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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das Thema ist so alt wie seine Geschichte: Ist das Christentum politisch? Darf es das sein? Wenn wir hier bei unseren Beiträgen im Radio eben auch politisch Stellung beziehen, führt das bisweilen zu Irritationen. Wie das eben so ist, weil es zu den meisten Themen nicht nur eine Meinung gibt. Kritik haben auch etliche Bischöfe zu hören bekommen. Zuletzt haben ihre Weihnachtspredigten manchen Politikern nicht ins Konzept gepasst. Deren Empfehlung statt dessen: Die Kirche soll sich mehr um ihre eigenen, inneren Angelegenheiten kümmern und sich aus der Tagespolitik heraushalten. Mich hat gefreut, dass sich unter anderem der Kölner Kardinal Woelki dagegen verwahrt hat.

Denn wer im Namen Jesu spricht, hat immer konkrete Menschen im Blick. Vor allem jene, die benachteiligt sind, oder ein Handicap haben. Jesus war kein Theoretiker. Er hat gelebt, wovon er überzeugt war. Und das war auch in seiner Zeit sehr politisch. Immer steht bei ihm der Einzelne im Mittelpunkt. Kein Programm, kein Prinzip, das nur auf dem Papier gültig ist. Wer seinerzeit wie Jesus Frauen in den engsten Kreis um sich aufnimmt, stellt sich gegen den Zeitgeist. Wer sich mit einem an den Tisch setzt, der von der ganzen übrigen Gesellschaft verachtet wird, oder sich von einer Prostituierten zärtlich berühren lässt, der setzt auch politische Zeichen. So was tut man nicht. Das untergräbt die etablierte Ordnung. Das riecht nach Revolution. Zumal, wenn Jesus verlangt, dass andere das auch so machen sollen. Vor allem jene, die sich auf ihn berufen.

Die Kirchen in Deutschland haben kaum den Ruf, revolutionär zu sein. Wenn sie aber ihrem Herrn und Meister wirklich treu sein wollen, dann müssen sie klar Position beziehen. Ganz besonders dann, wenn die Würde eines Menschen mit Füßen getreten wird, wenn Hilfe unterbleibt, wo sie möglich wäre. Dass eine Familie nicht getrennt bleibt, sondern als Ganze bei uns leben darf, dafür setzen Christen sich bei uns ein. Familiennachzug heißt das entsprechende politische Stichwort. Es ist unter den Parteien umstritten, ob das gemacht werden soll oder nicht. Aber dafür können ja die Kirchen nichts. Sie müssen trotzdem sagen: „Ja, das wollen wir, dafür engagieren wir uns, dafür wenden wir auch Geld auf, damit das funktioniert!“ Und wir müssen sagen warum: Weil wir jeden einzelnen Menschen, jeden, für gleich wertvoll halten. Wir wollen damit keine Parteipolitik machen, aber wir können uns dazu auch nicht neutral verhalten. Was dann christlich ist und was nicht, das muss sich jede Partei schon selber fragen.

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Sind Eltern noch das, was sie mal waren: zuverlässig und engagiert, klar in ihrer Meinung? Ich habe regelmäßig mit Vätern und Müttern zu tun: in der Schule und bei Gottesdiensten. Und dann erlebe ich Eltern einfach dort, wo ich mich im Alltag aufhalte: beim Einkaufen, im Bus, im Theater. Ein paar Verhaltensweisen sind mir dabei aufgefallen. Über sie habe ich mich gewundert, manchmal geärgert. Und ich habe mich gefragt: Warum sind Eltern heute so? Meinen sie wirklich, damit ihren Kindern zu helfen?

 

Eine Mutter kauft mit ihrer wohl fünfjährigen Tochter beim Metzger ein. Das erwartete Rinderfilet gibt es nicht. Stattdessen empfiehlt die Verkäuferin Hüfte. Sei auch mager und so zuzubereiten wie das Filet. Aber die Mutter muss erst noch mit ihrer Kleinen beraten: Ob das in Ordnung sei, ob sie einverstanden sei mit dieser Alternative? Ich finde es richtig, dass Eltern ihre Kinder ernst nehmen und nicht einfach über sie bestimmen. Aber alles mit Maß und Ziel. Eltern überfordern ihre Kinder, wie hier.

Oder sie unterfordern sie: Mir fällt auf, dass an Stellen, wo es hilfreich, ja nötig wäre, Eltern keine Vorgaben machen, sondern ihre Sprösslinge machen lassen, was sie wollen. Da klettern Kleinkinder beinahe über den Glastresen, hinterlassen ihre Spuren auf der ganzen Scheibe, und der Vater sagt nichts. Mütter fallen dem Lehrer in den Rücken, indem sie ihrem Kind erlauben, sich einfach nicht an die Aufgabe des Lehrers zu halten; das sei schließlich egal, und es sei so mit der Tochter oder dem Sohn besprochen. Ich bin dann sprachlos. Ich frage mich, wie so das Zusammenleben klappen soll. Ich ärgere mich über die Rücksichtslosigkeit, die sich dabei zeigt, die aber den Eltern gar nicht aufzufallen scheint. Es geht schließlich um ihre Kinder.

So wie bei dem Vater, der seinen Sohn von der Schule abholt. Wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er den Wagen bis ins Foyer des Schulhauses gelenkt. Was soll dieser Egoismus? Kann keiner der beiden ein paar Meter laufen?

Kinder sind wichtig, sie sind wohl der größte Schatz unserer Gesellschaft. Aber wenn sie erwachsen werden sollen und die Gesellschaft mittragen, dann müssen sie lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Dazu müssen ihre Eltern ihnen etwas zutrauen. Wer dauernd beobachtet und umsorgt wird, entwickelt kein gesundes Selbstbewusstsein. Meiner Erfahrung nach heißt das: Eltern müssen mehr loslassen, ihren Kindern größeren Freiraum schenken. Und sie müssen ihnen auch Grenzen setzen. Ihnen sagen, was ihnen wichtig, ja heilig ist, wo sie keine Kompromisse machen, wo der Spaß aufhört. Das geht nur, wenn die Vertrauensbasis stimmt. Und die ist überhaupt das Wichtigste zwischen Kindern und Eltern.

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In unserem Leben verläuft nicht alles glatt.  Klar. Aber ich weiß das auch, weil sich Menschen gerade dann an mich als Pfarrer wenden. Eben wenn sie die Kontrolle verlieren, wenn sich Brüche zeigen oder sich gar ein Abgrund auftut. Besonders schwierig wird es, wenn einer nicht weiß, wie es weitergehen soll, oder wenn die Ärzte sagen, dass sie nicht mehr helfen können. Was dann? Auf einmal ist einer dann mutterseelenallein, völlig auf sich gestellt. Mit so einer Hiobsbotschaft muss letztlich jeder selbst fertig werden. Da hilft auch alles Einfühlungsvermögen wenig. Der Einzelne findet sich plötzlich allein im großen Universum wieder. Mit viel mehr Fragen als Antworten, konfrontiert mit einem Schicksal, das ihm keiner abnehmen kann. Als Seelsorger höre ich dann gut zu und spreche wenig. Ich weiß, dass ich ehrlich bleiben muss und keinen falschen Trost aussprechen sollte. Ich fühle eine enorme Spannung: Auf der einen Seite kann ich gar nichts tun, bin ohnmächtig und hilflos. Auf der anderen Seite glaube ich, dass alles einem großen Plan folgt, und im Konzept Gottes nichts umsonst war. Dass Gott mein Gegenüber lieb hat und nicht ins Leere fallen lässt, auch wenn ich das nicht beweisen kann. 

In unserem Leben verläuft nicht alles glatt. Jeden Tag werden wir mit der Nase darauf gestoßen, dass es genau so ist und nicht anders. Es gibt das Böse, es gibt Krankheiten und den Tod. Wir können davor nicht weglaufen. So und so oft sind wir schon gestolpert, hingefallen, haben wir unsere Schwäche und unsere Grenzen gespürt. Aber gleichzeitig sind wir Meister im Verdrängen. Wir klammern uns an jeden guten Tag, an jedes schöne Ereignis, alles, das irgendwie noch funktioniert, auch wenn wir in Wahrheit bereits ahnen, dass da etwas Schlechtes auf uns zukommt. Dann gehen wir eben nicht zum Arzt, lächeln über unsere Schmerzen hinweg. Wir tun so, als hätten wir alles im Griff, unser Leben souverän in der Hand. Ja, wir wissen sogar, dass das nicht stimmt. Trotzdem: Ein bisschen noch, heute noch und hoffentlich morgen werden wir uns durchmogeln. Es hat ja bisher auch geklappt. 

In unserem Leben verläuft nicht alles glatt. Ich glaube, es ist gut, das zu wissen und es sich jeden Tag einmal zu sagen. Ich glaube, dass das eine ganz wesentliche Übung für ein glückliches Leben ist. Und dass es uns so vorbereitet auf den Tag, an dem die Wirklichkeit hart ist und wir dann nicht daran vorbei können.

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Sich Asche auf den Kopf streuen zu lassen. Das ist ein ganz altes Zeichen. Im Judentum haben Menschen das getan, um zu zeigen, dass sie bereit sind über ihr Leben nachzudenken. Und dabei auch an die Stellen heran zu kommen, wo es weh tut: an die eingefleischten Fehler, die nicht so leicht abzustellen sind. Wenn beim Nachdenken etwas heraus gekommen ist, dann hat zuletzt noch etwas dazu gehört: einen neuen Anfang zu machen.

Asche auf mein Haupt. In der Katholischen Kirche wird dieses Zeichen seit Jahrhunderten gepflegt. Und auch das, was damit zusammenhängt. Ich werde mir heute an Aschermittwoch auch Asche aufs Haupt streuen lassen. Und nicht nur aus Tradition oder Gewohnheit. Sondern weil ich genügend Grund dafür habe. Für mich ist der Beginn der Fastenzeit eine wichtige Stelle im Lauf des Jahres. Eine Art Wendepunkt. Weil ich mir jetzt besonders Gedanken über meine grundsätzlichen Gewohnheiten mache, in der Fastenzeit, die heute beginnt: Gibt es Punkte, wo ich mir etwas angewöhnt habe, was schlecht ist? Wo müsste ich mein Verhalten ändern?  Mir sind auf Anhieb mehrere Punkte eingefallen, wo ich unzufrieden mit mir bin.

Da ist zum einen der Sonntag. Es gelingt mir nicht immer, ihn von Arbeit frei zu halten. Manchmal kommt es vor, dass er sich gar nicht so sehr von anderen Wochentagen unterscheidet. Natürlich: Da ist der Gottesdienst am Morgen. Mit anderen feiere ich, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Aber richtig zur Ruhe komme ich nur selten. Asche auf mein Haupt, weil ich’s eigentlich anders weiß und will. Und hoffentlich künftig besser schaffe, den Sonntag anders zu planen. Ihn frei zuhalten von allem, was mich nicht zur Ruhe und weniger zu Gott kommen lässt.

Noch ein Zweites. Ich habe früher ganz viele Briefe geschrieben. Jeden Tag eigentlich. Und zwar mit der Hand. Wenn ich jemand lange nicht gesehen hatte oder mit einem Freund eine Idee besprechen wollte, dann habe ich zum Federhalter gegriffen und geschrieben. Und mit dem Schreiben hat auch die Beziehung ein anderes Gewicht bekommen. Mehr Tiefe und Intensität. Ich nehme mir vor, diesen Stil wieder mehr zu pflegen. Und damit einen Gegenakzent zu setzen, wenn sonst die Kommunikation oft schnell und oberflächlich abläuft.

Die Asche ist am Tag nach Aschermittwoch wieder verschwunden. Was das Zeichen bedeutet, hoffentlich nicht.

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In England gibt es seit Januar eine Einsamkeitsministerin. Ja, tatsächlich, ein echter Regierungsposten ist das. Die Ministerin hat den Auftrag, sich mit ihrer Behörde um die Menschen zu kümmern, die darunter leiden, allein zu sein. In großen Städten vor allem gibt es davon immer mehr. Mehr als 50% Single-Haushalte sind dort die Regel. Nicht allen geht es damit schlecht. Wenn aber doch, dann gelangt man oft in einen Kreislauf der Isolation, aus dem man nur schwer wieder ausbrechen kann.

Kann ein Ministerium daran etwas ändern? Die Frage ist erlaubt, weil ich mich immer frage, ob politische Maßnahmen zu dem führen, was sie beabsichtigen. Alle, die in der Regierung oder einer Verwaltung arbeiten, müssen sich diese Frage gefallen lassen: Nütze ich damit konkreten Menschen? Wird dadurch etwas besser für die, mit deren Steuern meine Stelle finanziert wird? Bisher werden die Mitarbeiter des neuen Einsamkeitsministeriums in London dazu noch kaum Erfahrungen gesammelt haben. Klar ist auf jeden Fall, dass es einen Bedarf gibt. Gerade in Städten wie London, wo alles unübersichtlich ist und deshalb leicht einer übersehen und vergessen wird. Wenn immer mehr Menschen vereinsamen, dann führt das zu Problemen. Im Laufe der Zeit fallen sie aus ihren sozialen Bezügen. Sie verlieren den Kontakt zu Nachbarn, gehen nicht mehr einkaufen, treffen sich nicht in der Kneipe oder im Stadtteiltreff. Und dann? Dann braucht es Hilfe, wenn man nicht riskieren will, dass Einsame sich aufgeben. 

Ich weiß, dass Einsamkeit zu einem schlimmen Problem werden kann. Als Pfarrer begegne ich oft Menschen, die allein sind. Ich merke, wie sehr sie sich danach sehnen, raus zu kommen aus den eigenen vier Wänden. Sie haben unheimlich viel zu erzählen, sind froh, wenn ihnen endlich mal einer zuhört. Zuweilen war das anstrengend für mich. Wenn einer mal zu erzählen anfängt, der sonst nur selten jemand zum Sprechen hat ... Das kann eine Herausforderung sein. Aber es ist mir auch gelungen, meine Grenzen zu ziehen, wenn es mir zu viel wurde. Ich weiß nämlich: Ich kann den Einsamen nicht aus seiner Einsamkeit heraus holen. Den Schritt ins Leben mit anderen muss jeder selbst wagen. Zumindest ein Signal senden an einen anderen.

Ein Ministerium, das sich um einsame Menschen kümmert. Schon die Tatsache, dass es das braucht, lässt mich aufhorchen. Und sie spornt mich an, aufmerksam zu sein, wenn ich jemandem schon lange nicht mehr begegnet bin.

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Anderen helfen. Christen tun das, weil sie wissen, dass die Nächstenliebe zusammen mit der Gottesliebe das wichtigste Gebot ihres Glaubens ist. Wer nicht an Gott glaubt, tut unter Umständen das Gleiche ohne oder mit einer anderen Motivation. Trotzdem ist „anderen zu helfen“ für mich eine durch und durch christliche Angelegenheit. Sie ist mit meinem Glauben im Innersten verbunden. Im entsprechenden Augenblick merke ich das meist gar nicht. Erst im nachhinein denke ich daran: „Ja, das hat was mit Jesus zu tun, mit Gottes Gebot, dass Du das getan hast.“

So wie vor kurzem auf einer Zugfahrt: Ein älteres Ehepaar wurde von seiner Tochter bis ins Abteil begleitet. Wenn man sich nicht mehr so gut bewegen kann und viele Leute einen Platz suchen, ist das ganz schön schwierig im Zug. Langes Herumhantieren mit dem Gepäck hält dann bloß auf. So hat der große Koffer es nicht bis in die Gepäckablage oben geschafft. Und weil er im Gang auch gestört hat, stand er plötzlich zwischen den Sitzen der beiden älteren Leute. Die so allerdings überhaupt nicht bequem sitzen konnten. Deshalb habe ich angeboten, den Koffer hochzuhieven. Zuerst wollten sie meine Hilfe ablehnen. Aber ich bin hartnäckig geblieben und habe versprochen, den Koffer nachher wieder herunter zu nehmen. Dann ging’s. Eine Frau, die in der Nähe saß, hat mich sogar noch für meine Hilfsbereitschaft gelobt. Das war auch schön. Aber am schönsten war, was ich anschließend im Serviceheft der Deutschen Bahn gelesen habe. Dort steht unter der Überschrift Gut und Gerne das Folgende: 

In kleinen Schritten die Welt verbessern. Aus den USA stammt die Idee der Random Acts of Kindness - der zufälligen Akte der Freundlichkeit. Darunter versteht man nette Gesten, die sich oft an Wildfremde richten, ohne dass man dafür einen Gegenleistung erwartet. Das kann ein ehrliches Kompliment sein. Die Parklücke, die man jemand anderem überlässt. Ein kleines Geschenk, das man jemand auf eine Parkbank legt. Oder das Busticket, das man dem Fahrgast hinter sich bezahlt. Der Kreativität und Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Das zaubert nicht nur anderen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht und macht die Welt ein bisschen schöner. Sondern es macht auch uns selbst glücklicher. Studien belegen, dass wir uns gut fühlen, wenn wir anderen etwas Gutes tun - optimistischer, stärker, selbstbewusster und gelassener.

 Genau so war’s.

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