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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18JAN2020
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Für Kinder ist es eine tolle Erfahrung, wenn sie das erste Mal einen Knoten hinbekommen, der dann auch hält. Die strahlenden Augen, wenn nach langer Anstrengung das Ziel endlich erreicht ist.

In dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny geht es um einen Mann, der John Franklin heißt. Er ist immer sehr langsam und muss deshalb bei vielen Dingen hinten anstehen. Er möchte gerne zur See fahren, obwohl er durch seine Langsamkeit dazu völlig ungeeignet erscheint. Doch er bekommt tatsächlich die Gelegenheit dazu. Er wird Seefahrer, und er wird ein guter. Seine Langsamkeit gleicht er immer wieder durch Gründlichkeit aus. So gelingt ihm vieles, was den anderen so nicht aufgefallen ist.

Einmal beschreibt John Franklin seine Erfahrung mit Seemannsknoten: Während der Ausbildung war der Schüler am besten, der den Knoten am schnellsten hinbekommen hat. Draußen auf dem Meer aber ist es darauf angekommen, wie fest und sicher der Knoten gewesen ist. In gefährlichen Situationen kann das lebensrettend sein.

Beim Bergsteigen zum Beispiel geht es mir nicht darum, möglichst schnell oben zu sein, sondern sicher oben anzukommen und die Schönheiten der Bergwelt zu genießen.

Beim Kunstunterricht in der Schule ist nicht das Ziel, möglichst schnell fertig zu sein, sondern ein schönes und aussagekräftiges Bild zu malen.

Beim Musikmachen kommt es nicht darauf an, dass mein Instrument das lauteste ist, sondern dass es zusammen mit den anderen einen schönen Klang gibt.

Das beste Wissen über Gott hat nicht der, der die Bibel möglichst schnell, sondern der sie gründlich gelesen hat. Das erst ergibt ein tragfähiges Fundament, um dann den Glauben auch leben zu können. Alles Glaubenswissen ist umsonst, wenn es nur Theorie bleibt. Denn nur, wenn ich meinen Glauben lebe, kann er mich auch in stürmischen Zeiten meines Lebens tragen und die Richtung weisen.

Wir sollten uns also die Zeit lassen, um die Dinge, die von uns verlangt werden, gut und nicht zuallererst schnell zu tun.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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17JAN2020
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Wenn Sie mich jetzt am Radio hören, sind Sie früh aufgestanden. Hoffentlich hatten Sie eine gute Nacht. Vielleicht sind Sie aber auch froh, dass die Nacht endlich vorbei ist.

Für manche Menschen ist die Nacht eine schwere Zeit. Das Dunkle schafft Unsicherheit und Ängste, manchmal bloß davor, wach zu werden und nicht wieder einschlafen zu können, oder etwas Blödes zu träumen.

Bestimmt sind auch in dieser Nacht wieder Kinder in das Bett ihrer Eltern gekommen, weil sie dort Sicherheit spüren.

Besonders kranke und schlaflose Menschen haben das erste Licht des Tages herbeigesehnt, das das Ende der Nacht ankündigt. Es lässt viele Menschen aufatmen, weil das Wälzen im Bett vorbei ist. Gerade in der vergangenen Woche hat mir ein Mann gesagt, den ich auf der Intensivstation im Krankenhaus besucht habe: „Die Nächte sind am schlimmsten, die gehen fast nicht vorbei.“

Ein Kollege hat mir vor einiger Zeit von einer Bergtour erzählt, die er mit ein paar anderen gemacht hat. Weil sie sich in der Zeit total verschätzt hatten, mussten sie am Berg übernachten. Das Risiko im Dunkeln weiterzugehen wäre einfach zu groß gewesen.

Diese Nacht hat sich für ihn sehr lange hingezogen. Als es am kältesten war, ist der Morgenstern aufgegangen und kurz darauf mit einem Silberstreif am Horizont auch die Sonne. Endlich war der neue Tag da und sie konnten weiterwandern.

So sehr die Männer am Berg das Aufgehen der Sonne auch herbeisehnten, sie konnten es nicht beschleunigen. Aber sie konnten sicher sein, der neue Tag wird kommen.

 „Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens.“ So hat es der Theologe Dietrich Bonhoeffer gesagt. Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag und jeder Morgen bringt für uns die Chance, alte Pfade zu verlassen und neue Wege zu gehen, Veränderungen anzugehen und auch Dinge, die schief gelaufen sind, zu bereinigen.

Und auch wenn dieser neue Tag vielleicht nichts Gutes für Sie bereithält: Ich hoffe, dass Ihnen Menschen begegnen, die Ihren Tag leuchten lassen. Und eins ist sicher, morgen kommt wieder ein neuer Tag.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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16JAN2020
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Im Lehrerzimmer der Grundschule bei mir in Furtwangen hängt der folgende Spruch: „Wir dürfen junge Menschen nicht wie leere Flaschen sehen, die gefüllt, sondern wie Kerzen, die angezündet werden müssen.“

Gesagt hat das Robert Shaffer, ein amerikanischer Professor, der sich als Rektor verschiedener Schulen sehr intensiv mit Schülern und Studenten auseinandergesetzt hat.

Junge Menschen als leere Flaschen zu sehen, die man nur ordentlich mit Wissen vollstopfen muss, ist ein gängiges Lehrmodell zu allen Zeiten. Es geht davon aus, dass die jungen Menschen im Prinzip nichts können und nur darauf warten, mit unserem Lehrerwissen gefüllt zu werden.

Robert Shaffer hat aber wohl sehr deutlich gespürt, dass er so nur bedingt an seine gewünschten Ziele kommt.

Sein Ansatz ist, dass die jungen Menschen beim Lernen erkennen, was alles in ihnen steckt und was sie können. Das Wissen soll ihnen so viel Freude machen, dass sie nicht nur für die nächste Arbeit, sondern wirklich für das Leben lernen. Robert Shaffer hat viele junge Menschen dabei begleitet, er will sozusagen das Streichholz sein, dass die Kerzen entzündet, damit sie selbst brennen und Licht und Wärme geben können.

Das gilt aber nicht nur für die Schule. Es gilt auch, wenn es darum geht, den Glauben an Gott zu vermitteln. Es macht keinen Sinn, Menschen mit dem Wissen über den Glauben vollzustopfen.

Glaube muss gelebt werden. Nur dann können wir erfahren, dass er uns in unserem Leben hilft. Dass die Nächstenliebe die Basis für ein gutes Miteinander ist. Deshalb ist es mir wichtig, im Religionsunterricht über den Glauben zu sprechen, auch über Zweifel und Unsicherheiten. Denn dann geht es nicht nur um das Füllen, sondern um das Entzünden. So hoffe ich, die Freude am Glauben bei den Jugendlichen zu wecken.

Eines ist dabei aber besonders wichtig, egal ob ich mit jungen oder älteren Menschen zu tun habe. Das, was ich anderen weitergeben will, gelingt am besten, wenn ich selbst davon begeistert bin. Denn wenn mich etwas nicht interessiert, werde ich es kaum begeisternd weitergeben können.

Oder, um es mit den Worten von Augustinus zu sagen: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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15JAN2020
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Ich singe in Freiburg im ORSO-Chor mit. Vor ein paar Wochen hatte ich da ein interessantes Erlebnis. Unserem Dirigenten ging es nicht besonders gut. Eigentlich wäre er lieber im Bett geblieben, aber weil ein Konzert vor der Tür stand, hat er die Probe nicht abgesagt.

Am Anfang war er ungewöhnlich zurückhaltend, aber im Laufe der Probe wurde es immer besser, die Konzentration auf die Musik ließ ihn seine Schwäche doch recht gut vergessen. Am Schluss war tatsächlich schon fast das übliche Temperament da.

Ich fand das sehr bemerkenswert. Es hat mir gezeigt, welch großen Einfluss Musik auf den Menschen hat.

Das kann ich auch an mir selbst erleben. Wenn ich recht abgeschlagen bin und kaputt, setze ich mich gerne an die Orgel und spiele, entweder nach Noten oder einfach drauf los. Dabei bemerke ich, wie meine Lebensgeister so langsam wieder zurückkehren.

Auch in der Bibel wird über Musik berichtet. Einer der größten Musiker war David, ein Hirtenjunge aus Bethlehem, der Harfe spielen konnte. Als König Saul davon gehört hat, hat er David mit seiner Harfe zu sich eingeladen. Denn er hat immer wieder unter seiner Schwermütigkeit gelitten, heute würden wir Depressionen dazu sagen. Wenn David auf seiner Harfe gespielt hat, hat sich die Stimmung des Königs recht schnell aufgehellt. Er hat es geschafft, mit seinem Harfenspiel den König aus seinen Depressionen zu befreien. (1 Sam 16,17-22)

Ich habe bereits in der Grundschule angefangen, Akkordeon zu spielen. Bei vielen Veranstaltungen habe ich damit Musik gemacht und konnte so die Feiernden erfreuen. Vor Weihnachten habe ich mit den Grundschulkindern in Furtwangen Advents- und Weihnachtslieder gesungen. Es war eine Freude, die Kinder beim Singen zu erleben, gelöst und fröhlich.

Und selbst wenn Menschen Angst haben, fangen sie häufig an zu singen, zum Beispiel im dunklen Keller oder bei der Nachtwanderung.

John Miles hat es in seinem großen Song „Music“ so ausgedrückt:

„Music was my first love, and it will be my last.“

Musik ist meine erste Liebe gewesen, und sie wird auch meine letzte sein.

Musik der neuen Zeit und der Zukunft, auch die Musik der Vergangenheit.

Ohne meine Musik zu leben, wäre für mich nicht möglich.

Denn durch die Welt voller Probleme zieht mich meine Musik hindurch.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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14JAN2020
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Auf dem Pausenhof reden Schüler über einen Klassenkameraden: „Der schon wieder, mit dem ist doch nichts anzufangen.“ Kein schönes Urteil über einen anderen. Den ersten Eindruck über einen Menschen machen wir uns bereits wenige Sekunden nach dem Zusammentreffen. Das ist keine lange Zeit. Sie beruht auf einer uralten Fähigkeit, die in uns Menschen immer noch aktiv ist: schnell zu entscheiden, ob der, der einem grad begegnet, Freund oder Feind ist.

Tatsächlich hat das sogar mal Sinn gemacht. Es gab Zeiten in der Menschheitsgeschichte, da war es lebenswichtig. Dieser Eindruck hat sich dann eingeprägt.

Heute bleibt der erste Eindruck immer noch, obwohl uns selten Menschen begegnen, die uns nach dem Leben trachten.

Und ob der Mensch, der mir gerade gegenübertritt, noch derselbe ist, wie beim ersten Aufeinandertreffen, weiß ich auch nicht. Ich weiß nicht, was er alles erlebt hat, das ihn vielleicht verändert hat.

Der britische Dichter George Bernhard Shaw sagt: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“

Das ist es doch, jedes Mal neu Maß nehmen. Gerade am Anfang eines Jahres scheint mir das sehr sinnvoll zu sein. Wie viele schnelle Urteile über einen anderen Menschen muss ich verändern. Ich denke da an einen Mann, der mir zuerst irgendwie unsympathisch war. Als ich ihn dann aber näher kennengelernt habe, war ich begeistert, wie er sich in die Gemeinde eingebracht hat und überall geholfen hat. Bei wie vielen Menschen tut es gut, einmal neu hinzuschauen.

Mir hilft dabei auch mein Glaube: an einen Gott, der bereit ist, immer wieder neu für uns Maß zu nehmen. Jeder neue Tag ist so ein Angebot. Ich kann mich neu ausrichten und andere neu beurteilen. Viel zu oft denke ich, dass die anderen sich ändern müssten. Nein, auch ich. Dazu brauchen wir Mut, Offenheit und einen klaren Blick.

Im Religionsunterricht haben wir dann darüber gesprochen, dass ausgrenzen immer ein Fehler ist. Gott liebt jeden Menschen, jeder ist ein liebenswerter Mensch. Das können wir aber nur erkennen, wenn wir ihm die Chance dazu geben.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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13JAN2020
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„Ist das schön!“ Wenn wir etwas Begeisterndes erleben, dann entfährt uns fast unwillkürlich dieser Satz. Besonders intensiv empfinde ich solche Erfahrungen ganz oben auf den Bergen.

Der Aufstieg hat viele Stunden gedauert und war sehr anstrengend. Manchmal habe ich dann schon daran gedacht, abzubrechen und umzukehren. Aber auf dem Gipfel angekommen, hat mich der Ausblick auf die Landschaft im Tal und die Aussicht auf die Berge ringsherum entschädigt, und alle Mühen haben sich gelohnt, waren manchmal sogar vergessen.

So eine Erfahrung ist auch in der Bibel beschrieben (Matthäus 17,1-9). Jesus lädt seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes ein, mit ihm auf den Berg Tabor zu steigen. Oben angekommen passiert Überraschendes. Jesu Gewand wird auf einmal strahlend hell. Und er selbst auch. Die Jünger müssen den Eindruck gewonnen haben, sie können gewissermaßen einen Blick in den Himmel werfen. Noch dazu begegnen Jesus zwei bedeutende Persönlichkeiten seines Glaubens: Mose und Elija.

Petrus will nun das machen, was heute ganz viele Menschen machen, er möchte den Augenblick festhalten. Petrus will drei Hütten bauen. Wir machen heute ein Foto oder ein Video, als Erinnerung.

Zu Hause kann man sich dann alles noch einmal anschauen. Das ist zweifellos schön. Ich mache selbst oft Fotos, im Zeitalter des Smartphones sogar eher noch mehr als früher.

Doch liegt auch eine Gefahr darin. Man schaut alles nur noch unter der Perspektive an, ob es sich wohl lohnt das zu fotografieren. Entweder um es anderen zu zeigen oder um es sich selbst später wieder anzusehen. Schade ist es nur, wenn man zu Hause feststellt, dass man zwar wunderschöne Bilder hat, sich selbst aber gar nicht so intensiv an die Situationen erinnern kann. Man hat sie ja nur durch den Sucher der Kamera erlebt.

Petrus durfte keine Hütten bauen, aber die Erfahrung oben auf dem Berg hat sich tief in die Herzen der Jünger eingepflanzt. Daraus haben sie gelebt, besonders als Jesus dann zum Tode verurteilt wurde und gestorben ist.

Ein jeder von uns braucht solche Erinnerungen, die uns durchs Leben tragen und die tief in unseren Herzen verwurzelt sind, nicht nur als Bild oder Videoclip. Sonst verpassen wir vielleicht den schönsten Augenblick.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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