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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kennen Sie die Zehn Gebote? Was für eine Frage! Wer in unserem Kulturraum aufgewachsen ist, kommt nicht an ihnen vorbei. Zehn ethische Grundsätze, und alle fangen an mit Du sollst… oder Du sollst nicht…  Wir kennen sie als Gebote und Verbote, als unverrückbare Pfeiler unserer Kultur. Das sind sie auch. Aber nicht nur. 

Der Kapuzinerpater Anton Rotzetter findet noch einen anderen Ton darin. Er versteht diese Grundregeln auch als Geschenk. Deshalb nennt er sie nicht Gebote, sondern Angebote. Aber hören Sie selbst. 

Das erste Angebot heißt: Gott ist Liebe – und sonst nichts! Du kannst Dich fallen lassen!

Das zweite: Gott ist gegenwärtig in allem: Du erfährst ihn, wenn Du schonend und ehrfürchtig mit allen Geschöpfen umgehst: mit dem Stein, mit der Blume, mit dem Tier und mit dem Menschen!

Und weiter: Gott zeigt sich in Jesus von Nazareth: Du begegnest ihm, wenn du dich auf die Spuren einlässt, die er hinterlassen hat!

Gott offenbart sich im Werden und Vergehen, im Zeugen und Empfangen, in allen Generationen! Du fühlst das Leben, wenn Du achtest auf Dein Fleisch und Blut!

Gott ist heilig in allem, was lebt! Du wirst keiner Fliege, geschweige denn einem Menschen, etwas zu leide tun, und wirst nichts und niemand verletzen oder beschädigen!

Gott selbst liebt, wenn wir einander als Mann und Frau lieben! Du kannst sanft, zärtlich und voll Hingabe sein!

Gott kreist nicht um sich selbst, er gibt sich hin! Alles ist Gabe! Du wirst nichts für Dich allein beanspruchen, sondern alles mit anderen teilen wollen!

Gott ist der Boden, der uns trägt! Auf ihn ist Verlass! Du bist in Wort und Tat verlässlich und wirst Dich für die Wahrheit engagieren!

Gott sehnt sich nach einer Welt, in der alle in der Einheit der Liebe leben! Du wirst niemandem irgendetwas wegnehmen!

Gott ist Liebe – und sonst nichts! Du wirst nicht in die Liebensbeziehung anderer einbrechen! 

Haben Sie gehört, wie das klingt? Nicht du sollst und du sollst nicht, sondern: du bist, du kannst, du wirst  Nicht wie in Stein gemeißelt, sondern lebendig und zärtlich klingt das, fast spielerisch. Angebote eben, die zum Leben verlocken.

 

 

 

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In den meisten Religionen wird gebetet. Um Kontakt mit Gott aufzunehmen, um sich mit ihm zu verbinden, ihn um Rat zu fragen, oder einfach danke zu sagen. Das kann man mit eigenen Worten. Ich mache das auch, wenn ich Zeit und Muße habe, wenn ich zum Beispiel durch den Wald gehe oder in einer leeren stillen Kirche sitze. Aber oft ist das nicht der Fall. In meinem Alltag geht es meistens anders zu. Ich sitze am Schreibtisch oder bin am Kochen. Ich mache mich fertig für den Tag oder suche einen Parkplatz. Ich spreche mit jemand oder bringe den Müll raus. Immer ist irgendwas, das mich gerade beschäftigt oder meine Konzentration verlangt. Da schaffe ich es nicht, mich auch noch aufs Beten zu konzentrieren.  
Aber das muss ich auch nicht, ich kann trotzdem beten, mich mit Gott verbinden und mit seiner Kraft. Zum Glück gibt es Menschen, die schon lange vor mir gebetet und Gebete formuliert haben. Manche davon habe ich immer parat. Ich kann sie auswendig, by heart sagt man im Englischen, und ich hab sie tatsächlich mit dem Herzen gelernt, nicht so sehr mit dem Kopf. Und ins Herz, da gehören sie auch hin. Denn das Herz, die Psyche, die Seele, die ist immer wach, auch wenn der Kopf woanders ist oder erschöpft oder müde.  

Alle Religionen, in denen gebetet wird, haben Formen entwickelt, damit das Herz beten kann, während der Kopf und auch der Körper mit anderem beschäftigt ist. Das Geheimnis dieser besonderen Art zu beten ist die Wiederholung. Für Christen ist es vielleicht ein Psalmvers, eine Liedzeile oder auch nur ein einzelnes Wort. Ich nehme es auf, und dann begleitet es mich wie ein Refrain. Oder wie ein Parfum, das auch immer mitgeht, auch wenn ich es nicht mehr bewusst rieche. Im Lauf des Tages werde ich immer wieder an das Gebet erinnert und wiederhole es im Stillen. Mein Lieblingsgebet heißt ganz schlicht: Du bist da. 

Herzensgebet nennt man das in der christlichen Tradition. Eine Zeitlang galt das wiederholende Gebet als langweilig oder zu naiv, zu wenig anspruchsvoll. Heute weiß man ein bisschen mehr von der Psyche und ihren Bedürfnissen. Es stimmt schon, was Erich Kästner mal gesagt hat: „Der Geist will immer etwas Neues. Die Seele will immer dasselbe.“ Es stimmt, auch fürs Gebet.

 

 

 

 

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Blitzgerät, Starenkasten, Radarfalle. Es gibt einige Bezeichnungen für die Geräte, die im vorbei Fahren messen, wie schnell ich bin. Und wie bei den meisten anderen Autofahrern hält sich auch bei mir die Freude in Grenzen, wenn ich eines am Straßenrand sehe. 

Einer dieser grauen Kästen stand viele Jahre an einer Strecke, auf der ich ziemlich oft unterwegs bin. Dann wurde er abgebaut, und jetzt steht dort eine digitale Anzeigetafel. Auf der kann ich meine Geschwindigkeit lesen. Aber das ist nicht alles: es gibt auch noch ein Gesicht dazu, eines dieser Strichgesichter, die man Smileys nennt – wenn sie denn lachen. Aber lachen tut das digitale Gesicht nur, wenn ich die Regeln halte. Wenn ich zu schnell bin, zeigen die Mundwinkel nach unten und das Gesicht guckt mich traurig an.  

Es ist nur ein Zeichen, das aussieht wie ein Gesicht. Aber es schaut mich an. Und ich schaue zurück. Wir sind quasi in Blickkontakt miteinander. Ich bin selbst überrascht, wie spontan ich darauf reagiere. Und wie durch einen Reflex gehe ich vom Gas. Denn ich will ein Gesicht sehen, das zufrieden aussieht und mich anlächelt. Und wenn ich doch mal zu schnell vorbeidüse, dann tut es mir fast leid, dass ich dieses Gesicht unglücklich mache. Mein schlechtes Gewissen ist jedenfalls viel größer, als wenn ich nur lese: Sie fahren 59 Kilometer pro Stunde 

Offenbar funktioniert dieser Trick auch bei anderen Autofahrern, sonst wären nicht so viele dieser Anzeigetafeln im Einsatz. Wir werden sozusagen zur Rücksicht überlistet. Überlistet mit einem Gesetz der Schöpfung, das uns tief in die Seele geschrieben ist. Dieses Gesetz heißt: Ich bin nicht allein auf der Welt. Ich stehe mit anderen in Beziehung und will, dass es nicht nur mir, sondern auch ihnen gut geht. 

Ich finde, das mit den Smileys an der Straße ist eine geniale Idee, weil sie so einfach ist und weil sie funktioniert. Vielleicht erfindet jemand so was ja auch mal für andere Bereiche. Wir könnten doch zum Beispiel ebenso freundlich aufgefordert werden, das, was wir haben, gerechter miteinander zu teilen. Dazu würde ich mich gern nochmals überlisten lassen, mit oder ohne Smiley.

 

 

 

 

 

 

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‚Harry, hol schon mal den Wagen.‘ Dieser Satz ist nie so gesagt worden. Und doch hat er’s geschafft, ein geflügeltes Wort zu werden. Die Krimiserie Derrick hatte mal Kultstatus, und Harry war darin der ewige Assistent des erfolgreichen Kommissars. Er war es, der die Routinearbeit erledigt hat: Beweise sichern, Alibis überprüfen, in Nachtschichten recherchieren, damit der Chef am nächsten Morgen seine scharfsinnigen Schlüsse ziehen konnte – das war sein nüchterner Berufsalltag. Nicht originell sollte er sein, was von ihm erwartet wurde, war Verlässlichkeit, Einsatzbereitschaft, Fleiß. Harry, hol schon mal den Wagen!  

Harrys gibt es viele, auch im ‚richtigen Leben‘. Es sind Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, sondern in der zweiten Reihe. Oder in der dritten oder vierten, darauf kommt es gar nicht an. Hinter denen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, arbeitet meist ein ganzes Heer solcher Harrys, und die sind bestimmt nicht immer männlich. Es sind all die Männer und Frauen, die Tag für Tag ihre Aufgaben erledigen, damit der Laden läuft und das Ganze funktioniert. Der Bilanzbuchhalter, der die Zahlen liefert für die Rede des Chefs in der Pressekonferenz. Die spezielle Putzkolonne, die die OP-Säle für die nächste Schicht vorbereitet. Die Küchenhilfe, die den Nachtisch fürs Kantinenessen portioniert.  

Auch wenn der Chef sie nicht persönlich kennt, sie haben großen Anteil daran, dass alles reibungslos läuft. Und ein guter Chef weiß das und zeigt, dass er‘s weiß. Denn er weiß auch: Ohne die Menschen in der zweiten, dritten, vierten Reihe hätte er keine Chance, sein Unternehmen erfolgreich zu führen. 

Der Apostel Paulus hat das in einem Bild ausgedrückt, das er der frühen Gemeinde von Korinth ins Stammbuch geschrieben hat: „Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Ganz im Gegenteil: gerade die unscheinbaren Körperteile sind unentbehrlich. Deshalb sollen auch alle Glieder und Organe füreinander sorgen.“ (1 Korinther 12,21.22.25) 

Wenn Harry also wieder mal den Wagen holt oder die halbe Nacht eine Verbrecherkartei durchforstet, dann soll er das bitte schön ganz selbstbewusst tun. Denn ohne Harry Klein wäre Stefan Derrick niemals – Stefan Derrick geworden.

 

 

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Auf manchen Fensterbänken stehen Pflanzen, die keine wirkliche Zierde mehr sind. Auch bei mir ist das so. Das Orangenbäumchen zum Beispiel, seit Wochen steht es kahl und wie ein Vorwurf da. Und dann gibt’s da noch eine Myrte, die immer wieder Läuse kriegt und deshalb besser weg sollte, sonst steckt sie jedes Mal ihre Nachbarn an. Das ist das eine Problem. Das andere ist, dass ich Pflanzen nur ganz schwer wegwerfen kann. Und wenn ich mich doch mal entschließe, eine davon zu entsorgen, dann kann es sein, dass ich sie am nächsten Tag wieder aus der grünen Tonne fische, um es doch nochmal zu versuchen.  

Es ist ein bisschen sentimental, ich weiß, denn eine Zierpflanze ziert ja nur, solange sie schön ist. Aber auch Pflanzen sind nur Menschen, sagt eine Freundin immer und sie meint damit: Wie alles, was lebt, braucht auch eine Pflanze Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und manchmal auch eine zweite Chance.  

Jesus hat das offenbar auch so gesehen. Denn in einem seiner Gleichnisse spielt ein Baum die Hauptrolle. Ein Feigenbaum ist es, schon seit Jahren trägt er keine Früchte mehr. Der Eigentümer sieht nur auf den Ertrag und will ihn kurz und schmerzlos ersetzen, aber der Gärtner macht sich stark für ihn. Er will dem Baum noch ein Jahr geben und sich persönlich um ihn kümmern. (Lukas 21,29-32)  

Mit dem Bild vom Baum bin ich selbst gemeint und mit mir jeder Mensch. Ich bin nicht nur das, was ich nach außen darstelle. Ich bin auch all das, was in mir liegt und oft eben nicht sichtbar, nicht nach außen hin „fruchtbar“ werden kann. 

Er hat Glück, der Feigenbaum. Er hat Glück, denn er bekommt nochmals eine Chance, obwohl er schon so lange nichts getragen hat. Solches Glück habe ich auch schon gehabt, und ich brauche es jeden Tag. Ich brauche es auf der Straße, wenn ich in der morgendlichen Eile einen Moment unkonzentriert bin und ein anderer Fahrer geistesgegenwärtig den Unfall verhindert. Ich brauche es, wenn ich etwas Gemeines gesagt habe und mich entschuldigen will. Ich brauche die zweite Chance, wenn ich jemanden enttäuscht habe, der mir vertraut.  

Die zweite Chance, oder auch die dritte, vierte, fünfte... – ich brauche sie, solange ich lebe. Und ich kenne kein Geschöpf, dem es da anders ginge. Nicht mal das Orangenbäumchen auf der Fensterbank.

 

 

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In meinem Kopf gibt es eine ganz bestimmte Sorte von Sätzen, die ich gern löschen würde. Wenn ich es könnte. Wenn das so einfach ginge wie am PC, wo es zum Löschen eine eigene Taste gibt. Die Sätze, die ich gern für immer ausradieren würde, fangen alle gleich an: Hätte ich doch. Sie geistern in mir herum, wenn irgendwas nicht gut gelaufen ist – und wenn ich mich selbst dafür verantwortlich mache.
Hätte ich doch… Habe ich aber nicht. Und jetzt? Wie gehe ich damit um,dass ich eine Begegnung so lange rausgeschoben habe, bis es schließlich zu spät war? Dass ich die Chance nicht genutzt habe, einen Konflikt zu bereinigen, damals, als sie sich geboten hatte, und danach ging es nicht mehr. 

So gern ich es wollte: Was vergangen ist, kann ich nicht mehr ändern, ich muss damit leben, dass es ist, wie es ist. Trotzdem kann ich versuchen, es positiv zu wenden und das Beste daraus zu machen. Vielleicht werde ich dadurch aufmerksamer und achte darauf, dass mir das nicht wieder passiert. Vielleicht kann ich versuchen, die Liebe, die ich jemandem schuldig geblieben bin, einem anderen Menschen zu geben, quasi stellvertretend. Ob das möglich ist? Ob ich an Lebenden etwas von dem nachholen kann, was ich an Verstorbenen versäumt habe? Ich weiß es nicht, aber wenn ich danach handle, kann ich immerhin Gutes bewirken. 

Ein richtiger Trost ist das zwar nicht, das Versäumte bleibt versäumt und der Fehler bleibt ein Fehler. Was aber kann mich dann trösten? Für mich ist es ein Wort, das mir im letzten Buch der Bibel gesagt wird. Gott verheißt darin, dass am Ende alles gut werden wird. Er sagt: Was früher war, ist vergangen. Seht her, ich mache alles neu. (Offenbarung 21, 4 und 5). In den katholischen Gottesdiensten wird das heute gelesen.Lass das Vergangene vergangen sein, so verstehe ich dieses Wort. Vertrau mir! Bring alles, was in deinem Leben zerbrochen ist, zu mir. Bring mir die Bruchstücke deines guten Willens und deines schlechten Gewissens! Ich mache daraus etwas Neues, etwas Heiles, etwas Ganzes

Für mich ist diese Verheißung so etwas wie ein Gegengift gegen das giftige Hätte-ich-doch. Dieses Gegengift hat schon oft gewirkt und wirkt immer wieder, bei mir jedenfalls.

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