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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Kommt gesund wieder!“ Die Sommerferien haben angefangen, heute ist das erste große Reisewochenende. Menschen verabschieden sich: Schüler von den Eltern, wenn sie auf eine Freizeit fahren oder ins Zeltlager. Familien verabschieden sich von den Nachbarn, die die Blumen gießen werden oder von den Großeltern, die das Haus hüten und die Katze füttern. Und die guten Wünsche der Daheimbleibenden begleiten die Reisenden. „Erholt euch gut und kommt gesund wieder!“

Solche Wünsche sind die moderne Form des Reisesegens. Den gab es schon in Zeiten der Bibel. Auch da waren die Menschen ja unterwegs. „Ich will dich segnen… und du sollst ein Segen sein…“ (1. Mose 12,2). Mit diesem Versprechen Gottes ist Abraham losgezogen, wird erzählt, mit Sack und Pack in ein fernes Land. Er hat sich darauf verlassen, dass Gott mit ihm geht. Trotzdem ging nicht alles glatt – auch wer heute unterwegs ist, wird sich über volle Züge ärgern, über Staus auf den Straßen und über Chaos auf manchen Flughäfen. Damals waren die Schwierigkeiten für Abraham andere. Wahrscheinlich war das Reisen mindestens genauso abenteuerlich und manchmal mühsam, wie es heute ist. Aber Abraham hat am Ende erfahren: Es hat sich gelohnt. Es ist gut gegangen trotz allem. Und am Ende hat er auf ein reiches Leben und viele gute Erfahrungen zurück geschaut. Wer sich auf den Weg macht, kommt bereichert zurück.

Mit Gottes Segen unterwegs sein. Ich kenne viele, die sich darauf verlassen möchten. Manche hängen sich eine Christophorus-Plakette ins Auto, darauf steht: „Komm gut heim!“ Christophorus ist der Schutzpatron der Reisenden. Er hat, wird erzählt, das Jesuskind auf den Schultern durch einen reißenden Fluss getragen. Dass Sie so jemanden finden, wenn es nötig ist, der ihnen weiterhilft - wenn das Auto nicht mehr will oder der letzte Zug verpasst ist, oder wenn Sie sonst im Urlaub Hilfe brauchen – das wünsche ich Ihnen.

Vielleicht tut es Ihnen auch gut, um Gottes Segen zu bitten. Dann gebe ich Ihnen jetzt ein Gebet weiter, das ich vor ein paar Tagen gefunden habe: „Die Koffer sind gepackt, an die Papiere ist gedacht, nichts ist vergessen. Die Reise kann losgehen. Dass alles gutgeht, darum bitte ich dich, guter Gott. Bewahre mich und alle anderen, die mit mir unterwegs sind, vor Unfall und Schaden. Schenke gutes Ankommen und gute Rückkehr“. Vielleicht mögen Sie auch so beten oder so ähnlich.

Ich wünsche allen, die heute oder in den nächsten Tagen losfahren , dass Sie entspannt unterwegs sein können. Und: „Gott behüte Sie und kommen Sie gesund wieder!“

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Erster Ferientag in Baden-Württemberg. Ab heute ist für ein paar Wochen das Leben ruhiger. Was für ein Ferientyp sind Sie? Sind Sie froh, dass es ruhiger ist und man abends draußen sitzen kann und im Fernsehen nichts verpasst? Oder sehen Sie mit Schrecken auf die Ferienwochen, weil Sie sich fragen: Was machen die Kids bloß mit der vielen freien Zeit?

Vieles ist anders in den großen Ferien. Wir Christen glauben: Die Ruhe gehört zur Schöpfung dazu. Als kluge Menschen aufgeschrieben haben, dass Gott die Welt geschaffen hat, da haben sie von den 6 Tagen erzählt, die er daran gearbeitet hat. Erde, Meere und Himmel sind entstanden, Tag und Nacht, Pflanzen, Tiere und Menschen. Und dann kam der siebte Tag. Der Ruhetag. Da hat Gott, erzählt die Bibel, sich ausgeruht und angeschaut, was geworden ist. Und sich drüber gefreut, weil es sehr gut geworden war. Und die ganze Schöpfung hatte auch Ruhe, ehe es gewissermaßen losging mit dem Alltag. So ist das gut, so sollt ihr das immer machen, hat Gott gesagt. 6 Tage arbeiten und schaffen – und einen Tag ausruhen. Das wird euch gut tun. So bleibt die Schöpfung sehr gut.

6 Tage arbeiten und einen Tag ausruhen. Das würde vielleicht schon reichen für unser Wohlbefinden. So gesehen sind sechs Wochen Sommerferien luxuriös. Ein großartiger Freiraum, um andere Erfahrungen zu machen als im Alltag. Zeit um Abstand zu gewinnen und zu schauen, was geworden ist. Wenn man den Alltag hinter sich lassen kann, dann spürt man das Leben viel besser als wenn man mittendrin steckt. 

Abstand also in den Ferien. Ruhe, damit man solche Erfahrungen machen kann. Pädagogen sagen: Kinder sollten nur im Notfall in den Ferien weiter lernen und wenn, dann höchstens in den letzten vierzehn Tagen. Wenn es pausenlos weitergeht – dann gibt es keinen Freiraum, um zu spüren, was alles sehr gut ist.

Und sonst, was kann man tun in den Ferien? Urlaub, klar, das ist schön, wenn das geht. Für Kinder wahrscheinlich eher Ferien auf dem Bauernhof als die Kreuzfahrt mit den Großeltern. Oder Zelten im Garten oder im Freien übernachten auf dem Balkon und die Sterne angucken. Mit dem Handy einen Film drehen. Fotos machen für einen Fotowettbewerb mit Freunden. Ein paar Nachmittage in der Kletterhalle.

So schön kann das Leben sein! Vieles davon können größere Kinder allein machen. Wenn Sie welche haben: Trauen Sie ihnen was zu. Und wenn die Kinder mal Langeweile haben: Langeweile macht kreativ. Es wird ihnen schon was einfallen. Vielleicht wird gerade das die neue Erfahrung dieser Sommerferien.

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Letzter Schultag. Schülerinnen und Schüler kriegen heute Zeugnisse. Dann kommen 6 Wochen Sommerferien. Wenn nur dieser Zeugnistag heute nicht wäre! Ich möchte nicht wissen, wie viele Kinder heute mit Angst zur Schule gehen.

Manche haben Angst, dass sie von sich selbst enttäuscht sind. Vielleicht ahnen sie schon, wie das Zeugnis wird. Sie haben sich Mühe gegeben, so gut sie konnten – aber es ging einfach nicht besser. Andere haben sich nicht so viel Mühe gegeben – es gibt ein Alter, da ist anderes sehr viel wichtiger und drängender als Mathe und Physik. Ich glaube, da gibt es Auswege. Man kann die Schule wechseln. Manche Kinder sind Spätentwickler, die starten erst später durch – und die Pubertät geht vorbei. Dann kann man sich wieder besser konzentrieren und aufholen, was man verpasst hat.

Viel schlimmer finde ich, dass manche Kinder heute auch Angst haben werden vor dem Heimgehen. Weil sie Angst haben vor der Enttäuschung der Eltern – vielleicht sogar vor ihrer Wut.

Ich verstehe schon: Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Und das Beste scheint vielen das Abitur und nachher ein Studium. Daran arbeiten manche mit ihren Kindern von der Grundschule an, hat mir neulich ein Lehrer erzählt.

Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Aber ist es das Beste, wenn ein Kind immer wieder Misserfolge erlebt und schließlich denken muss: Ich kann nichts und ich schaffe nichts?

Ich denke an Thorsten. Den kenne ich noch aus der Zeit, als meine Kinder in der Grundschule waren. Thorstens Vater war Professor. Aber Thorsten war Legastheniker. Bis heute hat er nicht richtig lesen und schreiben gelernt. An Abitur war nicht zu denken. Aber Thorsten hat Zimmermann gelernt. Jetzt ist er ein guter Handwerker und führt mit einem Freund zusammen einen eigenen Betrieb. Schreiben was nötig ist kann die Assistentin. Thorsten hat eine nette Frau und drei Kinder. Soweit ich höre, geht es ihm richtig gut.

Wie gut, dass seine Eltern nicht auf Gymnasium und Abitur bestanden haben! Sie haben nicht auf andere geschaut sondern ihren Sohn ermutigt, aus seinen Fähigkeiten das Beste zu machen.

Ich glaube, so hat Gott sich seine Menschen vorgestellt: „Was der Welt als dumm erscheint, das hat Gott ausgewählt, um ihre Weisen zu demütigen.“ (1. Kor 1, 27) hat der Apostel Paulus mal geschrieben, Ich finde, das ist ein guter Satz für den Zeugnistag. Und ich bitte Sie: Machen Sie ihren Kindern Mut, egal wie heute das Zeugnis wird. Es steckt mehr in ihnen, als Sie heute vielleicht fürchten.

 

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Manchmal habe ich Angst, dass ich den Überblick verliere. Zu viele Verpflichtungen, zu viele Termine. Der Dachboden zu voll, der Kleiderschrank auch. Zu viele Kochbücher – wo stand noch mal dieses leckere Rezept? Da muss ich jetzt wohl ein neues Kochbuch kaufen, in dem ich das Rezept wiederfinde. Und wie oft weiß ich nicht, was ich anziehen soll – wahrscheinlich weil der Kleiderschrank zu voll ist. Dann kaufe ich etwas Neues. Aber so wird der Kleiderschrank immer voller. Manchmal denke ich, mein Leben wächst mir über den Kopf.

Ich beobachte, dass es zwei Möglichkeiten gibt in so einer Situation:
Die eine: Man kann sich zurückziehen ins Privatleben, hinter Hecken und Zäune. „Ich habe genug mit mir selbst zu tun,“ das sagen ja viele. „Ich kann mich nicht auch noch um andere kümmern“. Für sich bleiben also, damit das Leben wenigstens einigermaßen übersichtlich bleibt.

Oder zweitens: Man kann anfangen, um sich herum aufzuräumen. Sich Luft verschaffen, erst mal in den eigenen vier Wänden. Aufräumen in Küche und Keller, Kleiderschrank, Bad und Bücherregal. Da, wo einen das viel zu viel, das sich angesammelt hat, zu ersticken droht. Wo alles so kompliziert geworden ist, dass man das Gefühl hat: Für mehr als das habe ich keine Kraft. Da kann man anfangen zu entrümpeln und zu entsorgen. Ent-sorgen ist ja eigentlich ein schönes Wort.

Ich glaube, Jesus hat auch das gemeint, als er gefragt hat: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt besitzt, aber an seiner Seele Schaden nimmt?“ (Lk 9,25) Das viele, das ich kaufe und anhäufe und aufhebe – das bedrückt mich irgendwann. Meine Seele ist nur noch damit beschäftigt, den Überblick zu behalten. 20 Paar Schuhe, aber in keinem kann ich richtig gut laufen. 10 Handtaschen – aber immer sind sie am Ende zu schwer. Das, was ich habe, macht mir Sorgen. Deshalb kann ich mich nicht um anderes kümmern und schon gar nicht um andere.

Ich gebe zu, das ist ein bisschen überspitzt. Und vielleicht ist es auch eine Typfrage. Ich gehöre halt nicht zu den Sammlern und Jägern. Aber seit ich angefangen habe aufzuräumen (die Gelegenheit ist gerade günstig, im Fernsehen gibt es abends fast nur Wiederholungen), merke ich, wie ich freier werde. Ich überlege: Brauche ich das wirklich? Macht es mir Freude, was ich habe? Oder ist es eigentlich total überflüssig? Was mir Freude macht, hebe ich auf. Anderes gebe ich weg und ich werfe auch weg.

Und ich merke: Es macht mich zufrieden. Ich habe mehr Luft. Ich gewinne Zeit. Ich habe Lust, mich um anderes zu kümmern. Und meine Seele atmet auf.

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Was ist ein anständiger Mensch? Ein anständiges Mädchen trägt keine zu kurzen Röcke, hat mir mein Vater beigebracht. Und meine Mutter hat gesagt: „Setz die anständig hin, sitz gerade, zappel nicht herum“. Und es ging darum, ordentlich mit Messer und Gabel zu essen. Die komplizierteren Sachen hat man später in der Tanzstunde gelernt.

Anstand hieß es dort, soll das Zusammenleben leichter machen. Das fand ich gut. Deshalb habe ich mir Mühe gegeben. Das Zusammenleben wird angenehmer, wenn sich die Menschen an solche Anstandsregeln halten, das ist wahr. Aber Anstand ist mehr, meine ich. Der Freiherr von Knigge, der sich die Regeln angeblich ausgedacht hat, der hat im Vorwort zu seinem dicken Regelbuch geschrieben, es gehe um „die Pflichten, die wir allen Arten von Menschen schuldig sind“.

Was ist Anstand? Messer, Gabel und Serviette - oder was?? Welche Pflichten bin ich „allen Arten von Menschen“ schuldig?   Anscheinend hat sich auch der Apostel Paulus darüber schon Gedanken gemacht. Er hat in einem Brief an die Christengemeinde in Philippi geschrieben: „Nicht Eigennutz oder Eitelkeit soll euer Handeln bestimmen. Sondern nehmt euch zurück und achtet den anderen höher als euch selbst.“ (Phil2, 3) und konkret heißt das für ihn: „Seid nicht auf euren eigenen Vorteil aus, sondern auf den der anderen. – und zwar jeder und jede von euch.“

Für Paulus ist das ein anständiger Mensch, der so handelt. Das sind für ihn die Pflichten, die jedenfalls Christen „allen Arten von Menschen“ schuldig sind. Allen Arten von Menschen: Also schwarzen und weißen, Männern und Frauen, Reichen und Armen, Gebildeten und weniger Gebildeten, Zugereisten und Einheimischen, Verwandten und Fremden, Freunden und Gegnern. Wie auchdiese anderen gut leben können, daran soll ich denken..

Für Paulus ist das das Kennzeichen der Christen. „Seid nicht auf euren eigenen Vorteil aus, sondern auch auf den der anderen. – und zwar jeder und jede von euch.“ So, hat er gemeint, wird das Zusammenleben gut. Er hat das an die Leute in Philippi in Nord-Griechenland geschrieben. Zugegeben, so sehr viele Christen gab es damals noch nicht. Ob er heute dasselbe auch an uns Menschen im christlichen Abendland schreiben würde?

Es ist üblich geworden unter uns, dass jeder seine Möglichkeiten für sich ausnutzt so gut es geht. „Ich zuerst“ ist die Devise. Die anderen müssen schon selber sehen, wie sie zurechtkommen. Ich finde das unanständig. Christlich ist es auch nicht. Und das Zusammenleben wird es nicht leichter machen.

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