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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15MAI2021
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Ja, das wünsche ich Ihnen jetzt ganz ausdrücklich: Einen guten Morgen. Und dazu gebe ich Ihnen gern weiter, was mir eine Freundin erzählt hat. Von einem besonderen Morgen, den Sie erlebt hat. Es hat mich angerührt. Und vielleicht tut es Ihnen auch gut, und macht Ihnen Mut für Ihren Tag heute. Was immer er bringt.

Eigentlich hatte ihr Morgen gar nicht so gut angefangen.
Sie ist früh wach geworden. „Da bin ich aufgestanden“, hat sie erzählt, „aufstehen war besser, als mich noch eine Stunde unruhig im Bett hin- und herzuwälzen. Ich bin hinaus gegangen in den Wald. Das war so eine Ruhe. Die mich umgeben hat. Und dann habe ich zwei Rehe gesehen. So schöne Tiere. Grazil, kraftvoll. Ganz wachsam und doch so ganz bei sich. In diese Stille hinein ist die Sonne aufgegangen. Und, hat sie gesagt: In diesem Morgenlicht, das mich umgeben hat, habe ich gespürt: Ich bin nicht allein. Irgendwie war dieser Spaziergang ein einziges Gebet.“

Ich glaube, ich ahne, was sie gespürt hat. Obwohl ich es ja nicht selbst erlebt habe. Das ist schon besonders, dass wir Menschen ein Erlebnis in Worte fassen können und es weitergeben. Es wird teilbar und lebendig für andere. Obwohl es doch so einmalig war.

Und ein Erlebnis, das man so in Worte gefasst hat, das bewahrt man auch in sich auf. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Morgen mit seinem Licht für sie lebendig bleibt. „Ein Spaziergang wie ein Gebet.“ Und solche Erinnerungen können wir brauchen. Weil ja nicht jeder Morgen so besonders ist. Aber wenn man sich daran erinnern kann, dann kann man sein Licht vielleicht auch später erneut spüren. Und es kann einem einen weniger guten Morgen auch erhellen.

Mich erinnert das an ein Lied, das Sie vielleicht auch kennen. Cat Stevens hat es in meiner Jugend berühmt gemacht. „Morning has broken, like the first morning.“ Auf Deutsch gibt es das Lied auch im Gesangbuch. Es erzählt davon, dass jeder Morgen etwas besonderes sein kann. Ein bisschen wird die Welt neu und Gott zeigt sich. Da Lied geht so:

1) Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang.
Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.
Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,
Dank für das Wort, dem beides entspringt.

3) Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen,
Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwenglich, Dank Gott am Morgen!
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht!“
In diesem Sinn, einen guten Morgen.

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14MAI2021
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Sind Sie ein starker Mann? Woran machen Sie es fest? Mann kann auf die Hantelbank gehen und Gewichte auflegen. Oder Mann kann sich aufs Fahrrad setzen und 1 Stunde lang 100 Watt treten. Oder 150. Je nach Form und Alter. Ich finde das gut und bewundernswert, wenn Sie als Mann in diesem Sinn „stark“ sind. Ohne Ironie. Ich wäre manchmal gern auf diese Art stärker.

Ich finde, es gibt aber auch andere Qualitäten, die uns Männer „stark“ machen. Z.B. wie wir mit jemand umgehen, der krank ist. Mit mir selber und anderen.

Ich kenne Männer, die werden schwach, wenn sie einen Krankenbesuch machen sollen. Schon gar im Krankenhaus. „Ich weiß nicht, was sagen. Und allein schon der Geruch macht mich fertig.“ Hat ein starker junger Mann zu mir gesagt. Wenn er es vermeiden kann, umgeht er Krankheit. Ich glaube, mancher starke Mann kann auch nicht gut aushalten, wenn er selbst krank ist. Eine Sportverletzung ist oK. Das ist ja beim Starkmachen passiert. Da ist man verletzt. Aber krank. Das ist anscheinend für manchen zu viel Schwäche.

Denn erst mal geht es darum, stark zu sein. Und wenn man krank ist, ist man nicht stark. Anscheinend. Mann selber hält sich nicht gut aus, wenn man schwach ist. Und mancher erträgt auch nicht gut, wenn andere schwach scheinen. Mancher Mann hält Kranksein für schwer vereinbar mit Starksein.

Dabei mache ich oft eine andere Erfahrung. Ich glaube, beim Kranksein müssen Menschen oft stärker sein als beim Gesundsein. Wenn ich strotzgesund bin, bin ich einfach stark. Wer krank ist, muss was aushalten. Schmerzen. Sich mit seiner „Schwäche“. Und Kranksein erfordert oft viel Kraft. Geistige, körperliche und seelische. Es kann anstrengen, gesund zu werden.

Ich finde es darum ein Zeichen von Stärke, wenn man als Mann annehmen kann, wenn man krank ist. Und wenn ich Hilfe annehmen kann. Und es ist auch Stärke, wenn ein Mann zu jemandem hält, der oder die krank ist. Wenn man Kranksein nicht überspielt. Und die, die krank ist, für voll nimmt. Auch wenn wir Menschen schwach sind, sind wir vollwertig.

Ich finde es erstaunlich und stark, dass dieses Bild vom Menschen schon Paulus in der Bibel vor 2000 Jahren gefunden hat. Er war anscheinend nicht der Gesündeste. Erst wollte er seine Schwäche loswerden. Aber sie blieb. Und dann hat er sie annehmen können. „Gott hat mir deutlich gemacht,“ hat Paulus geschrieben: „Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Gotteskraft kommt gerade in der Schwäche zur Geltung.“

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13MAI2021
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Die Erde ist nicht perfekt. Nicht nur, weil es Viren gibt. Aber sie ist doch auch ein großes Kunstwerk.
Großartig schöne Landschaften. Eine Pracht und Vielfalt an Leben. Unter einem hohen Himmel. Wir Menschen kriegen es oft nicht gebacken, das Leben so schön sein zu lassen, wie es sein könnte. Wenn man Dummheit, Gier und Gewalt von der Erde ausrotten könnte. Oder sie wenigstens hinter sich lassen? Wieder leicht leben. Menschen umarmen. Wie im Himmel.

Von der Sehnsucht nach Himmel erzählt auch die Geschichte von Christi Himmelfahrt in der Bibel. Ich erzähle sie nach:
Die Römer hatten Jesus hingerichtet und trotzdem ist er seinen Freundinnen und Freunde weiter nah geblieben. Er war da. Auferstanden, nicht tot. Er hatte in sie die Sehnsucht nach Himmel eingepflanzt mit seinen Worten und Taten. Manchmal haben sie ihn körperlich gespürt. 40 Tage lang war Jesus seinen Freunden so nah. Aber dann hat es aufgehört. Auf einmal ist er weg. Die Bibel hat das ein bisschen ausgemalt. Für uns heute vielleicht zu bildhaft. In alten Kirchen gibt es Gemälde davon: Da stehen die Freunde und Freundinnen Jesu und schauen in den Himmel. Sehen aber nur noch eine Wolke, Jesus nicht. Sie gucken ihm nach, sehnen sich nach ihm und seinem Himmel. Aber der scheint unendlich weit weg.

Aber während sie noch gucken, werden sie neu „eingenordet“ in der biblischen Geschichte. Genauer gesagt: „Geerdet.“ Zwei junge Männer haben sie angesprochen, mitten hinein in ihre Himmelsträumerei.

„Ihr Männer, sagen die beiden, „was steht ihr da und schaut in den Himmel? Jesus ist bei Gott, seinem Vater – im Himmel.“ Und ihr seid jetzt seine Botschafter hier, auf der Erde. Seine Zeuginnen. Wendet Euch der Erde und den Menschen zu, wie er das getan hat.“

Zwei Dinge sagt mir die Geschichte heute an Christi Himmelfahrt: Das erste: Es gibt den Himmel. Die Welt Gottes. Die Sehnsucht nach einer neuen Erde ist in uns. Wir Menschen sollten diese Sehnsucht in uns zulassen und aufpassen, dass sie nicht verkümmert. Gott und sein Himmel sind in der Nähe. Auf der Erde noch nicht ganz angekommen. Aber Himmel ist möglich, wenn man auf ihn hofft. Unsere Erde könnte viel Himmel vertragen.

Das zweite: Manchmal schmerzt es, weil man spürt, wie sehr der Himmel fehlt. Aber es spornt auch an und gibt Energie. Wenn man an den Himmel glaubt, dann kann ich mich auch darum kümmern, dass die Erde besser wird. Dass wir das Leben schöner machen, heiterer und wärmer. Erst recht nach der Virenzeit.

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12MAI2021
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Manchmal reicht ein Ereignis. Und dann steht man da. Positiv überrascht. Oder auch ein bisschen durchgeschüttelt. Je nachdem. Ich vermute, sie kennen das. Ein Ereignis kann mir zeigen: Planen ist nicht. Ich habe grade so etwas hinter mir. Eigentlich war es gar nichts Großes und trotzdem.

Am Anfang des Jahres habe ich meine festen Termine in den Kalender eingetragen. Projekte geplant. OK Urlaub, war unsicher. Aber dass sich beruflich eine Menge ändern wird, auch das hat sich in der Jahresplanung niedergeschlagen. So weit, so planbar. Es ist ja gut, dass wir das können. Ohne Struktur und Aussicht tue ich mich jedenfalls schwer.

Aber dann ist was dazwischengekommen. Stand nicht im Kalender. Hat sich reingedrängt. Und ich weiß, andere erleben viel größere Dinge. Erschütterndes oder Erhebendes. Eine neue Liebe z.B., die unerwartet kam. Klar ist mir geworden:

Manchmal sind unsere Lebenspläne ziemlich wackliges Gebälk.
Und mir ist dieser alte Satz eingefallen. Obwohl ich den eigentlich gar nicht so mag.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt“. Inzwischen finde ich, irgendwie ist was dran an dem Satz. „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Ich will nicht sagen, dass jedes große oder kleine Ereignis, das unsere Pläne verwirrt und unterbricht, quasi von Gott geschickt ist. Manche Ereignisse sind auch einfach zu dunkel.

Aber erinnert hat mich der Spruch: Es gibt Ereignisse, die sind unverfügbar. Die kommen, ich habe sie nicht erdacht, nicht geplant, aber ich kann sie annehmen. Vielleicht sogar von Gott. Als Geschenk oder als Aufgabe. Verbunden mit der Bitte, Gott soll mich begleiten, dass was Gutes daraus wird.

Was mir diese Unverfügbarkeit noch sagt:
Du kannst nicht mit dem Unverfügbaren rechnen. Das macht es ja unverfügbar, dass man es nicht vorherberechnen kann. Aber stell Dich irgendwie darauf ein, dass Unverfügbares kommen kann. Dass das Leben aus der Spur springen könnte, die Du Dir ausgerechnet hast.

Und wie kann man leben mit dem Unverfügbaren, wenn es da ist. „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Eines geht immer: Ich kann Gott klagen, wenn was passiert, was das Leben durcheinanderbringt. Oder Gott loben, wenn es was Schönes ist.

Und wenn ich so ein Ereignis mit Gottes Hilfe annehmen kann, dann kann ich üben und mir sagen: Ok, so ist es jetzt. Ich hoffe, Gott geht mit. Und lässt mich nicht im Dunkeln tappen. Vielleicht lenkt er ja nicht jeden Schritt, aber dabei ist er, bei den Schritten, die ich versuche. Und plane.

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11MAI2021
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„Junge Mütter flunkern sich ihre Mamawelt oft schön. Das war bei uns so und heute auch.“ Hat mir eine mehrfache Mutter gesagt. Und seit ich da hellhörig bin, höre ich das öfter.

Sätze wie: „In so einer Mamagruppe könnte man meinen: Kleine Kinder zu haben das ist immer nur ‚Friede Freude Eierkuchen‘. Dabei weiß jede und jeder, Kinder können einen an den Rand der Kräfte bringen. Nicht alles easy.“

Wenn ich das zuspitze, heißt das: Junge Mamas oder Eltern üben sozialen Druck aufeinander aus und machen einander eine Fassade vor. Nach dem Motto: Was, dein Kleiner schläft noch nicht durch?

Woher dieser Hang zur Fassade. Könnte man die Schattenseiten des Kinderhabens nicht besser aushalten, wenn man von anderen weiß, denen geht es auch nicht immer gut?

Warum der Druck zur Fassade? Ist es immer noch so? Kinderhaben, Mama und Papa sein, muss das Größte und Schönste sein auf der Welt? Ohne Makel und Schatten.

Bloß, dabei geraten die, die das auch anders erleben, in Stress. Dann kann man nicht mal sagen: „Nein bei uns nicht. Ich bin manchmal am Ende mit den Nerven. Ich liebe mein Kind, aber es kann auch furchtbar anstrengend sein.“ Diese scheinbar „Unperfekten“ fühlen sich dann schnell, als könnten sie es nicht. Und machen sich ein schlechtes Gewissen. Zu Unrecht.

Ich glaube, ehrlich macht man es sich leichter. Dann kann man einander helfen. Wenn man sagen kann, heute gehen wir auf dem Zahnfleisch. Und Kinder zu haben, ist manchmal nicht der reine Hort des Glücks.

Überhaupt: Kinder und Glück. „Die Zeit vor den Kindern, die war als Paar oft unbeschwert glücklich. Wir haben so viel zusammen gemacht,“ hat eine Mama gesagt.

Kinder verändern solche Glücksphasen. Vielleicht muss man das annehmen: Entweder, dass Glück mit Kindern sich anders anfühlt als Paarglück.

Oder vielleicht fängt mit Kindern ja eine Lebensphase an, bei der Glück nicht das Erste ist, sondern Sinn. Wo das Lebensgefühl heißt: Leben ist gut, weil es sinnvoll ist. Kinder können dem Leben einen anderen Grund einziehen. Man ist nicht mehr nur für sich da, sondern für jemand anderes. Vielleicht ist es so, dass das Leben selbst aus einem Kind mich um etwas Grundsätzliches bittet: Sei für mich da, auch wenn es anstrengend ist. Auch wenn es Nerven kostet. Tu es für mich. Für das Leben. Und wenn man es hinkriegt, das Beste zu geben. Ich glaube, das ist Liebe, ganz praktisch. Dann muss man keine Fassade vormachen. Die Kraft spart man besser, um beim Kind zu wachen, wenn es Zahnweh hat.

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10MAI2021
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Was will dieser kleine Bagger? Der ist doch total überfordert. Erinnern Sie sich an dieses Bild? Da war dieses Riesencontainerschiff im Suezkanal stecken geblieben. Was hat man nicht alles versucht, um es wieder flott zu kriegen. Hilflos hat es ausgesehen, als ein Bagger vom Ufer aus versucht hat, mit seiner kleinen Schaufel Sand unter dem Riesen herauszubuddeln.

Was soll das bringen, der ist total überfordert? Aber das Verrückte: Am Ende ist der Riese freigekommen. Viele hilflos aussehende Maßnahmen haben gewirkt. Jeder Versuch für sich, wirkte überfordert.

Der kleine Bagger ist für den Journalisten Dirk von Gehlen so etwas wie das Foto unserer Zeit. Es bringt das Lebensgefühl auf den Punkt, das viele von uns haben. „Überforderung ist kein Problem, sondern der Defaultmodus der Gegenwart“, sagt er.

Der Defaultmodus: Also nicht der Ausnahmefall, sondern der Normalzustand. Die Welt und ihre Herausforderungen, jeden Tag. Sie überfordern mich oft als Einzelnen. Wie den kleinen Bagger im Suezkanal. Die Welt ist aus den Fugen, sagen wir. Und der Versuch, sie in Fugen zurückzuzwingen, ist so anstrengend. Oft weiß man nicht, wo man anfangen soll. Wenn an einer Stelle etwas in Ordnung kommt, tun sich neue Baustellen auf.

„Überforderung ist für ganz viele Alltag.“ Vielleicht steckt in dieser Erfahrung von Dirk von Gehlen aber auch etwas Gutes.

Vielleicht ist sie ja nicht mehr so schlimm, wenn ich weiß, den anderen geht es genauso. Und vielleicht muss es uns nicht so schrecken, dass die Welt aus den Fugen scheint. Müssen wir Menschen es wirklich schaffen, diese unendlich komplexe Welt so hinzutrimmen, dass sie am Ende aussieht wie ein frisch verfugtes Badezimmer? Vielleicht geht das gar nicht und wir sind darum so überfordert. Vielleicht ist die Welt so ja gar nicht gemeint. Weil sie dafür viel zu komplex und zu lebendig ist.

„Überforderung ist kein Problem, sondern die Regel.“
Für mich ist das auch ein christlicher Gedanke. Fast ein Glaubenssatz. Er könnte mich gelassener machen und mir Vertrauen schenken. Vielleicht funktioniert die Welt ja, weil sie so ein komplexer Organismus ist. Und die Bauherren sind am Ende nicht Menschen, sondern ein größerer. Diese Welt ist im Werden. Immer neu, jeden Tag. Und ich bin halt ein kleiner Bagger. Und Sie auch. Und am besten baggern wir zusammen an den großen Problemen unserer Welt. Mit Gottes Hilfe. Und vielleicht kommt dann so ein großes Containerschiff immer wieder auch frei. Verrückt ne?

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