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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Das ist ja mal eine schöne Bescherung!“ Au weia. Das klingt nach einer sehr unguten Überraschung, nach Entsetzen und Enttäuschung. Ich sehe vor meinem inneren Auge schon vorwurfsvolle Blicke über das Chaos in meinem Arbeitszimmer oder die fünf in Physik und vermutlich haben auch Sie Bilder vor Augen, wenn einer in diesem Ton zu Ihnen sagt: „Das ist ja eine schöne Bescherung!“

Morgen ist Heiliger Abend… und viele große und kleine Kinder fiebern dem entgegen was man hierzulande Bescherung nennt. Der Teil des Abends an dem es endlich die lang ersehnten Geschenke gibt. Das Geheimnis, was wohl in der Verpackung steckt gelüftet wird. Und alle hoffen, dass es eine schöne Bescherung wird und eben nicht eine schöne Bescherung.

Ich habe mir überlegt, wodurch für mich an Heilig Abend die Bescherung schön wird.

Mich freut es, wenn es mir gelingt, mit meinem Geschenk „richtig zu liegen, den Geschmack des Beschenkten getroffen zu haben und eine echte Freude zu machen, vielleicht sogar einen Herzenswunsch zu erfüllen.

Andersherum geht es mir auch so, dass für mich ein Geschenk dann besonders kostbar ist, wenn ich spüre, da hat sich jemand darüber Gedanken gemacht, was zu mir passen könnte und mich freut.

Egal ob ich schenke oder beschenkt werde geht es nicht darum, möglichst viel Geld auszugeben sondern dass ich mir Zeit nehme, mich in den anderen einzufühlen, dem nachzuspüren, worüber er sich freuen könnte. Und nicht selten sind es die kleinen Basteleien, die besonders gut ankommen, weil sie exklusiv, nicht perfekt aber persönlich und mit Zeit und Liebe gemacht sind.

Soviel zu den materiellen Geschenken, die eine Bescherung schön machen können.

Doch eine wirklich schöne Bescherung ist für mich auch noch etwas ganz anderes - Und mir ist bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist, weil es Menschen gibt, die an Heilig Abend ungewollt alleine sind.

Ich bin dankbar und fühle mich dann tief beschenkt, wenn wir an Heilig Abend einfach alle mal wieder um einen schön gedeckten Tisch versammelt sind, miteinander Zeit verbringen, reden, zusammen essen – am Besten das, was es seit ich denken kann bei uns an Heilig Abend gibt. Wenn dann selbst die sangesmuffeligen unter uns in die altvertrauten Lieder einstimmen und wir abwechselnd das Weihnachtsevangelium hören und lesen, dann ahne ich etwas von dem tiefen Geheimnis, das diese Nacht umgibt. Das was wir letztlich nicht fassen können. Die eigentliche Bescherung. Das größte Geschenk. Dass Gott sich uns selber schenkt in seinem Sohn.

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„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort…“, so philosophisch beginnt das Johannesevangelium im Neuen Testament. Ein paar Zeilen später drückt der Schreiber sich unmissverständlich und klar aus: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ – Dieses Wort „Fleisch wirkt wie ein Fremdkörper in dem sonst eher schöngeistigen Text.

Warum hat der Schreiber sich nicht für „Mensch“ oder „Leib“ entschieden? Warum schreibt er: „und das Wort ist Fleisch geworden“?

Ich vermute, weil er deutlich sagen wollte, dass Gott wirklich Mensch geworden ist.

Mit Hand und Fuß, und Haut und Haar – und all dem, was Menschsein ausmacht: Freud und Leid, Erfolg und Scheitern, geliebt und abgelehnt werden, Hunger und Durst, Leben und Tod.

Dass Gott Mensch - Fleisch wird – ist für mich das, was mich an meinem christlichen Glauben am meisten anrührt.

Gott will einer von uns sein. Er wird ein wehrloser Säugling. Zeigt sich bedürftig nach Zuwendung und Liebe.

Eigentlich verrückt. Der Allmächtige wird wehrlos, der Schöpfer zum Geschöpf, der Unbegreifliche – einer zum Anfassen.  

Was ist das für ein Gott?

Nach dem biblischen Zeugnis ist es derselbe, der schon alles versucht hat, um die Menschen von seiner Liebe zu überzeugen. Derselbe der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten befreit hat, der seinem Volk, wenn es in der Patsche saß durch den Mund der Propheten Hoffnung und Zukunft geschenkt hat. Einer, der immer wieder bereit ist, die Hand zur Versöhnung auszustrecken und nicht locker lässt, die Liebe der Menschen zu gewinnen.

Genau deshalb wird er so wie wir, wird er Mensch – aus Fleisch und Blut.

Kein Gott, der uns das Fürchten lehrt  - vielmehr einer, der uns zuruft:

„Fürchte dich nicht“.

Und das heißt für mich: Lebe! Stell dich dem, was das Leben dir bringt. Antworte auf seine Fragen und Herausforderungen. Wende dich anderen Menschen zu, schotte dich nicht ab. Lass dich berühren von ihrem Schmerz und Elend und freu dich mit ihnen an allem, was schön ist und gelingt.

Damit wir lebendiger werden – wird Gott Mensch, damit wir spüren, wie Liebe Gestalt gewinnt – wird das Wort Fleisch.

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„Mach´s wie Gott – werde Mensch“ dieser plakative Spruch auf einer Karte macht mich nachdenklich und reizt mich gleichzeitig zum Widerspruch. – Ich bin doch bereits ein Mensch. Ich hab zwar Fehler und Schwächen -  aber ein Mensch bin ich trotzdem.

Was soll das dann? Was bedeutet der Satz, wenn ich ihn genauer betrachte?

 Ich versuche ihn einmal anders zu lesen: Mach´s wie Gott werde Mensch.

Jetzt liegt die Betonung auf  dem „Werden“. Noch nicht fertig oder perfekt sein müssen, sondern immer wieder schauen, welches Potential in mir schlummert, das geweckt und eingebracht werden will in die Welt.

Ich finde, diese Suchbewegung passt besonders in die Adventszeit oder zum nahen Jahresende. Es ist für mich eine Zeit, in der ich zurück und gleichzeitig nach vorne schauen möchte. Ich denke darüber nach, ob mehr möglich ist, als das, was ich momentan lebe, was noch in mir wachsen und reifen möchte.

Und noch eines beschäftigt mich an diesem Satz: Mach´s wie Gott – Werde Mensch. Gott als mein Vorbild? Wie Gott soll ich’s machen.-  Mensch werden. Ist Gott also auch noch nicht fertig, sondern im Werden oder wie Rilke ihn einmal zu fassen versucht hat: Gott - „Der Werdenste, der wird“?

Einerseits finde ich diesen Gedanken faszinierend: dass Gott ebenfalls in Bewegung ist, noch nicht fertig, nicht am Ende. Andererseits beunruhigt mich die Vorstellung. Gott ist doch der Ewige, der Unendliche, der ist und bleiben wird so jetzt und immerdar – und doch mit meinem menschlichen Verstand nie zu fassen -

Aber einmal – da ist er konkret fassbar geworden - berührbar, indem er Mensch wurde,  einer von uns: in Jesus von Nazareth. Das ist für mich das Herzstück meines christlichen Glaubens.

Seit 2000 Jahren zeigt dieser besondere Mensch mir und vielen anderen eine Spur. Wenn ich mich an ihm orientiere, besteht auch nicht die Gefahr, dass ich nur um mich selber kreise. Wenn ich mich an ihm orientiere, werde ich mich da engagieren, wo Gott mich mit meinen Fähigkeiten braucht. Dann werde ich mich zuwenden und nicht abwenden, wo Not am Mann ist und so immer mehr zu einem liebenden Menschen.

Der zitierte Satz geht auf den ehemaligen Bischof der Diözese Limburg, Franz Kamphaus zurück

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Ich mag sie gerne, die Lesungen aus dem Alten Testament, die jedes Jahr im Advent in den Kirchen vorgetragen werden. Meist sind es prophetische Texte, also Worte, die in die Zukunft weisen. Gesprochen von Männern, die dem Volk Israel in schwierigen Zeiten zusagen, dass es gut ausgehen wird, dass es Hoffnung gibt. Sie tun das im Auftrag Gottes und sie tun das in einer sehr bildhaften Sprache. Sie reden vom Volk, das im Dunkeln sitzt, aber bereits ein helles Licht sieht(Jes 9,1). Sie beschreiben einen Baumstumpf, aus dem ein grüner Zweig sprosst. (Jes 11,1) In scheinbar hoffnungslosen Zeiten sprechen sie von Gott als einem, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. (Jes 42,3) Ein Funke Hoffnung bleibt immer, dass sich was zum Guten wenden kann.

 Das finde ich sehr tröstlich. Und - so wenig es manchmal sein mag, es hilft mir nicht aufzugeben. Es ist so, wie wenn ich mich an einen Strohhalm klammere.

Sich an einen winzigen Strohhalm klammern. Das ist auch so ein Bild. Es steht für mich für die grandiose Fähigkeit von uns Menschen, Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit setzen zu können. Einen solchen Strohhalm ergreifen bedeutet für mich: Nie vor der Zeit aufgeben, solange noch ein Funke Hoffnung besteht, solange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind etwas oder jemanden zu retten. Eine verfahrene Situation, eine lieblos gewordene Beziehung, ein stagnierendes Gespräch.

Wenn der Prophet Gott als einen beschreibt, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht, dann macht diese Zusage

mir Mut, selber auch niemand und nichts zu früh aufzugeben oder abzuschreiben.

Das hat für mich nichts damit zu tun, sich oder anderen falsche Hoffnungen zu machen – oder etwas schönzureden. Es bedeutet für mich an meiner inneren Haltung zu arbeiten: Bin ich bereit meinen Teil dazu beizutragen, dass sich etwas zum Guten wenden kann?  Nicht nur meine Bedenken zu äußern, sondern auch meine Visionen und Ideen, wie es denn gehen könnte.

Denn: Hoffnung zu haben ist das Eine –  von ihr zu auch zu sprechen das Andere.

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Es ist gar nicht so einfach sich dem Geheimnis von Weihnachten zu nähern. Gott wird Mensch- er macht sich klein und wird ein Kind – eigentlich unfassbar.

Und er wird es nicht in Rom, dem damaligen Zentrum der Macht sondern – so erzählt es die Bibel – in Betlehem. Einem kleinen Dorf am Rande der judäischen Wüste. Nicht im Palast sondern in einem Stall auf freiem Feld kommt er zur Welt.

Über dem Ort an dem man die Geburt Jesu vermutet wurde bereits im vierten Jahrhundert eine Kirche gebaut. Und wie es so oft im Laufe der Geschichte geschehen ist, wurde diese immer wieder umgebaut und vor allem vergrößert.

Nur – und das finde ich spannend – den Haupteingang hat man zweimal verkleinert. Von den vormals drei Portalen wurden zunächst zwei zugemauert und das mittlere verkleinert. Um 1500 wurde auch dieses so zugemauert, dass nur noch eine Pforte von einem Meter zwanzig Höhe und 80 cm Breite übriggeblieben ist. Also eher eine kleine Tür. Als Grund dafür wird die Angst vor Überfällen angegeben. Man wollte verhindern dass Reiter auf Pferden den heiligen Ort entweihen und plündern. Das mag für damals gegolten haben. Für mich steckt jedoch mehr hinter dieser kleinen Pforte, durch die nur Kinder aufrecht gehen können. Sie sagt mir: wenn Du dich dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes nähern willst, dann tue es angemessenen Schrittes. Denn durch dieses Tor kannst Du nicht hindurchstürmen. Nähere dich langsam, halte inne und bücke dich. Dann kannst Du hindurchgehen und etwas von dem ahnen, was geschehen ist. Was Weihnachten bedeutet. Gott hat sich auffällig klein gemacht in einem Kind vor 2000 Jahren. Er zeigt sich ohnmächtig und liebebedürftig, angewiesen darauf, so angenommen und geliebt zu werden wie jedes Menschenkind.

Heißt das dann auch, nur wer sich klein macht und bückt, kann in die Augen dieses Gotteskindes sehen? Ich glaube ja. Vielleicht weil dieser Gott für mich ein Gott auf Augenhöhe mit den Kindern und den sogenannten kleinen Leuten ist, den Armen und Schwachen. Er stellt sich auf die Seite jener, mit denen es das Leben nicht so gut gemeint hat, die gescheitert oder schuldig geworden sind. Er lädt mich ein, es ihm gleich zu tun. Mich zu bücken, sinnbildlich durch diese Pforte der Demut zu gehen. Denn so heißt das kleine Tor im Volksmund.  

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Immer wieder begegnet mir in letzter Zeit das Wort „Hygge". Es stammt aus Skandinavien und scheint voll im Trend zu sein.

Zeitschriften und Bücher titeln „Mach es dir hyggelig“ und ich ahne, dass es in der kalten und dunklen Jahreszeit darum geht, es sich gemütlich zu machen.

Aber irgendwie scheint es um mehr als Deko und Kerzenschein zu gehen, was mir eine dänische Freundin bestätigt. Sie erzählt, es sich hyggelig machen, bedeutet, sich einen Ort schaffen, an dem es dir wohl zu Mute ist, an dem du dich sicher und gut aufgehoben fühlst. Je mehr sie erzählt, desto mehr kommt mir das schöne schwäbische Wort „hoimelig“ in den Sinn. Auch das meint mehr als nur gemütlich. Es hat etwas mit sich Geborgen-Fühlen  zu tun. Wenn es wo hoimelig ist, dann fühle ich mich gut aufgehoben – sozusagen daheim.

Das sind einerseits Orte, an denen ich mich wohl und sicher fühle: jetzt in der kalten Jahreszeit ist es der Ohrensessel in den ich mich einkuscheln kann, ruhig werde und auf das Feuer im Ofen schaue.

Vor allem aber sind es Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle, wo so etwas wie Nestwärme und Heimat spürbar ist.

 Dass „Hygge“ gerade so im Trend ist, zeigt mir, dass Menschen sich in unserer eng getakteten und digitalisierten Welt vor allem danach sehnen, irgendwo geborgen zu sein. Nicht dauernd unterwegs, gleich ob real oder im Netz/Internet.

Dass sie sich danach sehnen, anzukommen. Nichts leisten oder machen zu müssen. Einfach sein dürfen. Still werden -   Wieder in Beziehung kommen mit sich selber und anderen. Wie wohltuend ist ein Gespräch, bei dem ich das Gefühl habe dass wir einander wirklich zuhören und etwas zu sagen haben? Oder miteinander schweigen können ohne dass es unangenehm wird. Im Gegenteil. Sich verstehen ohne Worte – da wird es mir warm ums Herz – da ist es hoimelig, da fühle ich mich geborgen.

Und doch spüre ich auch, dass es noch eine andere Qualität von Geborgenheit gibt, die ich mir nicht selbst schaffen kann und die mir Menschen nicht geben können – die mir geschenkt wird. Ich ahne, dass es das ist, von dem der Philosoph Ernst Bloch sagt: „Was allen in die Kindheit scheint und worin noch keiner war –Heimat“. Diese Heimat ist für mich das tiefe Gefühl, für immer geborgen zu sein. Bei Gott geborgen zu sein. Von dem ich glaube, dass ich nicht tiefer fallen kann als in seine liebende Hand.

Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, 1628

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