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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kirchen sind keine Ruheräume, habe ich neulich bei einer Kirchenführung gehört. Beruhigen und entspannen, das kann der Krimi am Freitagabend besser, oft sogar der Tatort am Sonntag. Man weiß von Anfang an, dass es irgendwie gut ausgeht, dass am Ende die Gerechtigkeit siegt. Man kann sich zurücklehnen, zuschauen, abschalten. Das Wohnzimmer wird zum Ruheraum. Das ist wichtig, damit man dann auch wieder etwas schaffen kann.

„Aber Kirchen sind keine Ruheräume. Kirchen sind Orte der Anregung, sie bringen die Gedanken in Bewegung. Kirchen sind aktivierende Orte.“ Hatte bei dieser Kirchenführung einer gesagt. Zuerst war ich verblüfft, als ich das gehört habe. Ich suche in Kirchen oft auch eher Ruhe.

Aber bei dieser Führung vor zwei Wochen in der Stuttgarter Pauluskirche, da habe ich begriffen, wie diese Ruhe eine aktivierende Kraft entfalten kann. Ich war davor krank gewesen und hab mich immer noch nicht richtig wohl gefühlt. Aber ich hatte versprochen, dass ich komme und die Sonne schien. Nach den eiskalten Februartagen würde mir das vielleicht gut tun. Aber als ich bei der Kirche ankam, war mir alles eigentlich schon zu viel und ich missgestimmt und erschöpft. Dann habe ich die schlichte Betonkirche betreten und auf einmal war alles anders. Es war das Licht. Die Sonne hat die Glasfenster zum Leuchten gebracht. Blau, rot, gelb. Intensiv und strahlend. Der ganze Kirchenraum hat geglüht von diesen Farben. Nichts Besonderes ist in den Fenstern zu sehen. Figuren, halb abstrakt, der Gekreuzigte, der Auferstandene, ein Lamm, Brot, ein Kelch. Fenster wie in vielen Kirchen. Aber diese Farben – an dem Morgen haben sie mir bis ins Herz geleuchtet. In die Seele. Im Gemeindesaal nebenan hat das Orchester geprobt, ein paar Takte von Beethoven. Mir ist eingefallen, wie an manchen Sonntagen die Orgel spielt und mich in Schwung bringt. Und manchmal auch die Gebete oder ein paar Sätze aus der Predigt.

Kirchen sind keine Ruheräume. Kirchen sind Orte der Anregung. Die Seele gerät ins Schwingen. Die Gedanken überschreiten das, was alltäglich ist. Auf einmal stellt sich etwas Neues ein. Licht. Gelb und rot. Wärme.

Nach einer Stunde Führung bin ich heimgegangen; anders als vorher. Gesünder als vorher vielleicht auch. Aber vor allem: aktiver. Menschen, die aus einer Kirche kommen, sind Akteure des Lichts, hatte der Führer gesagt. Sie tragen von dem Licht weiter, das ihre Seele hell gemacht hat. Vielleicht hat Jesus auch das gemeint, als er gesagt hat: „Ihr seid das Licht der Welt!“

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Wo bist Du, Gott? Wie kannst Du das zulassen? Es gibt kaum mal eine Nachrichtensendung, nach der ich das nicht denke. Das Sterben in Syrien hört nicht auf, in Afghanistan sterben Kinder, im Irak, im Jemen. Ich höre von einem Kind, das ein Betrunkener überfahren hat. Das Kind ist tot. Wie kann Gott das zulassen? Was soll man den Eltern sagen?

Die Frage ist nicht neu. Schon in den Gebeten der Bibel quälen sich Menschen damit herum. Mit den eigenen Fragen und mit dem Spott der anderen, die sagen: „Wo ist er denn nun, dein Gott!“ (Psalm 42,4) Oder die einem raten: Finde dich damit ab. Es gibt keinen Gott. Hör auf, dich mit solchen Fragen zu quälen. Die machen es doch bloß schlimmer.

Einmal hat Gott selbst eine Antwort gegeben auf solche Fragen. Jetzt, in den Wochen vor Ostern, in der Passionszeit, erinnern wir Christen uns daran. Wir erinnern uns an Jesus Christus, der verfolgt wurde, verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Von dem erzählt wird, dass er selbst geschrien hat: „Warum hast du mich verlassen, Gott?“

Wir Christen glauben: In diesem Jesus Christus hat Gott selbst sich gezeigt. Jesus Christus war gewissermaßen das menschliche Gesicht Gottes. Damit Menschen begreifen können, wer Gott ist. Und wie er Menschen begleitet und ihnen hilft, zu leben – gerade auch in dunklen Stunden.

Aber Jesus musste auch leiden und sterben. Unschuldig  Weil andere die Macht hatten und er sich nicht wehren konnte. Oder nicht wehren wollte. So ist die Welt. Manchmal zum Schreien ungerecht. So ist sie geworden. Eine andere haben wir nicht. Leider.

Wir Menschen träumen und hoffen eher von einem Gott, der machtvoll rettet. Der dem Betrunkenen den Autoschlüssel abnimmt. Der den politisch Verantwortlichen Einsicht gibt und dem Krieg ein Ende macht. Der den Sterbenden einen gnädigen Tod gibt. Und das geschieht ja auch immer wieder. Wie viele schlimme Unglücke werden verhindert, Menschen werden gerettet und bewahrt.

Aber oft passiert das eben auch nicht. Zu oft. Dann sterben Menschen. Und die Hinterbliebenen fragen sich: Wo war jetzt Gott? Ich weiß keine Antwort auf solche Fragen. Nur eines glaube ich fest: Gott selbst weiß, wie das ist. Wie sich das anfühlt, wenn man schreien möchte: „Warum lässt du mich im Stich, Gott!“ Er kennt das. Und er lässt keinen allein, dem es so geht. Auch wenn das zunächst gar nicht zu spüren ist.

Als Jesus schreiend starb, hat ein römischer Soldat gesagt: „Dieser war wirklich Gottes Sohn!“ Seither kann man glauben: Gott ist bei denen, die leiden müssen.

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Jemand hat mir eine Ansichtskarte geschickt. Ein Plattenweg im Park. Hellgraue Betonplatten. Makellos. Vielleicht erst vor kurzem verlegt. Noch keine Frostschäden. Nirgends hat sich etwas gesenkt. Die Fugen säuberlich mit Split ausgefüllt, damit man nicht stolpert. Perfekt.
So perfekt, wie ich mir meinen Lebensweg wünsche. Mühelos möchte ich vorankommen. Ohne Sorge, dass ich stolpern und hinfallen könnte. Ohne Angst, dass ich dem Weg nicht gewachsen sein könnte.

Aber bei genauerem Hinsehen stelle ich fest: in den Fugen wächst etwas. Moos. Ein paar Grashalme. Ein paar kleine Gänseblümchen und Hornveilchen. Unkraut. Man könnte versuchen, das wegzumachen. Aber dann werden die Platten locker. Besser ist, man lässt es so. Nichts ist perfekt.

Nichts ist perfekt. Auch in meinem Leben nicht. Nicht im Leben all der Menschen, die ich kenne. Und wenn ich manchmal von den Schönen und Reichen höre, die bewundert und beneidet werden: Auch bei denen ist nichts perfekt. Ehen zerbrechen. Beruflich macht einer einen Fehler und auf einmal muss er von vorne anfangen. Der Mensch stirbt, mit dem eine sich noch auf viele schöne Jahre gefreut hatte. Sie hat mit ihm gelitten und jetzt ist sie allein.

Nichts ist perfekt. Auch nicht in meinem Leben. Ich finde, die Ansichtskarte, die ich bekommen habe, zeigt das ganz schön: Der Plattenweg und das Unkraut dazwischen. Und auf einmal sehe ich: Wie traurig wäre dieser Weg ohne das Grün in den Fugen. Einförmig und gleichförmig, grau.

Aber aus den Fugen wächst das Leben! Da, wo es nicht perfekt ist, da wird es lebendig. Die Ehe ist zerbrochen, ja. Aber das war auch eine Erfahrung, die mir gezeigt hat, wie es anders und besser gehen könnte. Jetzt geht es besser. Beruflich hätte ich vielleicht mehr erreichen können. Manche sagen, ich hätte mehr aus mir machen müssen. Aber stattdessen blüht das Leben, ich freue mich über Kinder und Enkel.

Noch etwas habe ich auf einmal auf der Karte gesehen: Der Fotograf hat von dem Weg nur zwei Reihen Platten fotografiert. Dazwischen das Grün – wie ein Kreuz. Ein grünes Kreuz auf dem Weg. Das Leben ist nicht perfekt. Auch Halb Gelungenes kann schön sein. Auch Unvollkommenes kann blühen. Aus Lücken kann etwas Neues wachsen.

Manche sagen ja, es ist deprimierend, sich mit dem Kreuz zu beschäftigen. Dass der Glaube an den Gekreuzigten die Christen freudlos macht und irgendwie traurig. Ich finde das nicht. Das Kreuz gehört zum Leben dazu. Und wo man es nicht verdrängt, sondern geduldig annimmt, da kann das Leben aufblühen.

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Ein Kreuz ist das Symbol für das Christentum. So, wie der Halbmond für den Islam und der Davidsstern für das Judentum.
Ein Kreuz – nicht ein Pluszeichen. Im Gegenteil. Eher ein Minus-Zeichen. Wenn einer am Kreuz hängt, dann ist er fertig. Am Ende. In der Antike wurden Menschen hingerichtet an solchen Kreuzen zur Abschreckung für andere. So wie Jesus Christus, von dem die Christen ihren Namen haben.

In jeder Kirche hängen Kreuze, manchmal mit dem sterbenden Jesus daran: ein blutender, zerschundener, hilfloser Mensch.
Wie kann man nur, fragen viele. So ein grausames Bild – was ist das für ein Glauben! Muslime zum Beispiel sagen: Wie kann der Gottes Sohn sein. Gott ist allmächtig und stark und prächtig. Nur so kann er ein Schutz sein für die Gläubigen.

Wir Christen dagegen glauben: Genau so hat sich Gott gezeigt. In diesem Menschen Jesus, der am Ende von vielen verspottet und verachtet, verfolgt und hingerichtet wurde. Ohnmächtig und den Menschen ausgeliefert. Auch so hat sich Gott gezeigt.
Deshalb hängen Christen Kreuze auf bis heute und viele finden: so tröstet mich Gott. Dieser Gott, der da mit Jesus am Kreuz hängt. Der tröstet mich, wenn es mir selber schlecht geht und ich am Ende bin. Die Welt ist ja nicht das Paradies und ich habe nicht nur gute Stunden.

Deshalb hat man genau diesen leidenden, sterbenden Christus am Kreuz in den Krankenhäusern  des Mittelalters aufgehängt. Deshalb hängen bis heute Kreuze in vielen Krankenzimmern. Deswegen hängen Kreuze in armseligen Hütten. Die Leidenden und Sterbenden, die Armen und Verlassenen vergewissern sich: Gott verlässt keinen, dem es so geht wie mir. Die Ohnmächtigen vergewissern sich: Gott ist einer von uns. Er ist eben nicht ein muskelbepackter Held, wie die griechischen Statuen ihre Götter dargestellt hatten. Nicht einer, der sich abwendet von denen, die nicht so stark und so tüchtig sind. Gott selbst ist da, wo Menschen leiden. Er ist gerade für die da, die sonst kaum noch etwas haben. Die müssen nicht meinen: Nun hat mich auch Gott verlassen, weil ich mir selbst nicht helfen kann.

Dagegen steht dieses Kreuz. Gott selbst macht sich gemein mit den Leidenden. Er ist bei denen, die sterben müssen. „Ein Arzt ist für die Kranken da“, hat Jesus zu seinen Lebzeiten gesagt, „nicht für die Gesunden“ (Lk 5, 31) Ich glaube deshalb: So ist Gott. Er lässt die nicht fallen, die in Not geraten sind. Er ist immer noch da, auch wenn sich alle anderen von mir abwenden.
Und er bleibt da, auch über den Tod hinaus. Er hält mich in seiner Hand. Auch daran erinnert mich das Kreuz.

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Kleine Jungen heißen heute Paul und Emil, Friedrich und August. Namen aus der Generation ihrer Urgroßväter. Viele davon finden sich unter den ersten 50 der Hitliste männlicher Vornamen. Einer allerdings findet sich nicht darunter: Josef.
Josef ist nicht modern. Ich habe mich neulich über den Namen Josef informiert, weil heute Josefstag ist. Menschen, die Josef heißen oder Josefa, Jussuf oder Josefine haben heute Namenstag.
Warum nennen junge Eltern ihre Söhne Paul oder Emil aber nicht Josef? Ich habe eine junge Mutter gefragt. „Josef ist doch uncool,“ hat sie geantwortet. „Ich stelle mir einen alten Mann vor, zitternd und ein bisschen verwirrt. Das ist doch kein Vorbild für einen Jungen von heute“.

Ganz offensichtlich denkt die junge Frau an Josef aus der Weihnachtsgeschichte. Und es ist wahr – auf alten Gemälden wird er als Greis dargestellt. Einer, der vielleicht Großvater ist, aber bestimmt nicht Vater eines Neugeborenen. Andererseits: Er fehlt nie. Josef ist immer dabei auf den Altarbildern und Kirchenfenstern zur Weihnachtsgeschichte. Josef, der Mann der Maria, der Zimmermann aus Nazareth, der Ziehvater von Jesus. Eigentlich ist das alles, was man von ihm wissen kann. Von seinen Träumen erzählt die Bibel. Träume, die ihm zeigen, wie er Jesus und seine Mutter vor dem brutalen König Herodes retten kann. Geträumt hat er also. Aber gesprochen hat er anscheinend nicht viel. In der Bibel ist kein Wort von ihm überliefert. Kein Wunder, dass die frühen Maler ihn irgendwie ins Dunkel des Stalles gemalt haben, hinten, zwischen Ochs und Esel.

Das hat sich erst nach dem 30jährigen Krieg geändert. Auf einmal wird Josef wichtig. Es werden Bilder gemalt von der Heiligen Familie, Josef in seiner Werkstadt, Maria kocht, Jesus schaut dem Vater zu oder legt gar mit Hand an. Die Heilige Familie beim Essen oder im Garten. Josef als fürsorglicher Erzieher und Ausbilder seines Sohnes. Anscheinend hatten die Maler da kapiert, dass in Josef viel mehr steckt. Und darum haben sie den im Krieg verrohten und verwahrlosten Männern diesen Josef als Vorbild vor Augen gestellt.

Wie Josef wirklich war, das kann man nicht wissen. Aber klar scheint mir: Ohne ihn wäre es schnell aus gewesen mit Maria und ihrem Sohn Jesus. Sie haben ihn gebraucht. Er hat für sie getan, was er konnte. Ein Greis ist er bestimmt nicht gewesen. Ohne ihn wäre die Geschichte Gottes mit den Menschen ins Stocken geraten, ehe sie richtig angefangen hat. Auch wenn sie nicht gerade Josef heißen: Ich finde, wir brauchen viel mehr solche Männer.

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