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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal kommt es anders als man denkt. Bei unserem Schulfest zum Beispiel. Die Schule, an der ich Religion unterrichte, hat in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Und der sollte am Schuljahresende mit einem großen zweitägigen Schulfest gefeiert werden. Lehrer und Schüler hatten lange auf diesen Tag hingearbeitet und viel vorbereitet. Hunderte von Gästen hatten sich angemeldet.
Aber dann kam alles anders: Zwei Tage vor dem Fest hat irgendjemand nachts einen Müllcontainer vor der Schule angezündet. Durch die Hitze ist eine Fensterscheibe zersprungen und der giftige Rauch ins Gebäude gezogen. Die Folge: Die Schule durfte nicht mehr betreten werden. Unser großes Jubiläumsfest ist ins Wasser gefallen.
Mich hat dieser Brandfall an unserer Schule daran erinnert, wie unsicher alles im Leben ist: Man plant, macht und bereitet vor – und dann braucht es nur eine kleine Sache, und schon ist die ganze Planung und Vorbereitung im Eimer.
Im Grunde kann einem immer irgendetwas einen Strich durch die Rechnung machen. Aber dann ist es doch erstaunlich, wie selten das tatsächlich passiert. Manchmal kommt es anders als man denkt. Aber eben nur manchmal und eigentlich ziemlich selten. Das Allermeiste im Leben geht gut. Dem einen abgesagten Schulfest stehen viele gelungen Feste, Konzerte und Theateraufführungen an unserer Schule gegenüber. Oder dem einen verregneten Urlaub, den man vielleicht mal erlebt, viele sonnige. Und manchmal kommt es sogar besser als man denkt. Wie beim Open-Air-Konzert letztes Jahr, bei dem ich war. Vor dem Konzert hat es geregnet, aber sobald die Musik losging, hörte der Regen auf. Meistens geht alles gut – Gott sei Dank.
Ich glaube, dass wir das tatsächlich Gott verdanken. Es ist wie im Film „Bruce Allmächtig“. Da darf der Fernsehreporter Bruce Nolan eine Woche lang die Rolle von Gott übernehmen. Ergebnis: Die ganze Stadt versinkt im Chaos, und eine Katastrophe jagt die andere. Erst als Gott die Sache wieder in die Hand nimmt, beruhigt sich die Lage.
In einem Gebet in der Bibel heißt es über Gott: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest“ (Psalm 91,11f). Die Theologen nennen solche Gebete „Vertrauenspsalmen“. Es geht so vieles gut – ich kann Gott und dem Leben vertrauen.
Unser Jubiläumsfest wird jetzt übrigens im September nachgeholt. Und nach dem Brand waren sich Alle einig: Es hätte noch schlimmer kommen können. Gott sei Dank ist niemand zu Schaden gekommen.

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Vor einiger Zeit habe ich auf dem Dachboden meines Elternhauses einen Ordner aus meiner Schulzeit gefunden, Abschlussklasse, Inhalt: Englisch, Deutsch, Religion. Ich habe darin geblättert. Und ich hätte schwören können, dass ich das meiste, was ich da vor vielen Jahren aufgeschrieben habe, noch nie in meinem Leben gehört habe.
Was bleibt von der Schule? Bei mir ist es offensichtlich nicht der vermittelte Stoff, der hängen geblieben ist. Und ich vermute, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Trotzdem glaube ich, dass die Schule eine sehr wichtige Rolle im Leben spielt.
Die Schule prägt einen. Das ist mir bewusst geworden als ich mit Kollegen an der Jubiläumsschrift zum 50. Geburtstag unserer Schule gearbeitet habe. Wir haben ehemalige Schüler gebeten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben oder wir haben mit ihnen Interviews geführt.
Da hat sich gezeigt, wie prägend unsere Schule für Viele war. Ein ehemaliger Schüler zum Beispiel hat nach dem Abitur Jura studiert. Aber kurz vor dem Abschluss hat er das Studium abgebrochen. Im Rückblick hat er es damit begründet, dass er Schüler an unserer Schule war. Unsere Schule ist nämlich ein naturwissenschaftliches Gymnasium. In den Naturwissenschaften gibt es meistens nur richtig oder falsch. Bei der Rechtsprechung liegen die Dinge anders. Da gibt es auch Grauzonen. Da muss man als Richter oder Anwalt auch mal abwägen und ist sich nicht immer ganz sicher, wer Recht hat. Das war unserem ehemaligen Schüler nicht geheuer. „Jura war mir nicht eindeutig genug“, hat er in der Jubiläumsschrift geschrieben. Er hat dann stattdessen Biologie studiert und ist Direktor eines bekannten zoologischen Gartens geworden.
Ich finde, an diesem Beispiel wird deutlich: Jede Schule hat ihren eigenen Charakter und ihren eignen Geist. Und den gibt sie ihren Schülern mit. Es ist nicht egal, wo man Mathe, Deutsch oder Englisch lernt. Wäre der Schüler im Nachbarort zur Schule gegangen, wäre er vielleicht Rechtsanwalt geworden.
Und: Schule gibt einem auch Werte mit auf den Lebensweg. Mir zum Beispiel die Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind. Mir war bis zum Ende meiner Schulzeit nicht bewusst, dass es verschiedene gesellschaftliche Schichten gibt und dass manche Menschen höher gestellt sein sollen als andere. Dafür bin ich meiner Schule dankbar. Bis heute beeindrucken mich das Bankkonto, der Rang oder die Herkunft eines Menschen wenig.
Was ist bei Ihnen von der Schulzeit geblieben? Und wie hat Ihre Schule Sie geprägt? Ich finde, es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken. Man versteht sich selbst dann ein bisschen besser.

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Die Natur ist ein großartiges Geschenk Gottes – daran hatte der Liederdichter Paul Gerhard keinen Zweifel. „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“. In seinem bekannten Lied beschreibt der Dichter die Schönheit der Blumen, den Gesang der Nachtigall, die rauschenden Bäche und die fleißigen Bienen. Paul Gerhard war sich sicher: Das alles hat Gott geschaffen, damit die Menschen sich daran freuen können.
Das war vor fast 400 Jahren. Wenn ich heute durch die Natur gehe, dann sehe ich die Dinge anders. Vor einiger Zeit habe ich eine Dinosaurierausstellung besucht. Seitdem weiß ich, dass viele Raubsaurier gefiedert waren und dass die heutigen Vögel Nachkommen dieser Dinosaurier sind. Jetzt sehe ich keine süßen, fröhlichen Gesellen mehr in meinem Garten sitzen, sondern kleine gefräßige Mini-Saurier.
Ganz ähnlich geht es mir mit den Feldmäusen. Ich habe eine Tierreportage im Fernsehen gesehen. Und da hieß es: Der Sinn dieser Mäuse ist es, Nahrungsvorrat für alle möglichen Raubtiere zu sein. Seitdem sehe ich kein niedliches Wollknäul mit Knopfaugen mehr, wenn ich eine Maus sehe. Ich sehe jetzt Futter auf vier Beinen.
So muss ich die Natur sehen. Das erklären mir die Biologen seit Charles Darwin. Da draußen herrscht, wo ich hinschaue, ein Kampf ums Überleben. Pflanzen kämpfen um Licht und gute Standorte, Tiere fressen sich gegenseitig auf. – Nichts, worüber man sich wirklich freuen kann. Von wegen „geh aus mein Herz und suche Freud“.
Obwohl das ja stimmt und einleuchtend ist, sträubt sich in mir etwas. Ich will die Welt nicht als grausamen Kampfplatz ums Überleben sehen. Und ich spüre auch: Das ist nur die halbe Wahrheit. Paul Gerhard hat auch Recht. Und ich mache mir nichts vor, wenn ich mich an den Pflanzen und Tieren freue.
Die Bibel bringt beide Seiten zusammen: Gott, so steht es gleich am Anfang, hat die Welt wunderbar und gut geschaffen. Nur: Diese gute Schöpfung ist nicht mehr wie sie sein sollte. Der Apostel Paulus hat es so formuliert: Pflanzen und Tiere vergehen, sie seufzen und warten darauf, dass sie erlöst werden (vgl. Römer 8,18-22). Aber trotzdem kann man die ursprüngliche Schönheit der Schöpfung immer noch erkennen. Beides stimmt.
Es ist nicht gut, wenn die positive Sicht der Natur in unserer Zeit verloren geht. Paul Gerhard hat sein Lied kurz nach dem 30-jährigen Krieg geschrieben, als Deutschland total verwüstet und zerstört war. Es hat ihm Kraft und Freude gegeben, die Natur als großartiges Geschenk Gottes zu sehen. Ich finde, auch wir heutigen Menschen können diese Kraft und Freude gut gebrauchen.

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Mit geliehenen Sachen geht man besonders sorgfältig um. Deshalb habe ich mir neulich einen Vertikutierer für unseren Rasen gekauft. Mein Nachbar hätte mir seinen auch geliehen. Aber ich wollte lieber meinen eigenen haben. Warum? Weil ich mit dem dann machen kann, was ich will. Ich muss nicht so sehr drauf aufpassen. Und wenn er kaputt geht, ist es nicht so schlimm. Auf geliehene Sachen passt man besser auf. Man geht pfleglicher mit ihnen um, weil man sie ja irgendwann wieder dem Besitzer zurückgeben muss.
In einem Psalm in der Bibel heißt es: Gott „gehört die ganze Erde, mit allem, was darauf lebt“. Das finde ich interessant: Die Erde, alle Lebewesen, mein Leben – all das gehört eigentlich Gott. Und Gott hat uns Menschen das alles nur geliehen. Irgendwann will er es zurückhaben, und bis dahin soll ich es so gebrauchen und behandeln, dass ich es ihm auch in einem guten Zustand und mit einem guten Gewissen wieder zurückgeben kann.
Dieser Gedanke hat auch etwas Beunruhigendes. Alles gehört Gott und ich bin ihm gegenüber verantwortlich. Aber ich finde, auf der anderen Seite macht das die Dinge auch wertvoller. Alles was mir wichtig ist, gehört eigentlich gar nicht mir. Gott hat es mir nur geliehen und anvertraut. Dieser Gedanke hilft mir, besser mit den Dingen, mit meinen Mitmenschen und mit mir selbst umzugehen.
Besonders, wenn ich an meine Kinder denke. „Wem g’hörsch du?“, hat man früher – zumindest im Schwabenland – ein Kind gefragt. Das Kind hat einem dann gesagt, wer seine Eltern sind. Aber eigentlich hätte es antworten sollen: „Gott“.
Die Kinder gehören Gott. Daran erinnert auch die Taufe. Bei der Taufe legen die Eltern ihr Kind symbolisch in Gottes Hände. Und Gott lässt dem Kind durch den Pfarrer ausrichten: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jesaja 43,1 – Gute Nachricht Übersetzung).
Meine Kinder gehören mir nicht. Sie gehören Gott. So fällt es mir auch leichter, ihnen den nötigen Freiraum zu geben. Den brauchen sie, um ihren eigenen Weg durchs Leben zu gehen. Sie sollen ja nicht meine Erwartungen und Wünsche erfüllen. Gott hat ihnen ganz eigene Begabungen und Stärken geschenkt. Die sollen sie entdecken und entfalten.
Und deshalb ist es auch gar nicht schlimm, dass keins meiner Kinder Gitarre spielt. Auch wenn ich mich darüber gefreut hätte, weil das mein Lieblingshobby ist. Mir bleibt ja immerhin noch mein Vertikutierer. Mit dem kann ich machen, was ich will. Der ist ja nicht ausgeliehen.

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In den Ferien lese ich gerne. Im Alltag habe ich dafür oft nicht die Zeit – höchstens abends vor dem Schlafengehen ein paar Seiten. Im Urlaub dagegen kann ich es mir auch tagsüber mal gemütlich machen und mich in ein Buch und seine Geschichte vertiefen. Vielleicht kennen Sie das ja auch.
Ich packe dieses Jahr zwei Bücher in den Koffer. Einen Roman und die Bibel. In der Bibel lese ich zwar auch sonst. Aber im Urlaub habe ich einfach mehr Ruhe. Da fällt es mir leichter, die Gedanken schweifen zu lassen und darüber nachzudenken, was die Geschichten für mich bedeuten.
Ich erinnere mich an einen Urlaub auf Korsika. Früh morgens bin ich mit einen Klappstuhl und der Bibel an den Strand von unserem Campingplatz gezogen. Dort habe ich dann die Geschichte von Mose und dem Auszug aus Ägypten gelesen. Da draußen am Meer konnte ich die Freude der Israeliten über ihre Befreiung aus der Sklaverei sehr gut nachempfinden. Und ich habe diesen Urlaubstag selbst als Befreiung erlebt. Als Befreiung aus den Zwängen des Alltags.
Ich kann die Bibel als Urlaubslektüre empfehlen. Allerdings eignet sie sich nicht so gut dafür, sie von vorne bis hinten durchzulesen wie einen Roman. Das liegt daran, dass die Bibel gar kein einzelnes Buch ist. Sie ist eine Büchersammlung. Eine kleine Bibliothek mit insgesamt 66 einzelnen Schriften. Dazu kommt, dass es in der Bibel auch Passagen gibt, die schwer zu verstehen sind oder auch ein Bisschen langweilig.
Eine Kollegin hat mir erzählt, sie hätte mal versucht, die Bibel durchzulesen, sei dann aber an den Stammbäumen gescheitert. Es gibt in der Bibel nämlich lange Listen, die darüber Auskunft geben, wer der Sohn von wem war und wen der wiederum gezeugt hat. Solche Stammbäume sind wirklich nicht besonders spannend.
Deshalb würde ich als Lesestoff für die Ferien vor allem die Geschichten in der Bibel empfehlen. Die meisten davon stehen im Alten Testament. Zum Beispiel die von Joseph und seinen Brüdern, oder die von Jakob und Esau, oder die von Jona und dem Fisch. Oder im neuen Testament dann die Lebensgeschichte von Jesus in einem der vier Evangelien: Markus, Matthäus, Lukas oder Johannes.
Probieren Sie‘s doch mal aus. Am besten mit einer gut verständlichen Bibelübersetzung, wie der Guten-Nachricht-Bibel. Vielleich geht es Ihnen dann wie dem Schauspieler Ben Becker, und Sie finden sich in den Geschichten der Bibel wieder. Denn Ben Becker hat einmal gesagt: „Alle Geschichten, die wir kennen und [die] jeder von uns lebt, [die] stehen in dem Buch schon drin“ (SWR Leute vom 8.10.2008).

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Bibellesen ist manchmal gar nicht so einfach. Das merken meine Schüler immer wieder im Religionsunterricht. Zum Beispiel wenn wir uns in der sechsten Klasse die Geschichte vom Verlorenen Sohn anschauen. Da stehen den meisten Jungs und Mädchen unbekannte Wörter im Weg. Was ist ein „Erbteil“? Was ist bitteschön mit „Prassen“ gemeint? Und was bedeutet es, dass es den Vater „jammerte“?
Ich denke, so ähnlich geht es auch vielen Erwachsenen. Jedenfalls mit der Lutherbibel. Das ist die Bibelausgabe, die in der evangelischen Kirche mit Abstand am weitesten verbreitet ist. Martin Luther hat sie vor fast 500 Jahren ins Deutsche übersetzt. Zwar hat man seine Bibel inzwischen revidiert, das heißt: Man hat sie der modernen Sprache angepasst. Trotzdem haben immer mehr Menschen Schwierigkeiten, die Lutherbibel zu verstehen. - Eigentlich schade, denn Martin Luther hat die Bibel ja gerade deshalb ins Deutsche übersetzt, damit jeder sie lesen und verstehen kann.
Deshalb finde ich es gut, dass es inzwischen immer mehr Bibelausgaben gibt, die auf eine verständliche Sprache Wert legen. Es muss nicht die Lutherbibel sein. Wenn man meint: Ich verstehe beim Bibellesen immer nur Bahnhof, dann kann das daran liegen, dass man eben nur noch nicht die richtige Übersetzung gefunden hat. Heute gibt es so viele Bibelausgaben, dass da eigentlich für jeden die richtige dabei sein müsste. Zum Beispiel die Gute-Nachricht-Übersetzung in heutigem Deutsch oder die Basisbibel, die viele biblische Begriffe auch noch zusätzliche erklärt. Oder die Volxbibel, die in der Sprache der Jugendlichen geschrieben ist und viele Ereignisse einfach in die Gegenwart verlegt: Da kommt Jesus beispielsweise nicht in einem Stall zur Welt, sondern in einer Autogarage.
Seltsam? Ja vielleicht, aber ich finde: Besser eine Volxbibel, die gelesen wird als eine Lutherbibel, die im Bücherschrank verstaubt. Und ich vermute, dass Martin Luther das auch so sehen würde. Welche Bibelausgabe am besten zu einem passt, muss jeder für sich selbst rausfinden.
Mein persönlicher Favorit ist übrigens dann doch die Lutherbibel. Einfach weil ich sie gewohnt bin. Manche bekannten Texte klingen für mich komisch, wenn ich sie in einer anderen Ausgabe lese. Etwa die Weihnachtsgeschichte oder der Anfang von Psalm 23. Der lautet in der Volxbibel: „Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber, der mich nonstop erfüllt, denn seine Power ist unfehlbar“. Da gefällt mir doch die Lutherbibel besser: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“.

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