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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Nacht hat sich ausgeweint und einem blauen Himmel Platz gemacht, das ist ein Tag, der nach Aufbruch riecht.“ Diesen Text hab ich in einer ganz besonderen Situation meines Lebens von einem ganz besonderen Menschen bekommen. Darum mag ich ihn sehr. Aber auch weil er   – so kurz er auch ist – auf verschiedenen Ebenen gelesen werden kann.                                         Zuerst auf der wörtlichen: Wer kennt ihn nicht, den blauen Himmel nach einer durchregneten Nacht, blankgeputzt mit einem Blau, das einen geradezu in die Ferne zieht.
Der blaue Himmel kann aber auch für ein neues Leben stehen, und zwar für den Moment, an dem die Lebenskraft, der Lebenswille wieder erwacht. Nach langer Zeit der Trauer, nach zahllosen Tränen oder bleierner Schwere. Und plötzlich, unberechenbar und nicht zu erzwingen ist er da, der neue Tag, der wieder nach Leben schmeckt. Er kann kommen mit einem Blick, in einem Augenblick. Er kann kommen mit einem Geruch, nach Gras, Wasser oder Feuer. Er kann kommen mit einer Erinnerung, einer Erinnerung an vergangene Stunden, die noch da sind, im Herzen sind. Und der neue Tag, der Tag, der nach Aufbruch riecht, kann kommen, in einem Menschen. In einem Menschen, der ganz unverhofft in mein Leben tritt, der mich fordert, der mich herein- fordert ins Leben oder ganz einfach braucht. Und schließlich ist der Text von Brigitte Hildebrand einer meiner Hoffnungstexte für das Leben nach diesem Leben: Wenn der letzte Kampf gekämpft ist, die schön-schweren Fesseln gelöst und die Seele sich auf die letzte Reise macht, dann möchte ich genau das sagen können: „Die Nacht hat sich ausgeweint und einem blauen Himmel Platz gemacht, das ist ein Tag, der nach Aufbruch riecht.“                                                                    

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Eine Hand auf dem Rücken eines Menschen. Gesehen bei einer Trauerfeier. Ein Mensch ist ergriffen, weint. Und der Mensch in der Bank hinter ihm legt ihm sanft eine Hand auf den Rücken. Wie schön dachte ich. Aber auch wie schwer es ist, den Tod zu überleben.

„Den Tod überleben“ – ein widersprüchlicher Satz. Denn Tod ist Tod und Leben Leben denkt man doch. Aber so getrennt sind Leben und Tod gar nicht. Und ohne den Tod wäre das Leben sicher nicht so intensiv und kostbar.

Der Tod lässt uns spüren, was wichtig ist in unserem Leben, wie ein unsichtbarer Formgeber, der den Sinn des Lebens plastisch macht. Darum wird uns auch so Vieles erst richtig bewusst, wenn es fehlt, am heftigsten, wenn ein Mensch gestorben ist der uns nahe steht. Da erfährt man dann die ganze Wucht des Todes. Die Zeit scheint still zu stehen, man selbst ist wie gelähmt. Als ob der Tod eines geliebten Menschen auch das Leben aus meinem Leben ziehen könnte.

Aber wir haben viele gute Hilfsmittel, die uns Hinterbliebenen helfen den Tod zu überleben. Allen voran andere Menschen, die zeigen dass das Leben weiter geht indem sie da sind. Ganz einfach da sind. Trauerfeiern und Gottesdienste helfen den Tod in all seiner Größe zu würdigen, ihm aber auch seine Grenze zu zeigen, ihm seinen Platz zuzuweisen außerhalb des Lebens.

Vor allem aber ist es die Liebe, die dem Tod die allumfassende Macht nimmt. Sie reicht über das Leben hinaus. Nicht nur der Tod berührt die Unendlichkeit, auch die Liebe. Dieses wunderbare Band aus Gefühlen, Erinnerungen und gelebtem Leben kann auch der Tod nicht zerschneiden.

Für glaubende Menschen schließlich ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens. Das endgültige Überleben des Todes. Ganz geborgen, ganz bei Gott – in einer anderen Daseinsform. Ganz der Mensch, der ich in diesem Leben war und doch ein ganz anderer, ganz neu, göttlich neu. Und dort wieder ganz verbunden mit den Menschen, die nicht mehr in dieser Welt sind, deren Liebe aber noch in unsere hinüber reicht. Denn „Menschen begleiten uns eine Weile“, sagt der Dichter Rainer Maria Rilke, „ aber einige bleiben für immer, denn sie hinterlassen Spuren in unseren Herzen.“

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„Wenn Liebe zu Leben wird, bekommt das Glück einen Namen“. Ich weiß nicht von wem dieser Satz ist, aber er ist sehr schön. Und darum wird er auch gern zu Geburten oder zu Taufen geschrieben. Wenn Liebe zu Leben wird, bekommt das Glück einen Namen. Das ist schon so schön wie passend von unserem Schöpfer angelegt, dass der innigste körperliche Ausdruck von Liebe neues Leben schafft. Wir könnten uns ja auch anders fortpflanzen und Sex geht natürlich auch ohne Liebe oder ohne Zeugungsabsicht. Aber wenn es so ist, dass sich zwei Menschen mit Leib und Seele lieben, dann ist es doch die Krönung dieser Liebe, wenn aus ihr neues Leben entsteht. Und wahrlich ein Glück, wenn es gewünscht ist und einem dann auch geschenkt wird. Was nicht selbstverständlich ist. Wie viele Paare schmerzlich erfahren müssen, wenn sie ungewollt kinderlos sind.

Wem es aber vergönnt ist ein gewünschtes, gesundes Kind zu bekommen, der weiß welch ein Glück das ist. Und dieses Glück braucht eben auch einen Namen, will genannt sein, soll einen Klang haben. Denn dieser neue kleine Mensch ist Fleisch und Blut von zwei anderen Menschen und doch ein ganz eigener. Er verbindet und bindet seine Eltern ein Leben lang. Selbst wenn sie sich trennen oder einer stirbt. In diesem neuen Menschen wird die Liebe konkret, fassbar, begreifbar. Und zeigt in vollem Menschenmaß ihr Wesen: lebendig, zart, verletzlich und im Letzten – frei. Darum ist auch der Name so wichtig. Weil dieses Geschöpf der Liebe so kostbar und einmalig ist, soll das mit einem ganz eigenen Wort benannt werden.

Der Name ist auch so wichtig, weil er die Existenz dieses Geschöpfes bestätigt und damit auch den Fortbestand der Liebe.

Und, weil der Name auch ein Versprechen ist: ein Versprechen eben diesen Menschen so zu lieben, dass auch aus seiner Liebe einmal Leben wird.

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„Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich nichts mehr muss“ – wie schön, wenn das jemand sagen kann. Es klingt aber anders, wenn man weiß, dass das eine Frau sagt, die gerade hundert Jahre alt geworden ist.  Sie ist seit zwei Jahren in einem Altenpflegeheim und genießt es, dort nichts mehr zu müssen. Ich lese sie gern, diese Artikel in der Zeitung über Menschen, die neunzig oder gar hundert Jahre alt geworden sind. Da ist dann oft davon zu lesen, was diese hochbetagten Menschen rüstig gehalten hat: Gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, ab und zu mal ein Schnäpschen, fleißiges Arbeiten oder die Einbindung in eine große Familie.

Es ist aber genauso oft zu lesen, wie schwer sie es gehabt haben in ihrem neunzig- oder hundertjährigen Leben. Immer spielt der Krieg dabei eine Rolle. Die alte Dame, die jetzt nichts mehr muss, musste ohne Vater aufwachsen, er war bereits im ersten Weltkrieg gefallen. Sie war gerademal ein halbes Jahr alt. Ihren Mann hat sie im zweiten Weltkrieg verloren und sie musste allein für ihre beiden Kinder und ihre kranke Mutter sorgen.

So sehr wie mich diese Lebensgeschichten der Hundertjährigen berühren, so sehr berühren mich meistens auch die danebenstehenden Fotos. Aus diesen blickt mich das Leben an. Meistens wissend, nicht selten liebevoll, manchmal sogar fröhlich.

Und es erfüllt mich jedes Mal mit Respekt, mit Freude und mit Dankbarkeit wenn ich ihre Geschichten lese. Ich habe Achtung vor einem so langen Leben. In dem alles verkörpert ist: Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Abschied und Neubeginn. Ich empfinde Respekt vor all dem, was diese Menschen in ihrem langen Leben geleistet und auch ertragen haben.

Ich freue mich über Menschen, denen es vergönnt ist geistig klar und körperlich rüstig auf ihr Leben zurückzuschauen.

Und ich bin dankbar dafür, dass ich in einer Zeit und in einer Region der Welt leben kann, in der kein Krieg meinen Lebensweg bestimmt.

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„Save the date“ – immer öfter bekomme ich eine Postkarte oder eine E-mail mit dieser Aufforderung mir ein Datum vorzumerken. Die Vorinformation über eine Hochzeit, einen runden Geburtstag oder eine Verabschiedung kommt lange vor der eigentlichen Einladung, damit der Termin schon frühzeitig im Kalender vermerkt wird.

„Save the date“ – diesen Satz finde ich so sinnvoll wie schillernd. Klar, bei einem Termin, der mir wichtig ist will ich sicherstellen, dass auch möglichst viele der Leute kommen, die mir wichtig sind. Dafür steht das „save“, das Sichern. Das ist aber auch das Schillernde daran für mich.   Ein Datum, einen Termin, einen Tag im Leben sichern zu wollen. Im Voraus festhalten zu wollen, wo doch nur eines sicher ist: dass nichts sicher ist. Zwar ist vieles planbar, aber oft kommt es dann eben doch anders, gerade, wenn der Termin weit weg ist.

Darum löst dieser Terminsicherungssatz bei mir auch noch was anderes aus, so eine Art Mahnung für meinen Alltag. Zu sichern, dass ich lebe, wirklich lebe, so oft wie möglich, nicht nur bei Großereignissen.

Save the date – sichere dir immer wieder einen Termin, an dem du dir was Gutes tust. Oder wo du was mit deiner Frau machst, einen Menschen anrufst, der es brauchen kann oder einen Krankenbesuch machst.

Save the date – für einen schon lang anstehenden Gesundheitscheck oder dafür, dich mal wieder ganz zweckfrei Gott zu öffnen. Und ein letztes sagt mir dieses „save the date“ auch:

Verliere bei aller Voraussicht, Planung und Sicherung eines nicht aus den Augen: Dass nur der Tag sicher ist, an dem alle Daten ein Ende haben.

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„Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln“ – wie wahr diese Lebensweisheit. Ein Lächeln gilt als entwaffnend, weil ich mit einem Lächeln zeige: ich will dir nichts Böses, du bist mir willkommen. Es ist schön, dass uns dieser Gefühlsausdruck schon in die Wiege gelegt. Das Lächeln ist angeboren. Jede Mutter ist entzückt über das erste Lächeln ihres Babys. Und damit fängt die liebevolle und wortlose Kommunikation zwischen Mutter und Kind an. Und auch später kann man sich einem Lächeln nicht entziehen, es ist ansteckend - wenn es echt ist! Das heißt, wenn es von Herzen kommt und durch die Augen spricht.
Darum funktioniert auch kein künstliches Service-Lächeln, in dem sich nur die Muskeln bewegen, aber die Augen nicht strahlen. Beruflich verordnetes Dauerlächeln soll sogar krank machen. Es soll zu Kreislaufproblemen und sogar zu Depressionen führen, haben Emotionsforscher herausgefunden. Echtes Lächeln hingegen soll gesund sein, den Schmerz verringern und das Wohlbefinden steigern. Weil es Endorphine, diese Glückshormone freisetzt. Aber wie geht ein echtes Lächeln? Das funktioniert doch nicht auf Knopfdruck und ich kann mich auch nicht dazu zwingen. Will ich auch nicht. Vielleicht kommt es zu einem echten Lächeln, wenn ich mich an schöne Dinge erinnere oder mich in wohltuende Situationen begebe. Echt wird ein Lächeln auch, wenn ich von Innen nach Außen gehe, wenn ich versuche, das Schöne an der Welt oder das Gute im Menschen zu sehen. Wenn ich genau danach suche, wo der Mensch, der mir gegenüber steht seine Guten und schönen Seiten hat, dann könnte ich etwas wahrnehmen, das alle Menschen miteinander verbindet. Denn „Das Lächeln ist ein Fenster durch das man sieht, ob das Herz zu Hause ist“…

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