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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Essen ist gut. Zusammen essen noch besser.“
Der Spruch stammt von Hans. In einer Zeitschrift habe ich einen Artikel über ihn gelesen. Hans ist ein alter Herr. Er wohnt in Berlin, in einem Hochhaus. Seine Frau ist vor einiger Zeit gestorben, die Kinder wohnen in ganz Deutschland verteilt.

Von Montag bis Freitag lebt Hans vor sich hin. Zeitung, Fernsehen, mal raus an die Luft. Aber spätestens Mitte der Woche spricht er Leute an und lädt sie ein. Vor allem Leute aus dem Hochhaus. Manche kennt er schon lange, andere nur vom Grüßen im Flur, und manche kennt er nur, weil sie nie zurückgrüßen. Hans lädt alle ein: „Am Sonntag, bei mir. Vierzehnter Stock. Um 12 gibt’s was zu essen.“

Samstags geht Hans dann einkaufen. Kartoffeln, Zucchini, Würstchen oder was auch immer er sich für den Sonntag ausgedacht hat. Dann steht er in seiner kleinen Küche und schnippelt und schält. Er ist ganz in seinem Element – denn Hans ist gelernter Koch. Sonntagmittag kommen die Gäste; manche ganz selbstverständlich, andere zögernd, ein bisschen unsicher. Er weiß nie, wie viele kommen. Mal sind es 2, mal 5. Die unterschiedlichsten Leute kommen und rücken zusammen. Der Platz reicht immer, das Essen sowieso. Sonntag abends ist Hans erschöpft, aber glücklich. „Essen ist gut. Zusammen essen noch besser.“

Vielleicht wäre Hans ziemlich überrascht, dass mich seine Geschichte an das Abendmahl erinnert. In der Bibel steht, dass schon beim allerersten Abendmahl damals in Jerusalem eine ziemlich bunte Mischung mit Jesus am Tisch gesessen hat. Einer wie Thomas, der im Zweifel immer noch ein bisschen länger gegrübelt hat.

Oder Petrus, voller Gottvertrauen, mit dem Herz am rechten Fleck und einem großen Mundwerk. Schulter an Schulter mit Judas: der hatte finstere Pläne, weil er nicht recht wusste, was er von Jesus halten sollte. Und gleich nebendran Johannes: der wird auf Bildern oft so dargestellt, dass er sich an Jesus anlehnt.

 „Gastgeber ist Jesus Christus“ sage ich immer, wenn ich im Gottesdienst sonntags zum Abendmahl einlade. Dann teilen wir Brot und Wein. Wir feiern Christus, der sich voller Liebe verschenkt hat. Wir geben einander die Hand und gehen gestärkt weiter. Und manchmal treffen wir uns mittags bei jemandem wie dem Hans.



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Wenn es dunkel ist und grau – dann hilft manchmal ein Lächeln. Ein freundlicher Gruß auf der Straße oder in der Schlange an der Kasse den jungen Mann mit seiner Tiefkühl-Pizza nach vorne lassen. Oder ich frage die ältere Dame, wie es ihr geht. So kann ich zeigen: „ich sehe dich. Ich laufe nicht einfach achtlos an dir vorbei! Du bist wer!“

Heute ist der Welttag des Lächelns. Erfunden hat ihn Harvey Ball. Herrn Ball muss man nicht kennen, aber wir kennen vermutlich alle den Smiley, den er erfunden hat. Ein schwarzer Kreis, mit gelber Farbe gefüllt, 2 Punkte als Augen und ein Halbkreis als Mund. Fertig ist der Smiley.

Ein paar Jahre nach dem Smiley hat Harvey Ball zum Welttag des Lächelns aufgerufen. Seine Idee: versuche heute, zu einem Menschen freundlich zu sein, sodass der lächelt. Es geht also nicht darum, den ganzen Tag als Dauer-Grinsebacke herumzulaufen, sondern zu EINEM Menschen freundlich zu sein. Das klingt machbar, finde ich. Ob der Mensch, zu dem man freundlich ist, dann lächelt, ist eine andere Frage. Aber selbst freundlich sein ist sicher ein guter Anfang. Außerdem tut es mir auch selbst gut.

Und wenn mir heute selbst gar nicht nach Lächeln zumute ist? Dann hoffe ich, dass jemand freundlich zu mir ist und mich zum Lächeln bringt.
Außerdem glaube ich, dass schon immer einer da ist, der mich anlächelt. Denn ich glaube, dass Gott mit dem Lächeln angefangen hat. Das stelle ich mir jedenfalls vor, wenn ich sonntags am Ende des Gottesdienstes den alten Segen aus der Bibel höre: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Das ist altes Deutsch. Heute würde man vielleicht sagen: „Gott soll dich freundlich anschauen.“ Wobei, das mit dem Leuchten gefällt mir eigentlich besser. Es gibt ja Menschen, die haben so eine Ausstrahlung, dass ich ganz fasziniert bin und denke: „Der leuchtet so von innen raus.“ Mit ihrem Leuchten machen sie es um sich herum heller. Auch für die, deren Gemüt gerade ziemlich verdunkelt ist.

In dem alten Segen wird das von Gott gesagt. Dass er leuchtet. Er leuchtet nicht irgendwo, sondern „über dir“. Also auch über mir. So, dass da ein Funke von seinem Leuchten auf mich, auf uns überspringen kann.
Am Welttag des Lächelns will ich daran denken, dass Gottes Gesicht über mir leuchtet.
Davon will ich mich anstecken lassen. Darauf will ich antworten. Zum Beispiel, indem ich heute zu jemandem freundlich bin. Vielleicht wird ihm dann die Welt ein bisschen heller.

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Wie kommen Kinder gut ins Leben? Vier Dinge sollen Eltern ihren Kindern dazu mitgeben. So steht es seit gut 1500 Jahren im Talmud. Das ist eine Zusammenfassung jüdischer Gesetze und Geschichten.
Vier Dinge sollen Eltern ihren Kindern mitgeben. Die ersten drei haben mich nicht überrascht:

1. Eltern sollen ihre Kinder mit dem Glauben bekannt machen. Sie sollen dafür sorgen, dass Kinder lernen, auf Gott zu vertrauen. Die Kinder sollen miterleben, welche Bedeutung das für Menschen haben kann. Ob die Kinder später etwas damit anfangen können, das haben Eltern nicht in der Hand. Aber sie sollen es den Kindern mitgeben.
2. Eltern sollen dafür sorgen, dass ihre Kinder eine Ausbildung machen.
Und 3. ihnen einen guten Ehepartner suchen. Auch das hat damals zu den Aufgaben der Eltern gehört.
Ich finde, damit haben Eltern schon alle Hände voll zu tun. Aber im Talmud wird dann noch eine vierte Aufgabe genannt: Eltern sollen ihren Kindern das Schwimmen beibringen.

Ich habe gestaunt, als ich das gelesen habe. Schwimmen: in einer Reihe mit Glauben? Wie kommt man denn auf so was? Ich denke, die Kinder sollen lernen, schwierige Situationen einigermaßen zu meistern. Sie sollen nicht untergehen. Die Nase soll über Wasser bleiben, sozusagen.

Außerdem kann man Schwimmen nicht allein lernen. Es braucht jemanden, der es einem vormacht. Und am Anfang muss einen jemand halten. Ich finde, da hat das Schwimmenlernen tatsächlich etwas mit dem Leben und dem Glauben zu tun: manches geht einfacher, wenn es einem vorgemacht und vorgelebt wird.

Eltern, die ihrem Kind das Schwimmen beibringen, müssen den richtigen Moment finden, in dem sie loslassen können. So gesehen lernen auch die Eltern etwas, wenn sie ihren Kindern das Schwimmen beibringen. Wie lange muss ich mein Kind festhalten? Wann muss ich loslassen? Das lernt man, wenn man Schwimmen übt.

Da lernen Eltern: Lass los. Vertrau darauf, dass dein Kind ohne dich klar kommt. Trau ihm das zu. Egal ob es um das Schwimmen geht oder um den Auszug von daheim. Vermutlich schicken viele Eltern ein Stoßgebet zum Himmel, wenn sie ihr Kind loslassen. Schwimmen lernen und auf Gott vertrauen: ich finde, das passt prima zusammen. Für Eltern und Kinder.

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Am Samstag mache ich eine Friedhofsführung. Seit einigen Jahren biete ich das zusammen mit einer Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung an. Wir werden über den Stadtfriedhof spazieren und uns in Ruhe verschiedene Grabfelder anschauen. Wir werden nachdenklich vor Gräbern von Soldaten stehen, bewegt Teddybären und Engel auf Kindergräbern anschauen und einiges über Baumgräber und naturnahe Bestattung lernen. Die Mitarbeiterin der Friedhofsverwaltung wird jede Frage beantworten können, vor allem auch was wieviel kostet. Und wir werden an Grabsteinen stehen bleiben, Sprüche entziffern und über Symbole reden. Dabei werden wir manches entdecken, was Menschen tröstet und wodurch sie ihren Glauben an ein Leben nach dem Tod ausdrücken.

Am Feld für die anonymen Bestattungen gibt es oft Diskussionen. Die einen finden das gut. Den Kindern nicht zur Last fallen, weil die sonst ein Grab pflegen müssten und vielleicht gar nicht am Ort wohnen. Oder vielleicht sind auch keine Angehörigen da. Andere sagen: ist das nicht zu wenig, wenn dann nicht mal ein Namensschild an einen Menschen erinnert und man bloß irgendwo unter dem Rasen liegt? Und wenn doch jemand um einen trauert: wo soll der hingehen, wenn es kein Grab gibt?

Ich kann nachvollziehen, dass die Grabpflege ein wichtiges Thema geworden ist. Darum bin ich froh, dass es inzwischen auf dem Friedhof auch andere Möglichkeiten gibt, bei denen das Grab pflegeleicht ist. Baumbestattungen zum Beispiel. Da gibt es dann aber ein Schild mit den Namen der Toten. Das finde ich wichtig.

Die Namen erinnern nicht nur an die verstorbenen Menschen und an das, was sie erlebt haben. Die Namen erinnern auch daran, dass jeder Mensch in Gottes Gedächtnis und in sein Herz hineingeschrieben ist. Und das hört nicht auf, wenn jemand gestorben ist. Das glauben Christen. Das tröstet viele.

Natürlich glaube ich, dass das auch denen gilt, die anonym bestattet werden. Aber jeder Name auf einem Grab macht mich auf die alten Worte der Bibel aufmerksam: „So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1)
Darum freue ich mich, wenn sich Menschen dann doch für ein Grab entscheiden, auf dem ihr Name steht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25074

Sollen am 3. Oktober die Kirchenglocken läuten? 1990, als die Deutsche Einheit zum ersten Mal gefeiert wurde, ist das heiß diskutiert worden. Ist die deutsche Wiedervereinigung ein Anlass, die Glocken zu läuten? In manchen Kirchen sind die Glocken geläutet worden, in anderen nicht.

Für die einen war klar: die Wiedervereinigung hat nur etwas mit Politik zu tun. Über die kann man diskutieren, dafür oder dagegen sein. Aber mit dem Glauben hat sie nichts zu tun. Glocken werden nur geläutet, um zu Gottesdienst und Gebet einzuladen. Also schweigen sie am Tag der deutschen Einheit. Da wird auch kein besonderer Gottesdienst gefeiert.

Andere Gemeinden wollten damals zeigen: wir sind so dankbar, dass der kalte Krieg vorbei ist. Wir sind so dankbar, dass es nicht mehr zwei deutsche Staaten gibt, sondern nur noch einen. Also haben sie eine Andacht gefeiert, fröhlich und bewegt gesungen „Nun danket alle Gott“. Und sie haben die Glocken geläutet.

In der Bibel heißt es. „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.“ Das beziehe ich auch auf das ganze Land. Mir gefällt, dass es da so nüchtern heißt: das Beste „suchen“. Weil eben nicht immer eindeutig ist, was das Beste eigentlich ist. Aber danach zu suchen, zusammen danach zu suchen, auch miteinander darüber zu streiten: das ist besser als nur zuzuschauen oder zu jammern.

Dann können wir darüber reden, was gut für Deutschland ist und was nicht, und was wir uns wünschen. Wir können uns engagieren und etwas für das gute Zusammenleben tun. Und natürlich bin ich vor eineinhalb Wochen zur Wahl gegangen, weil ich meine Meinung sagen will und es mir nicht egal ist, was wie läuft.

Beten tu ich auch. Ich bete für Frieden. Ich bete für Menschen, die in unsrer Gesellschaft durch’s Raster fallen. Und für die, die wichtige Entscheidungen für das Land treffen.

Wenn ich bete, sage ich Gott, was ich wünsche und hoffe. Dabei wird mir manches klarer und ich komme zur Ruhe. So bekomme ich auch wieder Ideen und Ausdauer dafür, das Beste zu suchen. Zusammen mit anderen.

So gesehen wäre es doch gut, wenn wir heute einen Gottesdienst feiern würden. Und die Glocken: die könnten dazu einladen.

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Widerstand ja, Gewalt nein. Heute ist der internationale Tag der Gewaltlosigkeit. Er wird jedes Jahr am 2. Oktober gefeiert, weil das der Geburtstag von Mahatma Gandhi ist. 1869 wurde er geboren. Gandhi ist berühmt geworden, weil er sich dafür eingesetzt hat, in Konflikten ohne Gewalt zu handeln. Ich finde, wir können diesen Tag der Gewaltlosigkeit gut gebrauchen. Es gibt so viel Gewalt, im Großen wie im Kleinen.

Wenn ich in der Schulpause zwei Kinder trenne, die sich schlagen, höre ich oft: „Aber der hat zuerst getreten!“ Wenn sich alle einigermaßen beruhigt haben, können wir darüber reden. Was war eigentlich los? „Der hat mich gehauen“, sagt Lukas empört. „Aber du hast vorher gegen meinen Schulranzen getreten“, wehrt sich Leon.

Das kann erfahrungsgemäß eine Weile so weitergehen. Vermutlich hat Leon vorher den Stift von Lukas geklaut, weil Lukas vorher etwas Gemeines zu Leon gesagt hat. Oder so ähnlich.

„Was kann ich machen, wenn mich jemand ärgert“, frage ich die Kinder, die inzwischen um die beiden Streithähne herumstehen. „Zurück ärgern“, sagt Lukas prompt. Jetzt mischen sich auch die anderen ein. „Stopp sagen“, meint einer. Ich frage nach. „Einfach ‚Stopp‘ sagen“, wiederholt er, „wie beim Spielen. Wenn man Stopp sagt, bleiben alle stehen.“ Lukas schaut noch nicht sehr überzeugt, aber einige andere nicken. Ich finde „Stopp-Sagen“ eine schlaue Idee. Damit können Kinder den Reflex unterbrechen, immer gleich zurück zu ärgern. Und Kinder, die nicht beteiligt sind, bekommen die Möglichkeit, dazwischen zu gehen und zu vermitteln.

Manchmal denke ich, auch wir Erwachsenen müssten üben, „Stopp“ zu sagen. Damit Konflikte sich nicht immer weiter hochschaukeln, sondern alle Beteiligten eine Pause bekommen. Eine Denkpause.

Jesus hat Menschen Mut gemacht, den Kreislauf von Gewalt zu unterbrechen. Es zumindest zu versuchen. „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“, hat er gesagt. Starke Worte. Ich glaube, es geht ihm darum, Stopp zu sagen. „Stopp. Ich mach‘ nicht mit. Nicht so. Nicht auf deine Weise.“  Denn ich bin ein Geschöpf Gottes und habe Respekt verdient. Und du genauso.
So zu denken, so zu leben: ich glaube, das kann man üben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25072