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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01JUN2019
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Sprich einen Wunsch aus und ich werde ihn dir erfüllen! Ganze Generationen von Witzen und Märchen beginnen damit, dass eine Fee oder ein Flaschengeist auftaucht und einem überraschten Menschen sagt: Du hast einen Wunsch frei. Und als Zuhörerin schüttele ich den Kopf darüber, welche lächerlichen Wünsche dann ausgesprochen werden.

Auch in der Bibel steht so eine Geschichte in der sich ein Mann etwas wünschen darf. Es geht um den jungen König Salomo. Er war der Sohn des legendären Königs David. Ganz am Anfang seiner Regierungszeit hat er einen Traum gehabt. In diesem Traum hat Gott ihn aufgefordert: „Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll.“

Was soll sich ein junger Mann wünschen, der vor einer großen Herausforderung steht? Ein langes Leben? Die Vernichtung aller Feinde? Reichtum, damit er und seine Familie ein sorgenfreies Leben führen können? Das wäre alles verständlich.

Ich weiß nicht, wie lange Salomo überlegt hat. Vermutlich hat er manches abgewogen und sich gefragt: Was brauche ich wirklich? Seine Antwort überrascht mich. „Schenke mir ein hörendes Herz.“ Salomo ist sich sicher: Das brauche ich. Und ich habe es nicht. Zumindest nicht immer.
Er hat sich vorgenommen: Ich will gut zuhören.

Ich denke, dass geht in verschiedene Richtungen. Ich will mir gut zuhören und nicht nur anderen nachsprechen, was sie denken. Ich will mir eine eigene Meinung bilden. Dazu gehört aber auch: Ich will anderen zuhören. Sie sehen Dinge, die ich nicht sehe. Sie haben andere Erfahrungen als ich. Manches sehen sie anders. Darum will ich sie fragen und ihnen zuhören. Vielleicht entscheide ich danach nicht so, wie sie entschieden hätten. Aber ich habe auf jeden Fall dazugelernt.

Für Salomo war auch wichtig: Ich will Gott hören. Mag sein, dass ich im Alltagstrubel manchmal so den Kopf voll habe, dass ich ihn vergesse. Manchmal sind andere Stimmen so laut. Aber dann will ich mich wieder an ihn erinnern und offen dafür sein, auf Gott zu hören. So kann ich gut meine Arbeit machen, hat Salomo gedacht. So kann ich leben, als Mensch, als Familienvater. Mit einem hörenden Herz.

Salomo ist später für seinen Reichtum berühmt geworden, aber tatsächlich auch für seine Weisheit. Ich denke, das hängt mit seinem Wunsch zusammen. Ein hörendes Herz.
Was wünschen Sie sich?

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29MAI2019
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Wo wohnt Gott? Das habe ich in der Schule Kinder aus der 4. Klasse gefragt. Sie sind 9 oder 10 Jahre alt.

Wo wohnt Gott? Ein Junge hat kurz und bündig geschrieben: „1. Überall. 2. Im Himmel. 3. Bei uns.“ „Überall“ – das haben mehrere Kinder geantwortet. Ein Kind hat fast philosophisch notiert: „Gott lebt überall, aber auch nirgends.“

Wo wohnt Gott? Überall und nirgends. Er ist größer als alles, was ich fassen und denken kann. Er ist jenseits von allem. Er lässt sich nicht einsperren. Auch nicht in das, was kluge Menschen über ihn sagen. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer“. So hat es Martin Luther mal gesagt.

Und doch glaube ich: Der, der jenseits von allem ist, hat sich auf der Erde gezeigt. Damals, als Jesus auf der Erde gelebt hat. Ein Kind hat das so ausgedrückt: „Er lebte in Jerusalem, glaube ich.“ Dort, wo Jesus unterwegs gewesen ist, da war Gott. Wer sieht, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist, der sieht auch, wie Gott mit Menschen umgeht.

Und heute? Wohnt Gott an besonderen Orten? In Kirchen zum Beispiel? Auch dazu hat sich ein Kind Gedanken gemacht. Und zwar so: „Gott ist überall. In der Kirche betet man zu ihm. Dort spürt man ihn am deutlichsten.“ Ich finde spannend, wie ein Kind das auseinanderhalten kann. Gott braucht kein Gotteshaus. Menschen schon. Für sie kann es eine Hilfe sein, dorthin zu gehen. Allein oder zu einem Gottesdienst. Natürlich kann ich überall beten. Warum auch nicht, wenn Gott überall ist. Aber wenn ich in die Kirche gehe, habe ich es einfacher. In diesem besonderen Raum komme ich leichter zur Ruhe als daheim oder unterwegs. Ich kann in der Stille beten oder indem ich singe oder eine Kerze anzünde. Manchmal klingt in mir nach, was ich im Gottesdienst in der Bibel gehört habe. Weil es mich getröstet hat. Oder weil es mich irritiert und hinterfragt hat. Und wenn wir in der Gemeinde das Vaterunser beten, dann trägt mich diese Gemeinschaft. Zusammen mit anderen kann ich aussprechen, was wir auf dem Herzen haben.
Wo Christen zusammenkommen, da wohnt Gott auch, finde ich.

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28MAI2019
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Klatsch und Tratsch wird künftig bestraft. So will es der Bürgermeister einer philippinischen Stadt. Wer dort Gerüchte über seine Mitmenschen verbreitet und herumtratscht, wird zur Kasse gebeten. Beim ersten Mal kostet es umgerechnet 3,50 Euro. Und man muss einige Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Wenn man dann nochmal erwischt wird, wird es teuer.

Im Neuen Testament lese ich, wie es anders gehen kann. „Redet, was gut ist, was aufbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ Also nicht nur nichts Schlechtes verbreiten, sondern Gutes verbreiten. Etwas, was anderen weiterhilft. Und dazwischen gehen, wenn ein einzelner oder eine ganze Gruppe Opfer von Klatsch und Tratsch wird. Nachfragen: Woher weißt du das? Bist du sicher, dass das stimmt, was du verbreitest? Oder erzählst du einfach nur weiter, was du irgendwo aufgeschnappt hast?

Der Bürgermeister auf den Philippinen will das seinen Leuten einschärfen. Sie sollen aufmerksam werden: Was erzähle ich eigentlich herum? Stimmt das, was ich über meinen Nachbarn oder die Kollegin verbreite? Es ist ja so einfach, über andere abzulästern. Ein Schwätzchen am Gartenzaun, ein paar Klicks bei Facebook, ein paar Andeutungen in der Kaffeepause. Und schon macht es die Runde. „Hast Du schon gehört?“

Vor Jahren habe ich eine Geschichte gehört, an die ich seither oft gedacht habe. Ein Mann verbreitet Klatsch und Tratsch über seinen Nachbarn. Fake News, würde man heute sagen. Irgendwann tut es ihm leid und er entschuldigt sich. Der andere nimmt ihn mit auf den Kirchturm. Dort schüttelt er ein Federkissen aus. Die Federn fliegen in alle Richtungen davon. „Sammel sie ein“, fordert er den Nachbarn auf, der über ihn hergezogen hatte. Der schüttelt ratlos den Kopf. „Genauso wenig kannst du die schlechten Worte einfangen, die du über mich verbreitet hast!“

Die Geschichte mahnt mich: Denk darüber nach, was deine Worte anrichten können. Es ist gut, wenn einem hinterher etwas leid tut; aber dem, über den man schlecht geredet hat, hilft es wenig. Ich kann die Worte nicht wieder einfangen, sie nicht rückgängig machen.

Nicht über einen anderen herziehen: Das ist schonmal ein guter Anfang. Aber es braucht mehr: „Reden, was gut ist“. Ich bin sicher: Auch heute werde ich dazu reichlich Gelegenheit haben.

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27MAI2019
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Ich glaube, ich bin etwas Besonderes. Und ich glaube, ich bin nichts Besonderes. Beides zugleich.
Es gibt Momente, in denen fühle ich mich ganz klein. Zum Beispiel, wenn ich nachts mit dem Teleskop zum Himmel schaue und über die unzähligen Sterne staune. Dann frage ich mich: Wer bin ich kleiner Mensch angesichts des Universums? Ich bin ein winziger Teil der Natur. Eingebettet in etwas unendlich viel Größeres.

Aber es gibt auch andere Momente: In denen fühle ich mich groß und wichtig. Wenn mir etwas Besonderes gelungen ist, zum Beispiel. Oder wenn mir jemand sagt: „Für mich bist du etwas Besonderes!“

Rabbi Bunam, ein jüdischer Gelehrter, hat seinen Schülern geraten: „Jeder von euch muss zwei Taschen in seiner Jacke haben, um bei Bedarf in die eine oder in die andere greifen zu können. In der einen Tasche liegt ein Zettel, auf dem steht: ‚Das Universum ist um deinetwillen geschaffen.’ Auf dem Zettel in der anderen Tasche steht: ‚Du bist Staub und Asche!‘“

Zwei Zettel also, nicht nur einer. Rabbi Bunam ist wohl davon ausgegangen, dass manche Leute nur einen der beiden Zettel haben. Manche lesen immer nur: „Das Universum ist um deinetwillen geschaffen“. Sie halten sich für das Maß aller Dinge. Als ob es niemand sonst gäbe. Andere dagegen haben nur den zweiten Satz im Kopf: „Du bist Staub und Asche!“ Das ermutigt einen nicht gerade dazu, fröhlich und voller Gottvertrauen zu leben und sich für die Zukunft der Welt einzusetzen.

Ich möchte beide Zettel bei mir tragen.
Wenn ich mich viel zu wichtig nehme, dann will ich mir vor Augen halten: „Du bist Staub und Asche!“ Den Satz hat der Rabbi in der Bibel gefunden. Er erinnert mich daran, dass ich ein begrenztes Lebewesen bin, das nur einige Jahre oder Jahrzehnte lebt. Und dass ich eine von vielen bin.

Wenn ich aber klein von mir denke, wenn ich mich ohnmächtig fühle, dann will ich nach dem anderen Zettel greifen und lesen: ‚Das Universum ist um deinetwillen geschaffen.’ Okay, das ist ein bisschen vollmundig. Mir würde schon reichen, wenn auf dem Zettel steht: „Du bist eine Idee von Gott! Sein Kind.“ Auch ein Gedanke aus der Bibel. Der baut mich auf. Und er macht mir Mut, mich zu engagieren. Damit auch andere so von sich denken können.

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