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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mindestens einmal im Jahr gönne ich mir den Luxus und bin für ein paar Tage offline. Kein Internet, keine Mails, keine Nachrichten auf meinem Smartphone. Das hilft mir abzuschalten und es tut mir gut, mich mal ganz auf mich zu konzentrieren. Aber ich genieße es auch, wenn ich nach den Tagen wieder online bin: um z.B. im Freundeskreis wieder auf dem Laufenden zu sein, das Wochenende zu planen oder um Fotos vom letzten Ausflug gesendet zu bekommen. Wie viele Nachrichten da allein an einem Tag zusammenkommen. Und wie schnell es geht, einer Freundin, die gerade in Australien ist, quer über den Globus eine Nachricht zu senden. Ich kann mit ihr Gedanken austauschen, als säße sie mir gegenüber. Aber da beginnt auch gleichzeitig das Problem. Denn sie sitzt mir ja nicht gegenüber. Und auch noch so viele Smileys helfen mir manchmal nicht herauszufinden, wie es ihr wirklich geht.

Da tut es gut, dass wir uns immer wieder tatsächlich treffen. Und dass wir dann auch Zeit haben, um uns zuzuhören. Das ist schön, braucht aber auch Geduld. Denn es verlangt von mir, mich auch mal zurück zu nehmen und nicht gleich zu antworten oder mit dem zu kommen, was ich erlebt habe. Da sind nicht nur meine Ohren, sondern auch mein Herz gefragt. Und überhaupt: alle meine Sinne.

Jesus ist mir da ein Vorbild. Wenn er mit Menschen spricht, wird er zum Zuhörer. Er ist ganz präsent und fragt: Was kann ich für dich tun? Obwohl es bei den meisten Begegnungen offensichtlich ist, was demjenigen fehlt. Dass er zum Beispiel krank ist und geheilt werden will. Jesus handelt nicht gleich, sondern gibt den Menschen zuerst die Gelegenheit von sich zu erzählen, von ihrem Leben, von ihren Sorgen - und er hört ihnen zu.

Ich merke immer wieder: für manche Menschen ist das eine ganz überraschende Erfahrung. Vielleicht sogar ein Geschenk, wenn sie merken: Ich höre dir zu. Du kannst reden. Ich unterbreche dich nicht. Ich bin auch innerlich nicht schon wieder ganz woanders. Mir gelingt das nicht immer, aber ich finde es lohnt sich, es immer wieder zu versuchen. Dann bin ich wirklich online – mit anderen verbunden.

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Einen „Kreuzweg“ gibt es in ganz vielen Kirchen. Er besteht aus 14 Bildern, so genannte Stationen. Und jede zeigt einen Ausschnitt aus den letzten Tagen Jesu. Zum Beispiel seine Verurteilung oder wie er das Kreuz trägt, wie Jesus auf dem Weg immer wieder zusammenbricht, wie er stirbt und wie sein Leichnam schließlich vom Kreuz abgenommen wird.

In dem kleinen Ort Limbach, mitten im Odenwald, gibt es seit ein paar Jahren einen ganz modernen Kreuzweg. Die alte Kirche ist vor ein paar Jahren abgebrannt und als sie wieder aufgebaut wurde, hat man sich entschieden, einige der Fenster für Kreuzwegstationen zu nutzen. Besonders beeindruckt hat mich das Fensterbild, an der der Tod Jesu gezeigt wird. Ganz schwarz ist dieses Fenster. Durch eine Schicht aus Blei kommt kein Licht mehr ins Innere der Kirche. Doch an vier Stellen hat die Künstlerin Gabriele Wilpers diese Bleischicht aufreißen lassen. Das Licht wirkt hier besonders hell. Und jeder, der diese vier Öffnungen sieht, verbindet diese wie von selbst vor dem inneren Auge zu einem Kreuz.

Gerade weil dieses Fenster so schlicht und dunkel ist, spricht es mich an. Denn wenn jemand stirbt oder leidet, findet das oft im Verborgenen statt – ohne großes Aufsehen und trotzdem mit einer enormen Wucht: wenn eine Krankheit nicht mehr zu heilen ist, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn Krieg und Terror das Leben in Frage stellen, wenn der Tod eines Menschen einem den Boden unter den Füßen wegreißt. Immer dann verfinstert sich das Leben. Die Sicht auf das Licht wird zugedeckt. Schwere legt sich auf alles. Im Fensterbild von Gabriele Wilpers wird diese Dunkelheit begrenzt durch die vier Lichtpunkte. Und was der Betrachter nicht sehen kann, ist, dass die Außenseite des Fensters an manchen Stellen sogar vergoldet ist.

Für mich zeigt dieses Fenster mehr als den Tod Jesu. Es ist auch schon ein Ausblick auf Ostern. Denn wenn sich heute an Karfreitag Menschen an den Tod Jesu erinnern, dann denken sie nicht nur an das geschichtliche Ereignis vor 2000 Jahren. Sondern sie schauen auch auf all das Leid, das es heute gibt. Sie werden aufmerksam darauf, dass Leid und Tod zum Leben gehören. Und gleichzeitig haben sie die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort haben kann. Dass Gott am dunkelsten Punkt eines Lebens einen Weg weiß, wie er die Dunkelheit aufreißen kann.

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„Können Sie für mich beten? Ich habe keine Kraft mehr dafür. Gott ist gerade so weit weg.“

Die Frau, die vor mir steht, weiß nicht mehr weiter, seitdem ihr Mann vor ein paar Tagen an Krebs gestorben ist. Und in ihrer Verzweiflung fragt sie: „Können Sie für mich beten?“ Es passiert nicht oft, dass Menschen mich bitten für sie zu beten, aber mir ist sofort klar: Ja, ich werde es tun. Ich werde Gott bitten, dass er sich dieser Frau wieder zeigt. Dass er sie spüren lässt, dass er mit ihr ist. Und dass sie dann – irgendwann vielleicht – wieder selbst Gott begegnen kann – wie auch immer, vielleicht im Gebet.

Denn beten, das heißt für mich vor allem, mit Gott in Kontakt sein. Von ihm berührt werden. Es ist weniger ein Dialog, denn ich höre Gott nicht so, wie ich einen anderen Menschen hören kann. Er gibt mir keine Antworten, wie eine Freundin sie mir am Telefon geben könnte. Aber in den Zeiten, in denen ich bete, kann ich etwas von der Beziehung zwischen ihm und mir spüren. Im Gebet merke ich, dass ich von Gott verstanden bin. Und das kann mir Kraft geben oder mich trösten.

Heute am Gründonnerstag erinnern sich Christen daran, dass Jesus nach dem Abendmahl mit seinen Freunden in den Garten Getsemani geht. Jesus hat Angst und spürt, dass ihm Schweres bevorsteht. Umso wichtiger ist es ihm, zu beten. Denn gerade jetzt braucht er Gott, und das Gebet verändert ihn. Die Angst, die er hat, wandelt sich, und er kann gestärkt das annehmen, was ihn erwartet.

Mir ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, dass ich auch andere Menschen in mein Gebet, in diese Beziehung mit hinein nehme. Und ich spüre, wie es mich verändert. Es stärkt mein Zutrauen in Gott. Ich lege die Menschen in Gottes Hand und bitte ihn, dass er dann das Seine tut. Zum Beispiel, dass Menschen, die einen anderen Menschen vermissen, die Kraft finden, mit dieser Lücke weiterzuleben. Oder dass andere, die nicht wissen, wie es weitergehen soll, wieder Selbstvertrauen finden und ihr Leben in die Hand nehmen können. Dass Menschen, die sich zerstritten haben, doch noch einmal den Mut aufbringen, aufeinander zuzugehen.

Für andere zu beten: in unserer Zeit vermutlich eher ungewöhnlich. Und dennoch bin ich davon überzeugt, dass es wirkt.

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Schon ist es passiert. Mein Mund war schneller als mein Kopf. Nun sind die Worte raus. Zurückrudern geht nicht mehr. Im Gesicht meines Gegenübers merke ich, dass das, was ich gesagt habe, den anderen verletzt hat. Solche Situationen mag ich gar nicht. Ich ärgere mich dann über mich selbst und würde am liebsten die Zeit zurückdrehen. Doch ich weiß auch: ich kann mich noch so sehr anstrengen und mich bemühen – ich werde auch in Zukunft nicht immer alles richtig machen. Denn es gibt die Momente, in denen ich etwas tue, was ich nachher bereue. Und selbst wenn ich versuche, anschließend vieles wieder gerade zu rücken, bleibt oft ein ungutes Gefühl zurück. Christen bezeichnen dieses „ungute Gefühl“ mit dem Begriff der Schuld. Es ist mir sympathisch, dass auch dieser Teil des Menschen nicht einfach ausgeklammert wird. Keiner von uns ist perfekt und macht immer alles richtig. Und so bleiben wir einander auch immer wieder etwas schuldig.

Doch manchmal ist mir die Rede von der menschlichen Schuld aber auch echt zu viel. Gerade wenn ich daran denke, dass die Kirche immer wieder in der Geschichte den Menschen auf seine Schuld reduziert hat. Gott hat sich doch sicher was dabei gedacht, dass er mich so gemacht hat wie ich bin – mit all meinen Fehlern. Wieso soll ich mich dann ständig schuldig fühlen?

Bei der Theologin Ulrike Berg habe ich darauf eine gute Antwort gefunden. Sie schreibt: „Du sollst ab und zu gucken, ob du nicht was korrigieren kannst. Gott liebt uns, wie wir sind. Aber er traut uns zu, dass wir uns verändern können.“

Für mich heißt das, dass es immer wieder Zeiten braucht, in denen ich zurückschaue auf das, was war. Nicht anklagend, aber ehrlich. Für Vieles kann ich dankbar sein, aber manches Mal habe ich mich leider auch falsch entschieden. Für Gott ist das kein Grund, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben will. Er lässt den Kontakt deshalb nicht abreißen. Aber ihm ist nicht egal, wie ich mit anderen umgehe und er fordert schon, dass ich ehrlich zu mir bin und nicht einfach alles so hinnehme.
Gott traut uns Menschen zu, dass wir uns verändern können

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Ich stehe vor einer Gruppe Schüler und halte einen 10 €-Schein in der Hand. Auf meine Frage, wer ihn geschenkt bekommen mag, gehen alle Hände nach oben.

Dann zerknittere ich den Schein. Ich mache ihn ganz klein wie ein Kaugummipapier, das man achtlos zusammenknüllt. "Wollt ihr den immer noch?" frage ich. Wieder heben alle die Hände. Selbst als ich auf dem Schein herumtrete und ihn in den Müll werfe, ändert sich wenig. „Er ist ja immer noch so viel wert wie am Anfang. Auch wenn der Schein ziemlich mitgenommen aussieht;“ meint einer der Schüler. Jetzt will ich es wissen und reiße den Schein einmal in der Mitte durch. Nun sind es schon weniger, die ihn wollen, aber die sind sich einig: seinen Wert hat der Schein behalten. Daran hat sich nichts verändert. Es sind immer noch 10 €. Um das zu verdeutlichen, hat ein Schüler den Schein geklebt und in der Schülermensa für die ganze Klasse Müsliriegel gekauft. Und mit dem Riegel in der Hand war allen klar, dass sich am Wert des Geldes nichts geändert hat.

Manchmal geht es mir so wie so einem Geldschein. Das Leben nimmt mich mit und ich bekomme ganz schön was ab. Es sind die Zeiten, in denen ich mich ziemlich zerknittert fühle. Oder wenn ich nicht so recht weiß, was ich mit mir anfangen soll. Wenn ich mich selbst nicht leiden mag. Manches Mal werde ich auch von anderen Menschen abgelehnt oder ungerecht behandelt. Das Gefühl „weniger wert zu sein“ ist dann ganz schnell da.

In solchen Momenten ist für mich der christliche Blick auf den Menschen besonders wichtig. Gleich am Beginn der Bibel steht eine der schönsten Aussagen, die für mich je über den Menschen gesagt worden ist: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes. Das bedeutet: in jedem Menschen möchte Gott etwas von sich selbst sichtbar werden lassen. Was auch immer wir im Laufe unseres Lebens mitmachen müssen, für Gott verlieren wir unseren Wert nicht. Das kann ich mir selbst versichern, selbst wenn andere mir meinen Wert absprechen möchten. Gott will jeden von uns haben: mit unserer Lebensgeschichte, mit all unseren Fähigkeiten und auch mit unseren Grenzen.

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Im Leben gibt es immer wieder öde Zeiten. Mit allen möglichen Dingen, die einfach getan werden müssen. Die Wäsche gehört gebügelt und die Geschirrspülmaschine ausgeräumt. Im Büro stapeln sich die Unterlagen, die nur darauf warten, bearbeitet und sortiert zu werden und ein Blick in den Geldbeutel zeigt: beim Bankautomaten sollte ich auch noch vorbei. Der ganz normale Alltag eben.

Wenn ich mit trauernden Menschen spreche, dann bekomme ich oft zuerst die großen Momente, die einmaligen Erlebnisse erzählt. Doch im Laufe des Gespräches wird klar: es sind die gewöhnlichen Alltagssituationen, in denen der Verstorbene am meisten fehlt. Das morgendliche Summen zur Musik im Radio oder der trockene Humor; ‘miteinander telefonieren, um über das Leben zu quatschen oder sich liebevoll umarmen, wenn man sich nach längerer Zeit wieder sieht. Mir macht das immer wieder klar: es kommt im Leben nicht darauf an, was wir alles Großartiges und Außergewöhnliches erleben. Sondern dass wir das wahrnehmen, was das Leben heller und froher macht. Jeden Tag neu.

Manchmal finde ich das ganz schön schwer. Besonders wenn ich so mittendrin im Alltag feststecke. Dann hilft mir ein Bild der Theologin und Ordensfrau Melanie Wolters. Sie beschreibt es so: „Sie können am Morgen unterschiedliche Brillen aufsetzen. Je nachdem, welche Brillentönung Sie wählen – eine dunkle, eine helle, eine rosarote… - , wird Ihr Tag in ein anderes Licht getaucht. (…) Einen ähnlich großen Unterschied macht es, ob Sie sich zu Beginn eines neuen Tages bewusst für einen offenen, bejahenden Fokus entscheiden oder ob Sie eine eher misstrauisch-abwehrende Brille aufsetzen. Ihre Welt wird jeweils eine andere sein! Ihr Tag wird jeweils ein anderer sein!“ – soweit Melanie Wolters.

Den Morgen bewusst beginnen und zuversichtlich und neugierig erwarten, was kommen wird. Viel Zeit braucht es dafür nicht, aber es hilft, dass ich nicht einfach so in den Tag hineinstolpere und vom Alltag überrannt werde. Die Aufgaben im Büro und auch zuhause werden dadurch zwar weder weniger noch spannender, aber mein Blick könnte sich verändern und ich kann mitten im Alltag vieles erkennen, was mein Leben lebenswert und bunt macht.

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