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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Europa ohne Grenzen. Die meisten von uns erleben das heutzutage so, dass wir nicht einmal mehr den Reisepass vorzeigen müssen, wenn wir über die Grenze gehen. Dass das nicht immer so war  wurde mir unlängst in Prag schmerzlich bewusst.

Ich hatte eine ganz eigenartige Begegnung, die mich sehr berührt hat und immer noch beschäftigt. Es war am Zaun hinter der deutschen Botschaft. Ein menschenleerer, stiller, friedlicher Ort – äußerlich betrachtet. Mit einem wunderbar gepflegten Park auf der anderen Seite des Zauns. 

Neben mir, ein paar Meter entfernt stand eine  Frau, die Rotz und Wasser heulte.

Was Sie wohl mit diesem Ort verbindet,  habe ich mich gefragt. Ich werde es wohl nie erfahren  - denn in dem Moment konnte ich sie nicht ansprechen. Auch ich hatte einen Kloß im Hals. Denn plötzlich waren sie wieder da, die Bilder vom Sommer 89, die Abend für Abend im Fernsehen gezeigt wurden. Hunderte von Landsleuten aus dem Osten Deutschlands, die sich in diesen Park geflüchtet hatten und nur eines wollten: Freies Geleit in den Westen. Es wurden immer mehr, die Umstände unter denen sie dort campieren mussten immer widriger und ich erinnere mich noch gut an das mulmige Gefühl, ob das wohl gut geht…oder in Prag doch wieder die Panzer rollen wie 1968 und der Sehnsucht nach Freiheit ein brachiales Ende bereiten

Ob diese weinende Frau im Sommer 89 wohl dabei gewesen ist? Oder jemand aus ihrer Familie?  Was hat sie erlebt welche Bilder trägt sie in sich? Was erschüttert sie hier so?

Historisch betrachtet gab es an diesem Ort ein Happy End. Am 30. September hat Hans Dietrich Genscher als damaliger Außenminister der BRD vom Balkon diesen schlichten und doch alles verändernden Satz gesprochen: „Liebe Landsleute, wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise möglich geworden ist.“ Tosender Beifall und Jubel, Menschen die sich in den Armen lagen und weinten vor Freude.

Die Tränen, die heute hier geweint werden, sind keine Freudentränen.

Heute ist es ganz still an diesem Ort. Der gepflegte Park ist menschenleer.

Nur eine gusseiserne Tafel mit den Worten Genschers und David Czernys Skulptur von einem Trabbi auf vier Beinen erinnern an diese aufwühlenden Tage im August.

Mich wühlt diese Frau auf, die neben mir weint. Sie erinnert mich an damals. Die Spuren, der „Belagerung“ in diesem Park konnte man zwar beseitigen – aber nicht das, was ihr noch immer auf der Seele liegt.

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„Suche in jedem Gesicht erst den Menschen“, Das ist ein Gedanke von Johann Wolfgang von Goethe. Wenn das immer so einfach wäre, was der einst von sich gab. Das dachte ich, als sich neulich in der Bahn eine ziemlich wild und zerstreut aussehende ältere Frau zu mir gesetzt hat.

Eigentlich wollte ich in dem Moment nur meine Ruhe haben, am liebsten keinen  kein Gegenüber, nur dasitzen, aus dem Fenster schauen und vor mich hindösen dürfen.

Die Tage die hinter mir lagen, waren anstrengend gewesen, die Hitze im Waggon unerträglich, so dass ich ziemlich schlapp in den Seilen hing.

Ganz anders diese Frau. Voll Energie nahm sie mir gegenüber Platz und strahlte mich mit einem zahnlosen Lächeln an.

Es hat mich Überwindung gekostet, sie überhaupt anzusehen, so verwahrlost war ihr Zustand, gleichzeitig habe ich mich für meinen Widerwillen geschämt.

„Jetzt wird’s ernst, Frau von der Kirche“, dachte ich mir. Da bist du überzeugt, dass dir in jedem Mensch Gott entgegenkommt und in jedem ein göttlicher Funke ist aber wenn die Theorie auf die Praxis trifft, würdest du am liebsten kneifen?

Das kann ja wohl nicht wahr sein! 

Die Frau ließ zum Glück nicht locker: „Darf ich sie mal was fragen?“ „Ja klar“, hab ich geantwortet. Und strahlend hat sie mir ein reichlich verknittertes Heiligenbild gegeben. „Kennen sie den?“ „Ja“, habe  ich gesagt, das ist der Heilige Georg, der Drachentöter. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Dann sprudelte es nur so aus ihr heraus. Sie käme eben von einem orthodoxen Gottesdienst. So schön sei es dort gewesen, die Lieder, der Weihrauch die vielen Kerzen. Sie erzählte mit so viel tiefer Freude und Begeisterung, dass ich ihr buchstäblich an den Lippen hing und sie einfach anschauen musste.

Sie leuchtete irgendwie von innen heraus und ich habe ihr Gesicht plötzlich als schön empfunden.

Sie hat es geschafft, dass ich sie neu sehen konnte. Es war fast schade, als sie aussteigen musste.

Ob da der Heilige Georg seine Hand im Spiel hatte, der meinen inneren Drachen  vernichtet hat?

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In der Ferienzeit sind unglaublich viele Menschen unterwegs. Fremde Menschen von überall her kommen zu uns, wir reisen in andere Länder oder gar Kontinente.

Ich frage mich: Warum haben viele Menschen das Bedürfnis, sich aufzumachen, die gewohnte Umgebung zu verlassen und in eine andere Welt einzutauchen?

Vielleicht, weil der Mensch von Haus aus neugierig ist. 

In den Tagebüchern des Schriftstellers Max Frisch habe ich noch eine weitere Erklärung gefunden:

„Warum reisen wir?

Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal, damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei...“

Es geht also beim Reisen nicht nur darum, irgendwelche Sehenswürdigkeiten abzuklappern oder Bauwerke zu bewundern, auch nicht nur darum, fremde Landschaften in sich aufzunehmen, sondern um die Begegnung mit Menschen, die dort leben. Manchmal ist es diese Begegnung mit Fremden, die mich besonders beschenkt. Vielleicht weil solche Begegnungen oft einfach unverhofft und spontan sind. Vielleicht aber auch, weil der andere mich nicht kennt, weder meine Geschichte noch meinen Alltag, weder meine Stärken noch meine Schwächen.

Dass ich nochmals ganz neu für jemand sein darf, ist eine wunderbare Erfahrung. Vielleicht, weil ich mich so auch wieder neu sehen kann und plötzlich merke, wie gut ich`s eigentlich habe, was schön ist zu Hause in meinem ganz normalen Alltag.

Und vielleicht helfen mir solche Begegnungen und Erfahrungen auch dabei, dass ich die Menschen in meiner direkten Umgebung wieder anders wahrnehme, deutlicher das Positive sehen kann. Bei den Kollegen am Arbeitsplatz, an der Nachbarin, die immer freundlich zu mir ist,  bei meinem Mann und meinem Sohn.

Von daher glaube ich, dass es gut ist, immer wieder den berühmten Tapetenwechsel vorzunehmen, um durch so eine Reise  beschenkt wieder gern nach Hause und zu den Menschen dort zurückzukehren.

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„Die längste Reise ist die Reise nach Innen“, Mit diesem Satz bringt Dag Hammerskjöld ein Gefühl, auf den Punkt, das mir sehr vertraut ist. Immer wieder stehe ich vor der Frage: Wer bin ich eigentlich? Die äußeren Fakten, wie sie im Reisepass stehen, sind schnell genannt. Geboren am: wohnhaft in: Größe, Augenfarbe, besondere Kennzeichen. Mit diesem Pass kann ich auf Reisen gehen, mich ausweisen, fremde Länder betreten.

Doch was braucht es, um die Reise nach Innen antreten zu können? Den geschützten Raum, einen Ort wo ich selber ruhig und still werden kann und in mich hineinhorche. Manchmal gelingt mir das, wenn ich spazieren gehe, manchmal spät am Abend, wenn im Haus alles ruhig ist, kein Telefon mehr klingelt, niemand mehr was von mir will und ich mich in den Sessel setze.

Bei meinen Versuchen, diese Reise nach Innen zu machen, meditiere ich manchmal Worte der Theologin Christina Brudereck.

Sie schreibt:

Heiliger Raum

in jedem Menschen gibt es einen heiligen Raum

wir können ihn Seele nennen, oder Identität

wichtig ist: hier wird meine Würde gehütet

in diesem Raum gelten andere Gesetze

es gilt die Gnade und liebevolle Achtung

und die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Sehnsucht

im heiligen Raum tritt mich niemand

niemand kommt über die Schwelle

ich bin hier für mich

der heilige Raum fasziniert und schützt

ich werde still - das Gerede bleibt außen vor

die vielen Stimmen, die auf mich einreden, - sind verstummt

ich finde Frieden

ich erlebe mich als heil

ich sehe mich neu

erst werde ich still, dann werde ich hörend

ich öffne mein Herz

weil ich auf einmal ahne: Gott wendet sich an mich

ich werde weicher und erwartungsvoll

vernehme ein anderes Reden das meine Seele beschenkt

ich will mehr

wenn ich aus meinem Raum komme beschenke ich das Leben

und weiß: ich kann ihn jederzeit wieder aufsuchen

mich in ihm bergen

ich erlebe: hier liegt meine Stärke

niemand kann mir das nehmen

in mir gibt es einen heiligen Raum

meine Seele, meine Identität

hier wird meine Würde gehütet.

Diese Worte berühren mich immer wieder aufs Neue. Ich finde sie tröstlich – nicht nur für mich, sondern für alle Menschen. Sie versichern mir, dass es in jedem Menschen dieses Geheimnis seiner Person gibt, an dem nicht gerüttelt werden darf und dass diese Reise nach Innen nicht ins Bodenlose führt sondern zu mir selbst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20381

Elija ist ein Hitzkopf. Wahrscheinlich mag ich ihn deshalb so gern, den Propheten aus dem Alten Testament. Jedenfalls begleitet mich seine Geschichte schon sehr lange und ich fühle mich mit ihm verbunden.

Elija ist mit Feuereifer bei der Sache, er schießt bisweilen über das Ziel hinaus und powert sich aus. Am Ende weiß er sich nicht anders zu helfen, als in die Wüste zu fliehen. Er hat genug von allem und all den Leuten, die einfach nicht kapieren, dass sein Gott der „einzig wahre“ ist. Heute würde man vermutlich sagen, dass er so etwas wie einen Burnout hatte. Er war leer und todmüde und wollte nur noch seine Ruhe haben – womöglich gar die ewige. So legt er sich in der Wüste hin und will nur noch sterben. „Es ist genug, mein Gott“, sagt er. Doch Gott hat andere Pläne mit ihm. Er schickt einen Engel, der ihm Brot und Wasser bringt, und ihn ermutigt, wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Elija isst und trinkt zwar, legt sich dann aber wieder hin. Wasser und Brot sind gut und schön. Aber das reicht nicht, ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Erst als der Engel ihn aufrüttelt und ihm zusagt, dass er noch eine Aufgabe vor sich hat, ist er bereit aufzustehen und weiter durch die Wüste zu gehen. Doch Elija braucht viel Wüste   um seinen Gott und vielleicht auch sich selbst wiederzufinden. Vierzig Tage, steht in der Bibel.

Dann begegnet er seinem Gott. Nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, wie man es sich für einen Hitzkopf wie Elija vorstellt -   sondern in einem leisen Säuseln – oder wie der Jüdische Religionsphilosoph, Martin Buber, übersetzt: „In einer Stimme verschwebenden Schweigens“. Da spürt er Gott. Und erst da, in diesem Moment  -  spürt er sich selbst endlich wieder.

Vielleicht braucht es auch für mich dieses in die Wüste, in die Stille gehen, um diese andere, innere Stimme wieder zu hören. Ich muss irgendwie  leer und still werden um in dieser Leere Gott und die Fülle des Lebens zu erfahren –

Vielleicht muss ich manchmal regelrecht das Weite suchen, um die Weite wieder zu finden…und in die Wüste gehen um dort in der Stille mich selbst und meinen Gott wieder zu finden. Oder mich von ihm finden lassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20380

„Der Herr ist mein Hirte nichts wird mir fehlen…“, mit diesen Worten beginnt der 23. Psalm. Er erzählt in schönen Bildern, wie gut Gott es mit uns Menschen meint.

Es heißt dort, dass Gott einen Tisch für mich deckt, dass er dafür sorgt, dass mein Becher voll ist, dass ich bei ihm eine Heimat auf Dauer habe.

Folgenden Vers mag ich besonders gern: „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“ – Das Bild spricht mich  sehr an. Vielleicht weil Wasser mein Element ist. Nirgendwo kann ich so gut abschalten und mich sortieren wie beim Schwimmen. Und wenn ich die Augen zumache und mir diese grüne Aue, meinen Ruheplatz am Wasser vorstelle, dann sehe ich deutlich meinen Lieblingspark am Bodensee vor mir.

Das ist mein Ort, an dem ich Kraft tanken kann. Indem ich ins Wasser eintauche, manchmal nur aufs Wasser schaue oder eben jenen Psalm 23 meditiere, den Wilhelm Willms  so für sich übersetzt hat:

Mein Hirt ist Gott, der Herr.

Mir fehlt nichts.

Er führt mich mitten durch Wüsten zu einer Oase.

Er lässt mich finden einen Quell.

Er lenkt meine Sehnsucht und meine Neugier,

die groß ist und lässt mich finden meinen Weg.

Und wenn ich auch oft durch dunkle Tiefen muss

bis an den Rand des Todes,

ICH fürchte meinen Untergang nicht,

denn DU – Verborgener begleitest mich.

Dein Stock, den ich spüre an meinem Leib sagt mir,

dass Du mich nicht aus dem Auge verlierst.

Und was mich bedrückt wird plötzlich zum Trost

du leitest mich auf des Messers Schneide

durch Dunkelheit, die umschlägt in Licht.

Du hast immer – zur rechten Zeit

einen Tisch mir gedeckt.

Und wenn ich meine,

jetzt hat ER mich verlassen,

dann fällt plötzlich Brot aus der Luft.

Du erfrischst mein Gesicht

Wenn Angstschweiß mir auf der Stirn steht,

und wenn meine Zunge am Gaumen klebt

und ich sprachlos bin

kommt unverhofft ein Schluck Hoffnung.

Mein Weg ist gezeichnet

Von Glück

Und Angst

Und Glück

Und immer aufs Neue

Umgibst du mich mit Zeichen der Freundschaft. DU

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