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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Am liebsten würde ich an alle Kirchen ein großes Schild hängen. „Betreten der Baustelle erwünscht!“
Kinder, schleppt eure Eltern an. Großväter, bringt eure Kegel-Freunde mit. Und ihr Skeptiker: ihr seid willkommen!
Hier wird nämlich gebaut. Seit ungefähr 2000 Jahren werkeln hier Leute. Männer, Frauen und Kinder, Konservative und Pioniere, Macher und Sinnsucher, Menschen mit unterschiedlichen Ideen, Begabungen und unterschiedlicher Frömmigkeit. Leute aus aller Herren Länder.
Hier wird gegrübelt, geglaubt und gefragt und vorschnelle Antworten werden vom Gerüst gefegt.
Hier darf manches über Jahrzehnte und Jahrhunderte reifen – und manchmal wird auch improvisiert und etwas Neues ausprobiert.
Fehler dürfen gemacht und zugegeben werden. Mancher Stein wird besser wieder entfernt. Manche Sanierung ist verschleppt worden, manches gehört dringend repariert. Wir Christenmenschen lernen. Jeden Tag.
Gelacht wird hier und geweint, getröstet und vergeben.
Und wir feiern Feste. Jeden Sonntagmorgen. Da legen wir die Kelle aus der Hand und halten unser Gesicht in Gottes Sonne. Und unsre Seele auch. Das gibt Ruhe und Energie. Hier kann man nämlich etwas erleben: Gott. Und sich selbst. Und die anderen auch.
Bauherr ist nicht die Kirche selbst. Das sagt schon ihr Name: „Kirche“ – das kommt von Kyriakos. Das ist griechisch und heißt auf Deutsch: zum Herrn gehören. Zu Jesus Christus. Er ist der Bauherr.
Wenn Christen in der Kirche überlegen, wie sie weiterbauen und was sie jetzt anpeilen, dann peilen sie (wenn’s gut geht) zuerst mal ihn an. Wenn irgendwer ihnen Aufgaben zuteilen will, dann fragen sie erstmal, was ER ihnen zuteilt. Dann sortiert sich manches von alleine.
Schließlich ist er es ja, bei dem Christen für immer daheim sind. Nicht die Kirche. Die ist eher provisorisch. Etwas für unterwegs.
Fertig wird sie nie. Muss sie auch nicht, im Gegenteil. Von Martin Luther soll der schöne Satz stammen: „die Kirche muss immer reformiert werden“. Nicht damit alle irgendwie beschäftigt sind. Sondern weil es spannend ist, auf einer großen alten Baustelle herauszufinden: was ist jetzt in unserer Zeit unsere Aufgabe? Wo bauen wir weiter und warum? Und wie kriegen wir das am besten hin? Und wem ist damit gedient?
Die Menschen vor uns haben diese Fragen für ihre Zeit beantwortet. Wir heutigen Christen versuchen, sie für unsere Zeit zu beantworten.
„Die Kirche muss immer reformiert werden.“ Recht hat er, der Reformator.
Also los.
Betreten der Baustelle erwünscht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20566

Träumen kann man nicht nur im Schlaf…
Die Bibel erzählt schon auf ihren ersten Seiten von einem, der Träume für sein Leben hat. Jakob. Er träumt von klein auf seinen Lebenstraum: er will hoch hinaus. Seinen Bruder Esau weit hinter sich lassen, das auf jeden Fall. Das muss er, um erfolgreich zu sein. Glaubt er zumindest. Also betrügt er den Bruder.
Doch es funktioniert nicht. Nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Es kommt zum Streit – und aus Angst vor seinem Bruder muss Jakob fliehen. Jetzt ist er ganz auf sich allein gestellt. Er landet unsanft auf dem Boden der Tatsachen und hat ausgeträumt, sollte man meinen.
Doch ausgerechnet auf der Flucht träumt er wieder. Diesmal im Schlaf. Eigentlich müsste man mit einem Alptraum rechnen. Aber ein Alptraum ist die Flucht ja schon tagsüber. In dieser Nacht träumt Jakob einen neuen Traum.
Jetzt sieht er nicht mehr die Karriereleiter vor sich, sondern eine Himmelsleiter. Sie scheint Himmel und Erde zu verbinden. Jakob versucht in seinem Traum nicht, die Leiter hinaufzusteigen. Er bleibt am Boden. Aber die Engel, Boten Gottes, die sind zwischen Himmel und Erde unterwegs. Noch im Traum hört Jakob eine Stimme, Gottes Stimme. Und er hört staunend, was Gott ihm sagt: „Schau, ich bin mit dir, Jakob, und ich will dich behüten, wo du auch hingehst.“
Überrascht wacht Jakob auf. ‚Gott ist hier bei mir – und ich hatte keine Ahnung. Er sieht mich an und segnet mich – nach allem, was war.‘ Damit hatte er nicht gerechnet.
Jakob betet an diesem Morgen. Vielleicht das erste Mal seit langer Zeit. Er tastet sich vorsichtig an Gott heran. „Zeig dich, Gott. Hör mich, Gott.“
Jakob stehen kritische Jahre bevor. Da kann er Gottes Begleitung brauchen. Darum bittet er jetzt. Und wer seine Geschichte kennt, der weiß vielleicht: Es geht gut. Auf der Flucht findet Jakob wirklich sein Glück.
Und immer öfter träumt er anscheinend auch davon, sich wieder mit dem Bruder zu versöhnen. Zu ihm hinzugehen und sich zumindest zu entschuldigen.
Damit hat es dann gedauert und sein Lebensweg war komplizierter, als er sich das erträumt hatte. Aber die Segens-Worte aus jener Nacht, die haben ihn begleitet: „Schau, ich bin mit dir und ich will dich behüten, wo du auch hingehst.“
Ich glaube, so ist das mit dem Segen: er ist nicht nur etwas für traumhafte Zeiten. Er ist etwas für jeden Tag.
Darum will ich Gott auch heute um seinen Segen bitten. Für mich, für alle, die träumen – vor allem aber für die, die auf der Flucht sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20565

Ich habe eine alte Dame im Seniorenheim besucht. „Ach“ sagt sie, „ich wollte nie so alt werden! Ich bin da irgendwie reingeschlittert!“
Sie ist Mitte 90. Ihre Beine wollen nicht mehr, sie hört schlecht und sehen kann sie schon lange nicht mehr richtig.
Nach kurzer Überlegung fügt sie hinzu: „Aber ich muss es halt nehmen, wie es kommt. Jeden Tag erinner ich den da oben, dass ich noch da bin. Wenn er mich schon nicht holt, muss er mir wenigstens zuhören.“
Ein paar Wortwechsel später gehe ich berührt aus dem Seniorenheim und denke: stimmt schon. Altwerden ist nichts für Feiglinge.
Ich bin daran gewöhnt, dass ich vieles ganz gut hinbekomme. Über meine Gesundheit muss ich mir nicht viel Gedanken machen, ich arbeite gern und genieße es, selbstständig zu leben. Das nehme ich ziemlich selbstverständlich.
Vermutlich würde ich nie laut sagen, dass ich stolz bin auf das, was ich leiste – aber ich ahne, was das für eine Umstellung im Alter ist, wenn man tatsächlich immer weniger leisten kann und vieles nur noch anstrengend ist oder einfach mehr Zeit braucht als früher. Wenn ich alt bin, werde ich mich vermutlich von manchem verabschieden müssen. Und wahrscheinlich will ich das dann gar nicht. Ich will nicht die Hilfe anderer brauchen und um Hilfe bitten müssen.
Bin ich nur dann etwas wert, wenn ich etwas leisten kann? Nein, das glaube ich nicht. Und ich bin dankbar, dass ich in der Bibel in der Tat etwas ganz anderes lese. Da tröstet ein Prophet seine Landsleute: „So spricht Gott, der Herr: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jes 43,1). Da ist nicht von einem Leistungsnachweis die Rede. Und einen Namen muss ich mir auch nicht erst machen. Einfach nur so, einfach nur, weil Gott liebt, steht er an meiner Seite.
Egal, ob meine Knie wacklig sind und ob ich morgen noch einen klaren Gedanken fassen kann. Egal ob sich viele an mich erinnern und egal, an wie viel ich mich erinnere.
Das bleibt. Dass ich zu Gott gehöre, das bleibt für immer.
Der Gedanke, dass ich für immer zu Gott gehöre, der kommt in der Bibel übrigens häufig vor. Das Wort „Leistung“ kein einziges Mal.
Und ich merke: das ist ein wichtiger Gedanke für jede Phase meines Lebens. Auch für mein Leben heute. Ich bin etwas wert – egal wieviel ich leisten kann. Es tut mir gut, dass ich mich darauf verlassen kann. Nicht erst, wenn ich alt geworden bin.
Demnächst werde ich mal wieder bei der alten Dame im Heim vorbeischauen. Mir scheint, ich kann einiges von ihr lernen…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20564

Manche Leute versuchen, Flüchtlingen Angst einzujagen. In ihren Unterkünften brennt es. Immer wieder hört man solche Nachrichten.
Gerald Asamoah, dem früheren deutschen Fußballnationalspieler, hat es gereicht. Der gebürtige Afrikaner hat viele Jahre bei verschiedenen deutschen Clubs gespielt. Heute ist er Jugendtrainer bei Schalke. Zusammen mit dem Schalker Team hat er jetzt im Stadion einen Video-Clip gedreht und ins Netz gestellt. „Steht auf!“ haben sie ihre Botschaft genannt. „Steht auf, wenn ihr Menschen seid!“
Bei den Spielen singen die Fans ja oft: „Steht auf, wenn ihr Schalker seid!“ Bei uns in Baden eher: „Steht auf, wenn ihr Badner seid“. Klar. Jedenfalls wird das Lied beim Fußball oft angestimmt. Dann stehen nicht alle, aber doch eine Menge Leute auf. Sie klatschen und singen und zeigen ihrer Mannschaft: wir halten zusammen, wir gehören zusammen. Zusammen schaffen wir’s.
„Steht auf, wenn ihr Menschen seid!“

Gerald Asamoah versucht in dem Video, sich in einen Flüchtling hineinzuversetzen, der vor seiner Unterkunft von Demonstranten niedergebrüllt oder auf der Straße angepöbelt wird. Und Asamoah sagt: „Wenn alle Leute Zivilcourage zeigen, wenn sie darüber reden und sagen: ‚So geht es nicht!‘ Dann erreicht man sehr viel. Wir müssen ein Zeichen setzen. Das heißt: Wir müssen aufstehen!“
Das Video ist vermutlich das erste und einzige von Schalke, das noch am gleichen Tag auch vom Erzrivalen Dortmund veröffentlich worden ist. Und schon ein paar Stunden später haben sich in Hamburg Fans der beiden rivalisierenden Hamburger Bundesliga-Vereine zusammengetan und haben öffentlich Position bezogen: „Steht auf, wenn ihr Menschen seid!“
Wir halten zusammen. Wir helfen zusammen. Vielleicht diskutieren wir uns in manchem die Köpfe heiß, aber in diesem Land werden fremde Menschen nicht angegriffen, sondern begrüßt.
Gerald Asamoah macht übrigens kein Geheimnis aus seinem christlichen Glauben.
„Steht auf“ – das könnte ja auch aus der Bibel stammen. „Du sollst den Fremden, der bei dir wohnt, nicht bedrücken“, lese ich dort.
Also: steht auf, wenn ihr Christen seid. Schaut nicht weg, hört nicht weg, wenn Flüchtlinge mit Worten oder Taten angegriffen werden. Setzt euch für sie ein. Versucht zu helfen. Einfach, weil sie Menschen sind, die in Not sind.
Steht auf, wenn ihr Menschen seid.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20563

Stimmen meine Erinnerungen? Ich meine: war das eigentlich wirklich so?
Hat zum Beispiel wirklich der andere damals mit dem Streit angefangen? Und mein großer Schwarm: War der tatsächlich der wundervollste Junge auf der ganzen Schule?
Tony hat mich auf solche Fragen gebracht. Tony ist die Hauptfigur in dem Buch, dass ich im Urlaub gelesen habe.¹
Tony hat sich in seinem Leben gut eingerichtet. Er ist im Ruhestand, mit seiner Ex-Frau versteht er sich nach der Scheidung besser als vorher, Tochter und Enkel erfüllen ihn mit Stolz.
Tony erzählt in diesem Buch zufrieden die Geschichte seines Lebens: ein ruhiges, unaufgeregtes Leben. Als er mit Erzählen fertig ist, bin ich noch nicht mal in der Mitte des Buches angekommen. Was ist denn hier los?
Nun, etwa in der Mitte meines Buches bekommt Tony einen Brief zurück. Einen, den er selbst vor vielen Jahren im Zorn geschrieben hatte. Und er merkt: Komisch, ich hatte das ganz anders in Erinnerung: Eigentlich hatte ich doch damals ganz cool reagiert. Oder etwa doch nicht? Jetzt in der Gegenwart klingt der Brief ziemlich herb: tief gekränkt und ganz schön bösartig. Oha.
Der Tony aus meinem Buch staunt. Beklommen und ziemlich verwirrt versucht er, herauszufinden, was eigentlich wirklich geschehen ist. Wie er damals drauf war. Und wie er heute mit dem zurecht kommen kann, was er damals gesagt, getan, empfunden hat. Im Rückblick findet er kaum erträglich, was er sich im Lauf der Jahre in seiner Erinnerung doch so schön zurecht gelegt hatte.
Tonys Geschichte hat mich beeindruckt. Und ich bin selbst ins Grübeln gekommen. Ich habe ja auch Erinnerungen. Manches wiegt für mich schwer, anderes fühlt sich federleicht an – und oft bin ich mir sicher: das war genau so und nicht anders. Aber wer weiß, was ich mir da über die Jahre hübsch zurecht gelegt habe?
Dabei müsste das gar nicht sein, dass ich’s mir hübsch zurechtlege. Ein Gebet aus der Bibel macht mir Mut. Da lobt einer seinen Gott: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ Das finde ich einen starken Gedanken: bei Gott bin ich gut aufgehoben. Mit allem, was war. Auch mit dem, was nicht gut vernarbt ist, und mit dem, was mir heute eher peinlich ist.
Ich stell mir vor, wie ich damit vor Gott stehe. Da muss ich es nicht wegdrücken und nicht schönreden. Er hält mich aus. Mit allem.
Das hilft mir, zurückzuschauen und ehrlich mit mir selbst zu sein. Ich muss mir nichts vormachen. Und anderen auch nicht. So kann ich leichter weitergehen.

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte, btb-Verlag

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