutzutage ist, und mir sage, dass ich lieber nicht mit ihnen tauschen will, dann merke ich, wie egoistisch das eigentlich ist. Und mich beschleicht ein ungutes Gefühl. Ich konnte nichts dafür, dass es bei mir so war. Sie können auch nichts dafür. Und ich spüre, was meine Aufgabe ist. Als einer, der schon den größeren Teil seines Lebens hinter sich hat. Ich muss etwas für die Jungen tun! Mit bald sechzig steckt man zwei Jahre Pandemie leichter weg als mit fünfzehn. Für einen jungen Menschen ist das gefühlt das halbe Leben. Jetzt auch noch ein Krieg, der Angst macht. Und der Klimawandel, mit allem, was das für die Zukunft bedeuten wird. Es gibt Jugendliche, denen das Düstere, das damit verbunden ist, regelrecht ins Gesicht geschrieben steht. Es fällt ihnen schwer zu lachen. Sie kleiden sich schwarz, und verbergen sich hinter großen Kopfhörern. Ich hoffe, dass ihnen das hilft, sich auszudrücken. Dass wir verstehen, was sie uns sagen wollen. Dass sie oft ein dunkles Bild haben vom Leben und der Welt. Und: dass wir Älteren es ihnen nicht noch zusätzlich schwer machen, indem wir übertriebene Erwartungen an sie haben.

Was also kann ich konkret für die nachkommenden Generationen tun? Zum Beispiel: Aufhören damit zu denken, dass immer mehr wirklich immer besser ist. Ich kann weniger verbrauchen. Ein guter Maßstab dafür ist darauf zu achten, wo ich viel wegwerfe. An Kleidern, an Lebensmitteln, an eigentlich allem, was ich kaufe und verbrauche. Da geht weniger. Oder indem ich darauf achte, die Einstellungen der Jüngeren genau anzuhören und sie ernst zu nehmen. Das geht in der Kirche, in der Schule und in der Nachbarschaft. Ich hatte Glück, dass ich eine unbeschwerte Jugend hatte. Heute kann ich mithelfen, dass die Belastungen nicht zu groß werden, die junge Menschen spüren.

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20APR2022
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Was, wenn es schon zu spät ist? Wenn sich die Folgen des Klimawandels nicht mehr aufhalten lassen und das ökologische Gleichgewicht auf unserem Planeten kollabiert?

Ich weiß, wie wichtig es für viele ist, an dieser Stelle im Radio etwas zu hören, das tröstlich ist und Hoffnung schenkt. Andererseits kann ich so ein schwieriges Thema wie den Klimawandel nicht schönreden. Ich kann und will dazu auch nicht schweigen. Denn als Christ fühle ich mich in der Pflicht, mich den Tatsachen zu stellen; besonders dann, wenn diese darauf zurückzuführen sind, dass die Menschheit sich in Schuld verstrickt hat, gegen den Willen Gottes handelt. Unsere Welt ist Gottes Schöpfung. Sie ist uns anvertraut, damit wir sie pflegen. Was aber tun wir? Der Weltklimarat formuliert es in seinem letzten Bericht so: „Es ist zweifelsfrei, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land aufgeheizt hat“. Und weiter: „Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren.[1]“ Der Weltklimarat gilt als „Goldstandard“ der Klimaforschung. Innerhalb der Wissenschaft wird, was er über das Klima, seine Veränderungen und den Umgang damit sagt, als absolut glaubwürdig und fundiert bewertet[2]. Seine Feststellung lautet so kurz wie erschütternd: Der Klimawandel, wie in die Menschheit angestoßen hat, ist bereits unumkehrbar und hat Folgen. Der Meeresspiegel steigt, die Gletscher schmelzen, Hitzewellen, Dürren und Starkregen werden zunehmen. Das wird uns hier betreffen, aber viel mehr noch ärmere Länder, deren Infrastruktur nicht so ausgebaut ist wie die unsere.

Insofern ist es zu spät, ja. Aber gleichzeitig bedeutet das nicht, dass nun vollends alles egal ist. Im Gegenteil: Es kommt auf jeden einzelnen Menschen an. Wie er lebt, wie viel er verbraucht, worauf er zu verzichten bereit ist. Der weltweite Temperaturanstieg lässt sich nicht mehr umkehren, aber noch immer begrenzen. Höchstens zehn Jahre bleiben uns dazu noch, sagt der Weltklimarat. Um so mehr gilt: Solange wir leben, ist es für jeden noch so kleinen Schritt in die richtige Richtung, nie zu spät.

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[1] https://www.focus.de/perspektiven/entwicklung-foerdern-klima-schuetzen/bericht-von-234-experten-aus-66-laendern-klimawandel-bereits-unumkehrbar_id_13570281.html

[2] Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. Beck, München 2007, S. 88.

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19APR2022
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In Deutschland sind viele Brücken marode. Viel mehr als gedacht. In einem Bericht der Autobahngesellschaft heißt es: Jedes Jahr müssten statt der geplanten 200 mindestens 400 instandgesetzt werden, um auf Zukunft keine größeren Probleme im Verkehr zu produzieren. Ob das gelingt, neben den großen Aufgaben, die die Pandemie und die Klimakrise und der Krieg in der Ukraine mit sich bringen?

Brücken sind wichtige Bauwerke. Sie machen es möglich, dort hinzukommen, wo natürliche Grenzen es verhindern: über Flüsse und Täler, oder wenn andere Verkehrsweg das erforderlich machen. Brücken sind ein Symbol dafür, dass es wichtig ist, Verbindungen herzustellen. Das ist für unser Zusammenleben unverzichtbar. Brücken sind strategisch entscheidend, damit Menschen zueinanderkommen, und damit garantiert ist, dass wir das bekommen, was wir zum Überleben brauchen: Treibstoff, Nahrung, Wasser, Medikamente. Deshalb sind Brücken im Falle eines Krieges oft heftig umkämpft gewesen.

Dass es auch im zwischenmenschlichen Bereich wichtig ist, Brücken zu schlagen, hat das Christentum schon immer gewusst. Und hat deshalb die Menschen, die für die Seelsorge verantwortlich sind, als Pontifex bezeichnet. Das ist Lateinisch und bedeutet übersetzt so viel wie: der eine Brücke baut. Der Papst als Pontifex maximus, wie einer seiner Ehrentitel lautet, ist sozusagen der oberste Brückenbauer. Er hat die letzte Verantwortung dafür, dass dort Verbindungen hergestellt werden, wo sie unbedingt nötig sind. Wie derzeit im Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt. Papst Franziskus versucht Kontakte herzustellen, zu vermitteln, damit die schwachen Verbindungen nicht vollends abreißen. Viel zu lang hat man zu wenig dafür getan, dass Gespräche stattfinden, um sich zu verständigen und zu verstehen, und um kontinuierlich Vertrauen aufzubauen. Viel zu lange hat man an den Brücken gespart. Eben nicht nur an den Brücken über die Autos und Züge fahren. Sondern an denen, die wir brauchen, damit wir einander erreichen und begegnen. Brücken zwischen Alt und Jung, zwischen Ärmeren und Reicheren, zwischen den unterschiedlichen Standpunkten, die Menschen einnehmen. Es ist wichtig, dass wir das für die Zukunft im Blick behalten und besser machen. Und Christen sollten dabei an vorderster Front mitmischen.

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