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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Um sanft, tolerant und weise zu sein, muss man über eine gehörige Portion Härte verfügen“. Dieser kluge Satz ist vom Schauspieler Peter Ustinov. Ich denke er hat recht, denn zur wahren Toleranz gehört ein sicherer Standpunkt, der um Grenzen weiß und sich diese Grenzen auch zu setzen traut. Im Gegensatz zu einer oberflächlichen Toleranz, in der alles gleich gültig und damit gleichgültig ist. Bei der  Vorbereitung dieser Sendung zum ARD Schwerpunkt Toleranz habe ich mir die Bibel zur Hand genommen und geschaut, was ich darin über die Toleranz von Jesus erfahren kann. Und da passt der Satz von Peter Ustinov sehr gut. Denn Jesus von Nazareth war sanft, tolerant und weise. Aber auch gleichzeitig sehr konsequent, manchmal hart, ja sogar rabiat. Sanft war er vor allem gegenüber Kranken, Schwachen, Unterdrückten und Ausgestoßenen. Tolerant gegenüber allen, die falsch gehandelt  haben, gegen sich oder andere, die aber bereit dazu waren, anders zu leben. 
Tief weise war Jesus in allen Glaubensfragen. Seine Gleichnisse kommen mir da in den Sinn, mit ihnen hat er Gott den Menschen in ihrer Alltagsprache nahe gebracht. Da denke ich an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In dem er zeigt wie grenzenlos schön Barmherzigkeit sein kann. Konsequent war Jesus in der Ablehnung aller Scheinheiligkeit. Für ihn war alles, was an der oberflächlichen Erfüllung von Geboten orientiert war, unannehmbar, ja unerträglich. Er wollte das Herz der Menschen frei und glücklich sehen. Statt unterdrückt durch menschengemachte Gesetze oder Machtbedürfnisse religiöser Führungsfiguren. Die Grenzen seiner Toleranz waren für ihn weit überschritten, wenn der Glaube missbraucht wurde, zum Beispiel zu kommerziellen Zwecken. Da konnte er schon Tische umschmeißen und die Händler aus dem Tempel werfen, wie bei der berühmt berüchtigten Tempelreinigung, die ihn wohl mit ans Kreuz gebracht hat.

Toleranz, so lerne ich also von Jesus, ist eine Haltung, die sanft ist und konsequent zugleich, offen aber mit klaren Grenzen und vor allem eins: Geprägt von einem tiefen Verständnis für die Menschen und von der Liebe zu ihnen.

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Für Eltern muss es das Schlimmste sein, das man sich vorstellen kann. Wenn ein Kind stirbt. Wenn ihnen das Allerliebste genommen wird, das sie haben. Ihr eigen Fleisch und Blut. Wenn einem die Frau oder der Mann stirbt, dann gehen sie von der Seite, heißt es, die Kinder aber gehen vom Herz. Weil es auch so unnatürlich ist. Die Älteren, die Eltern sollten doch vor den Kindern gehen. Die Kinder sind doch die Fühler in die Zukunft und diese Fühler werden ihnen mit dem Tod eines Kindes ausgerissen. Eltern, die das nicht erleben mussten, können nur ahnen, welch unvorstellbarer Schmerz das ist und welche seelische Belastung. So groß, dass nicht selten auch noch die Ehe daran zerbricht. So groß, dass der Glaube verloren gehen kann. Denn was, um Gottes Willen soll denn der Sinn davon sein, dass ein Kind leiden und sterben muss. Welche Ordnung, welcher göttlicher Wille soll hinter dieser schrecklicher Erfahrung stehen? Da kann man, wenn man denn bei einem solchen Schicksalsschlag noch an ihn glauben mag, Gott nur klagen, anklagen, fragen oder innerlich schreien. Darüber, dass er den Eltern erst einen kleinen Menschen schenkt und ihn dann wieder wegnimmt. Das kann man nicht verstehen und will man nicht verstehen. Aber das ist zu allem Schmerz noch eine weitere Last, keinen Sinn darin zu sehen und Trost lebt doch auch von Sinn. Das muss auch der Dichter Herrmann Hesse gewusst haben und sich getraut haben dem Leben eines kleinen Kindes das sterben musste einen Hauch von Sinn zu geben. Mit einem Gedicht, das ich all denen mitgeben möchte, die ein Kind gehen lassen mussten:

Jetzt bist du schon gegangen Kind und hast vom Leben nichts erfahren,
indes in unseren welken Jahren wir Alten noch gefangen sind.
Ein Atemzug, ein Augenspiel, der Erde Licht und Luft zu schmecken war dir genug und schon zuviel.  Du schliefest ein, nicht mehr zu wecken.
Vielleicht in diesem Hauch und Blick, sind alle Spiele, alle Mienen des ganzen Lebens dir erschienen. Erschrocken zogst du dich zurück.
Vielleicht, wenn unsere Augen, Kind, einmal erlöschen, wird uns scheinen, sie hätten von der Erde, Kind nicht mehr gesehen als die deinen.

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Von „Sternstunden“ reden die Kollegen Journalisten immer mal wieder. Sie sprechen von Sternstunden, wenn im Deutschen Bundestag ohne Fraktionszwang über die existentiellen Fragen des Lebens diskutiert wird. Wenn es nicht um Macht, Strategie oder Kalkül geht, sondern ums persönliche Gewissen, das an keine Partei oder Fraktion gebunden ist. Heute könnte eine solche Sternstunde sein. Denn heute wird im Deutschen Bundestag über die Sterbehilfe diskutiert. Im Kern geht es darum, ob der Staat es erlauben darf, dass ein Angehöriger oder Arzt einem Menschen, der unheilbar krank ist und unter großen Qualen leidet, helfen darf, sein Leben zu beenden. Heute wird diskutiert. Mit einem Gesetz ist vor Herbst 2015 nicht zu rechnen. Und das ist auch gut, dass sich der Bundestag für solch eine weitreichende Frage genügend Zeit nimmt. Und sich mit den vielen Fragen beschäftigt, die hinter der Kernfrage stehen. Von meinem hoch geschätzten Ethiklehrer Alfons Auer habe ich gelernt, dass es ethisch wichtiger ist die richtigen Fragen zu stellen, als schnelle Antworten zu geben. In diesem Sinne möchte ich zum Thema Sterbehilfe Fragen stellen, Fragen, die mich persönlich beschäftigen. Meine erste ist religiöser Natur: Ich habe nicht bestimmt, wann ich in dieses Leben gekommen bin, darf ich selbst bestimmen wann ich aus ihm gehe? Meine zweite Frage richtet den Blick auf unsere Gesellschaft: Wie geht eine Gesellschaft mit der – sicher gut gemeinten – Hilfe zum Sterben um, in der vor 70 Jahren Menschen massenhaft getötet wurden, wenn sie krank oder behindert waren? 
Und was bedeutet die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer älter wird und alte Menschen ein immenser Kostenfaktor sein werden? Meine dritte Frage beschäftigt sich mit den Ärzten. Welche Last haben sie zu tragen, wenn es eine gesetzlich geregelte Erlaubnis gibt Menschen zum Tod zu verhelfen? Und welche Last der Verantwortung haben sie, wenn es keine Regelung gibt? Und meine letzten Fragen richten sich an uns alle: Was bedeutet geistiger und körperlicher Verfall für uns? Ist Leben nur wertvoll wenn man gesund ist und klar im Kopf? Wieviel Angst haben wir vor dem Sterben, dem eigenen und dem der anderen? Und wie gehen wir mit dieser Angst um? Schwere Fragen, ich weiß. Aber um schwere Entscheidungen treffen zu können muss man sich auch schweren Fragen stellen. Was dann Sternstunden sein können.

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Das Leben als Tag - dieses Bild hat einmal der Psychoanalytiker C.G. Jung geprägt. Er hat das Leben der Menschen mit dem Lauf eines Tages verglichen: Der Morgen als die Kindheit, der Mittag als die besten Jahre und das Alter als der Abend, der sprichwörtliche Lebensabend. C.G. Jung hat dieses Bild in einem Artikel beschrieben, in dem sich mit der Krise der Lebensmitte beschäftigt hat. Dass mit dem Höhepunkt, der Sonne am Mittag, eben auch ihr Abstieg beginnt. Was fast banal klingt, hat er in seiner jahrzehntelangen Praxis als Seelenarzt häufig als Problem erlebt. Dass die Menschen jenseits der Lebensmitte noch so leben wie davor. Dass sie an ihrem Lebensnachmittag oder -abend versuchen in derselben Art, mit derselben Energie zu leben wie am Vormittag oder Mittag. Und dass sie keiner darauf vorbereitet, dass es ab dem höchsten Punkt ihres Lebens bergab geht, bergab gehen muss. Dass es keine Schule des Lebens gibt, die uns auf diesen natürlichen Abstieg vorbereitet. Dass die Kraft der Sonne weniger wird und am Ende ganz erlischt. Obwohl die Menschen das tief in ihrem Inneren spüren, können oder wollen sich viele dieser Wahrheit nicht stellen. Manchmal aus Angst vor Schwäche, vor dem Zerfall oder dem Tod. Naturvölker oder Völker anderer Kulturen als unsere westlichen, haben weise alte Menschen, die die Jüngeren lehren, mit dieser Wahrheit gut umzugehen. Ein anderes Mittel damit umzugehen ist Religion. Für C.G. Jung ist sie ein seelisches Heilmittel für die Tatsache einmal sterben zu müssen. Weil Religion neben all ihren sozialen und emotionalen Seiten auch einen Blick nach vorn hat, den Blick in eine andere, neue, ewige Welt. Nicht als Vertröstung. Nein, C.G. Jung sagt, dass Religion unserem menschlichen Bedürfnis nach Fortdauer entspricht, ein Bedürfnis, das tief in uns eingepflanzt ist. Und dass der Glaube damit auch Trost und Hoffnung spendet, darauf, dass es in der anderen Welt weitergeht, dass der Tod nur ein Übergang ist – in einen Tag, der niemals endet.

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Das hab ich auch noch nicht gewusst: es gibt eine Erklärung des Europarats zu den „Rechten der Kranken“! Es gibt also nicht nur so schöne wie wohlklingende Erklärungen wie die zu den Menschenrechten, sondern auch zu den Rechten der Kranken. Und diese Rechte halte ich für so bemerkenswert, dass ich sie gern weitergebe. Also, das erste Recht eines Kranken besteht darin, dass er eine medizinische Behandlung annehmen, aber auch ablehnen kann. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Wenn man aber weiß, dass immer mehr Operationen nicht aus gesundheitlichen Gründen gemacht werden, sondern weil sie Geld oder Verrechnungspunkte bringen, dann sieht das ganz anders aus. Und ist eng verbunden mit dem zweiten Recht. Dem Recht auf persönliche Würde, Integrität und Diskretion. Eigentlich auch selbstverständlich, dass man nicht wie eine Nummer, ein Körperteil oder ein Kostenfaktor behandelt wird, sondern mit Respekt und Diskretion gegenüber Dritten. Damit hängt auch das dritte Recht des Kranken zusammen, sein Recht auf Information: Bei der Diagnose, bei der Therapie und der Prognose. Was hab ich in dieser Hinsicht schon Schlimmes erlebt. Wenn zum Beispiel mit einem Patient in der Augenklinik immer nur von Enukleation gesprochen wurde und ihm am Vorabend der Operation noch nicht klar war, dass ihm am nächsten Morgen ein Auge herausgenommen werden soll.
Viertens: Das Recht auf angemessene Behandlung. Zunächst medizinisch, also nicht die gesamte Maschinerie anwerfen, die zur Verfügung steht. Aber auch menschlich, was könnte zu viel für ihn sein.  Fünftes Recht des Kranken: das Recht auf Linderung des Leidens. Man muss also keine Schmerzen erleiden, wenn es Mittel gibt, die es verhindern können. Und nicht die Schwester oder der Pfleger legt fest, wie stark die Schmerzen sind, sondern der Patient.  Sechstes und letztes Recht der Kranken: Das Recht, nicht allein sterben zu müssen. Auch wenn es Menschen gibt, die allein sterben wollen oder nur allein sterben können, die meisten Menschen haben Angst vorm Sterben. Angst, weil sie Angst vor den Schmerzen und vor dem Alleinsein haben. Und sie sind wiederum oft allein, weil die Angehörigen Angst haben, das zu sehen und zu spüren. Aber das Sterben und der Tod sind etwas Natürliches, gehören zum Leben. Und wem es gelingt, ohne allzu viel Angst mitzugehen, der kann dabei Erfahrungen machen, die ihn das Leben mit anderen Augen sehen lassen. Und einem Menschen auf seinem letzten Weg das Schönste geben: Nähe.

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Vielleicht haben Sie es ja gestern im Fernsehen oder Internet gesehen. Tausende von Lichtballons sind gestern Abend in den Himmel über Berlin aufgestiegen. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wurden an den Stellen, an denen in Berlin die Mauer stand, 8000 beleuchtete Ballons aufgestellt. Und diese sind dann in den Himmel geschickt worden ein leuchtendes, leichtes Symbol für ein bedrückend schweres Stück deutscher Geschichte. So hat gestern Abend dieses Symbol der deutschen Trennung noch einmal sichtbar aufgelebt. Aber nicht so grau, hart, abweisend und lebensgefährlich wie die Mauer war, sondern hell, licht und leicht. Eine so schöne wie passende Idee, weil sie den Geist aufgenommen hat der letztlich zur deutschen Wiedervereinigung geführt hat. Den Geist des Friedens, den Geist einer so sanften wie starken Masse von Menschen, die sich mit innerer Kraft auf äußere Freiheit zu bewegt hat. Für mich war und ist das ein Wunder. Ein Wunder, weil diese Revolution eine der wenigen Revolutionen ohne Blutvergießen war. Die Panzer sind startbereit in den Hallen gestanden und die Stasifunktionäre haben nach eigener Aussage mit allem gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebeten. Es sind nun keine Triumphgefühle, die ich als Christ habe, wenn ich weiß, dass Christen, vor allen Dingen evangelische Christen, dieses Wunder der unblutigen Wende herbeigeführt haben. Und ich bin auch nicht stolz darauf, dass Papst Johannes Paul II. großen Einfluss auf die polnische  Freiheitsbewegung Solidarnosc hatte, die wiederum starken Einfluss auf die deutsche Wende hatte.
Aber ich bin froh und dankbar. Ich bin froh, zu wissen welche Kraft in diesem christliche Glauben steckt. Eine so sanfte wie wirksame Kraft.    Und ich bin dankbar, erfahren zu haben, dass das tatsächlich möglich ist und wie es möglich ist: Revolution ohne Blutvergießen, gewaltloser Widerstand, friedliches Niederreißen von Mauern. Mit Kerzen und Gebeten…

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