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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27APR2019
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Das Grünen und Blühen geht in Furtwangen im Schwarzwald nur langsam voran. Die Blätter haben bisher höchstens ganz kleine grüne Spitzen. Doch die Vögel sind schon aktiv. Jeden Morgen weckt mich jetzt ein Konzert aus Vogelkehlen. Es wird von Tag zu Tag vielstimmiger.

Ich will noch einen Baum im Pfarrgarten endlich fällen und entsorgen. Das hätte schon vor einigen Jahren passieren sollen, aber immer hat die Zeit dazu gefehlt. Als ich mir den Baum dann noch einmal so angeschaut habe, habe ich das Vogelnest in seinen Zweigen entdeckt. Eine Elsterfamilie hat es gebaut. Da war für mich klar, dass der Baum in diesem Frühjahr an seinem Platz bleiben wird. Denn ich möchte, dass die Vögel dort in Ruhe brüten können, geschützt vor Katzen und anderen Tieren.

Passend dazu gibt es einen Psalm, der auch von den Vögeln spricht. Es ist der Psalm 104. Dort heißt es: „Du lässt Quellen sprudeln in Bäche, sie eilen zwischen den Bergen dahin. Sie tränken alle Tiere des Feldes. Darüber wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang. In den Bäumen, die er gepflanzt hat, bauen die Vögel ihr Nest.“ Bei Gott findet offenbar jedes Geschöpf seinen Platz und ist außerdem noch gut aufgehoben. Dass die Vögel den Baum bei uns im Pfarrgarten als Niststätte auserkoren haben, und ihn damit vorerst vor dem Abholzen schützen, freut mich.

Wir Menschen brauchen auch einen Platz, der ein gutes Zuhause ist. Wenn wir in unsere Welt hineinschauen und die Nachrichten hören, dann sind viele Menschen unterwegs, deren Zuhause zerbrochen ist, deren Nest im wahrsten Sinne des Wortes abgesägt wurde. Sie suchen zu Recht nach einer neuen Sicherheit. Da tut es gut zu erleben, dass Menschen sich für sie einsetzen und sich gegenseitig helfen. Zu spüren, dass Menschen sich Zeit nehmen, um miteinander über ihre Ängste zu sprechen und mutig nach vorne zu schauen. Zu sehen, dass viele ihre Kraft und Zeit einsetzen, um Menschen, die bei uns Sicherheit suchen, in ihrer neuen Heimat zu integrieren.

Schließlich heißt einer der Aufträge Gottes an uns: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Für mich bedeutet das, denen zu helfen, die in Not sind. Und ich bin mir sicher: Gott gibt uns die Kraft dazu.
Den Dank für diese Kraft finde ich auch im Psalm 104: „Ich will dem Herrn singen mein Leben lang, meinem Gott singen und spielen, so lange ich da bin. Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn.“

 

 

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25APR2019
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Schnell, schneller, Glasfaser. Baustellen fürs schnelle Internet. Bei mir zuhause in Furtwangen so weit das Auge reicht. Viele Bürgersteige und Straßen sind aufgerissen gewesen im Herbst.

Als dann der erste Schnee gekommen ist, sind die Bürgersteige schnell noch ordentlich hergerichtet worden, die Straßen wurden aber nur notdürftig zugemacht. Zum Teeren ist es schon zu kalt gewesen. Schnell haben sich dann Schlaglöcher gebildet und als Autofahrer habe ich unheimlich aufpassen müssen, nicht in so ein Loch hineinzufahren. Die Vorfreude darauf, dass das Internet in den kommenden Jahren mit dem neuen Glasfasernetz immer schneller werden wird, hat mir beim Aufpassen geholfen.

Internet!, so lassen sich die Wege untereinander verkürzen. Zum Beispiel durch einen skype-Anruf. Ich höre den Anderen nicht nur, sondern kann ihn oder sie auch sehen. Mit genügend schnellem Internet geht das dann auch ganz ohne Ausfälle oder ruckelnde Bilder. Und plötzlich stehen ganz neue Wege offen. Bei einem Anruf kann ich auch Mimik und Gestik einsetzen. Das ist früher nicht möglich gewesen. Da war die Stimme das einzige Medium.

Ich kenne viele, auch ältere Menschen, die regelmäßig mit skype oder facetime telefonieren, weil sie so ihre weit entfernt lebenden Kinder und Enkel einfach hören und sehen können. Und das finde ich schön so. Die Menschen erzählen mir begeistert darüber. Viele erleben es als ein großes Geschenk, dass sie nicht mehr missen möchten. Sie fühlen sich jetzt wieder richtig dabei.

Aber ich spüre auch, dass nicht alles im Leben mit Schnelligkeit erreicht werden kann. Denn so schnell das Internet auch werden wird, eine der für mich wichtigsten Verbindungen, die direkte Verbindung zu Gott wird sich per facebook, whatsapp oder eMail wohl niemals herstellen lassen.

So verlockend das auch klingen mag, da werden wir immer auf die bekannten und bewährten Wege zurückgreifen müssen: Gebet, Stoßseufzer, stille Zeit, Gottesdienst.

Und so nehme ich mir vor, mich zum Gebet hinzusetzen. Doch dann klingelt das Telefon. Gleichzeitig weist das Handy auf einen herannahenden Termin hin. Außerdem meldet der Hund seinen Wunsch nach Spielzeit an. Und die Katzen hätten gern was zu fressen. Manchmal fühle ich mich da wie zwischen lauter aufgerissenen Bürgersteigen oder auf einer Schlaglochpiste.

Während alles den Anspruch erhebt, schnell zu sein oder es immer mehr zu werden, wünsche ich mir einfach Zeit für den persönlichen Kontakt mit Gott ohne ständige Ablenkung.
Schnell, so wird mir wieder bewusst, ist keiner der Namen Gottes

 

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24APR2019
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Petrus ist einfach alles zu viel. Zuerst das Mahl mit Jesus und die Gemeinschaft. Doch dann macht Jesus diese komische Andeutung: Drei Mal wird Petrus sagen, dass er Jesus gar nicht kennt. Bevor der Hahn kräht.

Petrus doch nicht. Der Erste unter den Jüngern, der Anführer der Apostel. Das würde ihm nie passieren.
Aber als Jesus dann gefangen genommen worden war, sein Jesus, ist alles schief gelaufen. Schon kommen die Fragen: Gehörst du nicht auch dazu? Einmal, zweimal, dreimal hat er gesagt, dass er diesen Menschen da gar nicht kennt. Kikeriki. Petrus fühlt sich mies, er fühlt sich als totaler Versager. Die Tränen rennen nur so die Wangen runter. Er hat es getan. Dabei war er sich so sicher.

Petrus ist dann wieder ganz Fischer am See Genezareth geworden. Alles scheint wieder normal, zumindest bis der Fremde am Ufer steht. Auf der rechten Seite sollen sie das Netz auswerfen, die ganze Nacht war es leer geblieben. Petrus tut es und es ist so voll mit Fischen. Der Fremde ist Jesus. Petrus ist sich sicher. Ganz sicher.

Ein Wechselbad der Gefühle. Jesus fragt, ob Petrus ihn innig liebt, mehr als die anderen. Petrus würde ihm am liebsten um den Hals fallen: Ja, so ist es.

Aber das will noch nicht über die Lippen. Statt dessen ist alles wieder da: Ich kenne diesen Menschen nicht. Der ohrenbetäubende Schrei des Hahnes. Und was fehlt, ist das Vertrauen zu sich selbst. Das einzige, was er herausbringt ist: Ich bin dein Freund.

Jesus fragt weiter und Petrus glaubt, seinen Ohren nicht trauen zu können. Das dritte Mal fragt Jesus: Bist du mein Freund? Und da kann Petrus überzeugt antworten: Ich bin dein Freund.

Ich mag Petrus. Alle Höhen und Tiefen muss er durchleben und kann am Ende doch nicht so, wie er gerne möchte. Doch Jesus steht zu ihm und setzt auf ihn. Seine Aufgabe: Menschen für Gott gewinnen. So findet Petrus wieder zu sich. Sein Vertrauen wächst. Und er macht seine Aufgabe gut.

Dietrich Bonhoeffer beschreibt es so:
Wo wir Menschen sagen: verloren!, sagt Gott: gefunden!
Wo wir Menschen sagen: gerichtet!, sagt Gott: gerettet!
Wo wir Menschen sagen: Nein!, sagt Gott: Ja!
Und ich füge noch hinzu: Wo wir Menschen sagen: tot!, sagt Gott: lebendig!

 

 

 

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23APR2019
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Manchmal haben wir Theologen schon eine eigenartige Sprache. „O unfassbare Liebe des Vaters, um den Knecht zu erlösen, gabst Du den Sohn dahin. O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast Du gefunden.“ So heißt es im feierlichen Lobgesang auf die neue Osterkerze. Glückliche Schuld, was für eine verrückte Idee. Wie kann eine Schuld glücklich sein? Gehen Sie mit mir ein Stück durch die Bibel, dann kann manches klar werden.

Kommen Sie mit ins Lukasevangelium. Ins 15. Kapitel. Zum Text vom barmherzigen Vater. Er wird auch die Geschichte vom verlorenen Sohn genannt. Ein Vater hat zwei Söhne. Der jüngere ist ein Draufgänger, der vieles tut, was falsch ist. Der ältere dagegen ist verantwortungsbewusst. Sieht zu, dass er alles richtig macht, nicht schuldig wird. Der Vater soll mit ihm zufrieden sein.

Der jüngere Sohn geht mit seinem Erbteil weg. Als er kein Geld mehr hat, will er zum Vater zurückkehren. Er will darum bitten, eine Anstellung zu bekommen. Er ist sich sicher, dass er seine Rolle als Sohn verspielt hat. Der Vater aber freut sich, dass sein Sohn gesund nach Hause gekommen ist. Es ist die „unfassbare Liebe des Vaters“, die all das Geschehene zudeckt, Schuld verzeiht, und einen neuen Anfang möglich macht. Der Vater feiert ein großes Fest mit dem verlorenen Sohn.

Der ältere Sohn will nicht mitfeiern. Er ist eifersüchtig. Wegen ihm hat der Vater noch nie ein Fest veranstaltet. Dabei hat er doch immer alles richtig gemacht.

Die Liebe des Vaters zu ihm ist genauso groß, wie zum jüngeren Bruder. Aber er kann sie für sich nicht erleben. Und da wird mir bewusst, dass dieser ältere Sohn der eigentlich verlorene Sohn ist. Eben nur auf eine andere Art. Verloren in all seinen Pflichten sieht er nicht mehr, was direkt vor ihm zum Greifen nah ist: Die „unfassbare Liebe des Vaters“. Er kann sie nicht annehmen.

Vielleicht fehlt ihm die Erfahrung, um Entschuldigung zu bitten. Und wie befreiend das ist, wenn einem die Schuld vergeben wird.

Natürlich, kein Mensch ist ganz frei von Schuld. Aber wenn sie mir gar nicht als Schuld bewusst ist, spüre ich sie eben nicht.

Vielleicht müsste der Ältere auch mal so richtig daneben langen, schuldig werden. Um seine Schuld zu spüren. Und dann den Vater um Vergebung bitten. Dann kann auch er die unfassbare Liebe des Vaters am eigenen Leib spüren.

Und plötzlich verstehe ich, wie klug und menschlich das ist: O glückliche Schuld.

 

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