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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16MAI2020
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Annemarie hat auf Vieles im Leben verzichtet, aber nie die Freude am Leben verloren. Verzichten muss ich auch gerade auf einiges. Und das macht sie gerade jetzt zu einem Vorbild für mich. Viele haben sie bewundert, obwohl sie ein ganz einfaches Leben geführt hat. Oder gerade deshalb.

Jesus sagt einmal: „Seid darauf gefasst: Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“

Annemarie kam tatsächlich 1939 als sechstes und letztes Kind ihrer Eltern zur Welt. Der Vater verdiente nicht viel, die Mutter arbeitete auf dem Acker und im Garten und versorgte die Familie so gut es ging. Annemaries Vater starb an den Folgen seines Kriegseinsatzes und spätestens da war es klar, dass für das intelligente, junge Mädchen keine Berufsausbildung in Frage kam. Sie ging in die Schweiz, doch als die Mutter schwer krank wurde, war sie wieder da. Und blieb. Und pflegte ihre Mutter, versorgte sie. Die anderen Geschwister waren weit fort vom Dorf, waren verheiratet und mit so ganz anderen Dingen beschäftigt und so hat Annemarie nicht nur zugunsten ihrer Mutter auf manches verzichtet, sondern auch für ihre Geschwister.

Sie war selbstbewusst, sah gut aus, konnte außerdem anpacken. In der Fabrik, in der sie Arbeit fand, war sie unter all den Männern die einzige Frau, die im Akkord die Maschinen bedienen konnte. Und natürlich gab es Männer, die sich für die eigenwillige, starke Frau interessierten. Und natürlich verliebte sie sich auch. Doch für sie war klar: „Nicht ohne meine Mutter!“

In der Fabrik hätte sie aufsteigen können. Doch das Angebot kam in einer Zeit, in der die Krankheit ihrer Mutter sich durch einen Schub dramatisch verschlimmerte. Sie verzichtete auf die besser bezahlte und körperlich weniger anstrengende Stelle.

Annemarie konnte über viele Jahre nicht frei über ihre Zeit verfügen. Sie hat bewusst für ihre alternde und schwache Mutter das Leben so lebenswert wie möglich gestaltet. Am Geburtstag und an Weihnachten lud sie im Namen ihrer Mutter alle ein und gestaltete alles so wie die es wünschte. Im Garten um das Haus setzte sie fort, was ihre Mutter begonnen hatte. Sie selbst pachtete sich ein kleines Grundstück, zu dem sie radelte, um dort das anzupflanzen, was ihr gefiel. Sie hatte ihre Freundinnen und ihre Hobbys. Es war kein bitterer, sondern ein selbstbewusster Verzicht aus Achtung vor dem Leben. Jahrzehnte hat sie ihre Mutter gepflegt, das Leben mit ihr geteilt und ihr die Würde bewahrt.

„Es gibt solche, die jetzt noch zu den Letzten zählen; die werden dann die Ersten sein.“ – Für mich jedenfalls ist Annemarie gerade jetzt ein Vorbild geworden für selbstbewussten Verzicht aus Achtung vor dem Leben.

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15MAI2020
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Es gibt Geschichten, die vergisst man nicht. So wie die eintausend Kilometer von Arthur. Im Alter von 10 Jahren ist er unter Lebensgefahr 1000 Kilometer zu Fuß gegangen und hat dabei einen schweren Leiterwagen hinter sich hergezogen: Eine unglaubliche Anstrengung, die das Leben von sehr vielen anderen Menschen positiv verändert hat.

Arthur ist 1935 geboren. Seine Familie kam ursprünglich von der Alb bei Münsingen, lebte aber zum Kriegsende am Südrand Stuttgarts.

1945 war der Krieg endlich vorbei und in Stuttgart zogen die Besatzer ein. Es war eine Frage der Zeit, wann das hübsche Haus, in dem Arthurs Familie lebte, mit Soldaten gefüllt würde. In der Nachbarschaft war das schon geschehen und sie hatten gesehen, wie die Bewohner nur mit einem Köfferchen in andere Häuser umziehen mussten. Alles andere hatten sie zurücklassen müssen. Es war verloren.

So entstand der wahnwitzige Plan, die eigenen Siebensachen „nach Hause“, also auf die Alb, zu bringen. Unauffällig. In kleinen Portionen sozusagen: Die Wertgegenstände, das Werkzeug, die Familienerinnerungen, kleine Möbel auch.

Doch wer sollte das tun? Der zehnjährige Arthur war bereit, es zu probieren: die Strecke von Stuttgart auf die Alb mit einem Leiterwagen. Allein. 50 Kilometer waren das. Er war den Weg während des Krieges schon gegangen, um auf der Alb Lebensmittel zu ergattern.

Arthur ging in der Dämmerung und nachts, er ging auf Feldwegen und durch Waldstücke und den steilen Albtrauf hinauf mit seiner schweren, wertvollen Last, unter Lebensgefahr, weil es über die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Zone ging.

Das erste Mal ging es gut. Und so probierte er es ein zweites Mal. Und alles, was einen Wert hatte, hat er hinaufgeschafft. Zehn Mal war er am Ende unterwegs, insgesamt eintausend Kilometer. Was hat ihn angetrieben? Er selbst hat gesagt, er habe gespürt, dass das jetzt seine Gelegenheit ist, um für alle etwas Gutes zu tun. Und er hat sie genutzt.

In der Familie wird diese Geschichte auch 75 Jahre später noch voller Ehrfurcht erzählt. Der Hausstand und die Werkzeuge, die er auf die Alb hinaufgeschafft hat, die waren der Grundstock dafür, dass die Familie nach dem Krieg einen Neuanfang machen konnte.

Einer meiner Lieblingssätze der Bibel heißt: „Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz“ (Prediger / Kohelet 9,10).

Ich glaube nicht, dass Arthur jemals etwas von diesem Satz gehört hat. Aber er hat schon mit 10 Jahren so gelebt und Erstaunliches geleistet. Das hat sich dann durch sein Leben fortgesetzt und für mich ist er ein Ansporn auch in schwierigen Zeiten die Gelegenheiten zu suchen, um für alle etwas Gutes zu tun – und dann: mit vollem Einsatz los!

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14MAI2020
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Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Es hört irgendwann auf. Und dann kann etwas Neues beginnen.

Im Wohnzimmer von Elke hängt zwischen vielen kleinen und großen hochwertigen Kunstdrucken auch ein gerahmtes Bibelwort. „Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit“ kann man da lesen (Prediger 3,1). Es ist der einzige Spruch, den die Frau, die 1935 geboren ist, sich aufgehängt hat. Er hat ihr Leben zum Guten gewendet.

Als Elke vier Jahre alt ist, beginnt der Weltkrieg. Ihre Heimat ist Oberschlesien, von Anfang an tobt also der Krieg in direkter Nähe. Und jedes Jahr wird ihre Familie kleiner, stirbt jemand in diesem Krieg. Der Vater wird schon zu Kriegsbeginn eingezogen. Elke weiß nur noch, dass sie sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnern konnte. Sie erlebt auch die Flucht ohne ihn in diesem schrecklichen, kalten Winter. Ihre Mutter, ihre Oma, die Tante und die Cousine machen sich auf. Sie werden von Tieffliegern beschossen, graben sich im Schnee ein. In den Nächten müssen die Frauen Schreckliches erlebt haben.

An all diesen fürchterlichen Erlebnissen ist Elke nicht zerbrochen. Sie hatte entdeckt: Alles hat seine von Gott bestimmte Zeit. So hat sie ihre Art gefunden, nicht verrückt zu werden mit all den Bildern und Erfahrungen.

Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze. Darauf hat sie vertraut. Und so hat auch sie eine Grenze gesetzt: Auf der einen Seite die Vergangenheit. Auf der anderen Seite die Gegenwart. Und die wird anders. Man darf nicht zu sehr am Alten hängen. Man muss es loslassen, abhaken, beerdigen, vielleicht abtrauern. Und dann weiterleben in dem Leben, das jetzt stattfindet.

Und tatsächlich. Sie findet einen Mann, der wie sie die Idee hat, sich mit Schönem zu umgeben. Sie wollen gemeinsam dieses Schöne suchen und Schönes verkaufen, Dinge, mit denen Wohnungen wohnlicher werden. Und beide sind mutig genug, das zu beginnen und dafür hart zu arbeiten. Sie haben Leidenschaft und sie haben Erfolg. Elke lebt, denn sie lebt in der Gegenwart. Wenn es wieder einmal schwierig wird weiß sie: Alles hat seine Zeit. Gott setzt dem Schrecklichen eine Grenze.

Nichts, was uns schrecklich erscheint, dauert für immer. Es hat seine Zeit. Es ist begrenzt. Das gilt auch im Jahr 2020. Es hört wieder auf. Und dann kann etwas Neues beginnen. Alles hat seine Zeit.

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13MAI2020
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Irmgard und Hans sind Menschen, die mir mit ihrem Gottvertrauen Mut machen. Im Moment kann ich – wie viele andere – genau das brauchen! Ihr Gottvertrauen hat sie stark gemacht. Und das in Schwierigkeiten, die größer waren als alles, was ich gerade erlebe.

Hans ist in den Krieg hinein aufgewachsen. Er war 14 Jahre alt, da musste er von einem Tag auf den anderen erwachsen sein. „Vertreibung“ hat man das später genannt. Hals über Kopf mussten sie das Dorf verlassen, in dem er bis dahin gelebt hatte. Der Vater gefallen, die Mutter krank, die Brüder in Gefangenschaft. Der 14jährige musste organisieren, trösten, ermutigen, weitreichende Entscheidungen treffen.

Er war überfordert. Er hatte keine Wahl. Er musste sich Regeln beugen, die er nicht verstand.

Das kenne ich aus jüngster Vergangenheit selbst. Überfordert. Keine Wahl. Regeln, die ich nicht verstehe. Doch: Nein, es war nicht „fast so wie heute“. Es war eindeutig viel, viel schwieriger.

Als Irmgard und Hans geheiratet haben, hatten sie buchstäblich nichts. Hans hat mir erzählt wie er dann im Wechsel mit seiner Frau geschichtet hat, weil sie nur so in der Lage waren, ein Haus für sich und die vier Kinder zu bauen, eine Heimat zu schaffen. „Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ so erzählen sie es. Wenn Hans morgens von der Nachtschicht kam, ging Irmgard zur Arbeit – sie hatte das Frühstück vorbereitet, er machte die Kinder für den Tag fertig, wickelte, fütterte, putzte und kochte. Wenn seine Frau wieder da war, schlief er nur ein paar Stunden, denn Hans hatte gleich mehrere Arbeitsstellen.

„Wir haben gebetet und geweint und gearbeitet Tag und Nacht“ sagen sie. Und dann erzählen sie mit strahlenden Augen von kleinen Ausflügen, die sie zu Fuß gemacht haben mit den Kindern und von all dem Guten, das sie erlebt haben. Sie erzählen wie das Haus wirklich zur Heimat wurde für die Kinder und deren Freunde, für Pflegekinder und einige Tiere.

Mich beeindruckt das Gottvertrauen, mit dem sie das angepackt haben. Das macht mir Mut. Irmgard und Hans sagen: „Gott denkt immer an uns, wir sollten mehr an ihn denken, dann machen wir uns nicht so viele Sorgen, sondern tun einfach, was wir können.“

Dieses Gottvertrauen ist lebendig, aktiv. Irmgard und Hans haben ihre Schwierigkeiten nicht ausgeblendet. Sie waren sich einfach sicher, dass Gott immer an sie denkt. Und so haben sie sich an die Arbeit gemacht, haben angepackt und auch die größten Schwierigkeiten gemeistert. Vertrauen und Anpacken. Vorbild für heute.

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12MAI2020
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„Du hast einen Wunsch frei. Diesen will ich dir erfüllen.“ Was wäre wohl, wenn ein politisch Verantwortlicher im Traum von einer guten Fee so angesprochen würde? Vermutlich würde er es nicht glauben, denn mit solchen Angeboten rechnet ein Realpolitiker nicht! Er würde, in Erinnerung an einen großen Politiker, eher zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Doch nicht nur Sagen oder Märchen berichten von solch „guten Träumen“, sondern auch die Bibel.

So kommt Gott eines Nachts zu einem frisch inthronisierten König und sagt ihm: „Bitte, was ich dir geben soll!“ Der so Angesprochene überlegt sich sehr genau, was er für sein Regierungsamt braucht. Er antwortet so auf Gottes Bitte: „Gib deinem Knecht ein gehorsames Herz, dass er dein Volk richten könne und verstehe, was gut und böse ist“ (1Könige 3). Nur diese zwei Dinge braucht ein guter König: Ein Herz, das Gott gehorcht und ein Rechtsempfinden, das vernünftig zwischen „gut und böse“ unterscheiden kann! Ich finde, diese politische Bitte ist fast zu schön um wahr zu sein! Denn ein großes Problem in unserer Welt ist, dass nur wenige Staaten „gut und gerecht regiert werden“. Gewiss, in manchen europäischen Ländern ist dies noch der Fall. Aber in vielen Ländern dieser Welt sind Regierungen korrupt und Gerichte urteilen häufig zugunsten der Mächtigen und Reichen. Zudem sind die sozial-gesellschaftlichen Brüche oft so tief, dass viele Menschen in ihnen verschwinden.

Natürlich ist auch in unserem Land nicht „alles Gold, was glänzt“. Momentan wehren sich manche dagegen, dass ihnen die Grundrechte beschnitten werden. Dennoch bin ich dankbar dafür, wie die Regierung diese Pandemie managt und steuert. Und ich bin dankbar dafür, wie viele Menschen, die eher zu den kaum Beachteten gehören, in Supermärkten und Krankenhäusern, Apotheken und Altenheimen, Kindergärten und Schulen ihr Möglichstes tun, um uns ein einigermaßen stabiles Leben zu ermöglichen.

Dass obendrein die Sozialsysteme alles versuchen, um allzu große Härten abzufedern – auch diese Beobachtung macht mich dankbar. Deshalb: Auch wenn sich nicht alle Politiker dem christlichen Glauben „verpflichtet fühlen“, so handeln viele so, dass Leben geschützt und recht vernünftig zwischen „gut und böse“ unterschieden wird. Das ist zumindest für mich ein Grund, dankbar durch diesen Tag zu gehen.

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11MAI2020
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Vor einigen Tagen haben wir ein wichtiges Jubiläum nicht gefeiert! Ohne die Corona-Einschränkungen hätte es an vielen Orten in Europa – in Ost und West – ein großes Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gegeben. Große Hauptstadtparaden der Alliierten hätten daran erinnert, wie Nazi-Deutschland niedergerungen wurde. Im deutschen Bundestag hätte man sich dankbar daran erinnert, dass die alliierten Armeen aus Ost und West dem Tausendjährigen Reich nach zwölf Jahren ein Ende gemacht haben. Obwohl viele Deutsche unmittelbar nach Kriegsende den Sieg der Alliierten nicht als Befreiung, sondern als Niederlage empfanden, erwies sich dieser alliierte Sieg im Lauf der Jahrzehnte als äußerst positiv. Heute erinnern wir uns dankbar daran, dass wir zu einem Leben in Frieden und Freiheit bei wachsendem Wohlstand befreit wurden.

Dass in Deutschland wieder Strömungen an die Oberfläche kommen, die positiv über die Nazi-Diktatur denken, ist leider nicht zu übersehen. Doch die meisten Menschen freuen sich, dass sie in Frieden und Wohlstand leben und obendrein zuverlässig-unaufgeregt regiert werden. Die Unaufgeregtheit hebt sich gerade in den Corona-Zeiten wohltuend von vielen anderen Regierungen ab. Dennoch sprechen Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer von der größten, weltweiten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Dass es oft unsichere Zeiten im Verlauf der Welt- und Menschheitsgeschichte gab, davon berichten sogar biblische Texte. Doch sie bezeugen bei aller Ungewissheit auch, dass Gottvertrauen sich lohnen kann. So wird in einem Klagelied gefragt, ob Gott Sein Volk verstoßen habe. Diese Menschen verzweifelten schier an ihrer erlebten Gottverlassenheit. Dennoch hielten sie an Gott fest und fragten ihn: „Warum verstößt du uns und lässt uns zuschanden werden?“ Solch bange Fragen münden in die Bitte an Gott: „Mach dich auf, hilf uns, erlöse uns um deiner Güte willen.“ Wer so zu Gott fleht, vertraut darauf, dass Gottes Hilfe schon früher erfahren wurde. Diese Erfahrung klingt dann so: „Gott, wir haben mit unseren Ohren gehört, unsere Väter haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters“ (Ps 44,2). So will ich mich auch in dieser momentan merkwürdigen Zeit daran erinnern lassen, was ich schon an Positivem in diesem Land, mit diesem Gott erlebt habe. Denn positive Erfahrungen sind die „Sonnenstrahlen der Zuversicht“ auf ein hoffentlich bald wieder normales Leben.

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