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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kirchenglocken rufen zum Gebet. Und zum Gottesdienst. Sie sollen an Gott erinnern. Viele Kirchenglocken sind in den beiden Weltkriegen aber zu Waffen umgeschmolzen worden. Eine ältere Dame aus meiner Gemeinde hat mir ein Photo von 1917 gezeigt, also aus der Zeit des 1. Weltkrieges: da liegen die mächtigen Glocken meiner Kirche vor einem Fabrikgebäude, direkt neben einem Bahngleis. Dahinter posiert ein Mann in Uniform für den Photographen. Das Photo wurde gerade noch gemacht, bevor die Glocken auf Güterwagen verladen worden sind. Sie sollten umgeschmolzen werden. Das Land hat Waffen gebraucht. Keine Kirchenglocken, die zu Gebet und Gottesdienst rufen. So hat man damals gedacht. 1942, im 2. Weltkrieg, ein ganz ähnliches Bild: wieder sind die zwischenzeitlich neu gegossenen Glocken vom Turm geholt und abtransportiert worden. Wieder hat man Waffen gebraucht.

Aber Gott sei Dank: Im Mainzer Dom konnte man es genau andersherum machen: dort läuten seit über 200 Jahren 4 Glocken, die aus dem Metall von Kanonen gegossen worden sind. So herum passt nun wahrlich besser zu Kirchenglocken! Aus dem Kriegsgerät ist etwas geworden, was an Gott erinnert und Menschen aufruft, im Frieden zu leben.

Seit ich das weiß, beschäftigt mich die wechselhafte Geschichte der Glocken, wenn ich sie läuten höre. Klar, sie läuten zum Gottesdienst oder laden zum Abendgebet ein oder ich höre den Stundenschlag. Jetzt höre ich dabei aber immer auch die Aufforderung: such den Frieden. Setz dich für ihn ein. Und sei dankbar, wenn du in Frieden lebst.

Da geht es um den Frieden im Gemeinwesen – Kirchenglocken hört man in der ganzen Stadt, im ganzen Dorf. Ich finde, sie rufen Menschen zusammen. Sie ermutigen alle, die sie hören: Geht aufeinander zu! Hört einander zu und fragt gemeinsam, wie ihr gut zusammenleben könnt. Kirchenglocken läuten auch für den Weltfrieden, für den wir Menschen uns einsetzen und für den wir beten können.

Ich höre das Glockenläuten aber auch für mich persönlich. Es fordert mich auf: Such Frieden, auch in deinem privaten Umfeld. Tu nicht so, als gäbe es da keinen Streit. Ich will versuchen, auf die anderen zuzugehen und Frieden zu schließen. Weil das Läuten der Glocken mich erinnert: Frieden ist ein hohes Gut.

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„Das sind meine Jahresringe!“ Etwas verblüfft habe ich auf die Baumscheibe geschaut, die mir die 80-jährige Frau hingehalten hat. Ihr Sohn hat ihr die Baumscheibe zum runden Geburtstag geschenkt. Er ist Förster und hat sie ihr aus dem Wald mitgebracht.

Ob das wirklich die Ringe von einem 80-jährigen Baum waren, hatte sie noch nicht nachgezählt. Aber auf jeden Fall waren wir beide ganz fasziniert davon, wie unterschiedlich diese Jahresringe ausgesehen haben. Die waren nicht wie mit dem Zirkel gezeichnet. Außerdem gab es dicke und dünne – der Baum hatte wohl sehr unterschiedliche Zeiten hinter sich. Manchmal hatte er alles, was er zum Leben gebraucht hat. Zu anderen Zeiten hat er anscheinend eher auf Reserve gelebt und mit widrigen Umständen zu kämpfen. Wenn der Baum hätte erzählen können, wären in seinen Geschichten wohl einige sehr heiße Sommer und manche Stürme vorgekommen.

Die Jubilarin hat mir die Baumscheibe gezeigt, wie man jemandem ein Photoalbum zeigt, und hat angefangen zu erzählen. Von ihren Eltern und den vielen Geschwistern. Die kleine Landwirtschaft hat sie damals mehr schlecht als recht ernährt. Dann von ihrem Fritz und den Kindern. Und wie schlimm das war, als Fritz früh gestorben ist. Sie hat erzählt, wie unendlich froh sie ist, dass aus den Kindern etwas geworden ist. „Ich bin so dankbar“, hat sie gesagt. Und dann hat sie ein Photo geholt und mir stolz ihre Enkelkinder gezeigt.

Ich glaube, der Sohn hat seiner Mutter ein geniales Geschenk gemacht mit dieser Baumscheibe. Sie kann die Geschichte ihres Lebens anschauen. Wehmütig manchmal, nachdenklich, aber vor allem dankbar. Mich hat berührt, dass sie so viel Dankbarkeit empfindet. Sie hat die schweren Zeiten nicht verdrängt. Die gehören auch zu ihrem Leben dazu. Aber sie sind nicht alles. Da ist noch mehr. Das hat sie vor Augen Und sie hat es sich tief ins Gedächtnis geschrieben. Sie erinnert mich an einen Psalm, ein Gebet in der Bibel. Da betet jemand: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Die alte Dame mit ihrer Baumscheibe sieht das Gute und vergisst es nicht. Und ich kann von ihr lernen, dankbar auf mein Leben zu schauen.

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Ich habe mich geärgert, hab mich ungerecht behandelt gefühlt. Jetzt kommen die Gedanken daran immer wieder hoch. Ich werde sie einfach nicht los.

Dabei habe ich dem Menschen, über den ich mich aufgeregt habe, gleich gesagt, was mich geärgert hat. Er hat es nicht eingesehen, aber ich habe es zumindest ausgesprochen und meinen Standpunkt klar benannt. Eigentlich könnte es für mich jetzt erledigt sein. Ist es aber nicht. Immer wieder merke ich: jetzt diskutiere ich in Gedanken schon wieder mit ihm.. Dieses innere Streitgespräch habe ich vorgestern schon mit ihm geführt. Und gestern. Und heute auch. Das tut mir nicht gut. Es besetzt mich regelrecht. Ich möchte gern mal wieder in Ruhe an etwas Schönes denken und mich einfach freuen -- und nicht nach 2 Minuten wieder genervt sein.

Nun bin ich auf einen Satz gestoßen, den hat ein Mönch im 4. Jahrhundert aufgeschrieben: „Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keinen Gedanken ohne Befragung herein.“

Evagrius hieß der Mann. Er hat erst in der quirligen Großstadt Konstantinopel gelebt, mit vielen Menschen um sich herum, und später in der Einsamkeit der ägyptischen Wüste. Ich vermute, dass in beiden Situationen vieles auf ihn eingestürmt ist, mit dem er sich auseinandersetzen musste.

Sein Rat spricht mich an: „Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keinen Gedanken ohne Befragung herein.“
Ein Türhüter passt auf. Das also ist meine Aufgabe. Nicht einfach jeden Gedanken in mich reinlassen, sondern erstmal prüfen: „Stopp! Was willst du hier? Stiftest du Unruhe oder Frieden? Bringst du mich weiter oder sorgst du dafür, dass ich mich festfahre?“

Als Türhüter prüfe ich und entscheide selbst, wen ich einlassen will und wen nicht. Eine wichtige Aufgabe, denn Gedanken, die ich einlasse, setzen sich in mir fest und prägen mich. Es ist aber gar nicht so einfach, Gedanken abzuweisen. Deshalb empfiehlt Evagrius, sich einen Gegen-Gedanken zu Hilfe zu holen. Also: wenn zum Beispiel die Wut vor der Tür steht, etwas Barmherziges denken. Dann hat der wütende Gedanke weniger Platz.

Das will ich üben. Wenn mein Ärger wieder auftaucht, dann werde ich meine Tür hüten und gut darauf achten, welchen Gedanken ich einlasse und welchen nicht. Und ich werde mir gute Gedanken zu Hilfe holen.

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Kann man zufrieden sein, wenn man im Hintergrund steht? Kann man glücklich in einem ganz normalen Leben sein, wenn man nicht aus der Masse herausragt?

Ich glaube, Andreas hätte „Ja“ gesagt. Andreas war einer der 12 Jünger Jesu. In der Bibel stehen nicht viele Geschichten über ihn. Und heute ist sein Bruder Petrus viel bekannter. Petrus hat gern im Rampenlicht gestanden. Immer vorne dabei. Ein Alpha-Tier, würde man heute wohl sagen.

Andreas war ein ganz anderer Typ. Große Auftritte waren nicht seins. Die hatte er aber auch gar nicht nötig, um wichtig zu sein. Deshalb kam Andreas eher unter „ferner liefen“. Von ihm werden keine großartigen Wundertaten erzählt. Keine Predigten, denen Tausende hingerissen zugehört haben, keine markigen Worte. Die waren eher die Sache seines Bruders.

Dabei war Andreas der erste Jünger von Jesus. Er hat seinen Bruder Petrus überhaupt erst zu Jesus mitgenommen und ihn vorgestellt. Wahrscheinlich war ihm klar, dass Petrus bald eine besondere Rolle spielen würde. Er kannte seinen Bruder ja, der so gerne vorne dran war. Aber damit konnte Andreas umgehen. Er war sich offenbar sicher, Jesus macht keinen Unterschied zwischen denen, die im Vordergrund sind, und den anderen.

Andreas hatte andere Stärken als sein Bruder. Er konnte zuhören. Und er konnte auf einzelne Menschen zugehen. Für die ist er wichtig geworden. Er hat andere nicht übersehen. Er hat mitbekommen, was sie beschäftigt. Wenn er jemandem helfen konnte, hat er geholfen. Einfach so. Ohne viel Umstände.

Einmal sind Leute von weither gekommen, die gerne mit Jesus sprechen wollten. Sie haben sich aber nicht getraut. Einer hat Andreas angesprochen und der hat sie dann zu Jesus gebracht. Er hat einfach das getan, was er tun konnte. Das hat ihm gereicht. Er hat nicht noch den Applaus anderer dafür gebraucht. Ich vermute, Andreas wäre verwundert, dass heute über ihn im Radio geredet wird. Aber ich finde ihn beeindruckend, diesen Mann im Hintergrund. Für mich ist er ein Vorbild.

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Man steckt andere Menschen leicht in eine Schublade. Dann hat man sie einsortiert. Aber den anderen tut das weh.
Eine Frau aus der Pfalz hat in der Zeitung erzählt, wie sie das erlebt hat. Sie war nach einem fröhlichen Familienausflug mit ihrem Mann und den vier Kindern auf dem Heimweg. Sie sind Zug gefahren. Zur Feier des Tages Erster Klasse. Die Kinder sitzen ganz fasziniert da und freuen sich. Irgendwann kommt der Schaffner vorbei. Der Familienvater kramt die Fahrkarten raus. Der Schaffner aber wirft nur einen kurzen Blick auf die Familie und sagt in super-deutlicher Aussprache: „Das ist Erste Klasse. Ihr müsst raus.“ Er hatte wohl gedacht, dass sie ihn anders nicht verstehen. Im ersten Moment sind Eltern und Kinder sprachlos. Sie haben doch Karten für die Erste Klasse. Dann begreifen die Eltern, was los ist. Es geht um ihre Hautfarbe. Die ist dunkel.

Für den Schaffner war auf den ersten Blick klar: die sind nicht von hier. Die kennen sich wahrscheinlich nicht aus beim Zugfahren. Und Erste Klasse können die sich bestimmt nicht leisten. Also raus mit ihnen. Nach dem ersten Schock hat die Frau in lupenreinem Pfälzisch geantwortet und ihren Dienstausweis gezeigt. Sie ist Landtagsabgeordnete.

Jetzt war der Schaffner irritiert. Nun hat er sich endlich auch die Fahrkarten angeschaut und festgestellt: alles in Ordnung. Für die Familie war allerdings gar nichts mehr in Ordnung. Die Entschuldigung des Schaffners hat erstmal nicht viel geholfen. Die Kinder haben ihre Eltern immer wieder gefragt: „Warum wollte der uns rauswerfen?“ Was sollten die Eltern da sagen?

Als ich die Geschichte gehört habe, dachte ich zuerst: „Wie kann der bloß?“ Dann aber bin ich nachdenklicher geworden. Ich merke: ich bin manchmal auch schnell mit meinem Urteil. Ein Blick – und ab in die Schublade. Wie die aussieht. Wie laut der ist. Der Typ da drüben: Zutätowiert von oben bis unten. Und sie hier: nur Markenklamotten, bestimmt total oberflächlich.

Jesus hat gesagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Nicht weil alle Nächsten meinem persönlichen Geschmack entsprechen würden. Sondern weil Gott sie liebt. Und mich auch. Ein erster Schritt könnte sein, anderen eine Chance zu geben. Oder zwei. Die Menschen erstmal kennenlernen. Die Schubladen können dann getrost offen bleiben. Ich selbst will auch in keine rein.

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