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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die guten Vorsätze zum neuen Jahr haben einen großen Nachteil, finde ich. Sie machen einen unzufrieden. Man ist dabei ganz auf das fixiert, was im eigenen Leben nicht gut läuft. Und meistens hat man dabei so ein Idealbild im Kopf. Ein Bild vom rundum glücklichen Leben, das man erreicht, wenn man Stress abbaut, sich mehr Zeit für die Familie nimmt, mehr Sport treibt, abnimmt oder gesünder lebt.
Aber dieses ideale Leben gibt es nicht. Das hat mir ganz deutlich ein Roman gezeigt, den ich neulich gelesen habe: Er heißt Stoner. Der amerikanische Schriftsteller John Williams hat ihn in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben. Er erzählt darin die erfundene Lebensgeschichte des Literaturprofessors William Stoner von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Vieles in Stoners Leben läuft nicht gut: Er führt eine katastrophale Ehe, wird von seinem Vorgesetzten schikaniert und klein gehalten, eine kurze glückliche Liebesbeziehung findet ein jähes Ende, seine einzige Tochter wird alkoholkrank und schließlich stirbt Stoner an einem bösartigen Tumor.
Es gibt schon auch glückliche Episoden im Leben von Stoner, und beim Leser keimt die Hoffnung auf, dass alles gut wird. Aber dann macht irgendein Ereignis diese Hoffnung wieder zunichte.
Mir ist beim Lesen bewusst geworden, wie wenig selbstverständlich ein glückliches Leben ist. Und mir ist klar geworden: Es gehört zum Leben dazu, dass Vieles nicht gelingt. Umso kostbarer sind die glücklichen Momente. Irgendwie hat dieser Roman die Dinge für mich zurechtgerückt: Er entlarvt zu hohen Erwartungen an das Leben als unrealistisch. Gleichzeitig bringt er einen dazu, auf die guten Dinge im Leben achtzugeben und sie wertzuschätzen.
Als Stoner auf dem Sterbebett auf sein Leben zurück schaut, ist er – dankbar. Er schafft es, das Gute zu sehen, das es neben allem Schlechten auch gegeben hat: Er ist dankbar dafür, dass er als einfacher Farmersohn an einer Universität lehren durfte. Er denkt gern daran zurück, wie er seine Frau kennen gelernt und sich in sie verliebt hat. Und er erkennt, dass sich die Leidenschaft wie ein roter Faden durch sein Leben zieht: Er hat – trotz allem – leidenschaftlich gelebt.
Von dieser Dankbarkeit möchte ich mir eine Scheibe abschneiden. Ich habe mir deshalb für das neue Jahr nicht vorgenommen, mein Leben an irgendeiner Stelle zu verbessern. Mein Vorsatz für das neue Jahr lautet: Ich will aufmerksamer als bisher auf das schauen, was schon gut ist. Ich will mich daran freuen und dankbar dafür sein. Es ist nämlich nicht selbstverständlich.

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„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13) heißt es in der Bibel.
Der Prophet Jesaja sagt das im Auftrag Gottes. Gott lässt den Menschen durch den Propheten ausrichten: „Ich tröste euch wie eine Mutter“. Aber ich finde diesen Satz gar nicht so einfach zu verstehen. Mütter sind doch ganz unterschiedlich. Und sie trösten ihre Kinder auch ganz unterschiedlich. Wie tröstet Gott denn?
Vielleicht, indem er bedingungslos zu einem steht. So hat das jedenfalls meine eigen Mutter gemacht. Wenn ich zurückdenke an meine eigene Kinder- und Jugendzeit, dann fällt mir ein: Wenn ich nach Hause gekommen bin und von einem Streit erzählt habe, mit Freunden oder in der Schule – immer war für meine Mutter klar: Die anderen waren schuld. Meine Mutter hat überhaupt nicht verstanden, wie man sich mir gegenüber so mies verhalten konnte. Für sie war klar, dass ich im Recht war. Das hat sicher nicht immer gestimmt. Aber gut getan hat es mir trotzdem. Und es hat mich getröstet.
Vielleicht ist es ja das, was die meisten Mütter – so unterschiedlich sie auch sind – verbindet: Sie stehen auf der Seite ihrer Kinder. Und das tut Gott auch. In seinem Roman „Die Hütte“ betont William Paul Young diese mütterliche Seite Gottes ganz stark. Mack, die Hauptperson des Romans, hat seine kleine Tochter verloren. Er ist traurig und verbittert. Eines Tages erhält er einen Brief von Gott, der ihn in einer einsamen Hütte treffen will. Obwohl Mack das sehr seltsam vorkommt, macht er sich auf den Weg. Als er dort ankommt und die Tür aufgeht, steht da eine große, dicke afroamerikanische Frau, die Mack erst mal in den Arm nimmt und kräftig drückt. Und das ist genau das, was Mack braucht. Der Roman beschreibt, wie dann in dieser Hütte viele Gespräche folgen, mit Gott und auch mit Jesus und dem Heilige Geist. Es ist ein langer Weg für Mack aus seiner Trauer heraus. Aber am Anfang dieses Weges steht die mütterliche Umarmung, mit der Gott Mack zeigt: Ich bin auf deiner Seite.
Jemand, der auf meiner Seite steht, der zu mir hält, der für mich da ist – ich, denke so jemanden kann jeder gut gebrauchen. Gott will so jemand für uns Menschen sein. „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet“. Diesen Satz haben die christlichen Kirchen als sogenannte  Jahreslosung für das neue Jahr ausgesucht, als Motto, das einen durch das Jahr hindurch begleitet. Ich finde: das ist ein Mut machender Satz am Beginn unserer Reise durch das neue Jahr. Und mit dem Roman „Die Hütte“ gibt es die passende Reiselektüre dazu.

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Es ist viel passiert im Jahr 2015. Viel ist in der Welt passiert – aber auch im Leben jedes Einzelnen. Und manch einer nimmt sich heute, am letzten Tag des Jahres, die Zeit für einen ganz persönlichen Rückblick. Der fällt bei jedem anders aus. Aber eins dürfte bei vielen gleich sein: Auch im vergangene Jahr hat es neben Schönem auch Katastrophen, Krisen und Fehler gegeben. Und oft sind das die Dinge, die einen beim Rückblick beschäftigen und belasten.
Auch als der Apostel Paulus am Ende des Jahres 33 nach Christus auf sein zurückliegendes Jahr geschaut hat, hat er vor allem viel Belastendes gesehen. Er hat sich nämlich im Laufe dieses Jahres eingestehen müssen, dass er eine Menge falsch gemacht hat. Als strenger jüdischer Religionslehrer hatte er die noch kleine christliche Gemeinde leidenschaftlich bekämpft. Er hatte sie für eine gefährliche Sekte gehalten und versucht, ihre Mitglieder ins Gefängnis zu bringen. Aber dann ist ihm Jesus Christus in einer Art Vision begegnet. „Warum verfolgst du mich?“ hatte Jesus ihn gefragt. Und Paulus musste schlagartig erkennen, dass er total falsch gelegen hat.
Aber wie ist Paulus mit diesem Katastrophenjahr umgegangen? In einem seiner Briefe schreibt er: „Ich lasse das, was hinter mir liegt, bewusst zurück, [und] konzentriere mich völlig auf das, was vor mir liegt“ (Phil 3,13, Neue Genfer Übersetzung). Paulus bleibt also nicht bei dem, was war, hängen. Er verzweifelt nicht vor lauter Reue oder lässt sich von Schuldgefühlen lähmen. Er blickt nach vorne. Und das tut er, ohne zu leugnen oder klein zu reden, was geschehen ist. Immer wieder in seinen Briefen schreibt er ganz offen über seine Vergangenheit. Er steht zu dem, was war und blickt trotzdem nach vorne.
Ich glaube, Paulus hat das gekonnt, weil Jesus Christus ihn in dieser Vision nicht nur auf seine Fehler aufmerksam gemacht hat. Jesus hat ihm seine Schuld auch abgenommen. Den am Boden liegenden Paulus hat Jesus nicht dort liegen lassen. Er hat ihn auch nicht bestraft. Er hat Paulus aufgerichtet und hat den ehemaligen Christenverfolger damit beauftragt, von ihm weiter zu erzählen. – Als ob nichts gewesen wäre.
Es ist viel passiert im Jahr 2015. Die Silvestergottesdienste, die heute in vielen Kirchen stattfinden, laden dazu ein, auf all das zurückzublicken. In den meisten Gottesdiensten wird auch das Abendmahl gefeiert. Christen glauben: Beim Abendmahl kann jeder das erfahren, was Paulus erlebt hat: Dass Jesus Christus mir abnimmt, was schief gelaufen ist. Damit ich das Alte, das was war, hinter mir lassen kann. Wie Paulus kann ich mich dann ganz auf das einlassen kann, was kommt. – Als ob nichts gewesen wäre.

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Manchmal wünsche ich mir, wir Evangelischen hätten auch einen Papst. So ging mir das beim Weltklimagipfel in Paris. Ich habe gelesen, dass Papst Franziskus dort eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Der Beschluss von Paris wäre ohne ihn wohl nicht zu Stande gekommen. Erst sein Anruf bei einem südamerikanischen Staatschef hat diesen dazu gebracht, das Klimaschutzabkommen zu unterzeichnen.
Der Papst erinnert mich an die Propheten in der Bibel. Die Propheten haben die Menschen ihrer Zeit immer wieder an Gottes Willen erinnert. Besonders den Mächtigen und Herrschern haben sie die Wahrheit gesagt, auch wenn die oft unangenehm war. Sie haben ihnen offen gesagt, wenn sie die Armen unterdrückt haben oder dabei waren, das Land in eine Katastrophe zu führen. Sie konnten das so offen, weil sie sich nur Gott verpflichtet gefühlt haben. Sie wollten niemandem gefallen, und es war ihnen egal, was die Leute über sie gesagt haben. Ich finde: Solche prophetischen Stimmen sind auch heute wichtig. Stimmen, die ohne machtpolitische oder wirtschaftliche Hintergedanken die Wahrheit sagen. Stimmen, die auf keine Lobby oder auf Wahlausgänge Rücksicht nehmen müssen.
Ich finde, der Papst ist so eine Stimme. Und: Im Gegensatz zu vielen anderen prophetischen Stimmen, wird er auch gehört. Warum? Ich denke, ganz einfach, weil ihn die ganze Welt kennt. Jedes Kind kennt sein Gesicht und seinen Namen.
Ich finde es auch als evangelischer Christ gut, dass es so eine prophetische Stimme gibt, die nicht einfach überhört werden kann, wenn sie auf Missstände und Ungerechtigkeit hinweist. Oder wenn sie – wie in Paris – dazu mahnt, endlich konkrete Schritte zu gehen, um die Schöpfung zu bewahren. Durch Vieles, was der gegenwärtige Papst sagt, fühle ich mich gut vertreten.
Anderes gefällt mir dagegen weniger. Etwa, dass die Entscheidungen des Papstes in wichtigen Fragen des Glaubens immer noch als unfehlbar gelten. Unter anderem deshalb bin ich ganz bewusst und gerne weiter evangelisch.
Trotzdem frage ich mich manchmal, was Martin Luther – der Gründer der evangelischen Kirche – heute über den Papst sagen würde. Über die Päpste seiner Zeit hat er ja schlimm geschimpft. Aber es waren vor allem die Missstände - das Streben der damaligen Päpste nach Reichtum und Macht -, die Luther kritisiert hat. Einem Papst, der einen Gebrauchtwagen fährt, auf Goldschmuck verzichtet und in der Kantine isst, hätte wahrscheinlich auch Luther zugehört, und dieser Papst wahrscheinlich auch ihm.

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Zwischen Weihnachten und Neujahr macht das Leben irgendwie eine Pause. Ich mag diese Tage. „Zwischen den Jahren“ nennt man sie. – Aber warum eigentlich? Zwischen den Jahren ist doch eigentlich gar kein Platz. Wenn das alte Jahr aufhört, fängt sofort das neue an, ohne Pause.
Das war einmal anders. Und zwar als Papst Gregor VIII vor über 400 Jahren einen neuen Kalender eingeführt hat. Der alte, der bis dahin gegolten hatte, war ungenau und ging zur Zeit Papst Gregors einige Tage nach. Der Frühlingsanfang im Kalender hat mit dem tatsächlichen, astronomischen Frühlingsanfang überhaupt nicht mehr zusammengepasst. Also hat Papst Gregor befohlen, ein paar Tage zu überspringen. Das Problem war aber, dass nur die katholischen Christen diesen Zeitsprung mitgemacht haben. Die Evangelischen haben sich stur weiter nach dem alten Kalender gerichtet. Mit allem, was vom Papst kam, wollten sie nichts zu tun haben – selbst wenn es richtig war. So war das damals – leider. Die Folge: Evangelische und katholische Christen, die in ein und derselben Gegend gelebt haben, hatten unterschiedliche Kalender. Und während das neue Jahr für die einen schon angefangen hatte, dauerte es noch ein paar Tage, bis es auch für die anderen soweit war. Und genau diese Zeit hat man dann „zwischen den Jahren“ genannt.
Seit 1776 haben alle wieder den gleichen Kalender. Trotzdem ist die Redewendung „zwischen den Jahren“ geblieben. Ich denke, weil viele Menschen diese Zeit tatsächlich als Zwischen-Zeit empfinden. Mir geht es auch so: Weihnachten ist ein Schlusspunkt. Die Adventszeit - dieser Jahresendspurt mit den vielen Feiern, den Einkäufe und Vorbereitungen - ist mit dem Heiligabend vorbei. Aber der Alltag mit seinen Verpflichtungen und Terminen startet erst wieder mit dem neuen Jahr voll durch. Es gibt nicht viel zu tun. Wenn ich in meinen Terminkalender kucke, steht da zwischen Weihnachten und Neujahr nichts drin.
Keine Verpflichtungen haben, nicht schon an den nächsten Termin und die nächste Aufgabe denken müssen – das tut gut. Es ist wie Anhalten und tief durchatmen. Danach kann es wieder weiter gehen. Hinein ins neue Jahr.
Atempausen sind wichtig - auch unterm Jahr. Und es gibt sie ja auch zum Glück. Jeder Sonntag kann so eine kleine Atempause sein: ein Tag zwischen der alten und der neuen Woche. Nur: Während zwischen den Jahren bei den meisten Menschen von ganz allein nichts los ist, muss ich mir den Sonntag oft bewusst frei halten. Ich muss ihn gegen Aufgaben und Arbeit verteidigen. Das gelingt mir nicht immer, aber wenn es gelingt, gehe ich besser in die neue Woche.

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Kirchenmusik ist mir oft zu brav. Viele alte Kirchenlieder sind so. Und auch die neuen Lieder, die im Gottesdienst oft von einer Band begleitet werden, klingen irgendwie zahmer und glatter als die Musik außerhalb der Kirchenmauern.
Rau und ungeschliffen klingt es dagegen, wenn Marc Ford seine elektrische Gitarre spielt. Es klingt gar nicht nach Kirchenmusik. Und doch spielt Marc Ford jeden Sonntag in seiner Kirche in Kalifornien im Gottesdienst und singt Gebete an Gott.
Das war nicht immer so. In den 90er Jahren war Marc Ford mit der Rockband The Black Crows sehr erfolgreich. Er hat in Stadien und großen Hallen gespielt und Millionen von Platten verkauft. Marc hat dabei viel Geld verdient und das Leben eines Rockstars geführt – mit jeder Menge Drogen, Alkohol und wilden Partys.
In einem Interview erzählt Marc, dass er irgendwann so nicht weiter machen wollte. Er hat die Black Crows verlassen. Später hat er auch eine Entziehungskur gemacht und ist von den Drogen los gekommen. Und: Er hat angefangen, in die Kirche zu gehen. Er hat die Geschichten aus der Bibel gern gehört und fand auch Jesus beeindruckend, sagt er.
Trotzdem ist Marc in der Kirche mehr so eine Art Zuschauer geblieben. Er hat Angst davor gehabt, ein ganz anderer Mensch werden zu müssen, sagt er. Marc Ford wollte aber kein völlig anderer werden. Vor allem wollte er sein geliebtes Gitarrenspiel nicht aufgeben.
In einem Gottesdienst – so erzählt er – hat Marc dann aber schlagartig begriffen, dass Gott das gar nicht von ihm verlangt. Er hat erkannt: Glauben heißt Gott ganz vertrauen. Und dazu muss man seine Gitarre nicht an den Nagel hängen. Und so ist Marc Ford Musiker geblieben und hat auch seine Art zu spielen nicht geändert. Aber wann immer er Zeit hat, spielt er jetzt auch im Gottesdienst in seiner Kirche. Wenn er seine gesungenen Gebete zum Himmel schickt, fühlt er sich „eingetaucht in Gottes Liebe“, wie er es formuliert. Er sagt: „Es gibt nichts Besseres“.
Ich mag Marc Ford. Weil seine Musik so ehrlich ist. Wenn er singt und Gitarre spielt, dann klingt es nicht geschönt oder poliert, sondern rau und brüchig wie das Leben. Wenn ich ihn höre, merke ich: Der Glaube hat etwas zu tun mit dem wirklichen Leben. Und ich denke, genau da - in ihrem wirklichen Leben – möchte Gott den Menschen begegnen. Deshalb ist er Mensch geworden.
Ich finde deshalb: Marc Fords Musik ist in gewissem Sinn Weihnachtsmusik: Rau ist es zugegangen, als Jesus im Stall zur Welt gekommen ist, und ungeschliffen war die Krippe, in die man ihn gelegt hat. Genau wie Marc Fords Musik.

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