Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Im Flur eines Bürogebäudes ist mir ein Verbotsschild aufgefallen. Darauf stand mit großen Buchstaben: „Jammern verboten!“ Neugierig geworden lese ich im Kleingedruckten, was Jammern für negative Auswirkungen hat: „schlechte Stimmung, Opfersyndrom und eine schlechte Problemlösefähigkeit“ steht da.
Und das Plakat fordert auf: „Hör auf zu jammern! Handle aktiv! Wende Dein Leben zum Besseren!“ und gibt noch folgenden Tipp mit: „Um das Beste aus sich zu machen bedarf es der Konzentration auf die eigenen Stärken und nicht auf die Schwächen und Grenzen.“
Es ist tatsächlich so, wenn ich jammere, überträgt sich das direkt auf meine Stimmung. Ich habe dann das Gefühl festzustecken. Oder ich glaube mal wieder Opfer willkürlicher Entscheidungen anderer zu sein. Jammern hilft zwar, mir Dinge, die mich beschweren, von der Seele zu reden, aber meistens macht es mich blind für das, was trotzdem möglich ist, macht mich taub für kreative Lösungen und blockiert neue Sichtweisen.
Oft höre ich „man müsste, man sollte, man hätte, man könnte … dies oder das“. Das ist zwar noch kein echtes Jammern, aber ich höre mich selber oft sagen: Ich könnte aufmerksamer sein. Ich müsste mir mehr Zeit nehmen. Ich sollte besser planen und mich an die Pläne dann auch halten. Ich hätte mich nicht so aufregen sollen.
Das heißt: Ich erlebe einen Unterschied zwischen dem was ist, was ich mache, was ich in Angriff nehme und umsetze und dem wie ich es mir wünsche, wie es also in meiner Vorstellung sein sollte. Wenn dieser Vergleich negativ ausfällt, dann komme ich leicht ins Jammern.
Ich habe mir überlegt, was in solchen Situationen besser ist: Ich versuche jetzt die Worte „Hätte, müsste, könnte, sollte“ zunehmend aus meinem Wortschatz zu streichen, denn sie sind für mich Warnsignale: „Pass auf, dass du nicht ins Jammern kommst!“ Denn Jammern lähmt, macht blind und taub! Also statt meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was alles nicht geht, lieber das machen, was geht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25718

In meinen letzten Ferien hatte ich die Gelegenheit auf einem Bau mitzuhelfen. Zusammen mit Johannes, einem jungen Mann, habe ich eine Treppe gebaut. Stufe um Stufe. 14 Stufen insgesamt. Sie wurden aus Beton gegossen. Jede Stufe musste zirka 24 Stunden aushärten, bevor die nächste Stufe gegossen werden konnte. So haben wir uns zwei Wochen lang voran gearbeitet. Johannes und ich hatten auf dieser Baustelle viele Gelegenheiten miteinander zu reden und zu schweigen.
Johannes ist arbeitslos. Orientierungslos. Er hat sein Studium abgebrochen und ist jetzt auf der Suche, was er machen könnte. Für jemand, der mehrere Begabungen hat, ist es gar nicht so einfach, die richtige Berufswahl zu treffen. Und nicht alles, was er sich wünscht, geht. Deutlich wird auch, er muss ganz von vorne anfangen, obwohl er natürlich auch auf Erfahrungen aufbauen kann. Alles erscheint sehr mühsam. Vor allem, jetzt richtige Entscheidungen zu treffen. Er hat Angst, wieder etwas falsch zu machen und scheut sich davor etwas Neues anzufangen. Und so reden und arbeiten wir und bauen an der Betontreppe. Jeden Tag ein Stück, jeden Tag eine Stufe mehr.
Am Schluss waren wir mächtig stolz auf unser Werk. Es war ein super Gefühl, am Ende einfach Stufe für Stufe die Treppe benutzen zu können. Während der Bauarbeiten mussten wir uns umständlich über Leitern und Gerüste bewegen.
Als wir am letzten Tag unserer gemeinsamen Baustelle stolz die Treppe hinauf- und hinuntergehen, hat mich dieses Bild beeindruckt: Eine Stufe nach der anderen ist uns gelungen, nicht alles auf einmal. Ich empfand es als ein schönes Bild für das Leben. Es muss nicht alles auf einmal gelingen. Einfach Stufe für Stufe, einen Schritt nach dem anderen. Genügend Zeit lassen, bis das, was erreicht wurde sich festigen kann, dann erst der nächste Schritt. Mit Johannes habe ich darüber geredet, was das heißen könnte, sein Leben wie diese Baustelle zu sehen. So wie wir diese Treppe gebaut haben könnte er doch auch sein Leben aufbauen. Wir haben gemeinsam überlegt, was die nächsten Schritte sein werden: Termine bei der Berufsberatung, ein Praktikum, Bewerbungen und Gespräche zu möglichen Ausbildungsplätzen.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25717

Wissen Sie, wer der wichtigste Mensch in ihrem Leben ist?
Spontan gehen einem auf diese Frage verschiedene Menschen durch den Kopf. Vater, Mutter, Kinder oder Partner, Freund oder Freundin, oder sonst eine Person, die für einen wichtig ist. Aber: Der wichtigste Mensch sind sie selbst.
Das ist nicht egoistisch, denn wenn Sie nicht auf sich selbst achten, dann können Sie auch niemand anderem helfen.
Viele Menschen sind hilfsbereit, nett und zuvorkommend. Sie vergessen sich dabei aber leider selber. Mich selbst ertappe ich dabei, dass ich versuche, anderen zu gefallen. Ich kann oft nicht nein sagen. Ich meine immer und überall dabei sein zu müssen, weil ich befürchte vielleicht etwas zu verpassen.
Meinem Freund Christian geht das nicht anders. Er sagt: „Wenn ich ehrlich bin, habe ich Angst, alleine zu sein. Ich habe mich auf mein freies Wochenende so gefreut, aber je näher es rückt, umso nervöser werde ich und bekomme Zweifel, ob ich mich mit mir selbst nicht langweilen werde.“ Seine Freundin muss arbeiten. Er hat Angst bekommen, einsam auf dem Sofa zu sitzen, während Freunde zusammensitzen, lachen, womöglich Legendäres erleben, an das sie sich noch Jahre später erinnern. Er sagt bedrückt. „Von einem freien Wochenende mit mir selber werde ich später meinen Kindern oder Enkeln sicher nichts Interessantes berichten können.“
Ich habe meinem Freund Christian davon erzählt, wie gut es mir tut, immer wieder Zeit alleine nur mit mir zu verbringen. Meine Zeit frei einteilen zu können, ohne Verpflichtungen. Dieses selbstgewählte Alleinsein hat nichts mit Einsamkeit zu tun, im Gegenteil. Ich brauche das, um ganz bei mir und dann wieder ganz aufmerksam für andere da sein zu können.
Es ist wie im Flugzeug bei den Sicherheitshinweisen vor dem Start, wo immer dasselbe Ritual geboten wird. Kaum jemand hört mehr hin oder schaut dem Personal dabei zu, obwohl sie doch etwas ganz wichtiges sagen: „Ziehen Sie bei einem Druckverlust die Sauerstoffmaske erst über Ihren eigenen Kopf und helfen Sie danach anderen Passagieren!“ Das ist eigentlich eine christliche Lebensregel, so denke ich. Erst, wenn ich fürsorglich genug mit mir selber umgehe, kann ich auch gut für andere sorgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25716

Sich mit anderen zu vergleichen, kann glücklich oder auch unglücklich machen.
„Ich gehöre zu den Verlierern dieser Gesellschaft“ sagt Clara bestimmt. Sie ist überzeugt, Opfer einer unglücklichen Kindheit zu sein. Clara passt in kein typisches Muster. Sie ist nicht drogensüchtig, psychisch nicht besonders auffällig, nicht offensichtlich krank.
„Ich bin oft depressiv“, sagt sie von sich selbst. „Jedes Mal, wenn ich in meinem Leben einer Herausforderung begegne, ziehe ich mich zurück, rede mit niemandem mehr.“ Und so steht sie als 30-jährige heute da, ohne Ausbildung, arbeitslos, ohne Freund. Clara ist unglücklich.
Sie erzählt mir ihre Geschichte und ich ahne, wie verletzt ihre Seele ist. Ihre Eltern haben sich getrennt als sie 10 Jahre alt war. Die Mutter sagt heute zu ihr: „Ich hätte dich wohl besser abtreiben sollen!“ und der Vater sagt: „Ich bin nur wegen dir so lange bei deiner Mutter geblieben!“ Solche Sätze stechen ins Herz, sind vielleicht ehrlich, aber lieblos. Sie schlagen seelische Wunden, die nur schwer heilen. Ohne die Eltern von Clara entschuldigen zu wollen, weiß ich, dass auch sie es nicht leicht hatten im Leben. Clara als ihr gemeinsames Kind scheint das jetzt ausbaden zu müssen.
Clara ist intelligent, hat Begabungen und aus meiner Sicht Möglichkeiten. Aber der Schmerz, die Verletzungen sitzen so tief, dass es fast unmöglich scheint diese Begabungen zu nutzten. Die Trennung der Eltern war ein einschneidendes Erlebnis und sie wirkt auf mich oft wie eine 10-jährige, auf der Suche nach Zuneigung, Anerkennung und Liebe. Clara ist unglücklich und sieht sich als Verliererin, weil sie sich auch ständig mit Gleichaltrigen vergleicht, die einen Beruf, einen festen Freund und vielleicht auch schon Familie haben. „Allen anderen geht es besser als mir“, sagt sie aus ihrer Perspektive.
„Clara“, sage ich zu ihr, „Du bist nicht dumm, bist musikalisch, kannst hilfsbereit und freundlich sein, hast Humor, einen Sinn fürs Praktische. Vergleiche Dich nicht mit den Falschen, denjenigen, denen es scheinbar besser geht als Dir. Es ist nicht so, wie Du glaubst, dass es alle anderen besser haben. Wechsle mal die Perspektive: Mach Dir bewusst, was Du alles hast und kannst. Glaub mir, Du hast trotz deiner Kindheit die Chance auf ein glückliches Leben.“ Es fällt ihr schwer das zu glauben. Ihr eigener Schmerz ist noch so groß, dass sie nicht sehen kann, dass es andere auch nicht immer leicht haben. Aber jede positive Rückmeldung zu ihren Begabungen macht ihr Mut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25715

Meine 2½ jährige Enkelin fängt an mit Warum-Fragen. Sie löchert damit Ihre Eltern, die Erzieherinnen in der Kita und auch mich. „Opa, warum dies, warum das?“ Die erste Antwort ist meistens nicht ausreichend, das nächste „Warum?“ wird sofort nachgeschoben. So schnell gibt sie sich nicht zufrieden. Sie will es genau wissen. Diese Neugierde kann nervig und zeitraubend sein, aber ich finde sie auch faszinierend. Das Kind will verstehen, warum die Dinge sind, so wie sie sind, warum die einen Menschen sich so verhalten, und andere wieder anders. Ich muss zugeben, das ist alles nicht so einfach. Ich komme immer wieder in Erklärungsnot.
Das kleine Kind will sich zurechtzufinden, es will wissen: „Wer bin ich selbst in dieser Welt?“ Will nachahmen, verstehen, um seinen Platz zu finden. Passen die Antworten zusammen, dann gibt das Sicherheit. Das nähere Umfeld bestätigt: „bei uns wird das so gesehen, wir machen das so!“.
Ich glaube, für Erwachsene ist das genauso wichtig, diese Heimat zu haben. Ein Gefühl dafür zu haben, zu wissen, wo man herkommt und wo man dazugehört. Eine Sprache, ein Landstrich, etwas, womit man sich identifizieren kann. Ich verstehe mich als Europäer, bin Franzose, Schwabe, katholisch aufgewachsen als Chorknabe und Ministrant. Aber ich habe von meinen Eltern und meinem Umfeld gelernt, die Neugierde auf andere Menschen, auf andere Sprachen, Religionen und Kulturen zu behalten. Ich kann mich nicht mit Antworten zufrieden geben, wie: „Das macht man nicht, das ist halt so. Da kann man nichts machen, das war schon immer so. Das verstehst du nicht, dafür bist du zu jung.“ Oder, was mir inzwischen auch gesagt wird: „Dafür bist du schon zu alt.“
Nein, meine Enkelin lehrt mich gerade von neuem, nie die Neugierde auf die Menschen und die Welt zu verlieren und immer wieder selbst die Warum-Fragen zu stellen.
Klar, nicht nur für Kinder ist es eher verwirrend, wenn Weltbilder und Glaubenssätze nicht zusammenpassen, Kulturen aufeinandertreffen, die Welt unsicher wird und scheinbar auseinanderfällt. Aber gerade das ist es doch, was wir heute dringender denn je lernen müssen, dass es auf die Warum-Fragen immer mehr als nur eine Antwort gibt. Das ist doch das faszinierende, dass uns die Fragen an diese Welt und das Leben nie ausgehen, dass Vielfalt der Normalfall ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25714

Guten Montagmorgen oder haben Sie heute Morgen schon Stress? Ist der ganze Tag, ja die ganze Woche schon im Eimer? Vielleicht war ja schon der Schlaf in der letzten Nacht nicht wirklich erholsam. So nimmt der Teufelskreis seinen Lauf. Glaubt man aktuellen Untersuchungen leidet mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter Stress. Das äußert sich in Schlafstörungen und entsprechend schlechter Stimmung am Tag. Stress macht krank, sagen Ärzte. Die Gefahr Medikamente im Übermaß zu benutzen steigt. Alkohol, Tabak und andere Suchtmittel können zur Tagesordnung gehören.
Fragt man Menschen, die unter Stress leiden, sind es in der Regel äußere Faktoren, die einen stressen: Die Firma, der Boss, die Kinder, der Partner. Nie ist man selbst schuld am eigenen Stress. Wenn ich mich aber selber beobachte, wann ich Stress empfinde, dann merke ich, dass es viel einfacher ist, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich mich oft selber stresse:
Ich hab es mal wieder nicht geschafft, nein zu sagen. Ich habe mir mal wieder zu viel vorgenommen, zu viel in meinen Terminkalender hineingepackt, so dass ich von einem Termin zum anderen hasten muss.
Experten raten: Hören Sie auf, die Erwartungen anderer zu bedienen und machen Sie Termine mit sich selber. Die Wissenschaftler raten dazu, regelmäßig allein zu sein. Psychologen kritisieren das gängige Work-life-Balance Modell. Es lenkt den Blick zu stark auf Arbeit einerseits und Sozialleben andererseits und vernachlässigt die dritte, entscheidende Komponente: die Zeit für sich. Und ich ergänze: die Zeit mit Gott.
Mir ganz bewusst Zeit nehmen, einmal am Tag, und wenn es nur ein paar Minuten sind. Einmal am Tag abschalten. Das bekommt heute im Zeitalter der Mobiltelephone, Smartphones und Tablets eine ganz neue Bedeutung. Für andere nicht immer erreichbar sein, aber für mich selbst, - und vielleicht für Gott. Meine Erfahrung ist, dass ich in der Stille, wenn ich zur Ruhe finde viel empfänglicher bin für wohltuende Gedanken und Gefühle. Wenn ich abschalte kommen mir plötzlich wieder Dinge in den Sinn, die ich in der Hektik des Alltags fast vergessen hätte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25708