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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es könnte eine Frage in einem Fernsehquiz sein: Wer ist auf der österreichischen Zwei-Euro-Münze abgebildet? Wüssten Sie’s?  

Es ist eine Frau, Bertha von Suttner, heute vor 175 Jahren ist sie geboren. Stolz und streng schaut sie aus ihrem Portrait, das Kleid hochgeschlossen, die üppigen Haare hochgesteckt unter einem Witwenschleier. Sie scheint tatsächlich mehr in die Habsburger Zeit zu passen als in die heutige. Aber damals hat eben niemand gedacht, sie passe in die Zeit, ganz im Gegenteil. Mit ihrer aufregenden Lebensgeschichte hat sie genug Anlass zu Spott und Tratsch geboten, deshalb wurde sie von der feinen Gesellschaft auch wenig ernstgenommen. Sie war ganz Kind ihrer Zeit – und dieser Zeit zugleich weit voraus.  

Bertha von Suttner hatte eine Vision. Die Vision, dass Frieden möglich wird, in der ganzen Welt, ganz konkret. Sie hatte zum Beispiel die Idee, internationale Organisationen zu gründen. Die Vereinten Nationen, der Sicherheitsrat, der Internationale Gerichtshof, all das hatte sie schon vorausgedacht und in zahllosen Vorträgen dafür geworben. Und auch der Friedensnobelpreis geht auf ihre Anregung zurück. Bertha von Suttner wurde quasi die Mutter der Friedensbewegung.  

Es gibt von ihr viele knackige Zitate, die heute noch ebenso aktuell sind wie damals. Mein Lieblingszitat heißt: „Nur e i n redliches Mittel gibt es, Verfolgte vor Verfolgung zu schützen: sich neben sie zu stellen.“ Das spricht mich an. Hier geht’s nämlich nicht nur um die Weltpolitik, sondern auch um mich.    

Krieg fällt nicht vom Himmel, sondern hat immer eine Vorgeschichte. Und Frieden genauso. Wie der Unfrieden, so beginnt auch jeder Friedensprozess im Kleinen. Zum Beispiel damit, sich neben jemand zu stellen, der verfolgt wird oder benachteiligt. Wenn ich mich daneben stelle, heißt das erst mal nur: Ich ducke mich nicht weg, ich schaue hin. Sehen, was ist, und sagen, was man sieht. Das ist ein Stück Friedensarbeit. 

Mich heute neben jemand stellen. Für jemanden Partei ergreifen, der ungerecht behandelt wird. Riskieren, dass das auch für mich unangenehm werden kann. Das will ich versuchen, quasi auch als kleines Geburtstagsgeschenk an diese große Kämpferin. In diesem Sinn: Herzlichen Glückwunsch, Bertha!

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Fake News. Vor ein paar Jahren hatte diesen Begriff noch kaum jemand gehört. 2016 wurde er schon zum englischen Wort des Jahres, und jetzt hat er’s sogar bis in den Duden geschafft. Immer öfter rechne ich damit, einer gezielten Falschmeldung auf den Leim zu gehen. Und das ist das eigentlich Fiese daran: Sie zerstört mein unbefangenes Vertrauen, dass das, was ich erfahre, in der Regel auch wahr ist.  

Aber wer hat sie eigentlich erfunden, die Falschmeldung, die Fake News? Es ist kaum zu glauben, aber die erste Fake News wurde nicht in der schönen neuen Welt der digitalen Medien verbreitet, sondern: im Paradies! Das jedenfalls steht im Schöpfungsbericht der Bibel. Schon dort gibt es eine geheimnisvolle, böse Kraft, die Vertrauen zerstören will. Die Bibel vergleicht diese Kraft mit einer ‚Schlange‘, vielleicht, weil man sie so schwer zu fassen bekommt. Ganz sanft schleicht sich diese ‚Schlange‘ an Eva heran, sie schleicht sich gleichsam in ihr Vertrauen. Es beginnt mit einer Frage, die ganz harmlos und neutral daherkommt: Hat Gott wirklich gesagt, ihr dürft von keinem Baum hier essen? Eva korrigiert: Nein, wir dürfen essen, nur von dem einen Baum nicht, denn an seinen Früchten würden wir sterben. Die Schlange setzt nach, jetzt mit einer glatten Lüge: Was heißt hier sterben? Im Gegenteil: Gott möchte nicht, dass ihr so groß werdet wie er, deshalb verbietet er euch, vom Baum des Lebens und der Erkenntnis zu essen! Eva zögert, ihr Vertrauen bekommt Risse, und schließlich glaubt sie der Schlange mehr als Gott. So erzählt es die Bibel. (vgl. Genesis/1. Mose 3) 

Das Prinzip funktioniert. Es funktioniert bis heute. Fake News sind deshalb gefährlich, weil sie sich so gut tarnen. Eine Lüge kann früher oder später aufgedeckt werden. Fake News sind da viel raffinierter. Sie lehnen sich gleichsam an die Wahrheit an, so dass ich nur schwer unterscheiden kann, ob eine Nachricht, die herumgeistert, wahr ist oder halbwahr oder unwahr.   

In solchen Situationen frage ich mich, welche Interessen denn hier im Spiel sind. Wer was davon haben könnte, das jetzt zu verbreiten. Das hilft mir manchmal schon weiter. Und ich versuche auch, mir selbst auf die Schliche zu kommen. Mich selbst zu kennen, meine eigenen Schwachstellen, meine Erwartungen, meine verborgenen Vorurteile. Und ich merke: wenn ich mir selbst nichts mehr vormachen muss, dann lasse ich mir auch nicht mehr so leicht etwas vormachen.

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Ich brauche einen neuen Pass. Dazu brauche ich ein aktuelles Passbild, und da fängt das Problem an. Denn bisher hatte ich noch nie eines, mit dem ich zufrieden war. Das klage ich auch der Fotografin. Sie setzt mich in Pose, soweit das für Passfotos eben geht, mal mit Lächeln, mal ohne. Dann ist es so weit. Sie zeigt mir auf dem Display ihrer Kamera viele Fotos. Immer wieder sagt sie: „Das hier ist doch nett!“  

 

Aber ich bin nicht glücklich damit. Nicht, dass ich schöner oder jünger aussehen wollte, ich hab einfach den Eindruck: das bin ich nicht. Die Fotografin, die mich gar nicht kennt, findet dagegen, natürlich sei ich das, so, wie ich auf sie wirke. Das irritiert mich besonders. 

Was kann ein Foto einfangen? Was zeigt es von mir, und was verschweigt es? Und was täuscht es vor, was gar nicht da ist? Da sind die Möglichkeiten heute ja fast unbegrenzt. Ich entscheide mich schließlich für irgendeines der Fotos, welches, ist mir gar nicht mehr so wichtig. Denn ich finde mich in keinem.  

In manchen Kulturen ist es verboten, Menschen abzubilden, und überhaupt lebendige Wesen abzubilden. Ursprünglich bezog sich dieses Verbot nur auf Gott. Denn Gott, so hat man gedacht, ist ja immer größer, immer anders als alles, was wir uns vorstellen und über ihn denken können. Und weil Gott uns Menschen seine Lebendigkeit geschenkt hat, deshalb gilt auch für uns: Keine Abbildung kann einem Menschen ganz gerecht werden. 

Was sich einfangen und festhalten lässt, ist immer nur ein kleiner Teil, eine Facette von so vielen. Es ist wie bei einem geschliffenen Edelstein in der Sonne: Wenn ich ihn ruhig halte, fällt Licht auf eine einzige Facette, nur die leuchtet gerade auf, und all die anderen sehe ich gar nicht. Erst wenn ich mich bewege, fängt er an zu funkeln und ich bekomme einen Eindruck vom Ganzen.  

Ich weiß, dass ich viel mehr bin als das, was ein Passfoto zeigen kann. Und dass auch in anderen Menschen unendlich viel mehr liegt als das, was ich sehe. Deshalb will ich auch sie entlassen aus allen Bildern, mit denen ich sie festlege und einenge. Und ich freue mich, wenn auch andere mich in diese Freiheit entlassen. So bleibt das Leben spannend. Für alle.

 

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„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ – Ich bin Schwäbin, und wie das unter Schwaben so ist, wurde in meiner Kindheit nicht zu viel geredet, ‚g’schwätzt’, wie man sagte. Denn das ‚Schwätzen’ hatte immer auch einen abwertenden Klang. Also hat man sich eher zurückgehalten, und weil Schwaben oft eh keine leichte Zunge haben, fiel das den meisten auch gar nicht so schwer. Und mit dem Sprichwort vom Reden und Schweigen konnte man diese Eigenart quasi noch ein bisschen vergolden.  

 

In vielen Situationen ist es tatsächlich von Vorteil, sich erst mal zurückzuhalten und nicht gleich drauflos zu reden. Meine Eltern kamen so durch ein ganzes Leben ohne jemals Streit mit Nachbarn, Kollegen, Freunden zu haben. Und auch bei mir bewährt sich das immer wieder.  

Aber es gibt Situationen, in denen es eben nicht reicht, mich mehr oder weniger vornehm zurückzuhalten. Wenn eine Beziehung intensiver werden soll, dann muss ich auch mehr von mir zeigen, und dann will ich es ja auch. Und gerade, wenn Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte auftreten, ist es umso wichtiger, miteinander zu reden. Denn wenn in einem Konflikt nur geschwiegen wird, dann wird das Schweigen destruktiv, und das ist dann eben nicht mehr Gold, sondern wird zum Blei, das sich schwer, grau und trostlos auf die Situation legt. 

Beides muss man lernen, das Reden und das Schweigen. Als Schwäbin und von meinem Naturell her ist mir das Schweigen leichter gefallen, ich musste eher das Reden trainieren, und in manchen Situationen spüre ich heute noch, dass mir das schwerer fällt als zu schweigen. Aber ich übe ja schon lange, und deshalb weiß ich inzwischen ganz gut, was ich beachten muss, damit das Gespräch nicht verstummt. Es sind ein paar Grundsätze, die eigentlich ganz einfach sind, ich muss nur dran denken. Zum Beispiel: 

Miteinander reden, nicht übereinander.

Eindeutig reden, nicht so, dass der andere erraten muss, was ich eigentlich sagen will.

Auch das Positive sagen, nicht nur das, was ich beanstande.

Auf den richtigen Zeitpunkt achten, nicht immer alles sagen. Und schließlich:

Das Reden üben, oft und regelmäßig miteinander reden. Dann kann man’s schon, wenn’s drauf ankommt.

Denn manchmal ist eben auch reden Gold. 

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 Hugo und Luis haben als Landarbeiter in Kolumbien gelebt. Sie haben gelebt, denn beide wurden von Unbekannten erschossen. Hugo am 2. Mai und Luis am 8. Wie kam es dazu?

Am Cauca-Fluss wird gerade ein umstrittenes Entwicklungsprojekt realisiert: ein Wasserkraftwerk, für das ein riesiger Stausee mit einer 225 Meter hohen Mauer gebaut wird. Für die Regierung ist es ein Prestigeprojekt. Für die Anwohner heißt das: Ihre Lebensgrundlage wird zerstört und damit auch ihre Kultur. Sie sind die Betroffenen, aber sie werden nicht informiert und schon gar nicht gehört. Deshalb haben sie sich zusammengeschlossen und zu Tausenden gegen den Megadamm protestiert. Auch Hugo und Luis. Der Mord an ihnen sollte die anderen warnen: so geht es denen, die die Pläne der Mächtigen stören.

Kolumbien steht für viele Länder. Und Hugo und Luis stehen für viele Menschen, die ihr Leben riskieren, damit die Erde nicht auf Teufel komm raus ausgebeutet, geplündert, vergiftet wird. „Märtyrer der Erde“, nennt sie Papst Franziskus. Er hat in einem Lehrschreiben[1] die Zusammenhänge klar benannt. Luftverschmutzung, Klimawandel, Artensterben sind die eine Seite des Problems, quasi die Vorderseite. Aber es gibt auch eine Rückseite, und die heißt: Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Verantwortungslosigkeit. Ein wirklich ökologischer Ansatz sei deshalb auch immer ein sozialer Ansatz. Es gehe darum, „die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde", so sagt der Papst. 

Und was macht das mit mir, wenn ich diese doppelte Klage ‚höre‘? Ich verstehe dann, dass mein Schnäppchenurlaub in die Karibik mit der Erderwärmung zu tun hat und zugleich mit den Menschen, die dort für mich arbeiten. Und bei dem supergünstigen T-Shirt muss ich auch an vergiftete Baumwollfelder denken und an die Näherinnen, die wie Arbeitssklaven gehalten werden.

Das macht mich oft ratlos, denn ich weiß ja, dass ich als kleines Rädchen in dem Getriebe da nicht sehr viel ändern kann. Aber ich verbiete mir diesen Gedanken. Ich denke dann an Hugo und Luis und all die vergessenen „Märtyrer der Erde“, die zugleich „Märtyrer der Gerechtigkeit“ sind.

Das bin ich ihnen schuldig, wenigstens das. Nicht nur heute, am Weltumwelttag.


 

[1] Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus, 2015

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Vor Jahren war ich regelmäßig auf einer bestimmten Strecke unterwegs. Das Ziel war abgelegen, es gab nur kleine Landstraßen, und die Fahrt zog sich jedes Mal wie Kaugummi. Immerhin, zwischen zwei Dörfern war eine Tankstelle, etwa auf halber Strecke. Es gab sogar noch einen Tankwart. Der hat die eher seltenen Kunden freundlich begrüßt, dann das Auto betankt und sogar noch die Frontscheibe geputzt. Das Beste aber war, dass es dort auch einen bestimmten Schokoriegel gab, der sonst selten zu finden war. Ich habe dort oft getankt, das war ein angenehmer Boxenstop auf den langen öden Fahrten. 

Als ich nach vielen Jahren wieder einmal vorbeigefahren bin, war die Tankstelle geschlossen. Am Haus war noch eine abgeblätterte Aufschrift zu lesen, „Kraftstoffe“ stand da früher mal. Wahrscheinlich war der Inhaber zu alt geworden, und gelohnt hatte sich das sicher auch früher schon nicht. Deshalb war ich nicht wirklich erstaunt, dass es hier nichts mehr zu tanken gab. Schade fand ich’s trotzdem. 

Die aufgegebeneTankstelle, die eben keine „Kraftstoffe“ mehr hat, sie hat mich noch eine Weile beschäftigt. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese alte Tanke ja ein starkes Symbol ist. Denn nicht nur mein Auto braucht regelmäßig „Kraftstoff“, auch ich muss wissen, wo ich immer wieder neu ‚auftanken‘ kann, wenn ich mit den letzten Kraftreserven unterwegs bin. Und auch da gilt: nicht überall, wo ich früher ganz selbstverständlich ‚tanken‘ konnte, finde ich heute noch das, was ich brauche. Mal war es ein Gebet, mal eine Person, dann ein Lied, und heute ist es ein realer Ort, an dem ich Kraft finde, eine Bank am Waldrand. Aber eigentlich geht es dabei immer um das, was ich brauche und dort finde. Und das hat sich nicht verändert. Um aufzutanken brauche ich den Kontakt mit Gott, mit dieser großen, liebenden Kraft, aus der ich komme, in der ich lebe und in die ich eines Tages wieder hineinsterben werde.   

Die Geschichte mit der Tankstelle ging übrigens noch weiter. Im übernächsten Dorf war ein neues Industriegebiet, und darin eine große, supermoderne Tankstelle. Nichts erinnerte an die alte. An der Kasse eine muntere junge Frau mit vielen Tattoos auf den Armen. ‚Möchten Sie eine Brezel?‘ fragte sie mich, als ich bezahlt hatte. ‚Wir haben heute so viele übrig, wir müssten sie sonst wegwerfen.‘ Ich sagte ‚ja gern – danke!‘ und ging. Und ich könnte schwören, die Brezel hat ein bisschen nach Schokoriegel geschmeckt.

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