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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“. Nein, das ist kein Satz eines Fallschirmspringers. Dieser Satz steht auf dem Grabstein der Dichterin Hilde Domin. Wie wunderbar widersprüchlich. Die Schwerelosigkeit dieses Satzes auf einem gewichtigen Grabstein. Das Luftige und Erdenschwere so verbunden miteinander. Das tut gerade auf einem Grabstein so gut, der so schwer aussieht wie der Tod endgültig ist. Aber die Hoffnung, die darüber hinaus geht, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ist so leicht und schwerelos, dass kein Grabstein und keine Trauer sie halten kann. „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug“- dieser wunderbare Satz macht aber nicht nur auf Friedhöfen Sinn. Nein, auch und gerade draußen, außerhalb von Friedhöfen, geschieht das, was er beschreibt. Dass ich getragen werde, bei allem Risiko. Allen voran in der Liebe: wenn ich aus mir heraustrete und eintrete in den Lebensraum eines anderen Menschen. Wenn ich es wage mich zu verlieren, mich fallen zu lassen und dann das Glück habe, nicht zu stürzen und aufzuprallen am Boden der harten Realität, sondern aufgefangen werde und schweben darf, schwerelos. Oder wenn ich mein Leben ändere, mich von jemandem oder etwas trenne, was neues beginne, etwas wage. Auch dann setze ich einen Fuß in die Luft und erfahre erst später ob sie trägt. Oder wenn ich eine Therapie beginne, an Leib oder Seele, auch dann begebe ich mich in einen offenen Raum von dem ich nicht weiß, ob er mich heilen wird, halten oder erhalten wird. 

Genau da sind Menschen so wichtig. Um diesen wunderbaren unsichtbaren Lebensstoff zu bieten, der trägt und hält. Und wenn auch der nicht mehr hilft oder in dieser Welt nicht mehr möglich ist, dann bleibt noch die Hoffnung auf jene, in die ich dann getragen werde. Und getragen bin. Für immer.                                                                          

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„Ein Bruder und eine Schwester, nichts Schöneres kennt die Welt, kein Band im Leben hält fester, wenn einer zum anderen hält.“ Naja, werden die einen jetzt sagen, dieser Spruch klingt ja zu schön um wahr zu sein. Aber ich hab halt keine Geschwister oder nur Zoff mit meiner Schwester oder Sorgen um meinen Bruder. Und die anderen werden sagen, genau so isses, meine Geschwister sind mir eine Freude und eine Stütze im Herzen. Und alle haben sie recht. Das mit den Geschwistern ist wie im sonstigen Leben, aber eines ist sicher anders: Geschwisterbeziehungen sind etwas ganz Besonderes. Es sind die längsten Beziehungen, die es gibt. Selbst die längste Ehe reicht nicht an die Dauer dieser Verbundenheit. Auch die Eltern sterben früher und die eigenen Kinder erleben wir auch nicht so lange wie unsere Geschwister. Geschwister sind was Besonderes, weil sie neben den Eltern gut für das Urvertrauen sind. Von klein auf sind sie Seite an Seite und einander vertraut. Miteinander lernen sie spielend, dass Menschen verschieden sind und füreinander da sein können. Geschwister erfahren aber auch wie sich Konkurrenz und Ungerechtigkeit anfühlen. Die Bibel erzählt schon ganz am Anfang davon, mit Kain und Abel. Da ermordet Kain seinen Bruder Abel, weil Gott sein Opfer nicht annimmt, das von Abel aber schon. Lange Zeit war diese Bibelstelle für mich ein Urbild für den Hass und den Unfrieden unter den Menschen. Ich habe aber gelernt, dass es dabei um die Quelle dieses Unfriedens geht: Die Ungerechtigkeit. Um ein Urbild von Ungerechtigkeit, das den Unfrieden schon in Familien pflanzt. 

Wenn ein Kind bevorzugt wird, wenn ein Kind immer den Platz an der Sonne hat und das andere den im Schatten. Das gibt es, das gibt es viel zu oft und daher kommt auch viel unheilvoller Schmerz in den Seelen von Menschen. Und Zwietracht zwischen den Geschwistern. Viele Erbstreitigkeiten kommen daher. Bei denen es eben nicht nur um Geld und Wertgegenstände geht, sondern ein letztes Mal um Gerechtigkeit. Denn es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz für Eltern: Die Art der Liebe zu den Kindern mag verschieden sein, das Maß aber muss gleich sein.

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„Wo Demütigung herrscht, gibt es keine Demut“. Ein sehr weiser Satz des türkischen Schriftstellers Zafer Senocak. Er gilt im Großen wie im Kleinen. Wird ein Mensch zu lange gedemütigt, dann wird er depressiv oder aggressiv. Die Biographie vieler Schwerverbrecher oder Psychopathen liest sich oft wie eine endlose Liste von Demütigungen. Nicht anders bei Nationen oder Volksgruppen. Auch die fürchterlichen Selbstmord-Anschläge des IS sind ohne Demütigungen nicht zu verstehen. Jahrzehntelang wurde die arabische Kultur gedemütigt. Erst durch die Kolonialpolitik Frankreichs und Englands im letzten Jahrhundert. Bei der diese beiden Länder wie mit einem Lineal Grenzen gezogen haben, quer durch die verschiedensten Volksgruppen und diese dann ausgebeutet haben. Dann in den 90er Jahren als die arabische Welt mit den  verlogenen Irak-Kriegen der USA gedemütigt wurde. Ganz besonders durch sadistischen Misshandlungen im Foltergefängnis von Abu Ghraib. Und wenn dann heute arabisch-stämmige Einwohner Frankreichs oder Belgiens keine Chance haben an dem Wohlstand vor ihren Augen teilzuhaben und ihre Perspektivlosigkeit in den Hassbotschaften des IS so etwas wie eine Antwort bekommt, dann kann Zerstörung zu Sinn werden. Mit Religion hat das nichts zu tun. Auch wenn die Mörder lauthals Allah preisen bevor sie ihre Sprenggürtel zünden. Zu lange Demütigungen, fehlender Lebenssinn und Hass verhindern das, was zu jedem echten Glauben gehört: Demut. Demut heißt weder falsche Bescheidenheit noch Unterwürfigkeit. Demut heißt, dass ich mir meiner Grenzen und Schwächen bewusst bin, dass ich so stark und so schwach bin wie jeder andere Mensch auch.

Und dass ich ein Geschöpf Gottes bin, der – allein - unendlich viel größer, weiter und liebender ist als ich. Wo diese Art von Demut erfahrbar wird, haben weder Demütigungen noch Gewalt einen Platz.

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„Für die Welt war sie niemand, für mich war sie die Welt.“ Meine Mutter… musste ich gehen lassen. Meine Liebe und Dankbarkeit für sie wird erst mit mir sterben.“ Das ist der Text einer Todesanzeige, den ein Sohn für seine Mutter in die Zeitung gesetzt hat. Diese Todesanzeige hat mich berührt, beeindruckt und nachdenklich gemacht. Berührt hat mich wie sehr dieser Sohn seine Mutter geliebt haben muss, dass er ihr öffentlich dieses Denkmal setzt. Beeindruckt hat mich die Sprache, wie dieser Sohn in zwei Sätzen das Bild einer bescheidenen Frau gezeichnet hat, die sein Ein und Alles war und die er bis zu seinem eigenen Tod lieben und ihr dankbar sein wird. Nachdenklich hat mich gemacht, wie einmalig groß und exklusiv diese Mutter-Sohn-Beziehung gewesen sein muss. Denn nur der Sohn steht in der Todesanzeige, niemand sonst. Aber eine Einschätzung dessen oder gar eine Bewertung steht mir nicht zu. Eher ruft mir diese Liebeserklärung per Todesanzeige ins Gedächtnis wie intensiv doch die Beziehungen zu Müttern sind. Zum Wohl und zum Wehe. Eine Mutter haben und eine Mutter sein, geht so tief ins Mark von Beziehungen wie kaum eine andere. Jeder von uns hat eine Mutter und jeder von uns hat seine ganz eigene, gute, schöne, vertraute, liebevolle, schwere, komplizierte, belastete oder schmerzliche Beziehung. Und jede Frau, die Mutter ist, weiß um dieses einmalige Verhältnis zu diesem Wesen, das neun Monate lang in ihrem Leib war und das sie unter Schmerzen zur Welt gebracht hat. Das ist der erste Bund fürs Leben, und der bleibt. Selbst wenn sich die Wege trennen oder gar Streit Mutter und Kind entzweit. Darum kommen Mutter und Kind auch nie ganz voneinander los. Wie durch ein unsichtbares Band bleiben Mutter und Kind miteinander verbunden. Und darum ist es auch so natürlich und schön, wenn dieses Band mit Dank und Liebe gebunden ist. Darum ist es auch so schmerzlich, wenn es mit Vorwurf und Ablehnung gebunden ist.  Darum ist es auch so schwer, wenn dieses Band zur Fessel wird durch Abhängigkeit.

Und darum ist es auch so befreiend und heilsam, wenn Versöhnung zwischen Mutter und Kind geschieht. Bevor eine Todesanzeige zu schreiben ist…

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„Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: es mag wohl nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens.“ Nicht schlecht, dieser Spruch des Philosophen Schopenhauer. Zwar findet er Höflichkeit hohl, aber sie puffert wohl die Härten des Alltags ab. Stimmt. In letzter Zeit ist es mir ein paar Mal passiert, dass Menschen höflich zu mir waren. Junge Männer haben mir an einer Tür den Vortritt gelassen. Oder mich freundlich auf der Straße gegrüßt ohne dass sie mich gekannt haben. Interessant war für mich, dass es jedes Mal Flüchtlinge waren. Mag Zufall sein, aber dass sie mir als älterem Mann Respekt gezeigt haben war so ungewohnt wie angenehm für mich. Auch weil ich in Deutschland eine ziemliche Verrohung der Sitten feststelle. Rechtsruck und Facebook scheinen Grobheiten und Aggressionen salonfähig zu machen. Wenn Leute Angela Merkel einen abgeschnittenen Schweinskopf vor die Tür legen oder der SPD-Politiker Drexler Morddrohungen bekommt, dann ist das die messerscharfe Spitze eines Eisbergs von Verrohung. Einer Verrohung, die mit Hasstiraden in den unsozialen Medien beginnt und sich mit Grobheiten auf Straßen und in Bahnen fortsetzt. Eine Verrohung der mit Höflichkeit nicht mehr zu begegnen ist. Grobiane brauchen Grenzen. Damit sie spüren was in einer zivilisierten Gesellschaft geht, und vor allem was nicht geht. Und damit sich Geschichte nicht wiederholt. Denn vor 80 Jahren waren schon mal Grobiane zugange, die nicht ernst genug genommen wurden und denen nicht rechtzeitig Grenzen gesetzt wurden. Allen anderen tut ein wenig mehr Höflichkeit gut. Aber nicht die leere Luftkissen-Höflichkeit Schopenhauers, die mehr Form als Inhalt ist. Sondern eine gefüllte Höflichkeit. Gefüllt mit Respekt, Wohlwollen und Freundlichkeit. Zuerst einmal gegenüber mir selbst und dann gegenüber den Anderen. Denn wie soll ich zu jemandem höflich sein, wenn ich mich selbst nicht mag. Oder anders ausgedrückt, in dem so schlichten wie großen Satz christlich-abendländischer Kultur: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“

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Manche Dinge liegen so nah bei einander, dass mir gar nicht mehr bewusst ist, dass sie miteinander zu tun haben. So ist es mir mit den Worten See und Seele gegangen. Allein vom Klang her muss es doch klar sein, dass sie miteinander verwandt sind. Und das Wort Seele stammt tatsächlich vom Wort See ab. Weil die alten Germanen gedacht haben, dass das, was den Menschen in seinem Innersten ausmacht vor der Geburt und nach dem Tod in bestimmten Seen lebt.

Ist doch interessant, dass die Seele so oft mit Wasser in Verbindung gebracht wird. „Seele, wie gleichst du dem Wasser“, hat schon der alte Goethe gesagt. Vielleicht weil die Seele so zart, so durchlässig, so spiegelnd, so spürbar und doch nicht fassbar ist, wie Wasser.

Die Seele, so sagen Psychologen, ist nichts Statisches, sie entwickelt sich, kann verletzt werden, aber auch heilen. Die Seele, so sagen die Theologen, ist die Verbindung zu Gott. Und vor allem in der sprichwörtlichen Seelenruhe kann man mit ihm in Verbindung kommen.

Deshalb ist es so nötig wie wohltuend nicht nur Körperpflege zu betreiben, sondern auch Seelenpflege, neudeutsch Psychohygiene. Nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig. Regelmäßig zur Ruhe kommen. Regelmäßig auf sich selbst schauen und dann über sich hinaus. Das Tolle und Leichte an der Seelenpflege ist, dass ich sie allein machen kann, zu zweit oder mit mehreren. Ganz wie es mir eben gut tut. Das kann bei einem Gebet in der Kirche sein oder in einer stillen Ecke meiner Wohnung. Das kann im gemeinsamen Schweigen sein, bei einem Spaziergang oder beim ausgedehnten Schauen in die Natur. Wenn ich sie sehe, höre und rieche. 

All das und noch viel mehr führt zur Seelenruhe. Jeder Mensch weiß im Innersten was seinem Innersten gut tut. Wenn das geschieht, dann wird er wieder unbelasteter und freier. Und so auch frei zur Liebe, zur Liebe zu sich selbst, zu den anderen Menschen und zu Gott. Die heilige Therese von Lisieux hat diese Liebesbeziehung zwischen Mensch, Mitmensch und Gott einmal in ein wunderbares Bild gefasst: Sie hat gesagt: “Eine Seele, die liebt, ist für die Welt eine kleine Sonne, die Gott ausstrahlt“.

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