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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Was Sie da machen im Radio, das ist doch bloß Lebenshilfe. Auch wenn Sie immer Geschichten aus der Bibel erzählen. Vom Glauben reden Sie ja gar nicht wirklich. Sie geben bloß Ratschläge für das Leben.“
Ein Student aus Tübingen hat das neulich so zu mir gesagt. „Bloß Lebenshilfe“: Ich gebe zu, mich hat das ganz schön getroffen. Für mich fällt das eigentlich zusammen. Mein Glaube ist für mich Lebenshilfe. Weil ich auf Gott vertraue, orientiere ich mich an den Geschichten und Gedanken, die in der Bibel gesammelt sind. Das hilft mir, zuversichtlich zu leben. Und wenn ich nicht weiter weiß, dann finde ich da Rat und Hilfe. Das möchte ich gern weitergeben, weil ich hoffe, dass es auch anderen hilft. Deshalb mache ich diese Beiträge fürs Radio, die Anstöße und die Morgengedanken.
Ist das bloß Lebenshilfe? Hat das mit dem Glauben nichts zu tun, wie dieser Student gemeint hat?
Kann man das wirklich so trennen? Auf der einen Seite das tägliche Leben, mein Alltag, alles, was mich freut, was mir Sorgen macht, wofür ich mich einsetze und arbeite. Und auf der anderen Seite der Glaube… ja, aber was ist das dann eigentlich? Sinnsprüche aus der Bibel, gut zu gebrauchen, wenn man irgendwo gute Wünsche formulieren muss oder tröstliche Worte braucht bei einem Trauerfall? Oder Erklärungen, wie das nun zu verstehen ist, mit der Jungfrauengeburt oder dass die Welt in 7 Tagen geschaffen wurde?
Sicher, dass sind interessante Fragen. Manche sagen, ehe sie solche Fragen nicht für sich geklärt haben, können sie nicht an Gott glauben.
Andererseits: Wenn ich an Jesus denke, dann hat der Glauben nicht wirklich mit solchen Fragen zu tun, sondern mit ganz praktischen, alltäglichen Erfahrungen. Einer hat ihn zum Beispiel mal gefragt: „Was muss ich tun, damit mein Leben Bestand hat auch für die Ewigkeit“ – dem hat Jesus von einem Mann erzählt, der einem schwer Verletzten geholfen hat. „Mach es genauso!“ hat Jesus gesagt. Andere wollten wissen, wie man denn beten soll: Denen hat Jesus das Vaterunser als Anleitung gegeben. Bis heute machen Menschen die Erfahrung – es wird einem leichter, wenn man so betet. Ist das nun Glauben? Oder Lebenshilfe? Und die, die glauben, dass Jesus gestorben ist und auferstanden – die leben mit großer Zuversicht, weil sie sicher sind: Gott wird auch mich nicht einfach dem Tod überlassen. Genauso, wie er Jesus neues Leben gegeben hat, genauso werde auch ich bei ihm leben – und auch alle, um die ich jetzt traurig bin.

Das glaube ich. Und das hilft mir zu leben.

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Herr Eberbach wohnt mit seiner Frau am Ende der Straße, in der ich aufgewachsen bin. Mit ihrem Sohn bin ich zusammen zur Grundschule gegangen. Deshalb sagt er Du zu mir und „Mädchen“, obwohl ich schon graue Haare habe und ich sage: „Herr Eberbach“.
Jetzt komme ich nur noch zwei oder dreimal im Jahr dorthin, meine Eltern sind längst gestorben. Aber Herr Eberbach war immer da. Seit er in Rente ist, hat er meistens im Garten geschafft, später saß er vor allem auf der Bank vor dem Haus. Und wenn ich vorbei gekommen bin, hat er gelacht und mich gleich erkannt, ein bisschen in die Sonne geblinzelt und gesagt: „Na, bist du da, Mädchen. Nun setz dich erst mal hin. Wie geht es Dir denn?“ Inzwischen ist er über 80, seit einem Schlaganfall vor ein paar Jahren kann er nur noch mühsam sprechen. Aber noch immer war er da und hat gefragt: „Wie geht es dir denn?“ – als ob er nur auf mich gewartet hätte.
Beim letzten Mal allerdings, da saß er im Auto als ich vorbei gekommen bin. Verwandte haben ihn ins Altersheim gebracht, zur Kurzzeitpflege, weil seine Frau im Krankenhaus war. Aber Herr Eberbach hat genau gewusst, was das bedeutet: „Hier werde ich nun wohl nicht wieder herkommen“, hat er gesagt und hatte Tränen in den Augen. „Mach‘s man gut, Mädchen!“
Ich habe von Herrn Eberbach viel gelernt:
Erstens, wie wenig es braucht, um einem anderen Menschen das Gefühl zu geben: Hier bin ich zu Hause. Hier bin ich gern gesehen.
Zweitens: Er hat wenig gesagt zu dem, was ich ihm erzählt habe. Bloß zugehört. Aber die wenigen Sätze waren klug. Früher hatte er den Krankenwagen gefahren in der kleinen Stadt und viel miterlebt. Diese Erfahrungen haben ihn weise gemacht und oft war mir hinterher leichter ums Herz. Nur, weil er da war und ich auf seiner Bank sitzen konnte.
Jetzt ist Herr Eberbach nicht mehr da. Und – das weiß er wohl selbst am besten – bald wird er gar nicht mehr da sein. Mir tut das weh. Und ich kann gar nichts für ihn tun. Deshalb bete ich manchmal für ihn: Dass er Gottes Nähe spüren kann und sich geborgen fühlen und dass die Menschen freundlich zu ihm sind in seinem neuen Zuhause.
Im 23. Psalm heißt es am Ende: „Mit Güte und Freundlichkeit umgibt mich Gott solange ich lebe und ich habe Wohnrecht in seinem Haus jetzt und in Ewigkeit.“ Daran glaube ich.
Und ich stelle mir vor, dass Gott schon auf ihn wartet. Und wenn er kommt, wird Gott lächeln und sagen: „Na, bist du da, mein Junge. Nun setzt dich erst mal hin und erzähl: Wie geht es dir denn?“

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Im September stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit von Großbritannien ab. Mag sein, dass es alte Rivalitäten gibt – aber das Hauptargument ist ein wirtschaftliches: die Ölreserven in der Nordsee. Man wird deren Reichtum für sich allein ausbeuten können. Viele Schotten versprechen sich eine wirtschaftliche Blüte. So ähnlich ist es in Norditalien und im spanischen Katalonien. Da möchte man auch gerne unabhängig werden von den armen Landesteilen. Und bei uns: die reichen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg wollen den Finanzausgleich mit den ärmeren neu verhandeln. Warum sollen wir zahlen, wenn sie es dort nicht auf die Reihe kriegen, ist das Argument.
Und privat gibt es Ähnliches: Junge gesunde Männer gehen in private Krankenkassen, die sind für sie billiger als die gesetzlichen: Da müssten sie nämlich für die mitbezahlen, die hohe Kosten verursachen: Für chronisch Kranke, Familien mit Kindern, Alte. Und aus der Kirche treten Menschen aus, um Kirchensteuer zu sparen. Aber die Kinder werden getauft und konfirmiert und fahren mit auf die Ferienfreizeit von der kirchlichen Jugendgruppe. Dafür ist der schlechter verdienende Elternteil ja weiterhin in der Kirche. Zum Billigtarif gewissermaßen.
Man kann das schlau finden. Jeder ist sich selbst der Nächste. Aber ist es auch klug?
Jesus hat mal von einem Vermögensverwalter erzählt, dem gekündigt werden sollte. Da hat er den Schuldnern einen Großteil ihrer Schuld erlassen, in der Hoffnung, dass sie ihm später auch weiterhelfen würden. (Lk 16, 1-9) Zugegeben, das war Betrug. Das Geld hat ihm ja gar nicht gehört. Jesus lobt ihn trotzdem für sein kluges Handeln. Nicht für den Betrug natürlich. Jesus sagt das so: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon. Dann werden sie euch in die die ewigen Wohnungen aufnehmen, wenn er zu Ende geht.“
Macht euch Freunde durch das, was ihr habt. Später ist unter den ersten Christen folgender Rat daraus geworden: „Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als gute Verwalter Gottes“!“ (1. Petr 4,10) Ich verstehe: Helft einander mit dem, was ihr habt. Dazu habt ihr das von Gott bekommen, was ihr könnt und was ihr habt. Helft einander mit eurem Geld und mit euren Fähigkeiten. Wenn einer Zeit hat, warum setzt er sie nicht für andere ein? Wenn eine zuhören kann – warum nicht mal ein paar Stunden der Nachbarin, die allein ist? Schlau ist dieser Rat vielleicht nicht, aber klug, finde ich, denn so profitieren alle. Man lebt besser zusammen, wenn es allen einigermaßen gut geht. Und irgendwann werden auch die Wohlhabenden Hilfe brauchen. Dann ist es gut, wenn andere da sind, die gern helfen.

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Da leg ich solange den Finger in die Wunde, bis die Sache in Ordnung kommt. Sehr entschlossen klang das. Ich lege so lange den Finger in die Wunde, bis das geklärt ist.
Ich kann mir denken, was die Frau gemeint hat: Sie will immer und immer wieder daran erinnern, was sie verkehrt findet – mit dem Finger darauf zeigen sozusagen, immer wieder: bis die anderen das in Ordnung bringen, was nicht stimmt.
Manchmal mag das nötig sein, Unrecht und Ungerechtigkeit kann man nicht auf sich beruhen lassen.
Aber oft ist es vor allem nötig, dass eine Beziehung wieder in Ordnung kommt. Dann darf man nicht „den Finger in die Wunde legen“. Denn das tut weh. Und meine Erfahrung sagt: davon wird nichts besser. Die Wunde wird schlimmer.
Den Finger in die Wunde legen: Den anderen immer wieder daran erinnern, was er falsch gemacht hat. „Du hast schon immer… du konntest noch nie… du hast damals schon“ Das sind Sätze, da kann nichts heilen – da tun Wunden nur noch mehr weh. Solche Sätze hört keiner gern. Im Gegenteil – da wehre ich mich. Da werde ich widerspenstig und tue, als ob ich nichts höre.
„Den Finger in die Wunde legen“ – das ist eine Redensart aus der Bibel. Gesagt hat das Thomas, den man den ungläubigen genannt hat. Aber dort ist etwas anderes gemeint als die Wunde nicht heilen lassen. „Wenn ich nicht die Finger in seine Wunden lege, dann kann ich nicht glauben, dass Jesus auferstanden ist und lebt.“ (Joh 20,) Das hat Thomas gesagt, weil er Erfahrungen machen wollte. Er wollte selber in Erfahrung bringen, wo der andere seine Verletzungen hat. Er wollte sehen und hören, wo es ihm wehgetan hat, spüren, was mit ihm los ist. Die Wahrheit herausfinden. Nicht immer wieder… sondern einmal. Ein für alle mal.
Das ist ja wirklich etwas anderes als „den Finger so lange in die Wunde legen“ bis etwas in Ordnung kommt. Thomas wollte nicht bloß sehen, sondern begreifen, was dem anderen fehlt. Das kann in der Tat helfen, damit etwas in Ordnung kommt. Da muss man oft erst begreifen, was ihm zu schaffen macht. Dann kann man auch verstehen, warum er sich so verhalten hat, wie er es getan hat. Warum er vielleicht nicht anders konnte.
Wenn ich das begreife, was dem anderen oder den anderen weh tut: Dann kann ich tun, was die Wunde heilen lässt. Sie wenigstens in Ruhe lassen. Oder sogar eine Salbe auftragen. Ein verständnisvolles Wort sagen. Ein Pflaster darauf kleben, damit es nicht mehr so weh tut und die Verletzung heilen kann. Den anderen schonen. Oft weiß er ja selber, was schief gegangen ist.
Wenn eine Wunde heilt, hat man wieder mehr Spielraum. Dann kann man sich wieder bewegen. Vielleicht sogar etwas ändern. Ich glaube, dann kommt leichter in Ordnung, was weh tut.

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Brauchen die Menschen im Irak wirklich noch mehr Waffen? Oder die in der Ukraine, oder in Syrien oder Palästina? Brauchen Sie deutsche Waffen?
Noch Anfang dieses Monats hat unser Wirtschaftsminister gesagt, mit dem Tod sollte man keine Geschäfte machen. Dann kamen die Nachrichten von vertriebenen und misshandelten Christen und die Bilder von den eingekesselten, hungernden Jesiden im Irak. Und seit vergangener Woche prüft nun die Regierung, ob und welche Waffen in den Irak geliefert werden sollen. An die Kurden im Irak, damit sie die Jesiden beschützen können. Dabei galten noch vor kurzem die Kurdengebiete als gefährliche Rückzugsgebiete des Terrorismus.
Sind Waffen wirklich der einzige Weg, damit die Menschen wieder friedlich miteinander leben können? Denn das muss doch das Ziel aller Bemühungen sein. Hat ein Krieg schon jemals dauerhaft Frieden hervorgebracht?
Margot Käßmann hat vor zwei Wochen in einem Interview ähnliche Fragen gestellt und auf den Apostel Paulus hingewiesen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Rö 12, 21), hat der geraten. Da musste sie sich Hohn und Spott gefallen lassen. „Auf einem Kirchentag mögen sich Konflikte mit Sinnsprüchen aus der Bibel lösen lassen, in der realen Welt leider nicht,“ hat ihr der Interviewer entgegen gehalten.
Ich frage mich trotzdem: Wie konnte es denn in der realen Welt so weit kommen, dass am Ende angeblich nur noch Waffen helfen? Hätte man vielleicht den Frieden besser vorbereiten und unterstützen sollen, gerechte Verhältnisse schaffen – damit Menschen zufrieden sein können mit ihrem Leben und Frieden halten?
Gott sei Dank hat das beherzte Eingreifen amerikanischer Soldaten anscheinend eine noch größere Katastrophe verhindert. Aber ich finde, jetzt muss man erst recht fragen: Ist es sinnvoll, Waffen dorthin zu exportieren, die dann ja dort bleiben und nicht etwa zurückgegeben werden, wenn das Ziel erreicht ist?
Ich finde, das müssten die Verantwortlichen sich jetzt überlegen, für die Zeit wenn der Krieg hoffentlich zu Ende ist. Deutschland gibt pro Jahr 30 Milliarden für Militär aus – aber nur 29 Millionen für Friedensdienste. Genau diese Mittel aber braucht es, um einen langfristigen Aufbau in Krisenregionen zu unterstützen. Wer Frieden will, muss gutes Leben für alle möglich machen und so den Frieden vorbereiten – nicht für den Krieg rüsten. Das würde den terroristischen Gruppen den Boden entziehen. Von Jesus lerne ich: Nur so kann Frieden werden. Und den brauchen die Menschen wirklich - im Nahen Osten und anderswo.

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