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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

In einem Ortsteil von Reutlingen feiere ich regelmäßig Gottesdienst. Auf dem Weg in die Sakristei muss ich jedes Mal schmunzeln, weil da an der Tür steht: Sakristei, und darunter: Erste Hilfe. Ich weiß natürlich, weshalb das da steht. Weil es in der Sakristei einen Verbandskasten gibt und nebenan eine Liege, falls jemand ohnmächtig wird. Trotzdem finde ich es witzig, dass der Ort, wo der Pfarrer sich umkleidet, in einem Atemzug mit der Hilfe in einer Notsituation genannt wird. Und es gefällt mir auch. Denn genau so sollte es meiner Meinung nach sein. In jeder Kirche gibt es einen Ort, wo alle wissen: Wenn ich dort hingehe, dann ist einer für mich da. Ganz egal, was ich auf dem Herzen habe. Es gibt keine Tabus und keiner stellt eine dumme Frage. Ich bin immer richtig und kann mich darauf verlassen, dass mir zumindest zugehört, vielleicht sogar konkret geholfen wird.

Leider dürfte das nicht die Regel sein: Pfarrer sind rar. Und die wenigen haben immer mehr Aufgaben. Die Wahrscheinlichkeit, sie zuverlässig an einem Ort anzutreffen, ist ziemlich gering. Pfarrer sind viel unterwegs und für mehrere Gemeinden mit vielen Menschen gleichzeitig zuständig. Da ist fast überall Erste Hilfe gefragt. Aber zerteilen kann sich auch ein Pfarrer nicht.

Der Bedarf bleibt aber: Menschen brauchen Hilfe. Ich habe sogar den Eindruck, dass das mehr wird. Unsere Welt wird immer noch komplizierter und unser Leben schneller. Das überfordert viele. Manche bringt es an eine Grenze, wo sie merken: Das schaffe ich nicht, ich kann nicht mehr so weitermachen. Für solche Fälle braucht es unbedingt eine Erste Hilfe, einen, der das auffängt, der zuhört und die Überlastung zu teilen bereit ist. Seelsorge nennt man das traditionell. Ich beobachte, dass es die mehr denn je braucht. Auch wenn alle Umfragen sagen, dass der Großteil der Menschen heute ohne Kirche oder Gott glücklich ist. Das steht auf einem anderen Blatt. Wenn ein Mensch seelisch am Boden ist braucht es einen, der sich darum kümmert. Das ist die erste Aufgabe eines Pfarrers und das wichtigste Angebot, das die Vertreter des Christentums, die Kirchen, anzubieten haben.

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Vor kurzem war ich Teilnehmer einer Talkrunde. Thema: Glücklich mit Gott - oder glücklicher ohne? Im Verlauf unserer Diskussion ist mir ziemlich schnell klar geworden: An das eigentliche Thema kommen wir kaum ran. An die Frage nämlich, ob Gott und der Glaube an ihn Menschen hilft, glücklich zu sein. Stattdessen haben wir lange darüber gestritten, ob die Kirche zu viel Geld hat, ob der Glaube den Menschen in seiner Freiheit einschränkt, und ob es für Kinder schlecht ist, wenn sie in der Schule Religionsunterricht haben. Das hat schon alles irgendwie mit Gott zu tun, aber es bleibt doch ziemlich an den äußeren Umständen hängen - am Wie. Beim Thema des Talks sollte es aber doch um das Was gehen. Was trägt Gott zu meinem Glück bei?

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Ich verfüge nicht über private Offenbarungen, in denen Gott mir gesagt hätte, wie er genau etwas zu meinem Glück beiträgt. Aber ich weiß ziemlich genau, was ich unter Glück verstehe und was ich dazu brauche. Ich bin glücklich, wenn mir jemand ein Kompliment macht, ohne dass ich im geringsten damit gerechnet hätte - wie kürzlich eine junge Frau, die zufällig neben mir auf der Bank saß und auf den Bus gewartet hat. Es macht mich glücklich, wenn ich mich mit meinem Leben in Einklang weiß, zufrieden mit dem, was ich kann und habe und versöhnt mit meinen Fehlern. Ein besonderes Glück ist es für mich, wenn mir gemeinsam mit anderen etwas gelingt, was ich allein nie geschafft hätte.

Zurecht denken Sie jetzt: Das hat doch mit Gott gar nichts zu tun. Aber das sehe ich anders. Wo Gutes geschieht, da ist Gott. Wo Menschen sich wertvoll fühlen, wo einer nicht verzweifelt, obwohl alles düster aussieht, da ist Gott immer dabei, da hat er seine Finger im Spiel. Und im Unglück - wie ist es da? Als vor Jahren mein Vater starb, bin ich in ein tiefes Loch gefallen. Mein Unglück war groß, so dass ich fast die Lust am eigenen Leben verloren hätte. Fast. Bis ich irgendwann sagen konnte: Es war gut so, es ist jetzt gut. Ich bin für das Letzte nicht verantwortlich - weder bei meinem Vater noch bei mir.  Gott hat das alles in der Hand. Damit war eine unglaubliche Erleichterung verbunden. Ein großes Glück. Es wirkt bis heute nach.

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„Wir müssen reden!“ Für Paare, die Probleme haben, und wieder in eine gemeinsame Spur kommen wollen, ist das ein Standardsatz. Einer ergreift die Initiative und im besten Fall geht der Partner darauf ein und sie verständigen sich. Weiter geht’s. Ich übertrage diesen Satz heute auf den größeren Zusammenhang, aufs Miteinander in unserer Gesellschaft. Ich wünsche mir, ihn häufiger zu hören und an vielen Orten: „Wir müssen reden!“ Wenn mal wieder ein schreckliches Attentat passiert ist, kann ich in der Schule nicht so tun, als sei nichts geschehen und Unterricht nach Plan machen. Wir müssen darüber reden. In unserem Stadtviertel werden neue Häuser gebaut für Flüchtlinge. Auch da müssen wir Bewohner miteinander über die neue Situation reden - damit Ängste sich nicht festsetzen oder Vorurteile sich verhärten. Eine Bekannte hatte vor Wochen einen Schlaganfall. Wie gut, dass ihr Mann immer wieder signalisiert, dass er reden will. Damit er seine Last teilen kann, um zuhören, wie ich und andere über seine neue Lebenssituation denken. Ich beobachte, dass es daran oft fehlt: an Gesprächen, die in die Tiefe gehen, an den Gelegenheiten, sich mit anderen Auge in Auge auseinanderzusetzen. Und ich befürchte: Nicht wenigen ist das auch zu anstrengend. Sie wollen gar nicht andauernd sprechen und sich verständigen, weil es mühsam ist und manche lieber eine fertige und endgültige Antwort hätten. Aber so funktioniert das Miteinander in einer Demokratie nicht. In einer pluralen Gesellschaft ist es das A und O, sich auszutauschen und so die zu verstehen, die anders sind. Es gibt keine einfachen Antworten. Und wenn ich meine, mir sicher zu sein, dann kann das bei anderen völlig anders aussehen. Das muss ich wissen und einkalkulieren, dass die Suche nach dem richtigen Weg weiter geht und immer weiter. Und dazu müssen wir reden. Ich sehe keinen anderen Weg, wenn uns der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht um die Ohren fliegen soll. Alles wird komplizierter, und mehr: Informationen, Beziehungen. Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander reden. Direkt, freundlich, ohne Umschweife und auf Augenhöhe. Wie in einer Partnerschaft. Wer damit gute Erfahrungen als Paar gemacht hat, weiß, dass man nur so den entscheidenden Schritt weiter kommt.

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Beim Stöbern in der Buchhandlung habe ich ein Buch entdeckt. Es trägt den Titel Ein fauler Gott. Klar, dass ich das kaufen musste. Gott soll faul sein? Zu bequem, um zu tun für die Welt, die er gemacht hat. Oder gar schlecht und ungenießbar, wie ein alter Apfel? Es hat mich interessiert, was der Autor Stephan Lohse dazu sagt.

Das Buch handelt von einem Jungen, der gestorben ist, Jonas, acht Jahre alt. Sein elfjähriger Bruder Ben vermisst ihn und muss auf einmal mit seiner Mutter alleine zurechtkommen. Wie die beiden trauern, sich regelrecht beibringen, ohne Jonas weiterzuleben, das hat mich sehr beeindruckt. Ben macht sich viele Gedanken, so wie Heranwachsende das tun. Er stellt Fragen - wo sein kleiner Bruder ist und ob er selbst jetzt auch sterben muss. Er spricht aus, was er nicht versteht. Und er hört genau zu, was der Pfarrer bei der Beerdigung sagt.

Der Pfarrer zankt mit Gott und unterstellt ihm, dass er sich nicht für uns interessiert. Er sagt, dass er nicht die passenden Worte findet. Stattdessen liest er den 23. Psalm aus dem Alten Testament der Bibel vor: Der Herr ist mein Hirte ... dein Stecken und Stab trösten mich. Ben wundert sich, dass der Pfarrer das nicht auswendig kann. Als er dann noch behauptet, dass Jonas ihm fehlt, ärgert sich Ben sehr, schließlich hat er ihn gar nicht gekannt.

Ich frage mich: Ist es so? Hören Trauernde so die Worte des Pfarrers? Sprechen meine Kollegen und ich so - die immer gleichen Formeln, Worthülsen, Banalitäten? Und wirkt sogar noch das Nachdenken wie eine Show? Das wäre fatal.

Einer, der mitfühlend über den Tod spricht, erreicht die Menschen. Die Zuhörer spüren, ob das, was der Pfarrer sagt, ehrlich gemeint ist, oder ob ihm die Worte wie gedroschenes Stroh über die Lippen kommen.

Ben, der Bruder des gestorbenen Jonas, hat es offenbar so empfunden: Da ist was faul. Der Pfarrer tut nur so. Was er sagt und macht, ist nicht echt. Und ganz schnell überträgt er den Eindruck des Pfarrers auf Gott selbst. Was mit Gott zu tun hat, ist alles nicht echt. Gott ist auch: faul. Er interessiert sich nicht für seinen toten Bruder Jonas. Er will fertig werden, weil ihm das alles lästig und zu viel ist. Er will nichts mehr davon hören. Gott ist ganz weit weg.

Wenn das wahr wäre, müsste ich meinen Beruf sofort an den Nagel hängen. Dann wäre alles, was mir an Gott wichtig ist, falsch: dass er sich für jeden von uns interessiert, dass er mit uns leidet, dass er dem Tod die Macht über uns genommen hat.

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Eine Freundin von mir hat momentan kein Handy. Ihr altes ist kaputt. Damit alle Bescheid wissen, die sie dort anrufen wollen, hat sie eine Nachricht an ihre Kontakte geschickt. Aber statt sich zu ärgern und um Geduld zu bitten, bis sie ein neues hat, und sich sofort darum zu bemühen, ein neues zu organisieren, dreht sie den Spieß um, und gibt ihrem Freundeskreis kluge Ratschläge. In ihrer Nachricht schreibt sie:

Lieber kicken, statt klicken!

Lieber biken, statt liken!

Lieber paddeln, statt daddeln!

Ich habe auch ein Handy und mich daran gewöhnt, dass ich ständig und überall erreichbar bin. Für meinen Beruf ist es fast unverzichtbar. Ich will auf dem laufenden sein. Wenn ein aktuelles Ereignis es notwendig macht, muss ich mich absprechen können, egal ob ich im Zug sitze oder auf einer Tagung bin. Auch am späten Abend muss ich mich mit Kollegen absprechen können. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht mache: Ich telefoniere nicht in der Öffentlichkeit, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Im Zug oder in der Mittagspause sollen andere nicht mit anhören müssen, was ich zu verhandeln habe. Und sollte eine Angelegenheit mal ganz dringend und wichtig sein, dann mache ich es so kurz wie nur möglich. Und ich frage vorher um Erlaubnis oder entschuldige mich hinterher. Ich habe auch nicht den Anspruch, sofort erreichbar zu sein. Lieber rufe ich dann bei günstiger Gelegenheit zurück. So viel Zeit gibt es immer. So eilig ist nichts. Ich sitze auch nicht bei Besprechungen oder im Restaurant und schaue ständig auf mein Handy. Das finde ich unhöflich, weil es ein normales Gespräch fast unmöglich macht. Und weil es falsche Prioritäten setzt. Ich finde immer noch eine Unterhaltung Auge in Auge, Ohr an Ohr besser und wertvoller als getippte Nachrichten, die hin und her gehen. Mit meinem Handy kreise ich um mich selbst, befinde mich in meiner exklusiven Welt, zu der andere nur indirekt einen Zutritt haben.

Wenn ich meine Freundin richtig verstanden habe, dann meint sie genau das: Dass echte Begegnung und direkte Kommunikation wichtig sind, ja, dass sie kostbarer sind als alle virtuellen Formen per sms, e-mail oder whatsapp. Fußball Spielen gehört dazu, Boot fahren, Radfahren. Und vieles andere, was Spaß macht. Ich bemühe mich, das nicht zu vergessen, auch wenn mein Handy noch ganz ist.

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Unter den Menschen, die Jesus um sich geschart hatte, waren etliche Typen. Charakterköpfe meine ich damit, Frauen und Männer, die nicht Standard waren, sondern was Besonderes. Einer von ihnen heißt Thomas. Er ist mein Namenspatron. Und heute ist sein Festtag.

Das Markenzeichen von Thomas ist, dass er Fragen stellt. Das macht ihn mir ungeheuer sympathisch. Weil ich selbst auch einer bin, der viele Fragen hat. Das war schon immer so. Schon in der Schule ist das manchen Lehrern auf den Wecker gefallen, dass der Thomas immer noch etwas zu fragen weiß. Ich kann mir vorstellen, dass meine Fragerei nervig und anstrengend war. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass die damit verbundene Neugierde mich weiter gebracht hat.

Der Jünger Thomas fragt andauernd, so jedenfalls berichtet es die Bibel. Immer wenn von ihm die Rede ist, stellt er Fragen und meldet mit diesen Bedenken an. Zu Jesus sagt er, als der Abschied ansteht: Wir wissen nicht, wohin du gehst und kennen deshalb auch den Weg nicht. Eigenartig, er ist doch zwei Jahre lang mit ihm unterwegs gewesen. Und als die Jünger dem Auferstandenen begegnen, meldet er vehement Zweifel an, ob das wirklich sein kann: Wenn ich nicht mit eigenen Augen sehen, ja, die Narben berühren darf, die vom Kreuz stammen, dann glaube ich nicht, sagt er. Dabei hat Jesus doch immer wieder davon gesprochen, wie es kommen wird, dass es gefährlich ist, wenn er sagt: Die Ersten werden die Letzten sein, weil das die Ersten aufregt. Dass die frommen Juden ihm das übel nehmen werden, wenn er auf ihre Gesetze und Spielregeln wenig Rücksicht nimmt. Seine Jünger sollten aber keine Angst haben: Gott werde ihn bewahren vor dem ewigen Tod. Thomas kann das trotzdem nicht so einfach glauben.

Thomas bekommt auf seine Fragen und Zweifel Antworten. Die fallen nicht immer so aus, wie er es erwartet hat, aber sie bringen ihn weiter. Er sammelt auf diese Weise Erfahrungen, wie Glauben funktioniert, und das macht schlussendlich seinen persönlichen Glauben an Gott stärker. Zum Beispiel, dass Sehen nicht alles ist oder die Fakten nur einen Teil von dem ausmachen, was es gibt. So lernt Thomas neu zu sehen und auf das zu vertrauen, was er hofft.

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