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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Man sah sie fast nur mit dem Fahrrad, die französische Sozialarbeiterin Madeleine Delbrêl. Viele Jahre lang hat sich die leidenschaftliche Christin im Pariser Vorort Ivry um die Industriearbeiter und ihre Familien gekümmert. In diesem damals streng kommunistisch und kirchenfeindlich geprägten Milieu musste der Glaube dieser Frau durchs Feuer. So wurde er geläutert und hat dann eine ungeheure Kraft und Schönheit entfaltet.

Mit „Fahrrad-Spiritualität“ überschrieb sie diese Verse, die man in ihrem Nachlass fand, und in denen sie Gott direkt anspricht:

„Du hast dir für uns
ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht,
ein Gleichgewicht,
i
n das man nicht hineinkommt
u
nd das man nicht halten kann,
es sei denn in der Bewegung,
i
m schwungvollen Voran!“

Mit dem seelischen Gleichgewicht, schreibt Madeleine, sei es wie mit einem Fahrrad. Solange man fährt, kann man es halten. Im Stillstand kippt der Drahtesel einfach um oder lehnt schief an der Wand.

Madeleine Delbrêl überträgt dieses Bild und ihre Erfahrung als Radfahrerin auch auf den Glauben. Man kann ihn nur halten, solange man fährt. Sie schreibt:

„Wir können uns nur aufrecht halten,
wenn wir weitergehen,
wenn wir uns hineingeben
i
n den Schwung verzehrender Liebe.“

Wahrscheinlich hat man dieser rastlosen Frau damals auch zugeraten, doch endlich mal einen Gang runterzuschalten und sich Ruhepausen zu gönnen. Ihr plötzlicher Tod im Jahre 1964 kam wohl nicht von ungefähr. Doch sie glaubte, ihre innere Balance nur im „Schwung verzehrender Liebe“ halten zu können. Frömmigkeit im Schneidersitz war nicht ihr Ding. Ihr Glaube lebt aus der Dynamik der Liebe.

Wer sich liebevoll den Menschen zuwendet, wie Madeleine Delbrêl es tat, wer ihnen zuhört und Anteil nimmt, sie tröstet und aufrichtet, trifft auf Gott. Denn „Gott ist die Liebe, und alle Liebe stammt aus Gott“, sagt die Bibel (1. Johannesbrief 4).
Das ist ein Angebot für alle Suchenden: Vielleicht findet man Gott eher in der Liebe als in der Versenkung, eher in der konkreten Zuwendung zu den Menschen als im verzweifelten Suchen und Fragen.

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Mit der Bergpredigt sei doch keine Politik zu machen, meinte einst Reichskanzler Otto Graf von Bismarck. Und seitdem singen die „Realos“ unter den Politikern diesen Vers im Chor. So auch der verstorbene Bundeskanzler Helmut Schmidt, den damals die Friedensbewegung mit der Bergpredigt nervte.

Ich würde diesen Satz gerne abwandeln: Wer auf den Namen Jesu Christi getauft ist, muss mit der Bergpredigt Politik machen! Denn unser Glaube frömmelt nicht in einem stillen Seelengärtchen vor sich hin, sondern verpflichtet uns für eine bessere Welt.

Zwar ist die Bibel kein Parteiprogramm, aber ein „Positionspapier“! Sie setzt Marken, an denen sich Christinnen und Christen nicht einfach vorbeidrücken können. Wenn Jesus in der Bergpredigt die Friedensstifter selig preist (Matthäus 5,9), werden wir nicht klaglos hinnehmen, dass man weltweit die Rüstungshaushalte aufdonnert und Atomsprengköpfe scharf macht.

Wer „hungert und dürstet nach Gerechtigkeit“ (5,6), wird sich nicht damit abfinden, dass acht Superreiche in dieser Welt soviel besitzen wie die ärmere Hälfte der ganzen Menschheit. Da muss doch die Politik dazwischenfahren!

Selig gepriesen werden auch die Barmherzigen (5,7). Da ist doch kein Platz für Fremdenfeindlichkeit und dumpfen Nationalismus.

In Abendmahl und Eucharistie teilen wir Brot und Wein. Im Teilen, so glauben wir, werden wir eins mit Jesus Christus und untereinander. Also setzen wir uns für eine Politik des Teilens ein, damit alle Anteil haben an den Gütern dieser Welt und niemand zu kurz kommt.

In den nächsten Wochen gewinnt der Wahlkampf richtig an Fahrt. Machen wir uns doch in unseren Gemeinden Mut, uns einzumischen und mit der Bergpredigt Politik zu machen. Das ist christlich und demokratisch zugleich – gewaltfrei natürlich und mit offenem Visier.

Es wird dennoch Ärger geben! Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Das hat Jesus selbst erfahren müssen. Mich tröstet, dass er in seiner Bergpredigt zum Schluss all jene selig preist, die um seinetwillen „geschmäht, verleumdet und verfolgt werden“ (Matthäus 5,11).

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Als Seelsorger steht man mit dem Tod ständig auf Du und Du. Es gibt schönere Bekanntschaften! Manchmal wünsche ich den Gevatter am liebsten zum Teufel, wenn er wieder einmal ein Kind oder einen jungen Menschen um sein Leben betrogen hat. In wessen Namen und Auftrag schwingt dieser Typ seine Sense?

Ein andermal erwarte auch ich ihn am Bett eines Schwerstkranken wie einen Erlöser. Die Qualen sind für die Angehörigen kaum mehr auszuhalten, vom Sterbenden selbst ganz zu schweigen, sofern er noch bei Sinnen ist. In diesem Fall reden wir dann gerne vom „gnädigen Tod“.

Egal, wie er daherkommt: Immer soll man am Grab auch noch die richtigen Worte finden. Trostworte, die den Erschütterten und Alleingelassenen gut tun. Hoffnungsworte, die aus dem Glauben an Jesus Christus schöpfen. Seine Botschaft: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Sein Sensenhieb ist vielmehr ein Befreiungsschlag – hinein in ein Leben bei Gott, das nie mehr erlischt. So hat die Gefolgschaft Jesu seinen Tod in Jerusalem erfahren: als Auferstehung zum Leben. Das glauben und feiern wir in unseren christlichen Gemeinden.

Die Hoffnung auf ein neues, ewiges Leben ist eine Zumutung. Ich selbst brauche dafür den Rückhalt einer Gemeinde zum Beispiel, die Sonntag für Sonntag Ostern feiert. Und Menschen um mich herum, die sich nicht einfach abfinden wollen mit der Banalität des Todes. Die mit mir tastend danach suchen, was sich möglicherweise hinter dieser Mauer verbirgt.

Dieser Tage bin ich unvermutet auf einen Tröster gestoßen, für den ich dankbar bin. Es ist der kürzlich verstorbene Schriftsteller Peter Härtling. Er sagte von sich, der ganze Kinderglaube um Himmel und Hölle sei ihm zwar abhanden gekommen. „Aber ich glaube“, so schreibt er, „dass man nach dem letzten Akt in irgendeiner Weise aufgefangen wird, aufgehoben sein wird… Vielleicht ist es eine große Hand, in die ich falle...“

Uns alle hat der Tod seit unserer Geburt auf seiner Agenda. Vielleicht stehen wir schon zeitnah in seinem Terminkalender. Auch wenn wir uns schwer tun mit der „Auferstehung der Toten“ - bewahren wir uns als Todgeweihte wenigstens dieses „Vielleicht“ von Peter Härtling: Vielleicht ist da doch eine große Hand, in die wir fallen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24699

„Der Globus quietscht und eiert, bald ist er ausgeleiert“, sang man in meiner Jugendzeit feucht-fröhlich am Lagerfeuer. Heute bliebe mir der lustige Vers im Halse stecken, denn nicht „bald“, sondern heute, am 2. August, ist der „Blaue Planet“ tatsächlich ausgeleiert. Auf dieses Datum taxieren die Umwelt-Aktivisten den diesjährigen „Welt-Erschöpfungstag“. Der signalisiert: Wir haben für dieses Jahr alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht. Die Natur kann sie bis zum Jahresende nicht mehr erneuern, geschweige denn ersetzen. So wenig, wie sie sich von den Umweltschäden erholt, die wir ihr angetan haben. Ab heute leben wir für den Rest des Jahres auf Pump.

 „Welt-Erschöpfungstag“ - dieses makabre Datum rückt im Kalender Jahr für Jahr weiter nach vorne. Wie lange geht das noch gut? Unsere gute „Mutter Erde“ pfeift auf dem letzten Loch. Sie ist so erschöpft und ausgeblutet, dass eigentlich ein Erdball mit seinen Ressourcen schon gar nicht mehr genügt. Wir brauchen demnächst drei von dieser Sorte, aber haben nur den einen.

Nun versucht die Politik, wenigstens die dramatische Erderwärmung zu stoppen. Doch der amerikanische Präsident hält die Klima-Katastrophe für eine chinesische Erfindung und steigt aus dem Klima-Abkommen aus.

Den ändern wir nicht, aber uns können wir ändern! Wir müssen einfacher und bescheidener leben! Es sind die altbekannten Fragen, mit denen ich Sie heute mal wieder nerve: Was soll dieses PS-Monster in der Garage, mit dem wir auch noch Brötchen holen und die lieben Kleinen zur Schule karren? Jährlich pustet allein der Straßenverkehr 36 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Luft. Muss es denn im Urlaub unbedingt eine Flugreise oder eine Kreuzfahrt sein? Jeder kennt die verheerende Öko-Bilanz. Und was brutzelt da schon wieder in der Pfanne? Ein Billig-Steak, das nicht einmal die Erzeugerkosten deckt? Viehzucht, das weiß man, benötigt riesige Flächen und verstärkt massiv den Treibhaus-Effekt.

„Gott hat die Erde nicht als Wüste geschaffen, er hat sie zum Wohnen gemacht“, heißt es beim Propheten Jesaja (45,18). Sein Wort ist aktueller denn je! An uns liegt es, ob wir den Planeten verwüsten oder ihn als Menschenhaus gestalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24698

Martin Luther verdanken wir ein schönes Wort: „Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen“. Da sind sich die beiden Kirchen einig: Tätigsein, Schaffen und Werken, Schalten und Walten, Denken und Planen – das macht unser Menschsein doch wesentlich aus. Die Schwaben wissen das am besten.

Wenn Arbeit zum Menschsein gehört wie zum Vogel das Fliegen, dann hocken allerdings manche wie Vögel mit gebrochenen Flügeln am Boden! Immer noch sind es über zweieinhalb Millionen Menschen, die gar keine Arbeit haben. Je länger die Arbeitslosigkeit dauert, desto schwerer finden die Betroffenen noch einmal in die Turbo-Arbeitswelt von heute hinein. Viele von denen, die ich kenne, haben längst resigniert, sind verletzt und beschädigt. Man nimmt sie auch kaum noch wahr, sie tauchen weg und fühlen sich nicht mehr zugehörig. Begegnet man ihnen, sind die meisten dankbar für ein gutes Wort und ein wenig Aufmerksamkeit. Nicht selten entwickeln sich aus so Nähe und Freundschaft. Die haben Langzeitarbeitslose bitter nötig.

„Die Arbeit gehört zum Menschen wie zum Vogel das Fliegen“. Seltsam: Während die einen sich gar nicht mehr aufschwingen können, stürzen andere aus schwindelnden Höhen abrupt in die Tiefe. Mit diesen „Bruchpiloten“ meine ich all jene, die in ihrer Arbeit so erschöpft und ausgebrannt sind, dass sie krank und arbeitsunfähig zu trudeln beginnen: Burnout – eine Form der Depression mit schlechten Prognosen.

Meistens sind  „Äußere Antreiber“ am Werk: Zielvorgaben, Termindruck, das ist einfach nicht mehr zu schaffen!  „Innere Antreiber“ kommen hinzu: Ehrgeiz, Karriere, Stolz. Man will sich selbst beweisen und es den anderen zeigen! Und plötzlich besetzt die Arbeit das ganze Lebenshaus. Kaum noch Raum und Zeit für Ehe und Familie, die Kinder kennen ihren Vater nicht mehr. Auch Freundschaften, Kultur oder gar Politik und Kirche bleiben auf der Strecke.  

Martin Luther war, soviel man weiß, auch in Gefahr, ein „Workaholic“ zu werden, hätte er nicht rechtzeitig gegengesteuert. Doch er verstand es, immer mal wieder „von seinen mannichfaltigen Arbeiten auszuruhen“, schreibt einer seiner Biografen und verrät Luthers Anti-Stressprogramm: „Die Drechselbank, die Musik und Gartenarbeiten gewährten ihm Erholung.“ 

Gotthilf Hartung: „Katechetenschule zum Lehren und Lernen“

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Allmählich hat man die Faxen satt. Nun erschüttert ein neuer Wirtschaftsskandal die Republik. Dabei haben wir mit der leidigen Diesel-Abgas-Affäre die Nase schon gestrichen voll! Und nun der nächste Hammer: Die großen Automobil-Konzerne haben sich über Jahre hinweg heimlich auf Kostensenkungen und technische Standards verständigt und uns alle hinters Licht geführt. Auch wenn es sich um keine Preis-Absprachen handeln soll, verstoßen diese Kungeleien doch gegen das Kartell-Gesetz.

Einmal mehr straft sich der Kapitalismus damit selber Lügen. Um der Gier willen wird der von ihm vergötterte „Markt“, das viel gepriesene Wettbewerbsprinzip einfach ausgehebelt. Den Schaden tragen die Kunden und die Zuliefer-Industrie. Aber auch die Umwelt, weil in der Abgas-Reinigung die technologischen Möglichkeiten gar nicht ausgeschöpft werden.

Wer so mogelt, muss die volle Wucht des Gesetzes zu spüren bekommen! Da laufen ein paar hübsche Sümmchen an Bußgeldern auf, darf man hoffen. Kaum anzunehmen, dass diese den Vorständen mit ihren horrenden Bezügen aufgebrummt werden. Vermutlich wird den Schadenersatz in die Produkte „eingepreist“. Dann zahlen die Zeche am Ende doch wieder die Kunden.

Der neue Skandal gibt der Bibel recht: „Gier ist die Wurzel allen Übels“ (1. Brief an Timotheus 6,10). Ethik, so scheint es, ist in der Wirtschaft zum Fremdwort geworden. Man betrachte sie, so klagt Papst Franziskus, sogar „mit einer gewissen spöttischen Verachtung, weil sie das Geld und die Macht relativiert“ (Rundschreiben „Evangelii gaudium“ 57).

Mit diesen Machenschaften haben die Konzerne ihr wichtigstes Kapital verspielt: das Vertrauen, die Basis für solide wirtschaftliche Beziehungen. Das wird sie noch teuer zu stehen kommen! Weil in diesem Fall alle Hersteller mit Rang und Namen unter derselben Decke stecken, kann man sie nur schwerlich boykottieren.

Die Kartell-Sünder werden es aber mit einem anderen Kartell zu tun bekommen: einem Kartell der anständigen und aufrechten Wirtschaftsbürgerinnen und -bürger. Die wirtschaften nur mit den Unternehmen, die sozial und ökologisch handeln und fair miteinander konkurrieren. Denen gebührt Dank und Anerkennung, Achtung und Hochschätzung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24696