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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Summe der Einzelinteressen ergibt nicht Gemeinwohl sondern Chaos.“ Dieser kluge Satz stammt von Manfred Rommel. Der frühere Oberbürgermeister von Stuttgart hat sicher gewusst wovon er redet.  Dass eine Gemeinschaft nicht funktioniert, wenn jeder nur an sich selbst denkt. Dabei musste ich gleich an den beschämenden Zustand der EU denken. Und an das, was ihr in den Grundfesten eben genau fehlt: Gemeinwohlorientierung. Eine übrigens urchristliche Praxis, ohne die eine funktionierende Gemeinschaft nicht zu denken ist. Am deutlichsten und peinlichsten zu sehen in der Flüchtlingsfrage, wo Länder wie Ungarn, Polen, die Slowakei und Tschechien sich nach wie vor weigern Menschen aufzunehmen. Eine Schande ist das.
Nächste Woche wird der 60. Jahrestag der Gründung der EU gefeiert. Und wie es der Zufall will, bin ich in meiner Tageszeitung auf ein Foto gestoßen, das zum Thema EU und Gemeinwohlorientierung passt. Das Foto einer Realschulklasse, die ein großes rotes Band um sich herum gewickelt hat. Dabei ging es darum sich kennenzulernen, zu erfahren wie Gemeinschaft entsteht und wie sie sich anfühlt. Dieses rote Band war ca. einen Meter breit und elastisch. Die Aufgabe der Schüler war nun, einen Kreis zu bilden, in dem es möglich ist, sich so in das Band zurückzulehnen dass es sie trägt. Das ging überhaupt nicht sofort. Denn damit nicht alle Schüler durcheinanderpurzeln, müssen sie sich innerhalb des Bandes klug verteilen. Jeder muss seinen richtigen Platz finden, im richtigen Abstand zum anderen. Dazu muss man miteinander reden, sich abstimmen, ausprobieren, und vor allem: auf einander achten – und zwar immer alle aufeinander, sonst geht alles schief.
Der Klasse ist es gelungen, aber erst als die nur auf sich selbst bezogenen Schüler auf die anderen geachtet haben. Und so konnten sich tatsächlich alle entspannt zurücklehnen und ein wunderbares Gefühl genießen:durch eine Gemeinschaft getragen zu sein.
Mein Gott, dass die EU über Jahrzehnte  nicht hinbekommt, was eine Realschulklasse in ein paar Minuten schafft. Aber so ist es halt: wenn man  nur nach sich selbst schaut und nicht nach dem Nächsten…

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Den Schalter kurz gedrückt und schon wird es hell. Wie selbstverständlich es doch ist, Licht zu haben und den Strom, den es dazu braucht. Vor ein paar Jahren war ich in Afrika und dort in Dörfern, in denen es keinen Strom gegeben hat. Das hat zwar auch ganz schön romantisch auf mich gewirkt, wenn nur Feuer die Nacht erhellt haben und der Geruch von Rauch die Luft gewürzt hat. Aber für die Menschen dort war das gar nicht romantisch. Denn wofür braucht man nicht alles Strom! Für Licht, zum Kochen, zum Telefonieren. Und so kochen viele Menschen in ländlichen Regionen Afrikas auch heute noch mit Holzkohle. Für Taschenlampen kaufen sie teure Batterien und für den Generator Diesel. Alles sehr teuer, aufwändig und obendrein auch noch umweltschädlich. Noch problematischer ist es in den Krankenhäusern. Wenn es Nacht wird, muss bei Licht von Taschenlampen operiert werden. Die Instrumente werden mit Wasser abgekocht über einen Holzkohlefeuer. Dabei könnte es doch so einfach sein. Energie gibt es doch weiß Gott genug im heißen Afrika. Doch die Regierungen machen meist nichts oder stecken dafür vorgesehenes Geld in die eignen Taschen. Was also tun, wenn man mithelfen will, dass in einem Land, in dem es viel Sonne gibt, auch viel Energie gespeichert werden kann? Das katholische Hilfswerk Misereor hat einen guten Weg gefunden: In der demokratischen Republik Kongo fördert es kleine Solar- und Wasseranlagen. Die Energie wird vor Ort erzeugt und die Anlagen sind einfach zu warten. Das ist dort nicht nur die einzige Chance, Menschen mit Strom zu versorgen, es ist auch noch umweltfreundlich.
Vor allem aber rettet es Leben. Durch ganz einfache Mittel für die man ganz einfach Strom braucht. Zum Beispiel zum Sterilisieren von Instrumenten oder wenn man Impfstoffe, Blutkonserven oder Medikamente kühlen möchte. Und bei Licht operieren, wenn es Nacht geworden ist. Ganz einfach, nur durch einen kurzen Klick auf einen Schalter.

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Es sieht aus wie ein Gebetsbüchlein. In feinem Leinen gebunden mit goldenen Buchstaben auf grünem Grund. Im Zentrum des Buchdeckels ein Gebilde, das aussieht wie ein Kreuz. Es ist aber kein Kreuz, sondern ein Schwert. Das Buch ist auch kein Gebetbuch, sondern eines über Lebens- und Anstandsregeln und heißt „Regeln für einen Ritter“. Der amerikanische Schauspieler Ethan Hawke hat es geschrieben und es geht zurück auf einen seiner Vorfahren: Sir Thomas Lemuel Hawke. Er hat im 14. Jahrhundert in Cornwall gelebt und am Vorabend einer Schlacht einen Brief an seine Kinder geschrieben. Damit das, was einen Ritter ausmacht, weiterlebt falls er in der Schlacht sterben sollte. Er ist gestorben in dieser Schlacht und sein Brief wurde 500 Jahre später von Ethan Hawke im Nachlass seiner Urgroßmutter gefunden. Diese Regeln für einen Ritter finde ich herrlich zeitlos und manche von ihnen gerade wie für unsere Zeit geschrieben, dass ich sie gern weiter geben möchte. Besonders schön finde ich was Ritter Hawke seinen Kindern über die Liebe zu seiner Frau geschrieben hat: 

„Ich habe mich nicht Hals über Kopf oder auf den ersten Blick in eure Mutter verliebt, so wie ich es in Liedern gehört oder mit der Herzogin erlebt hatte. Nein, es geschah langsam und deshalb konnte es aus dieser Liebe auch nie ein plötzliches Erwachen geben. Es gab überhaupt nichts Überstürztes. Es ist eine feine stetig wachsende Beziehung gewesen, die mir Kraft, Freude, Augenblicke schierer Glückseligkeit, Lachen und Romantik gebracht hat. Aber mehr als alles andere sind wir Freunde gewesen. Und werden es immer sein. Ich weiß, dass das nicht das Märchen ist, das junge Leute hören wollen, aber ich gelobe, wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, dass jeder von euch eine Liebe erleben wird, wie ich sie für eure Mutter empfinde und ich von ihr empfange“.

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„Du musst loslassen!“, wie oft habe ich das schon gehört oder auch jemandem gesagt: Loslassen. Kinder, wenn sie erwachsen werden, Wünsche, die unerfüllbar sind oder Arbeit, die wichtig ist, einen aber auffrisst. Dieses Loslassen ist so leicht gesagt, aber auch so schwer getan. Weil ich an etwas gewöhnt bin und es deshalb nicht loslassen kann, weil ich etwas mag oder brauche, oder weil mein Wille etwas festzuhalten so stark ist.
Wie also loslassen lernen? Ich glaube loslassen geht nur, wenn drei Fähigkeiten zusammenkommen. Es einsehen zu können, dass ich tatsächlich loslassen muss. Mich öffnen können und es aushalten, dass ich etwas nicht bekommen oder behalten kann. 
Ein Experiment mit Affen macht das recht anschaulich. Dabei geht es um die Alternative, etwas festhalten und gefangen werden, oder loslassen und frei sein. Und zwar so: Um die Affen anzulocken wird eine Kokosnuss an eine Palme gebunden. In diese Kokosnuss wird ein Loch gemacht, gerade so groß, dass eine schmale Affenhand  durchpasst. Durch dieses Loch wird nun eine Banane geschoben. Der Fänger versteckt sich, der Affe kommt vom Baum und will sich die Banane holen. Steckt seine Hand in die Kokosnuss, fühlt die Banane, packt sie und will sie herausholen. Aber das geht nicht, denn durch das Loch passt nur eine schmale ausgestreckte Affenhand. Kommt nun der Fänger muss sich der Affe schnell entscheiden: die Banane festhalten und gefangen werden. Oder sie loslassen und abhauen können. Die meisten Affen wären gefangen, weil sie eben nicht loslassen können oder wollen
Und da haben wir sie, die drei Fähigkeiten: der Affe müsste sich von der leckeren Banane trennen, sie loslassen, um nicht gefangen zu sein. Er müsste seine Hand öffnen und sie ganz schmal machen, um sie wieder durch das Loch zu bekommen. Und er bräuchte die Einsicht, dass seine Freiheit viel viel mehr wert ist als eine leckere  Banane. Diese Einsicht hat er natürlich nicht, aber sein Fluchtreflex könnte ihm da helfen. Das ist es ja auch was uns Menschen unter anderem von den Affen unterscheidet: die Einsicht in Notwendigkeiten. Wie auch die Einsicht darin was für uns diese Banane sein könnte. Und wie wir sie loslassen können…

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Das ist total nervig: Es ist frühmorgens, du bist mal wieder spät dran, willst aus dem Haus stürzen, schnell noch die Schuhe anziehen und kommst in einen Schuh nicht rein, weil der Schnürsenkel einen Knoten hat! Dann nimmst du, weil‘s ja schnell gehen muss, ein anderes Paar. Und da steht er nun: der Schuh mit dem Knoten im Bändel. Und wartet darauf, dass er gelöst wird. Bestenfalls am Abend. Denn Knoten können nur gelöst werden mit Ruhe, mit Liebe und mit Geduld. Und eben nicht wie der legendäre gordische Knoten, den Alexander der Große mit dem Schwert durchgehauen haben soll.
Das mit den Knoten lässt sich auch schön übertragen auf die Verknotungen in unserem sonstigen Leben. Wie bei den Knoten in Schnürsenkeln, Fäden oder Halskettchen braucht es auch bei den Knoten in menschlichen Beziehungen Ruhe, Liebe und Geduld um sie zu lösen. Zuerst einmal muss das Feste gelockert werden. Ich muss schauen wo ich ansetzen kann, wie die Verstrickungswege verlaufen und wo ich sie lockern kann. Was hat zum Beispiel zu einem Streit geführt, was ist fest oder hart geworden? Warum ist das so fest und so hart geworden? Und wie kann das Harte wieder weicher werden und das Feste wieder lockerer? Meistens muss ich den Knoten von allen Seiten anschauen. Und behutsam an verschiedenen Seiten drücken oder ziehen, um zu sehen, wo sich was bewegen lassen könnte. Das ist die kniffligste und schwerste Phase. Da braucht es viel Geduld und viel Fingerspitzengefühl. Aber wenn sich dann irgendwann etwas bewegt, dann ist das der wichtigste und schönste Moment beim Knotenlösen. Bei Schnürsenkeln und erst recht bei Menschen.
Denn von da an geht’s leichter. Weil sich mit der ersten Lockerung Möglichkeiten für weitere Lockerungen ergeben. Weil sie Luft dazwischen bringt, Raum schafft, durch die die Schnur, der Faden oder die Kette vorsichtig zurück gezogen werden kann. Zurück in den ursprünglichen, gelösten Zustand. In dem Schnürsenkel wieder gebunden werden können und Verletzungen heilen. Meistens ist die Stelle, an der der Knoten war, etwas uneben, ein wenig eingedellt. Aber mit der Zeit glättet sich das wieder. In Schnürsenkeln wie in den Seelen der Menschen…

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„Nimm dich nicht so wichtig. Nimm es dir nicht so zu Herzen. Mach es nicht ganz zu deinem“, diese drei Sätze sind Überlastungshelfer für mich. Und manchmal, wenn mir etwas zu viel wird oder ich mich schlaflos im Bett wälze, dann sage ich mir einen von Ihnen oder alle drei. Zum Beispiel „Nimm dich nicht so wichtig!“ Wie oft verhalte ich mich so, als ob alles von mir abhängen würde oder dass ich bei etwas möglichst gut bin, gut handle oder gut aussehe. Natürlich will ich meine Arbeit gut machen, natürlich will ich ein möglichst guter Mensch sein und natürlich will ich auch gefallen. Aber wenn das zu viel wird, dann hat das zwei Haken: Der eine, dass wenn ich mich zu wichtig nehme, es dann weniger um die Sache oder die anderen Menschen geht, sondern mehr um mich oder zu viel um mich. Der andere Haken: Es macht Stress, wenn ich mich zu wichtig nehme und es drückt mir vielleicht auch irgendwann auf die Seele. Nicht nur wenn ich, wie so oft im Leben, überhaupt nicht wichtig bin und das Leben durchaus auch ohne mich funktionieren würde. 
Dazu passt der zweite meiner Überlastungssätze: „Nimm es dir nicht so zu Herzen“. Wenn jemand grob zu mir war oder ich Ärger im Beruf habe. Nicht verdrängen, schon daran arbeiten, den Menschen darauf ansprechen, warum er so grob war und die Sachthemen klären, die hinter dem Ärger liegen. Aber das alles etwas weiter außerhalb von meinem Innersten. Ärger und Grobheiten in meiner Seele nicht zu viel Raum geben und auch nicht zu oft. Sie gedanklich dorthin tun, wo sie herkommen und sie auch dort lassen.
Das grenzt an meinen dritten Satz gegen Überlastung: Sorgen und Ärger nicht ganz zu meinen machen. Ich weiß sehr wohl, wie schwer das ist. Aber ich arbeite ja auch daran. Dabei hilft mir der Gedanke, dass ich oft nicht allein bin mit meinen Sorgen und Problemen. Dass es ja auch noch Menschen gibt, die mir dabei helfen können, die sie ein Stück mit mir tragen oder sie sogar mit mir zusammen lösen können. Und wo das nicht geht, wo ich absolut an meine Grenzen komme, da überlasse ich meine Sorgen und Probleme dem lieben Gott, ziehe mich aus der Sache raus und sage mir: „nimm dich nicht so wichtig, nimm sie dir nicht zu sehr zu Herzen und mache sie nicht ganz zu deiner“...

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