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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02OKT2021
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„Hallo Julia“ hat die kleine Emma im Reli-Unterricht begeistert gesungen. Und ich hatte Mühe, ernst zu bleiben. Es ist aber auch schwer, dieses Wort: Halleluja. Es ist hebräisch. Auf Deutsch heißt Halleluja: „Lobt Gott.“

Das Halleluja ist keine Erfindung der Christen. Wir haben es aus dem jüdischen Gottes-dienst übernommen. Genauer gesagt: aus den Psalmen – dem uralten Gebet- und Liederbuch der Bibel. Da steht es oft drin: Halleluja. Lobt Gott.

Wen sollen wir ehren? Klare Antwort: Gott. Schon vor 2500 Jahren musste man Menschen offenbar daran erinnern: Wir sind nicht der Nabel der Welt. Da ist noch einer über allem. Vor allem. Einer, von dem unser Leben herkommt. Einer, in den hinein unser Leben mündet. Halleluja! Denkt über ihn nach. Lasst ihn zum Maßstab werden für das, was euch wichtig ist, welche Werte ihr an eure Kinder weitergeben wollt. Euer Leben soll auf ihn hindeuten – wie ein Fingerzeig.

Das hat schon auch etwas Widerständiges. Halleluja heißt auch: Schwimmt nicht einfach nur mit dem Strom. Lobt Gott! Nicht irgendwen, der sich aufspielt. Dann kann ein Halleluja womöglich auch bedeuten: Ich halte nicht meinen Mund, wenn einem Unrecht geschieht. Ich trau mich, in der Masse auch mal aufzustehen und zu sagen: „Das sehe ich anders!“ Und wenn mir der Gedanke an mein Sterben Angst macht, oder wenn ich am Friedhof traurig an einem Grab stehe: Halleluja. Vielleicht erklingt mein Halleluja da ganz leise, auf dem Grund meiner Seele, nur geflüstert, und ich habe dabei Tränen in den Augen. Aber es erklingt. Und es erinnert mich, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.

Schon zu Zeiten Jesu hat man im Judentum gesagt: Mindestens einmal am Tag sollte man ein Halleluja sagen, denken, singen. Um Gott zu loben. Aber auch, um mich selbst an ihn zu erinnern, immer wieder. Um mir in Gedächtnis zu rufen und mir ins Herz zu sprechen: Da ist einer über allem. Vor allem. Ihn will ich ehren, mit meinem ganzen Leben.
Halleluja!

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01OKT2021
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Teilen ist in. In meinem Stadtteil gibt es z.B. ein öffentliches Bücherregal: wer ein Buch nicht mehr braucht, stellt es rein, wer eines haben möchte, nimmt es mit. Das funktioniert ganz gut.

Teilen ist eine uralte Idee. In der Bibel wird von den ersten Christen erzählt, dass sie das Teilen großgeschrieben haben. Nicht weil sie nachhaltig leben wollten, wie es heute oft ein Thema ist. Sondern um Not zu lindern. Viele waren damals finanziell nicht abgesichert, auch während einer Krankheit nicht. Andere haben dann zum Beispiel einen Acker verkauft und den Erlös der Gemeindeleitung gegeben. Die hat das Geld weitergegeben an Menschen, die es gerade nötig hatten. Die Grundidee dahinter: Was ich habe, ist nicht meins. Es ist mir von Gott anvertraut. Mein ganzes Leben ist mir nur anvertraut. Darum soll und kann ich mit anderen teilen.

Ob die Theorie damals in der Praxis immer funktioniert hat, weiß ich nicht. Aber in der biblischen Erzählung finde ich interessant, dass die Idee des Teilens erst mal als Grundsatzprogramm formuliert wird. Also: so wird das in der Gemeinde gelebt. Acker verkaufen – Geld abgeben – Menschen in Not wird geholfen. Dann aber zoomt die Geschichte ran an eine konkrete Person. Barnabas. Der verkauft einen Acker, gibt das Geld ab und anderen wird damit geholfen. Erst habe ich mich gewundert, dass das von ihm nochmal extra erzählt wird. Aber ich denke, es geht darum, dass der nicht bloß da sitzt und Sprüche klopft und sagt „Man sollte wirklich mal“ und „überhaupt die Politiker“. Barnabas klopft keine Sprüche. Er handelt. Er hat eine Idee, wie er als Christ gerade helfen kann. Und das macht er. So setzt er ein Zeichen. Ein anderer hatte vielleicht keinen Acker, den er verkaufen konnte. Der hatte vielleicht dafür Zeit übrig. Zeit, in der er jemandem helfen konnte. Und jemand anderes ist heute auf Facebook unterwegs und hält dagegen, wenn Leute ihre Hass-Parolen verkünden. Der nächste traut sich, einen Krankenbesuch bei einem alten Bekannten zu machen, auch wenn er nicht weiß, was er ihm sagen soll. Und wieder eine andere engagiert sich in der Politik, damit es gerechter zugeht in der Welt.

Teilen ist nicht kompliziert. Barnabas erinnert mich daran. Wir können teilen, was wir haben. Geld und Zeit. Lebensfreude und Gottvertrauen. Ideen für eine gerechtere Welt. Und manchmal auch einen Krimi im Bücherregal.

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30SEP2021
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Was tun, wenn ein Konflikt im Raum steht? Es wäre ja nett, wenn es überall nur Harmonie und Freundlichkeit gäbe. Aber das Leben ist bekanntlich anders. Manchmal gibt es Konflikte. Und dann?

In einer alten Erzählung der Bibel wird von einem Konflikt erzählt und davon, wie die Menschen damit umgegangen sind. Geschehen war folgendes: Nach einem Krieg hatten sich die Menschen in Jerusalem gemeinsam an den Wiederaufbau ihrer zerstörten Stadt gemacht. Arm und Reich haben Hand in Hand gearbeitet. Das gemeinsame Ziel hat sie zusammengeschweißt. Aber dann ist deutlich geworden: hinter den Kulissen sind die armen Menschen ungerecht behandelt worden. Sie hatten so hohe Schulden bei den Reichen, das ihnen kaum etwas zum Leben geblieben ist. Ihre Kinder mussten in den Häusern der Reichen schuften, manche sind dort sogar misshandelt worden. Die Armen haben lautstark protestiert. Und es war klar: wird der Konflikt nicht gelöst, bleibt auch der Wiederaufbau der Stadt auf der Strecke.

Der Hauptverantwortliche für den Wiederaufbau hieß Nehemia. Als er gehört hat, was los ist, ist er den Konflikt angegangen. Zuerst hat er denen zugehört, die Grund zur Klage hatten. Er war entsetzt über das, was ihm da zu Ohren gekommen ist. Obwohl er sich furchtbar aufgeregt hat, hat er sich erstmal zurückgezogen und hat in Ruhe überlegt, wie er am besten vorgehen kann. Dann hat er die Reichen einbestellt. Er hat die Missstände klar angesprochen. Niemand hat sie bestritten. Die Beschuldigten wollten aber nichts ändern. Daraufhin hat Nehemia eine große Volks-Versammlung einberufen. Er hätte die Beschuldigten nun einfach nur an den Pranger stellen können. Hat er aber nicht gemacht. Er hat zwar Klartext geredet. Aber zugleich hat er eine Lösung angeboten. Eine, bei der er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen ist. Er selbst hatte auch Geld an arme Leute verliehen. Und nun war er der erste, der ihnen an diesem Tag alle Schulden erlassen hat. Die anderen Reichen waren überrascht, sind dann aber seinem Beispiel gefolgt.

Ich finde, von Nehemia kann man lernen, Konflikte mutig anzugehen. Zuhören, in Ruhe überlegen, Klartext reden, Lösungswege anbieten. Und das Ganze nicht vom hohen Ross herunter.

Ich weiß nicht, wie lange der Friede damals gehalten hat. Aber beim nächsten Konflikt hatten sie sicher eine Idee, wie sie ihn angehen könnten…

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29SEP2021
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Heute ist Michaelis. Nach alter Überlieferung der „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“. Aber was sind Engel? Pausbäckige niedliche Putten oder eher herbe Drachentöter mit Schwert oder Schutzengel für die Kleinen oder doch etwas ganz anderes?

Ein älterer Herr hat vergnügt gesagt: „Mein Schutzengel heißt Irmtraud. Wir sind seit 43 Jahren verheiratet…“ Wir mussten beide lachen, als er das gesagt hat – und natürlich sind mir dann auch gleich Menschen eingefallen, über die ich schon gedacht habe: „Das ist ein Engel!“ Zum Beispiel weil sie genau im richtigen Moment da waren und geholfen haben, einfach so.

Das Wort Engel kommt aus dem Griechischen und heißt „Bote“. „Bote Gottes“. Jemand, der eine Nachricht von Gott ausrichtet. In der Bibel werden einige Geschichten von solchen Boten erzählt. Sie tauchen oft bei Menschen auf, die an einem Scheideweg stehen und eine Entscheidung treffen müssen. Manchmal haben die noch gar nicht gemerkt, dass sie an einem Scheideweg stehen, bis ein Engel sie darauf aufmerksam gemacht hat.

Mancher Bote sagt energisch: „Stopp!! Bleib mal stehen. Mach nicht weiter wie bisher. Lass dich unterbrechen. Besinn dich.“ Merke: ein Engel kann eine Auszeit verordnen.

Oder die Weihnachtsgeschichte: da haben die Engel alle Hände voll zu tun, um ihre Botschaften auszurichten. „Fürchte dich nicht, Maria, nimm dieses Kind an.“ „Fürchte dich nicht, Josef, bleib bei deiner Maria.“ „Achtung, ihr 3 Weisen, lasst euch nicht blenden von den schönen Worten des König Herodes. Der ist gefährlich. Haltet euch fern von ihm!“

Es sind unterschiedliche Botschaften, die die Engel da ausrichten. Sie haben es ja auch mit unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu tun.

Und doch denke ich, es ist immer die gleiche Botschaft, die hinter diesen Engels-Geschichten steht: Gott interessiert sich für euch. Er bekommt mit, was in eurem Leben gerade los ist. Was euch beschäftigt, und auch, was euch beschäftigen sollte. Er ist bei euch. Auch in Momenten, in denen ihr gar nicht mit ihm rechnet.

Damit wir das mitkriegen, schickt er hin und wieder einen Engel. Manche haben Flügel und manche nicht. Und manche heißen Irmtraud.

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28SEP2021
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Ich schreibe gerade meine Patientenverfügung. Ich lege fest, was gelten soll, wenn ich am Ende meines Lebens meinen Willen nicht mehr äußern kann. Eigentlich wollte ich damit noch warten. Aber dann hatte ich einen Unfall. Der hätte schlimm ausgehen können. Es ist gut gegangen, aber danach habe ich beschlossen: Jetzt gehe ich dran.

Also habe ich mir eine Informationsbroschüre bestellt. Die enthält viele Tipps und Textbausteine. Das hilft mir zu klären, was ich eigentlich will. Will ich am liebsten so lang wie möglich leben, egal wie? Oder gibt es Situationen, in denen ich z.B. keine künstliche Ernährung mehr möchte?

Ich habe gemerkt, es braucht viel Zeit, darüber nachzudenken. Schließlich geht es um mein Leben und um mein Sterben. Am Anfang fand ich es nicht einfach, darüber etwas aufzuschreiben.

Mir hat geholfen, mit meiner Familie darüber zu sprechen. Dabei ist mir deutlich geworden, wie unterschiedlich das sein kann, was wir uns wünschen. Gut, wenn wir darüber reden und einander zuhören, um zu verstehen, was die anderen beschäftigt.

Ich werde sicher noch einige Zeit brauchen, um meine Patientenverfügung zuende zu schreiben. Aber schon jetzt ist mir klar: Ich will nicht, dass mein Leben unter allen Umständen durch medizinische Maßnahmen verlängert wird. Also benenne ich Situationen im Sterbeprozess, in denen ich z.B. nicht mehr künstlich ernährt werden möchte.

Am Schluss der Patientenverfügung kann man noch Gedanken zur eigenen Grundhaltung schreiben. Für Ärzte und Ärztinnen zum Beispiel, die einen nicht kennen, damit sie manches besser einordnen können. Auch dieser Teil ist noch nicht fertig, aber ein paar Notizen habe ich mir schon gemacht. Bisher steht da: „Als evangelische Pfarrerin habe ich Menschen beim Sterben begleitet, hunderte Menschen beerdigt und mit deren Angehörigen über das Sterben gesprochen. Dass das Leben endlich ist, ist für mich keine furchteinflößende Vorstellung. Ein Leben um jeden Preis ist für mich nicht erstrebenswert. Der Bibelvers „Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben“ ist für mich ein wichtiger Gedanke zur Verabschiedung aus meinem Leben.“

Wie gesagt, das ist alles noch nicht fertig. Aber ich denke, was auch immer man da für sich entscheidet, es ist gut und wichtig, mit anderen im Gespräch zu bleiben und seine Gedanken aufzuschreiben.

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27SEP2021
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In der deutschen Sprache gibt es genau EIN Wort, um „ich“ zu sagen. Jetzt habe ich gelernt: in der Sprache Kambodschas, dem Khmer, gibt es dafür viele unterschiedliche Wörter. Ungefähr 100. So viele Möglichkeiten, um „ich“ zu sagen. In dieser Sprache wird nämlich sehr genau unterschieden, mit wem ich gerade spreche und welche Rolle ich dabei habe. Spreche ich als Frau mit einem Mann? Habe ich einen niedrigeren Rang oder einen höheren? Spreche ich mit einem Mönch? Bin ich älter oder jünger als mein Gegenüber? Und so weiter. Ich glaube, es ist gar nicht so einfach, im richtigen Moment den richtigen Ausdruck für „ich“ zu verwenden. Dazu muss ich nämlich wissen, wer ich jetzt gerade bin.
Wer bin ich?


Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe, der wegen seines Widerstands gegen die Naziherrschaft im Gefängnis saß, hat sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt.
Manche, die mit ihm gefangen waren, haben ihm gesagt: „Du wirkst so stark! Als könnte Dir nichts und niemand etwas anhaben.“ Sie waren beeindruckt von diesem Mann und seiner Haltung. Er selbst hat sich aber ganz anders erlebt: so verletzlich, einsam, und manchmal untröstlich.

Wer bin ich?
Bin ich eher so, wie die anderen mich wahrnehmen, oder eher so, wie ich selbst mich erlebe? Oder bin ich beides? Bin ich heute so und morgen anders? Bin ich bei diesem Menschen so und bei einem anderen ganz anders?
Schwierige Fragen. Manchmal bin ich mir selbst rätselhaft und weiß kaum noch, wer ich eigentlich bin.
Wer bin ich? Dietrich Bonhoeffer hat seine Gedanken dazu aufgeschrieben. Er hat für sich keine endgültige Antwort gefunden. Und doch ist er wohl zur Ruhe gekommen. Denn am Ende münden seine Gedanken und Fragen in ein Gebet. Er spricht Gott an. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Mich berührt Bonhoeffers Gebet. Dieses Vertrauen: auch wenn ich manchmal nicht wirklich weiß, wer ich bin – du, Gott, bist mein Gegenüber. Du kennst mich. Zu dir gehöre ich. Dann kann ich mir selbst immer wieder ein Rätsel sein, aber du weißt, wer ich bin. Das reicht mir. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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