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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30NOV2019
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Der Tag vor dem 1. Advent ist für mich der schönste in der ganzen Adventszeit. Das ist es noch ruhig, finde ich. Weihnachten noch weit weg, die Mühe wegen der Geschenke auch, das Einkaufen in übervollen Geschäften, das hin und her wegen der Reise- und Besuchspläne in einer großen Familie. Am Tag vor dem ersten Advent versuche ich, nicht daran zu denken. Es ist ja noch dreieinhalb Wochen hin. Heute schmücke ich erst mal in Ruhe meinen Adventskranz und stelle ihn an seinen Platz im Wohnzimmer. Ich hänge den Adventskalender auf und stelle schon mal die Weihnachtskrippe auf, noch ohne Figuren, Für Maria und Joseph ist es noch ein bisschen früh, finde ich. Ich mache Tee und höre zum ersten Mal Advents- und Weihnachtslieder.

An diesem Tag vor dem ersten Advent begreife ich jedes Jahr, was „Vorfreude“ heißt. Wenn Weihnachten näher rückt, spüre ich davon oft nicht mehr so viel, weil alles Mögliche zu erledigen ist und weil mir das Gedudel in den Kaufhäusern auf die Nerven geht. Heute ist das anders. Heute freue ich mich auf Weihnachten.

Dazu passt das Motto, der sogenannte Wochenspruch, der in den evangelischen Kirchen immer am ersten Advent angesagt wird: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer!“ Das hat ein Prophet schon lange vor Jesu Geburt seinen Landsleuten in schwerer Zeit angekündigt. Ein armer König würde kommen, der auf einem Esel reitet statt auf einem prächtigen Pferd. Und mit dem würden andere, neue Zeiten anfangen. Dieser König würde für Gerechtigkeit sorgen, und weil alle zu ihrem Recht kommen, wird endlich Frieden sein. Er selbst würde den Armen helfen und die Traurigen trösten.

Wir Christen glauben, dass Jesus dieser König ist. Einer der den Traurigen und Armen Hoffnung gegeben hat. Einer, der seine Nachfolger gebeten hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, nicht nur die, mit denen du verwandt und befreundet bist. Liebt auch die Fremden und die, die euch gefährlich scheinen. Sorgt für Gerechtigkeit, damit endlich Frieden ist, weil alle genug zum Leben haben.“

Die Geburt und das Leben dieses armen Königs Jesus feiern wir Christen an Weihnachten. Und wir lassen es uns ein paar Tage lang besonders gut gehen, weil Jesus doch wollte, dass es den Menschen gut geht. So sehe ich auch die vielen Spendenaufrufe, die mir in diesen Tagen ins Haus flattern: Brot für die Welt, Adveniat, Kindernothilfe, Welthungerhilfe… Ich kann mithelfen, dass auch andere genug zum Leben haben. Wie schön.

Der Tag vor dem ersten Advent ist der schönste in der ganzen Adventszeit. Versuchen Sie es mal: Genießen sie ihn in aller Ruhe!

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28NOV2019
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Es soll eine Grundrente geben für Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht. Endlich. Hoffentlich. Frauen zum Beispiel, die wegen ihrer Kinder zeitweise gar nicht oder vielleicht nur 50% gearbeitet haben. Menschen, deren oft schwere Arbeit schlecht bezahlt wurde. Oder Menschen, die krank waren und deshalb nicht so viel arbeiten konnten wie andere. Die Grundrente soll ihnen helfen, dass sie im Alter nicht Sozialhilfe beantragen müssen. Sie soll ihnen zeigen: Wir sehen, dass ihr es schwer hattet und viel geleistet habt. Und wir wollen, dass ihr jetzt als Rentner einigermaßen gut leben könnt.

Ich finde das gut so. Jesus hat von Arbeitern erzählt, die am Ende alle so viel bekommen haben, dass sie davon leben konnten (Mt 20, 1-20), obwohl die einen den ganzen Tag voll gearbeitet haben und andere viel weniger. Wer weiß, warum die erst am Nachmittag anfangen konnten oder sogar erst gegen Abend. Anscheinend waren sie vorher arbeitslos, es hatte sie keiner eingestellt. Der Arbeitgeber aber gibt am Ende jedem so viel, dass er leben kann.

So ist Gott, hat Jesus gesagt. So geht es in seinem Himmelreich zu. Manche sagen: Das kann man doch gar nicht vergleichen. So geht es eben im Himmel zu, da geht es nicht nach Leistung und nicht danach, was einer verdienen konnte. Aber Jesus hat doch auch gesagt, das Reich Gottes beginnt mitten unter uns. Ich finde, das müssten wir heute schon die Armen spüren lassen. Im Reich Gottes, heißt es, können alle an einem Tisch sitzen, Arme und Reiche. Und außerdem: Wir Christen beten nicht bloß sonntags „wie im Himmel so auf Erden“. Wer das ernst meint und nicht bloß Sonntagsreden hält, der muss dafür sorgen, dass alle genug zum Leben haben. Die Rentner und Rentnerinnen bei uns im Land. Und genauso die Armen in aller Welt, die sich oft nicht einmal das Schulgeld für ihre Kinder leisten können. Kein Wunder, dass die dann versuchen zu fliehen und anderswo ihr Auskommen zu finden.

Alle sollen genug zum Leben haben. Ich meine, unser wohlhabendes Land kann sich das leisten. Sollte man überprüfen, ob die Menschen mit geringer Rente auch wirklich bedürftig sind? Warum eigentlich nicht? Wenn jemand zwar wenig Rente, aber andere Einkünfte hat, dann hat er ja vermutlich genug zum Leben. Die Steuergelder, die man für seine Grundrente dann nicht ausgeben muss, die sind sicher für die Sanierung von Schulen und mehr Lehrer sinnvoller angelegt.

Kinder können auch noch nichts verdienen – deshalb müssen wir Steuerzahler gemeinsam dafür sorgen, dass auch sie gut leben können. Ich glaube, gerade Rentner verstehen das.

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27NOV2019
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„Ich bin wahrscheinlich kein guter Christ. Ich bin ja nicht Jesus!“ hat neulich jemand zu mir gesagt. Und ich hätte am liebsten geantwortet: Jesus war überhaupt kein Christ. Obwohl wir Christen ja von ihm diese Bezeichnung haben. Er wird Jesus Christus genannt, auf deutsch „Jesus, der Gesalbte“.

Gesalbte waren in antiker Zeit besonders hoch angesehene Menschen. Könige zum Beispiel wurden gesalbt. Jesus also der Gesalbte, an sein Kreuz haben sie damals geschrieben „König der Juden“.

Ob Jesus eine neue Religion begründen wollte? Ich glaube nicht. Er war Jude und er lebte und glaubte als Jude, genau wie seine Eltern. Er wurde bald nach der Geburt beschnitten, nach der Bar Mizwa, der Feier seiner Mündigkeit, nahmen seine Eltern ihn mit auf Pilgerreise nach Jerusalem und am Abend vor seinem Tod feierte er mit seinen Freunden das Passahmahl. Und der Satz, den viele für ur-christlich halten: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lev 19, 18), den kannte Jesus schon aus dem Alten Testament, der Bibel der Juden.

Allerdings: Jesus ging es nicht darum, Traditionen und Gesetze einfach nur zu befolgen. Für ihn war entscheidend, ob sie den Menschen das Leben leichter machen. Viele hielten ihn deshalb für einen besonders bevollmächtigten Lehrer, manche glaubten, Gott selber hätte ihn gesandt. Das hat Jesus für die religiösen und politischen Führer seiner Zeit gefährlich gemacht. Und deshalb haben sie ihn später verhaften und hinrichten lassen.

Ob Jesus selbst behauptet hat, er sei der erwartete Gesandte Gottes, das ist nicht klar. Als man ihn im Prozess gefragt hat, ob er der König der Juden sei, da hat er gesagt: „Du sagst es“ (Mt 27,11) – aber „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh 18, 35).

Erst nach seiner Hinrichtung haben ein paar Frauen und seine Jünger Erfahrungen gemacht, von denen sie dann weitererzählt haben: „Er ist nicht tot. Gott hat ihn auferweckt“. Für sie war damit klar: Gott war auf der Seite dieses Hingerichteten. Dieser Jesus war doch von Gott gesandt, er lebt, er ist unter uns, er ist Jesus, der Christus. Gespürt haben sie seine Gegenwart, wo sie in seinem Sinn gelebt haben.

Und wer war nun der erste Christ, der von dem man vielleicht sagen kann, er hat die neue Religion begründet? Vielleicht Paulus, der Apostel. Auch er hat Erfahrungen gemacht, hat den Auferstandenen reden hören. Und hat das dann auf seinen Reisen weitererzählt. Paulus war es, der über Jesus gesagt hat: „Gott sandte seinen Sohn. Er wurde von einer Frau geboren und war dem Gesetz unterstellt. … Auf diese Weise wollte Gott uns als seine Kinder annehmen.“ (Gal 4,4f)

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26NOV2019
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Hiob hat nicht gebetet, obwohl er eine Hiobsbotschaft nach der anderen bekommen hat. Hiob betet nicht um Rettung. Nicht um Genesung, dass er wenigstens seine Kinder begraben, seiner Frau beistehen kann. Hiob macht Gott Vorwürfe. Die Bibel erzählt seine Geschichte.

„Wie kleinlich bist du denn“, hält er Gott vor. „Der Mensch ist empfindlich wie eine Blume. Und du, der große Gott, du kannst ihn nicht in Ruhe lassen? Du ziehst ihn vor dein Gericht?“

„Ich bin ein fehlbarer Mensch“, das sieht Hiob wohl. „Aber wie kann ein Mensch anders sein? So hast du uns Menschen geschaffen, Gott! Es ist nicht Recht, dass du uns dann mit Strafen überziehst. Das ist einfach bloß kleinlich.“

Hiob beharrt darauf: Ich bin nur ein Mensch. Aber ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich habe es nicht verdient, dass es mir so geht. Lass mich doch wenigstens in Ruhe, Gott.

Hiob traut sich, Gott so bitter anzuklagen. Und das steht alles in der Bibel, 42 Kapitel lang. Der das aufgeschrieben hat, der hat gewusst: Solche Situationen gibt es. Und längst nicht immer lehrt die Not beten. Viele macht sie auch bitter, so wie Hiob. Er findet keine Antwort auf die Frage: Warum? Warum tut Gott mir das an? Ich habe doch nichts getan. Ist Gott wirklich nur ein böser alter Mann, der Spaß daran hat, uns kleine Menschenwichte zu plagen?

An einer Stelle, in ein paar kurzen Sätzen, kommt aber noch etwas anderes. Hiob redet von seiner Sehnsucht. Von der Sehnsucht nach einem anderen Gott. Hiob wünscht sich einen Gott, der nach ihm fragt. Der ihn ruft. Der ihn bei seinem Namen ruft. So wie Gott das ja eigentlich versprochen hat: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen…fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Hiob kann davon nichts spüren. Aber er wünscht sich, dass Gott nach ihm fragt.

Ich verstehe das gut. Und neulich ist mir beim Lesen aufgefallen. Eigentlich hat Hiob das auch erlebt: Die Bibel erzählt ja, dass da drei Freunde sind. Die lassen ihn nicht fallen. Die fragen nach ihm. Die besuchen ihn. Sie gehen ihm nicht aus dem Weg, weil sie nicht wissen, wie sie mit so einem umgehen sollen. Die Freunde halten bei ihm aus. Erst schweigen sie mit ihm. Dann diskutieren sie mit ihm. Nicht in allem ist das gut für Hiob, was sie sagen. Aber immerhin: Sie laufen nicht weg. Sie bleiben. Hiob ist nicht allein mit seinem Leid. Drei Freunde. Immerhin. Vielleicht ist ja das die Art, wie Gott nach Hiob fragt – und nach allen, die Hiobsbotschaften bewältigen müssen?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29844
25NOV2019
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Haben Sie auch schon Ihre Wahlunterlagen bekommen? Alle evangelischen Baden-Württemberger sollten die bis spätestens gestern erhalten haben. Damit können sie bis nächsten Sonntag wählen, den Kirchengemeinderat in Ihrer Gemeinde und in Württemberg auch die Landessynode. Also das Gremium, das Entscheidungen für die Kirche insgesamt trifft. Sie können per Briefwahl wählen, in Württemberg können sie ihre Unterlagen auch am Sonntag in die Urnen werfen. Sie können wählen Und dann hoffen, dass in den nächsten 6 Jahren in Ihrer Kirche Entscheidungen getroffen werden, die Ihnen wichtig und richtig scheinen. Damit das geschieht, können Sie jederzeit mit ihren Vertretern sprechen. Ich bin sicher, die sind froh, wenn sie hören, was Ihnen am Herzen liegt.

In der evangelischen Kirche geht es demokratisch zu. Das Volk entscheidet, was geschehen soll – natürlich erst, nachdem man darüber nachgedacht hat, was denn wohl Jesus, die Apostel und Propheten zu dieser oder jener Frage gesagt hätten. Deshalb war es für Martin Luther ja so wichtig, dass die Menschen selbst die Bibel lesen können und nicht bloß glauben müssen, was die Pfarrer ihnen erzählen. Jeder soll selbst die Bibel lesen und gemeinsam soll man sich ein Urteil bilden, auch über ganz praktische Fragen. So hat Luther sich das vorgestellt.

Ja, er hat sogar in einem Gutachten entschieden, „dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, über alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen“. (WA 11, 408-416/ MA 3, 220-229)

Ein Beispiel: Frauen sollen in der Gemeinde schweigen, steht in der Bibel. Gemeinsam können und sollen Christenmenschen sich überlegen, wie man denn heute damit umgeht. Ob das wirklich im Geist Jesu ist. Gemeinsam können und sollen sie überlegen, wie das denn konkret aussehen kann: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Was kann man tun, was ist wichtig? Menschen retten, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen? Sich engagieren für Geflüchtete, die auf ein besseres Leben bei uns hoffen? Einen Chor gründen, in dem alle mitsingen und erleben können, wie viel Freude das Singen macht und wie es Menschen miteinander verbindet? Kindergärten und Schulen betreiben, wo neben Mathe und Physik auch christliche Werte vermittelt werden und die Kinder lernen können, wie man beten kann, wenn man beten möchte? Was finden Sie wichtig? In den Kirchengemeinderäten und in den Synoden wird darüber beraten und entschieden.

Durch die Wahl am kommenden Sonntag können sie sich daran beteiligen. Kirche ist lebendig, wenn viele sich beteiligen. Bitte, machen Sie auch mit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29843