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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kollateralschaden, dieses Wort stammt aus dem Militär. Es bedeutet, dass es einen Schaden gibt, der nicht beabsichtigt ist. Wenn zum Beispiel bei der Bombardierung eines militärischen Ziels, Zivilisten ums Leben kommen. Wie so oft im Krieg. Dass es aber auch Kollateralheilung gibt, habe ich durch einen sehr schönen Film erfahren. Darin kommt ein Mann nicht über den Tod seiner kleinen Tochter hinweg. Er klinkt sich völlig aus dem Alltag aus und das einzige, was er macht, ist Briefeschreiben. Ungewöhnliche Briefe: an die Zeit, die Liebe und den Tod.                       

Geschäftskollegen und Freunde machen sich Sorgen um ihn und kümmern sich nicht nur aus uneigennützigen Motiven um ihn. Denn er war der kreative Kopf einer Werbeagentur, die durch seine Abwesenheit auch in die Krise geraten ist. Darum engagieren sie drei Schauspieler, die ihm ganz unverhofft auf seine Briefe antworten als Verkörperungen der Liebe, der Zeit und des Todes. Und es gelingt ihnen den untröstlich Trauernden wieder ins Leben zurückzuholen und damit auch in die Firma.
Das Besondere an diesem Film ist aber, dass nicht nur er geheilt wird, sondern auch die Personen, die ihm geholfen haben: Einer Frau, der klar wird, dass sie nur Kariere macht, weil es ihr an Liebe fehlt. Oder ein Vater, der wieder lernt, wie er in Beziehung zu seiner kleinen Tochter kommen kann. Und ein krebskranker Mann, der Mut fasst, sich einzugestehen, dass er sterben muss und sich nun mit seiner Frau darauf vorbereiten kann.

All das hat die gute Tat der Menschen ausgelöst, die einem anderen Menschen helfen wollten. Kollaterale Heilungen – und zwar Selbstheilungen als Nebeneffekt. Wie schön und wie wahr! Dass das Gute oft weiteres Gutes erzeugt. Und dazu passt der deutsche Titel dieses Films auch ganz gut: „Verborgene Schönheit“. Denn diese wunderbaren Begleiterscheinungen guter Taten ergeben sich oft im Stillen, unter der Oberfläche und scheinbar wie von selbst.

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„Wenn die Dame in Schwarz kommt, schick sie nicht weg, sondern setz Dich mit ihr an den Tisch und hör ihr gut zu was sie Dir zu sagen hat.“ Dieser Satz ist vom Psychoanalytiker C.G. Jung. Und mit der Dame in Schwarz hat er die Depression gemeint.                                                         Depression ist eine so häufige wie immer noch tabuisierte Erkrankung.  Hat man eine Grippe oder den Fuß verstaucht, so kann man darüber reden und wird allseits bedauert. Ist aber die Seele gestaucht oder wund, dann wird das nicht gern gehört oder darüber gesprochen. Warum eigentlich? Weil es ein Zeichen von Schwäche ist? Weil man sich dadurch verletzt oder verletzlich zeigt? Oder weil es in unserer Leistungs- und Gute-Laune-Gesellschaft ein No Go ist, traurig, schwach und antriebslos zu sein?
Rund 4 Millionen Menschen leiden laut Weltgesundheitsbehörde derzeit in Deutschland an diesem Seelenzustand, der Depression genannt wird.
Und wenn man offen damit umgeht, dann bestätigt sich diese versteckte Häufigkeit. Dann heißt es auf einmal: „Ja, das hatte ich auch schon“ oder „meiner Schwester geht es gerade auch nicht gut“. 
Depression gilt als Erkrankung der Seele. Ich würde sie anders nennen: ein Notsignal der Seele, ein Hilferuf, der sich in Erschöpfung, Traurigkeit, Angst oder Antriebslosigkeit zeigt. Wenn eine Grenze überschritten worden ist. Durch einen Schicksalsschlag, durch eine Lebensveränderung oder durch eine zu lange Überforderung. Und mich die Seele ausbremst, mich zu dem Stillstand bringt, ja zwingt, der mich wieder ins Lot bringen soll.

Dabei sind Medikamente hilfreich oder nötig. Gleichzeitig und noch viel mehr: Therapie, heilsame Gespräche mit Fachleuten, die dabei helfen, die Dame in Schwarz an den Tisch zu lassen und ihr zuzuhören. In diesen Gesprächen geht es immer um offene, nicht verheilte seelische Wunden. Aufgerissen durch aktuelle Belastungen, Konflikte, Trennungen oder Tod. Wenn man sich aber genügend Zeit gibt sie zu beklagen, sie zu betrauern und letztlich auch zu bejahen, dann schließen sich diese Wunden. Mit der Zeit, die Wunden eben zum Heilen brauchen. In der auch die Dame in Schwarz irgendwann den Tisch verlässt. Und einen Menschen hinterlässt, der zwar dunkelste Dunkelheiten kennt, dessen Leben aber wieder hell geworden ist. Weil er den Mut hatte der Dame in Schwarz zuzuhören und sich helfen zu lassen…

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„Den wahren Wert von Worten erkennt man in der Wüste“. Dieser Gedanke kam mir nachdem ich zum ersten Mal eine Nacht in der Wüste verbrachte hatte. Im November war ich dort, in Israel. Und was mich dabei am meisten beeindruckt hat, war die Stille. Als ich am Morgen die ersten Worte in diese allumfassende Stille gesprochen habe, kamen sie mir ganz plastisch und wirksam vor. Als ob sie einen unsichtbare Spur in die Stille hineindrücken würden, wie die Füße auf einem unberührten Schneefeld. Diese mir bislang unbekannte Erfahrung hatte ein ganz spezielle Wirkung auf mich. Ich konnte und wollte nichts sagen, was mir nicht unbedingt sagenswert erschien. Um diese große, erhabene Stille nicht zu stören. Um sie nicht mit unnützem Wortgeräusch zu durchbrechen. Dadurch wurde mir fast körperlich spürbar wie viel ich oft rede und wieviel unnützes Zeugs ich so den lieben langen Tag rede.
Und was ist dann der wahre Wert von Worten? Dass sie es Wert sind die Stille zu durchbrechen. Die Stille, die die Menschen zur Ruhe bringt, zu sich selbst bringt und in Kontakt mit dem, der nur in der Stille zu finden ist. Den wahren Wert von Worten kann ich erfahren, wenn sie aus der Stille geboren sind und sie von Herz zu Herz gehen. Wenn sie in mir erspürt und zugewandt sind, heilsam sind. Diese Worte sind dann meistens wenige, im richtigen Moment gesprochen und nicht laut. Weil sie eben aus der Stille kommen, die ihnen Ziel und Wirkkraft gibt.   

Nun, die wenigsten Menschen bei uns haben die Gelegenheit die Wüste zu erleben und ich werde wohl auch nicht mehr dorthin kommen. Aber die Erfahrung dieser Stille möchte ich weitergeben und mit in meinen Alltag nehmen. Denn Stille kann ich auch hier und heute erfahren, gerade jetzt im Advent, der für Christen ja eigentlich eine stille Zeit, eine Zeit der Besinnung und Einkehr ist. In der ich mir Orte und Zeiten suche, in denen es still um mich wird. Und dadurch auch still in mir. Und die mir helfen mal nur zu reden, wenn es Sinn macht, nötig ist oder gut tut.

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„Alle W-Fragen tun weh.“ Das hat mir ein Mensch gesagt, den ein  Schicksalsschlag getroffen hat. Stimmt das? Ich meine schon. Weil ich auch schon ähnliche Erfahrungen gemacht habe, kann ich das sagen und es wagen diesen Satz zu durchdenken und zu durchfühlen. Dass alle Fragen, die mit W anfangen, weh tun, nach einem Schicksalsschlag.
Als erstes das Wer. Wer war alles daran beteiligt? An dem Betrug, dem Unfall, der Gewalttat? Wer war das, der das getan hat? Wer ist er wirklich? Beim Wer kann weh tun zu wissen, wem ich nicht vertrauen konnte. Oder was der oder die andere hat, das ich nicht habe.

Auch die Frage nach dem Wann tut weh. Wo war ich gerade als es passiert ist? Bei dem Unfall, dem Unglück, dem Infarkt, dem Suizid? Dass ich weg war, nicht dabei war, nicht eingreifen, nicht helfen konnte und ich weiß Gott was getan habe als es passiert ist, tut weh.

Wie auch das Wo und Wie. Sich die Details vorzustellen, den Ort oder die Art dessen was dem geliebten Menschen widerfahren ist oder mir durch ihn geschehen ist, tut weh.

Und schließlich die schlimmste der W-Fragen bei einem Schicksalsschlag: Warum. So sinnlos wie brennend. Immer und immer wieder die Frage nach dem Grund, nach dem Sinn dessen was passiert ist. Die oft mit Schuldgefühlen zu tun hat. Hätte ich es verhindern können? Was hab ich dazu beigetragen? Musste das geschehen? Musste sie das tun? Sich antun? Mir antun?

Die Frage nach dem Warum ist der schmerzlich menschliche Drang verstehen zu wollen. Gerade auch das verstehen zu wollen was im Letzten nicht zu verstehen ist.

Ja, diese W-Fragen tun furchtbar weh und kommen zu all der Last eines Schicksalsschlags hinzu. Aber wir können es nicht lassen zu fragen. Wir können die Fragen nur kommen lassen. Und gehen lassen. So lange sie kommen müssen. Immer wieder kommen, aber auch gehen lassen. Bis sie weniger werden und irgendwann ausbleiben. Und sich von selbst erschöpfen. In die Antwort hinein, dass es auf diese Fragen keine Antwort gibt. Und man sie dann auch nicht mehr braucht… 

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„Ach!“ – wie oft schon habe ich morgens die Bettdecke mit diesem Stoßseufzer zurückgeschlagen und mich aus den Kissen gekämpft.
Ach! Dieser Seufzer ist ein archaisches Wörtchen – ein Urwort, das aus der Tiefe der Seele kommt und das wir alle kennen. Wenn wir unter einer Belastung stöhnen, wenn wir leiden oder mitleiden: „Ach je, ach du Armer!“ Wenn wir klagen oder uns ärgern, „Ach hätt’ ich doch..., ach wär’ ich doch...“ Aber auch wenn wir staunen: „Ach, das hätt’ ich nicht gedacht, ach wie schön!“
Dieses Ach ist eines der menschlichsten Worte, die es gibt. Ein Ausruf, der so gut tut. Weil ich mit ihm Seufzen, Stöhnen und Klagen kann. Ein hörbarer Ausdruck meines Innenlebens. Für Dinge, die zwar nicht sichtbar sind, aber fühlbar. Und die so stark sind, dass sie weit über das hinausgehen, was beschreibbar ist und nur noch Klang und Atem sind.
Oft ist das „ach“ das einzige, was ich bei einem Gebet spreche. Leise vor mich hin oder in mich hinein. Wenn ich müde bin oder mir die Worte fehlen. Wenn ich mich freue, mich ärgere, enttäuscht oder fassungslos bin: Ach! Dieses „ach“ ist meine kürzeste Botschaft an Gott. Aber dafür umso intensiver. Und irgendwie bin ich mir sicher, dass gerade sie auch bei Gott ankommt.
Deshalb hab ich mich gefreut als mir ein Freund folgende Geschichte vom griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis erzählt hat. Kazantzakis war auf einer Reise in der Türkei. Dort besuchte er ein Kloster, das von Derwischen bewohnt war. Derwische sind die Mystiker des Islams.

Einen dieser Derwische hat Kazantzakis gefragt wie er Gott beschreiben würde, wie er ihn nennen würde. Und der Derwisch hat ihm geantwortet:
„Er hat keinen Namen, Gott kann man nicht in einen Namen pressen... Gott ist frei. „Wenn ihr ihn aber rufen wollt, wenn es notwendig ist, wie ruft ihr ihn? fragte Kazantzakis weiter. „Ach“, antwortete der Derwisch, ‚nicht Allah, ach werde ich ihn rufen.’ Kazantzakis erbebte. Und murmelte: „Er hat recht…“

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Wie fähig sind wir etwas Schönes, Besonderes wahrzunehmen, wenn es uns mitten im Alltag begegnet? Inmitten von allen Beschäftigungen, allem Trubel und der ganz normalen Geschwindigkeit mit der wir uns durch den Alltag bewegen? Ein Experiment hat das untersucht. Eine Hörerin hat es mir als Video geschickt und das zeigt folgendes: 

Am Eingang einer U-Bahn-Haltestelle in Washington DC spielt an einem verregneten Morgen ein Mann 45 Minuten lang auf einer Violine. Er spielt  sechs Stücke von Johann Sebastian Bach. Während dieser Zeit gehen etwa 1000 Menschen an ihm vorbei, die meisten auf dem Weg zur Arbeit. Nach etwa 3 Minuten bemerkt ein Passant die Musik. Für ein paar Momente verlangsamt er seinen Schritt, um dann schnell wieder seinen Weg zur Arbeit fortzusetzen. Vier Minuten später: Der Geiger erhält seinen ersten Dollar. Eine Frau wirft ihm das Geld in seinen Hut ohne ihr Tempo zu verringern. Sechs Minuten später: Ein junger Mann lehnt sich gegen die Wand um zuzuhören, dann schaut er auf seine Uhr und setzt seinen Weg fort. Zehn Minuten später: Ein dreijähriger Junge bleibt stehen, um dem Musiker zuzuhören, aber seine Mutter zieht ihn weiter. Mehrere Kinder verhalten sich so, aber die Eltern drängen zum Weitergehen. Nach 43 Minuten: 7 Menschen sind stehen geblieben und haben kurz zugehört.  Ca. 20 gaben ihm Geld, seine Gesamteinnahmen lagen bei 32 Dollar.  Nach einer dreiviertel Stunde beendet der Musiker seine Darbietung und es wird still. Niemand nimmt Notiz, niemand applaudiert. Niemand wusste es, aber der Musiker war Joshua Bell, einer der größten Musiker der Welt.

Er spielte eines der schwierigsten Stücke die je geschrieben wurden, auf einer Violine im Wert von 3,5 Millionen Dollar. Drei Tage zuvor spielte er in der Music Hall Boston das gleiche Stück zu einem Durchschnittspreis von 100 Dollar pro Sitzplatz. Auftraggeber dieses sozialen Experiments über Wahrnehmung und Alltagsverhalten war die Zeitung Washington Post. Das Experiment hat eben diese Frage aufgeworfen, die mir nicht nur, aber gerade in der Adventszeit bedenkenswert erscheint: Können wir schöne, uns wohltuende Dinge wahrnehmen in einem alltäglichen Umfeld, inmitten aller Betriebsamkeit und Zielgerichtetheit? Und wenn ja, nehmen wir uns dann auch die Zeit sie in uns aufzunehmen.
Eine Schlussfolgerung aus diesem Experiment könnte sein: Wenn die meisten Menschen nicht einen Moment Zeit haben um anzuhalten und einem der besten Musiker der Welt zuzuhören, wie viel Schönes, Gutes und Wohltuendes verpassen sie wohl während sie durch das Leben hasten…?

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