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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Seine Grundsätze sollte man für die wenigen Augenblicke in seinem Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“ Als ich diesen Satz von Albert Camus gelesen habe, musste ich an die Bischofssynode in Rom vor ein paar Wochen denken. Da ging es auch um Grundsätze und zwar um Grundsätze in der Familienpolitik der Katholischen Kirche und – um Barmherzigkeit. Welch ein Glück einen Papst wie Franziskus an der Spitze der Katholischen Kirche zu haben. Für den Barmherzigkeit wichtiger ist als Grundsätze. Das zeigt auch welch wahrhaft religiöser Mensch er ist. Denn Gott werden drei Eigenschaften zugeschrieben: Heiligkeit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und wer als religiöser Mensch dem Göttlichen näher kommen will, der versucht in diesem irdischen Leben heiligmäßig zu leben, also gerecht und barmherzig. Und das tut Papst Franziskus sehr glaubwürdig. Er stellt die Barmherzigkeit über die Grundsätze, weil er weiß, dass der Mensch ein fehlbares Wesen ist und Grundsätze ohne Wenn und Aber einzufordern hart, kalt und im letzten unmenschlich ist.

Das lässt sich auch sehr schön begründen: Das hebräische Wort für Barmherzigkeit heißt Rachamim und bedeutet Gebärmutter oder Mutterschoß. Das heißt, ein barmherziger Mensch ist gütig und schenkt Geborgenheit, eine Geborgenheit, in der Leben gedeihen kann, eine Geborgenheit , bei der keine Angst besteht und in der ein Mensch sich entfalten kann. In diesem hebräischen Wort Rachamim steckt wiederum die Wortwurzel Racham und die bedeutet warm.

Wenn also im Hebräischen von der Barmherzigkeit Gottes die Rede ist, dann ist von der warmen und lebensspendenden Mütterlichkeit Gottes die Rede. Gott also nicht nur als Vater, der Schutz gibt und Richtung weist, sondern auch Mutter, die Geborgenheit und Wärme spendet.

Ich denke Gott so groß und so weit, dass ich mir das sehr gut vorstellen kann. Und sehr gern.

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„Nein, meinen Hass bekommt Ihr nicht!“ Das hat der französische Radiojournalist Antoine Leiris geschrieben. In einem offenen Brief an die Terroristen des IS, die heute vor 4 Wochen in Paris seine Frau getötet haben. Sein Brief hat sich huntertausendfach im Internet verbreitet. Nicht nur weil sich damit ein Angehöriger der Opfer zu Wort gemeldet hat, sondern weil sein Brief ein zeitloses Dokument ist. Ein Dokument des Schmerzes und der Menschlichkeit. Ich möchte es heute morgen für sich sprechen lassen. Antoine Leiris schrieb:

„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.

Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischem Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Vergesst es. Der Spieler bleibt im Spiel.

Ich habe sie heute morgen gesehen. Endlich, nach Nächten und Tagen des Wartens. Sie war genauso schön wie am Freitagabend, als sie ausging, genauso schön wie damals, als ich mich vor mehr als zwölf Jahren hoffnungslos in sie verliebte. Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet.

Wir sind zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge ein Affront für Euch sein, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen."

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„Jetzt hör doch endlich mal auf“, das kann ein Notwehrsatz sein, wenn zum Beispiel jemand nicht mit dem Streiten aufhören kann.

Es kann aber auch ein gut gemeinter Rat sein, wenn jemand zu keinem Ende kommen kann, bei der Arbeit, in der Fürsorge oder mit den Sorgen. Oder ich kann es auch mir selbst sagen: jetzt hör doch endlich auf, mach mal einen Punkt, lass es gut sein. Ich kenn das, im positiven Sinn, wenn ich in etwas ganz drin bin, bei etwas ganz dabei bin, mich völlig vergesse und deshalb nicht aufhören kann. Das Negative dabei kann sein, dass die dauernde Beschäftigung mit etwas mich von mir selbst weghält. Mich von den Dingen, die mich sonst so beschäftigen oder auch belasten, ablenkt. Das ist eine Weile gut, aber auf die Dauer nicht. Irgendwann muss ich aufhören, damit ich mal wieder zu mir selbst, zu anderen, oder dem ganz anderen, zu Gott, komme.

Sprache ist schon was Tolles. Das Wort aufhören zum Beispiel sagt mir zweierlei. Zum einen: dass ich mit etwas zu Ende kommen soll oder mich unterbrechen, eine Pause machen soll. Im Wort aufhören steckt aber noch mehr. Dass ich hören soll, also auf, hinauf hören, über mich hinaus hören.  Um so die Unterbrechung oder die Pause in meinem Alltag als ein über mich Hinaushören zu erleben, ein über mich Hinaushören, das mich wieder näher zu mir selbst bringt. Und so und nur so näher zu der Wirklichkeit, die wir Gott nennen.

Also, darum hör doch jetzt endlich mal auf, Peter, Thomas, Christina, Karin, hör auf, mach eine Pause, schnauf mal durch und hör in dich hinein und über Dich hinaus…    

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Kleines Rätsel am frühen Morgen: Was ist Präsentismus? Bis vor kurzem war mir dieses Wort auch unbekannt. Präsentismus ist das Gegenteil von „blau machen“ oder „krank feiern“. Also wenn Menschen krank zur Arbeit gehen. Das heißt im Job präsent sind obwohl sie sich nicht wohl fühlen, Fieber haben oder Schmerzen. Nach einer Studie macht das jeder Dritte mindestens einmal im Jahr – krank zur Arbeit gehen. Am häufigsten die sogenannte „Rush Hour Generation“, das ist die Generation der 30-40jährigen, die durch Karriere und Familie am meisten belastet ist. Dabei ist es gefährlich für die Gesundheit, Dinge nicht richtig auszukurieren. Und außerdem ist es nachgewiesen, dass Menschen, die krank zur Arbeit gehen sogar die Produktivität ihres Betriebes schwächen. Warum machen es dann so viele? Da mag die Sorge um den Arbeitsplatz eine Rolle spielen oder die Angst vor dem Chef. Oder die Aussicht darauf, dass sich die Arbeit während der Abwesenheit so anhäuft, dass das noch schlimmer wäre als krank zu arbeiten. Oft ist auch die Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen der Grund krank zur Arbeit zu gehen. Weil für sie die Arbeit noch mehr wird, wenn jemand ausfällt. Und manchmal ist es auch der Glaube man sei unersetzlich und ohne einen würde der Laden nicht laufen. Alles so verständliche wie nachvollziehbare Gründe, aber: mein Arbeitsplatz wird auch nicht sicherer, wenn ich mich nicht richtig auskuriere und dadurch noch länger krank bin. Und auch den Kolleginnen und Kollegen bringt es nichts, wenn ich mich krank durch die Arbeit schleppe und sie vielleicht auch noch mit meiner Erkältung anstecke.

Und der Chef sollte sich lieber um die Gesundheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern, denn wenn es ihnen gut geht,  geht es auch seinem Betrieb gut. Außerdem wird auch er irgendwann einmal krank werden wird.

Und schließlich, niemand ist unersetzlich. Und vielleicht tun ein paar Tage Auszeit ja nicht nur meinem Körper gut, sondern auch meiner Seele. Deshalb: mehr Mut zum Kranksein und sich auch richtig auskurieren und ausruhen wenn es nötig ist. Denn wie sagt der Volksmund: „Freude, Mäßigkeit und Ruh‘ schließt dem Arzt die Türe zu“.

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„Mariä Empfängnis“ steht heute in meinem Kalender, ein gesetzlicher Feiertag in Österreich und in Teilen der Schweiz. In Österreich sind vor ein paar Jahren dermaßen viel Leute zum Shoppen nach Deutschland gefahren, dass die Ladenschlusszeiten für diesen Feiertag geändert wurden. Seither darf an diesem Feiertag in Österreich eingekauft werden. Und seither ist das der Tag mit dem höchsten Umsatz im adventlichen Österreich. „Mariä-Shopping“ könnte man sagen. Nein, ich möchte kein Klagelied darüber anstimmen, dass die Mehrzahl der Menschen lieber ins Kaufhaus geht als in die Kirche. Wenn die Menschen durch Shoppen glücklich sind, dann sollen sie eben shoppen. Das ist ja auch eine Art von Empfängnis, wenn auch eine ganz andere als die, um die es heute in meinem Kalender geht. Und zwar geht es da um die Zeugung der Gottesmutter. Auch da will ich mich nicht um die Frage kümmern, ob nun die Großmutter Jesu ihre Tochter nun durch ganz normale menschliche Zeugung empfangen hat oder nicht. Wenn ich heute Mariä Empfängnis in meinem Kalender lese, dann denke ich an all die Frauen, die heute schwanger werden. Und an das Wunder, das dann geschieht. An diesen heiligen Moment, wenn ein Mensch entsteht. An das Glück, das man nicht selber machen kann. Und auch nicht kaufen, sondern nur empfangen.

Und dann denke ich auch an all die Frauen und Männer, die sich so sehr ein Kind wünschen und dieses Geschenk einfach nicht bekommen können. Ich denke an ihre lange Leidensgeschichte aus Hoffen, Bangen und Sehnen. An ihre vielen Enttäuschungen, an Geschlechtsverkehr nach Plan, an Sex, der Mittel zum Zweck, zur Pflicht oder gar zur Last werden kann. Wie schmerzlich muss es sein, wenn sie das Glück derer erleben, die ein gesundes Kind bekommen.

Und darum habe ich drei Wünsche an Mariä Empfängnis: Denen, die ein Kind bekommen werden, wünsche ich, dass es ihnen Leben, Freude und Sinn schenken möge.

Mein zweiter Wunsch: dass sie die nicht aus den Augen verlieren, die dieses Glück nicht erleben können.

Und mein dritter: den ungewollt kinderlosen Frauen und Männern, wünsche ich, dass sie sich irgendwann von ihrem Kinderwunsch lösen können und Menschen oder Aufgaben finden, die ihnen Leben, Freude und Sinn schenken.

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Ja, einen schönen guten Morgen! Aber was ist denn ein guter Morgen, wie ist er schön? Wodurch wird er schön? Ich will diese Sendung mal dafür nutzen um zu überlegen, was für mich ein schöner Morgen ist. Wie er optimal für mich ist. Das krieg ich natürlich auch nicht immer hin. Aber immer öfter. Und vielleicht ist da ja auch was für Sie dabei. 
Zu einem guten Morgen braucht es erstmal eine gute Nacht. War der Schlaf ausreichend, also nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel, dann sieht auch der Morgen meistens recht gut aus. Frisch und mit Spannkraft. Zu einem guten Morgen gehört für mich auch ganz wesentlich die Ruhe: Bloß nicht in den Tag stürzen. Lieber ein wenig früher aufstehen, damit ich die erste Tasse Tee in Ruhe trinken kann. Nicht ganz freiwillig gehört für mich auch die Rückengymnastik dazu, weil ich ohne sie nicht mehr ohne Schmerzen durch den Tag komme. Mittlerweile mag und brauche ich sie aber auch, weil ich sie dazu nutze nachzudenken, vorzufühlen und zu beten. Da braucht es gar nicht mehr viel Worte. Manchmal gehe ich den Tag durch, welche Ereignisse mich erwarten, welchen Menschen ich wohl begegnen werde.

Zu einem guten Morgen gehört für mich auch der kurze! Blick in die Zeitung. Wirklich nur kurz, weil ich durchs Zeitunglesen zu oft die Zeit aus dem Blick verliere und dadurch dann doch in die Hektik komme. Radio ist mir nach den Minuten der Stille auch wichtig. Als Wachmacher, als akustischer Stimmungsmacher, wegen der Nachrichten und auch um zu hören, welch gutes Wort mir meine Kolleginnen und Kollegen von der Rundfunkarbeit mit in den Tag geben.

Schön ist es auch, wenn der Tag kommt, wenn es hell wird und die Stadt zum Leben erwacht. Und beim Heraustreten aus dem Haus erstmal riechen. Nicht gleich zum Auto hetzen, sondern die Natur wahrnehmen. Wie ist der Himmel? Höre ich Vögel? Riecht es nach Schnee? Dieser Blick in die Natur lässt mich leben und nicht nur funktionieren. Hilft mir in Ruhe hinauszutreten in den Tag. Und diese Ruhe möglichst lange beizubehalten. Zum Wohle für mich und die Menschen, die mir an diesem ganz normalen, einmaligen Tag begegnen werden.

 

 

 

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