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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.“ Ein Satz vom amerikanischen Schriftsteller Ralph Waldo Emerson. Und er passt zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen wie der Deckel auf den Topf. Und doch auch wieder nicht. Denn die Weihnachtsfeiertage sind für Viele auch verbunden mit viel Stress. Vor allem die Mütter und Großmütter, die es ihren Lieben besonders schön machen wollen, wenn sie zu Besuch kommen. Aber auch für viele Besuchende ist Weihnachten ein Stress. Es gibt Pflichtbesuche oder Verwandte bei denen man froh ist, sie tatsächlich nur an Weihnachten zu sehen. Und oft wäre man froh lieber seine Ruhe zu haben, als diese ganzen Besuchskarawanen an und nach Heilig Abend.                                       

„Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.“ Ich finde dieser Satz könnte Gastgeberinnen, Gastgebern und Gästen helfen aus dem Weihnachtsbesuch-Stress heraus zu kommen. „Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme.“ Dieses ein wenig gefällt mir. Keine großen, überladenen Geschenke, keine überbordenden Gefühle und schon gar keine falschen Gefühle, sondern ein wenig Wärme. Weil die oft schon reicht in unserer kalten Welt. Ein wenig Wärme durch Zuhören, durch Verständnis, durch kleine Gesten die dem Gast und den Gastgebern gut tun. Sie spüren lassen, dass sie willkommen sind. „Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Nahrung.“ Ist ja recht, dass an Weihnachten festlich gegessen wird. Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist doch, dass man beisammen ist beim Essen und zusammen ein wenig zur Ruhe kommt. Den Alltagsstress hinter sich lässt und den anderen kommen lässt. Zur Ruhe kommen lässt und dadurch zu sich selbst kommen lässt. Und man sich so und wohl nur so dem anderen öffnen kann. Und dem ganz Anderen, dem Christkind, dem Heiland, dem lieben Gott oder wie auch immer wir das nennen, um das es ja im Ersten und im Letzten geht in diesen Tagen. So könnte Weihnachten ein wirkliches Fest sein. Ein Fest der Gastfreundschaft, bei dem ich mich in mir selbst zu Hause fühle und so auch den Anderen ein guter Gastgeber sein kann. 
 

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„Lassen wir es gut sein!“ welch ein wichtiger Satz. Gesprochen bei einem Streit, wenn die Argumente hin und her geflogen sind, die Gefühle hochgekocht und keine Einigung in Sicht, dann kann so ein Satz das Beste sein: „Lassen wir es gut sein“. Auszeit, Waffenstillstand, Erschöpfungspause, in der sich dann vielleicht irgendwann eine Lösung ergeben kann oder eine Lockerung der verhärteten Fronten.               

„Lassen wir es gut sein.“ Ein wichtiger, heilsamer Satz, auch bei der Arbeit. Wenn ein Projekt am Jahresende unbedingt fertig gemacht, noch diese eine E-mail geschrieben werden muss, während schon wieder fünf neue reinkommen. „Lassen wir es gut sein“. Machen wir wenigstens eine Pause, bestenfalls Feierabend, denn wenn ich mich nicht erhole, fehlt mir diese Kraft am nächsten Tag oder überhaupt.                                                

„Lassen wir es gut sein“. Wenn wir ein Weihnachtsfest vorbereiten wollen, bei dem alles stimmen soll: Das gute Essen, die passenden Geschenke, die schöne, heimelige Atmosphäre, - mit all der Mühe, der Liebe, aber auch dem Stress der dazugehört, in diesem Advent, der nur drei Wochen dauert. „Lassen wir es gut sein“. Ein so wichtiger Satz, auch in einer Welt, die immer öfter zu keinem Ende mehr findet. Immer und überall ist alles zu haben. Immer und überall ist alles zu machen. Mit dem Internet dessen Läden nie schließen, schließen auch unsere inneren Läden immer schwerer. Und mit den in die Smartphones und Laptops verlagerten Büros haben wir auch immer später Feierabend oder fast gar keinen mehr. Aber wenn wir es verlernen, etwas gut sein zu lassen, wenn wir immer weniger spüren, wann es gut ist mit Streiten, mit Arbeiten oder Weihnachtsvorbereitungen, dann wird nichts gut. Der Streit nicht, weil wir uns endlos zerfleischen und immer weiter voneinander entfernen. Die Arbeit nicht, weil wir erschöpft nicht produktiv sein können und schon gar kreativ. Und das Weihnachtsfest wird nicht gut, wenn der Baum zwar schön, das Essen lecker, aber die Menschen, die das alles so geschaffen haben, kraftlos, genervt oder kaputt sind. Darum lassen wir es immer wieder auch gut sein, damit das, wofür wir uns verkämpfen, was wir doch so gut und so schön machen wollen, auch wirklich gut wird. Und es uns dadurch auch gut geht. Dann, ja dann kann wirklich Weihnachten werden.

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„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, ein fast 400 Jahre altes Weihnachtslied und heute kommt, wenn alles gut geht, Alexander Gerst aus 400 Kilometern Höhe wieder zurück auf die Erde. Zurück nach Hause, von der ISS, der Internationalen Raumstation. „Vom Himmel hoch, da komm ich her und bring euch gute neue Mähr‘.“ Und wie alle Astronauten, wird auch Alexander Gerst wieder Botschaften vom Himmel im Gepäck haben. Aber keine weihnachtlichen Botschaften. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Der Blick von oben und die lange Zeit ohne den Heimatplaneten, ohne die Menschen die sie lieben, macht was mit den Raumfahrern. Für bisher alle Menschen, die der Erde so fern und dem Himmel so nah waren, haben sich zum Beispiel politische Grenzen aufgelöst.  Als sie von oben die eine Erde gesehen haben mit Bergen, Ebenen, Flüssen und Meeren, die nahtlos ineinander übergehen und niemandem gehören. Wie alle Raumfahrer sehen sie von oben die Erde in ihrer Kugelform und dadurch so deutlich wie alles mit allem zusammenhängt. Sie sehen die Verletzungen, die Gefahren und die Zerstörungen dieser Erde. Durch die Abholzungen von Wäldern und die Überhitzung der Atmosphäre. Und wie alle Raumfahrer sehen sie die Kriege der Menschen, in Blitzen die nicht aus Gewittern zucken, sondern aus todbringenden Waffen. Das hat Alexander Gerst bei seiner ersten ISS Mission auf Gedanken wie diesen gebracht: „Würden Außerirdische die Erde beobachten, wäre dies wohl ihr erster Eindruck von uns, dass wir, die dominanten Bewohner dieses Planeten, nicht nur die eigenen Lebensgrundlagen ausbeuten, sondern uns auch noch ständig gegenseitig umbringen. Wie sollte man das einem Fremden erklären? Würden sie uns als intelligentes Leben oder gar als friedfertige Spezies ansehen? Ist das wirklich das Bild, dass wir im Kosmos vermitteln wollen?“ fragt Alexander Gerst, unser Astro Alex, der heute wieder nach Hause kommt auf unseren Heimatplaneten. Es ist so gut, dass er nicht nur gelungene technische Experimente und neue wissenschaftliche Erkenntnisse mitbringt, sondern auch solche Fragen und Anfragen zum Zustand unserer Welt. Die so sehr der Liebe und des Friedens bedarf. Und so wird seine Rückkehr 4 Tage vor Heilig Abend vielleicht doch auch eine weihnachtliche. Möge er also gut nach Hause kommen, vom Himmel hoch, zurück auf unseren schönen blauen Planeten. Und uns noch viel aus seiner Sicht von oben erzählen.

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Jeder kennt sie, diese Tage an denen einem alles schwer fällt, an denen einem alles zu viel erscheint. Könnte man einmal länger schlafen, wecken einen die Kinder. Das ewige Aufräumen oder Putzen geht einem nicht von der Hand und das Einkaufen fällt schwer. Und dann fährt einem der Bus vor der Nase weg, die Menschen bei der Arbeit nerven und abends will man nur noch seine Ruhe und fällt erschöpft ins Bett. Klar, nicht an jedem Tag ist es so und auch nicht in dieser geballten Ladung. Hoffentlich nicht! Aber oft reichen nur ein paar Dinge oder der ganze Vorweihnachtsstress, um einem den Tag so richtig zu vermiesen. Das muss aber nicht sein. Oft kommt es auch auf die Perspektive an, auf die innere Haltung. Wenn die, sagen wir um 180 Grad gedreht wird, dann kann einem das schon ein wenig helfen. Ich habe ein Gebet entdeckt, in dem das ganz gut gelungen ist. Weil es hilft, allen Alltagslasten und Belastungen zum Trotz den Blick auf das nicht zu verlieren, was gut darin ist. Darum heißt es auch „Dankbar“ und geht so:

 

„Früher wach - lebendige Kinder. Haus voller Unordnung - ein Dach über dem Kopf. Der tägliche Einkauf - Versorgung gesichert. Berge von Wäsche - genug zum Anziehen. Stapel von Abwasch - alle sind satt. Bus verpasst - geschenkte Zeit. Jede Menge Lärm - Menschen um mich her. Erschöpft ins Bett- ein Tag voller Leben. Amen.“

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Es ist immer ganz besonderer Moment für mich, wenn ich die letzten Sätze eines Romans lese. Vor allem wenn mich ein Roman über Wochen oder gar Monate begleitet hat und dann zu Ende geht. Es hat etwas stark Abschiedliches, ja einen Hauch von Tod für mich, weil wie im richtigen Leben, das den Roman umgibt, die letzten Sätze besonders bedeutungsvoll sind. Und so wie ein verstorbener Mensch nie mehr zu hören sein wird, so ist der Rest der Seite auf der die letzten Sätze stehen leer, unbedruckt, weiß.

Ich hätte so viele Beispiele wunderschöner letzter Sätze, die das Wesen eines Buches in sich tragen, es in diesen letzten Sätzen noch einmal bündeln, die dankbar zurückschauen oder kraftvoll nach vorn. Letzte Sätze, die all das vorher Gesagte in einer wundervollen Schwebe halten oder die die großen Themen großer Romane ein letztes Mal auf den Punkt bringen: Das Leben, die Liebe, den Tod. Zu gern würde ich viele von ihnen nennen, von diesen wunderschönen letzten Sätzen, aber ich würde sie aus dem Zusammenhang reißen und durch ein Hintereinanderreihen entwerten. Darum zitiere ich nur eine Passage eines Romans, den ich dieses Jahr gelesen habe und der mich sehr berührt hat. Es sind die letzten Sätze des Romans „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff. In diesem Roman geht es nicht nur, aber vor allem um die Beziehung des Autors zu seinen liebenswert skurrilen Großeltern. Und am Ende des Romans beschreibt er wie die liebevolle Erinnerung seine verstorbenen Großeltern lebendig hält. Er schreibt: „Kaum, dass ich an sie denke, sind sie auch schon da. Sitzen in ihrem Sessel und stoßen mit mir an. Verlässlicher Besuch aus dem Totenreich. Es kommt mir so vor, als würde es sie freuen, wenn ich mich an sie erinnere. Mit offenen Armen empfangen sie mich und der Unterschied zu einem echten Besuch bei ihnen, als sie noch am Leben waren, und einem Gedankenbesuch, verfliegt. Wie auch immer sie das geschafft haben, die Vergänglichkeit verschont sie und die Zeit trägt sie, wann ich es will, bereitwillig auf Händen zu mir. Ganz und gar lebendig.“

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Endspurt, letzte Woche vor Weihnachten. In diesem Advent, der nur drei Wochen dauert. Für nicht wenige Menschen eine der stressigsten, wenn nicht die stressigste Zeit des Jahres. Mir ging es lange auch so, mit all den Dingen, die in der Arbeit fertig gemacht werden mussten, mit den Weihnachtsgeschenken und dann auch noch mit dieser Dunkelheit im Dezember. Der Dezember kam mir vor wie ein Tunnel der immer enger wurde und am Ende eben kein Licht war, sondern maximal Erschöpfung und schlimmstenfalls Leere. Irgendwann wollte ich das nicht mehr und hab die Bremse gezogen. Mit dem 1. Advent habe ich begonnen, mich zu entlasten und zu entschleunigen. Das hieß nicht, dass ich weniger gemacht habe als normal. Ich hab nur nichts mehr Zusätzliches gemacht und das, was ich gemacht habe, langsamer. Das hat funktioniert, das funktioniert sogar schon seit ein paar Jahren und tut mir selbst wie auch meiner Umwelt sehr gut. Das Nichtmehrsoviel, das Nichtmehrzuviel und das Alleslangsamer steckt an. Der hat leicht reden, könnte man sagen. Ich hab‘ den Druck des Chefs im Genick oder an mir hängt der Betrieb oder wir sind dermaßen unterbesetzt in der Klinik, in der Altenpflege, da kann ich nicht weniger oder langsam machen. Ja, das ist sicher wahr und sehr belastend. In dieser kurzen Vorweihnachtszeit, in der auch noch Geschenke besorgt werden sollen, erst recht. Aber es geht doch nur, was geht! Und oft hilft schon die innere Einstellung, der Gedanke daran, die Bremse zu ziehen, der Wille, den Hebel umzulegen. Von der Schnelligkeit auf ein ruhiges, wohliges Schritt für Schritt, vom Getriebensein auf eine heilsame Langsamkeit, die mich bei mir bleiben lässt. Und damit auch bei dem, was ich tue. Und bestenfalls auch bei dem Menschen, mit dem ich gerade zu tun habe.

Wie in einem Zug der in den Bahnhof einfährt, und in dem die vorher vorbeirauschende Landschaft auf einmal sichtbar wird. Und die, wenn er dann stillsteht, klar und greifbar wird. Advent und Weihnachten sind für mich nur noch so lebbar. Denn wie soll ich mich mit Vollgas einer Wirklichkeit öffnen können, die zeitlos ist? Wie mich auf die Ankunft des Göttlichen in der Welt vorbereiten, wenn ich nicht bei mir selbst angekommen bin?

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