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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Plötzlich hat mein Telefon nicht mehr funktioniert. An einem Donnerstag Anfang Mai. Das Internet natürlich auch nicht. In den kommenden Monaten hatte ich reichlich Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen.

Ich habe mir klar gemacht, dass ein Festnetzanschluss nicht lebensnotwendig ist auch wenn eine Telefonleitung in unserem Land selbstverständlich ist. Mit dem Internet haben mir die freundlichen Nachbarn geholfen. Telefoniert habe ich nur in dringenden Fällen mit meinem Handy, weil das Netz in meiner Wohnung nicht stabil ist. Ging alles.

Mir ist nichts anderes übrig geblieben als mich immer wieder zu beruhigen obwohl ich mich manchmal maßlos aufgeregt habe. Denn es hat mehrere Monate gedauert, bis der Fehler behoben war. Ich wusste, ich kann selbst nichts anderes machen, als mich immer wieder dort zu melden, wo die zuständigen Leute sitzen. Aber jeder Anruf hat mir bewusst gemacht, wie ohnmächtig ich bin. Ich habe gelernt, mir das nicht so zu Herzen zu nehmen. Denn mein Ärger hat nur meinem Blutdruck geschadet. Am Ende habe ich sogar einen gewissen Humor entwickelt.

Außerdem weiß ich jetzt was ich wirklich tun muss, um meinen Anbieter dazu zu bewegen, sich endlich um mein Problem zu kümmern. Natürlich habe ich oft erzählt, was mit meinem Telefon los ist. So hab ich mitgekriegt, dass ich mit meinem Problem keinesfalls alleine war. Einer hat mir den richtigen Tipp gegeben. In solchen Fällen hilft es, sich bei der Bundesnetzagentur zu melden. Dann ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Tagen war mein Anschluss ok.

Bei meinen ungefähr 40 Telefonaten mit meinem Anbieter habe ich jedes Mal mit einem anderen Menschen gesprochen. Natürlich hatte jeder Einsicht in meine Akte. Manche haben versprochen, mich zurück zu rufen, sich auf jeden Fall um mein Problem zu kümmern. Das war nie der Fall und ich war umso mehr enttäuscht. Servicewüste nennt man das.

Die wichtigste Erkenntnis dieser Monate ist deshalb: Ein Mensch, der Verantwortung übernimmt, sich zuständig fühlt und hält was er verspricht ist wichtiger als vieles andere.

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Ich bin katholisch. Und in einer Kleinstadt aufgewachsen, in der die Menschen mehrheitlich evangelisch waren. Ich erinnere mich daran, wie besonders es noch in den 70er Jahren war, wenn evangelische und katholische Christen gemeinsam Gottesdienste gefeiert oder sich zu Bibelabenden getroffen haben. Vor 500 Jahren hat Martin Luther Geschichte geschrieben. Aus der Reformation ist die evangelische Kirche entstanden. Mehrere Hundert Jahre hat es gedauert, bis sich die evangelische und die katholische Kirche wieder angenähert haben. Selbst unter uns Kindern war manchmal so etwas wie Konkurrenz zu spüren. Ist es besser evangelisch zu sein oder katholisch habe ich mich manchmal gefragt?

Ich weiß noch, dass sich meine evangelischen Klassenkameraden zum Beispiel darüber lustig gemacht haben, wenn wir das Fest des Heiligen Martin gefeiert haben. Damals war ich ganz irritiert und habe nicht verstanden warum. Ich mochte diesen Tag. Es ist ja nur darum gegangen, sich an einen wie den heiligen Martin zu erinnern, weil er sich vorbildlich anderen gegenüber verhalten hat. Wir erinnern uns an ihn, um unser eigenes Verhalten zu prüfen und uns an ihnen zu orientieren.

Das Fest des Heiligen Martin feiern wir heute. Auch viele Nichtchristen wissen das. In Kindergärten und Schulen gibt es deshalb Laternenumzüge und wird die Geschichte von Martin gespielt. Bekannt ist, wie er seinen Mantel mit einem armen Bettler geteilt. Der Heilige Martin erinnert daran, dass die Schere zwischen armen und reichen Menschen auch in Deutschland immer größer wird. Er macht bis heute sichtbar, dass wir daran etwas ändern, wenn wir teilen.

Das ist zutiefst christlich. Ganz gleich ob evangelisch oder katholisch. Darüber streitet sich keiner. Wer arm ist, benachteiligt auf irgendeine Weise, hat ein Recht darauf besonders beachtet zu werden. Darum geht es in unzähligen biblischen Geschichten. Die kannte der Heilige Martin. Dass jeder diese Geschichten selbst lesen kann und verstehen, verdanken wir Martin Luther. Er hat die Bibel vor 500 Jahren in die deutsche Sprache übersetzt.

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„Herzlich willkommen! Was kann ich für Sie tun?“

Das ist der Anfang einer freundlichen Telefon-Ansage. Gesprochen von einer Frauenstimme, die aber gar nicht echt ist. Bis ich zu einem Menschen mit Haut und Haaren durchkomme, muss ich der immer gleich freundlichen automatischen Stimme folgen. Mindestens zwei Minuten dauert es bis sich endlich jemand mit Namen meldet. Auch jeder von Ihnen ist freundlich und höflich. Kundenorientiert eben. Sie haben das wahrscheinlich bei Fortbildungen gelernt und geübt.

Wer ein oder zwei Mal die Hotline wählt und dann kriegt, was er will, wird zufrieden sein. Ich musste leider sehr oft anrufen ohne etwas zu erreichen. Und mich hat diese antrainierte Freundlichkeit irgendwann aggressiv gemacht. Ungefähr 40 verschiedene Menschen hatte ich am Telefon. Ich habe angefangen, ihre Namen aufzuschreiben. Nicht ein einziges Mal war einer dran, den ich schon mal gesprochen hatte. Irgendwann konnte ich dort nicht mehr anrufen. Nur der Gedanke an diese Art von Freundlichkeit hat mich schon wütend gemacht.

Gebraucht hätte ich einen einzigen Menschen, der sich zuständig fühlt. Der sich meiner Sache annimmt und den ich wieder anrufen kann, wenn sich an meinem Problem nichts ändert. Vielleicht geht das so nicht mehr. Vielleicht ist das Netz der Telekommunikation inzwischen so kompliziert, dass es nicht mehr anders zu machen ist. Dann brauche ich erst recht keinen, der trainiert freundlich ist und mich geübt versteht. Sondern einen der sagt, was ich als nächstes tun kann. Oder zugibt, dass er selbst ohnmächtig ist, weil er eben nur als Mitarbeiter jeden Tag am Telefon sitzt und Kundenfragen beantworten muss.

Unglaublich, wieviel Geld dafür ausgegeben wird, um in Kommunikationskursen Freundlichkeit zu lernen ohne wirklich freundlich zu sein.

Trainierte Freundlichkeit mag ich nicht. Das weiß ich jetzt. Menschen, die ehrlich sind und mich wirklich verstehen sind mir lieber - auch dann, wenn sie mir nicht weiter helfen können.

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Der junge Mann ist inzwischen Anfang 30. Als sich seine Eltern getrennt haben war er 10. Mehr als 20 Jahre hat es gedauert bis er zum ersten Mal wieder mit beiden Eltern seinen Geburtstag gefeiert hat. Der Zufall wollte es, dass er seine Eltern bei einer Trauerfeier nach vielen Jahren wieder einmal gemeinsam erlebt hat. Da hat er gesehen, dass sich seine Mutter und sein Vater respektvoll und unkompliziert begegnet sind. So ist es dazu gekommen, dass er sie beide zusammen zu seinem Geburtstag eingeladen hat. Er war an diesem Tag so glücklich, dass er mehr als einmal hätte losheulen können. Das hat er selbst so gesagt.

Wenn er darüber spricht ist bis heute zu spüren, wie sehr ihn als Kind verletzt hat, dass sich seine Eltern getrennt haben. Obwohl er in all den Jahren zu beiden eine gute Beziehung hatte. Beide verlässlich für ihn gesorgt haben. Ereichbar waren. Beide Eltern hat er regelmäßig gesehen. Beide haben ihn durch Schulzeit, Studium und manche Krise begleitet. Mutter und Vater haben sich vor ihm gegenseitig nicht schlecht gemacht. Er musste nicht entscheiden wen er lieber hat. Er konnte beide lieb haben.

Das alles war nicht selbstverständlich. Viele Eltern schaffen das nicht, weil sie selbst so gekränkt sind. Für die Kinder macht das die Trennung meistens noch schlimmer. Schlimm ist es immer. Eine Wunde für lange Zeit. Kinder sehnen sich danach, dass ihre Eltern sich lieben und verstehen.

Liebesbeziehungen so zu leben, dass sie gelingen war noch nie leicht. Wer sich trennt, kennt den Schmerz. Wie sehr Kinder deshalb leiden wird oft unterschätzt. Wenn Eltern nach einer Trennung es nicht schaffen für ihre Kinder da zu sein, brauchen sie Unterstützung. Die gibt es zum Beispiel in Beratungsstellen. Dass sie verantwortlich mit der Trennung umgehen lernen. So dass auch ihre Kinder mit der schwierigen Situation leben können. Die Kinder brauchen jemanden, der wahrnimmt, wenn sie traurig sind. Der mit ihnen aushält, dass sie gar nichts ändern können. Die Kinder brauchen jemanden, dem sie zeigen können, dass auch sie verletzt sind. Jemanden, der sie versteht und in der Nähe bleibt. So tiefe Wunden heilen nicht schnell.

Die Geschichte des Dreißigjährigen gibt zu denken. Es ist gut, wenn Eltern sich mit dem eigenen Scheitern auseinandersetzen und versöhnen können.

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Ich war in meinen Sommerferien in der Bretagne. Zum ersten Mal habe ich bewusst Ebbe und Flut erlebt. Habe gesehen, wie Mondzyklus und Wasserstand zusammenhängen. Je voller der Mond, desto höher das Wasser. Nimmt der Mond ab, geht auch das Wasser stärker zurück. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie viel Wasser sich da jeden Tag bewegt. Wie viele Liter ständig kommen und gehen. Unvorstellbar. Faszinierend. Ich war berührt von der geheimnisvollen Ordnung der Schöpfung.

Beeindruckend auch, wie sich die Landschaft verändert. Dort wo bei Flut fröhlich die Segelboote und Fischerkähne im Wasser schaukeln, ist bei Ebbe davon nichts mehr zu sehen. Sie liegen regungslos auf dem Meeresgrund, der jetzt völlig abgetrocknet ist. So als hätten sie noch nie Wasser gesehen. Es riecht dann noch intensiver nach Meer. Bisweilen richtig streng so dass man kaum bleiben mag. Man muss sich als Urlauber erst daran gewöhnen mit dem Tidenkalender zu leben. Man kann nicht einfach losziehen und baden gehen wollen. Man muss wissen, wann das Wasser wo ist.

Die Küstenlandschaft, die sich ständig verändert, gehört zu meinen stärksten Eindrücken dieses Sommers. Manche Urlauber finden die Landschaft bei Ebbe hässlich. Interessant war ein Gespräch mit der Vermieterin unseres Ferienhäuschens. Das konnte sie einfach nicht verstehen. Die Landschaft sei anders, ja. Aber nicht hässlich. Es komme bei Ebbe etwas zum Vorschein, was sonst unsichtbar sei. Und es entstünden neue Perspektiven. Das sei doch ein wunderbares Bild für das Leben. Es gehöre eben alles dazu. Jede Perspektive. Alles Sichtbare und Unsichtbare. Das Leben sei ein ewiges Kommen und Gehen. Ebbe und Flut ein Bild für Geburt und Tod. Für Wachsen und Welken.

Ich finde, die Frau hat Recht. Die Natur ist eine kluge Lehrerin. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ist es ja ähnlich. Den Sommer würden viele gerne festhalten. Auf den November lieber verzichten. Auch die Jahreszeiten sind ein wunderbares Bild für das Leben. Es gehört alles dazu. Nebel und strahlend klare Tage. Jede Perspektive. Alles Sichtbare und Unsichtbare.

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In biblischen Geschichten hat mich immer beeindruckt, wie Jesus Menschen begegnet ist. Besonders wenn sie arm, krank und fremd waren. Oder abgewertet von anderen. Jesus hat sich für jeden interessiert. Vorurteile hatte er keine. Und nie war er bereit, sich den Vorurteilen anderer anzuschließen. Er ist offen auf Menschen zugegangen und hat ihnen zugehört. Das ist heilsam.

Ich selbst bin geprägt von dieser Haltung. Und ich bin überzeugt davon, dass es gut ist genau so offen den vielen Flüchtlingen zu begegnen, die in unser Land gekommen sind. Ihre Integration ist im Moment eine große Anstrengung für alle Beteiligten. Es gibt viele tolle Ideen und Initiativen, wie das gelingen kann. So wie die Idee von ein paar Leuten aus dem Chor in dem ich singe.

Unser Chor hat im Sommer junge Männer und Frauen aus Syrien zu einem Spaziergang durch Tübingen eingeladen. Wir haben gesungen. Lieder für den Frieden, gegen den Krieg. Die Menschen aus Syrien haben erzählt. Ihre Geschichten. Zuerst in ihrer Muttersprache auf Arabisch, dann mit großer Anstrengung auf Deutsch. Sie haben erzählt, wie sie sich zurechtfinden in unserer Stadt. Fremd, mit Heimweh nach ihrem Zuhause und ihren Familien. Ohne Arbeit, aber irgendwie in Sicherheit. Achmed zum Beispiel hat erzählt als wir am Neckar gestanden sind. Zuhause ist er an den Quwaiq gegangen, wenn er Kummer hatte. Der Quwaiq ist der Fluss, der durch Aleppo fließt. Wenn er einen Freund brauchte, der ihm zuhörte war der Quwaiq ihm treu. Jetzt geht er an den Neckar und erzählt ihm, was ihn beschäftigt und Angst macht.

Keine der Geschichten die wir gehört haben, war leicht. Mir sind sie unter die Haut gegangen. Anders als wenn ich Zeitung lese oder die Bilder im Fernsehen sehe. Trotz der spürbaren Not hatten wir einen unvergesslich schönen Abend. Wir haben uns gegenseitig zugehört und uns erlebt - als Menschen. Und so auch erlebt, was uns verbindet:

Jeder Mensch braucht es, gesehen und gehört zu werden. Jeder braucht andere, die sich ihm zuwenden. Ohne Vorurteile. Wohl wollend.

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