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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

 Ein Satz der ganz gut in die Urlaubszeit passt: „Wir leben alle in dieser Welt an Bord eines Schiffes, das von einem Hafen unterwegs ist, den wir nicht kennen, zu einem Hafen, von dem wir nichts wissen. Und wir müssen füreinander die Liebenswürdigkeit von Menschen aufbringen, die sich auf einer gemeinsamen Reise befinden.“ – was für ein schöner Satz des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa.
Unser Leben als Schiffsreise. Der Hafen, von dem wir ablegen – unbekannt. Der Hafen, in den wir mal einlaufen werden – auch unbekannt. Wir wissen nichts. Wir können nur hoffen, dass da ein Hafen sein wird und dass wir dort zur Ruhe kommen und geborgen sind, endgültig geborgen. Bis dahin sind wir aber auf einem Schiff. Auf einem Schiff, das an wunderschönen Ländern vorbei kommt. Von dem aus wir aber auch schreckliche Landschaften sehen. Wir erleben sonnige Tage an Deck aber auch Stürme die uns beuteln. Vielleicht auch Motorschäden, die das Schiff zum Stillstand bringen.
Aber immer sind wir umgeben von Menschen an Bord. Vielen Menschen, die in unserer Kabine, die im Oberdeck und noch viel mehr im Unterdeck. Die meisten sehen wir nur von Ferne oder gar nicht. Ein paar wenige sind uns nahe, aber alle sind sie doch an Bord – unsere Reisegenossen. Verbunden mit uns durch den gemeinsamen Hafen am Anfang und am Ende der Reise. Gemeinsam auf dem großen Schiff, das wir Leben nennen. Könnte diese Verbundenheit nicht tatsächlich bewirken, dass wir Reisende liebenswürdig miteinander umgehen? Und die begrenzte Zeit, die wir miteinander auf dem Schiff haben, so schön wie möglich miteinander verbringen?

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„Ich bin doch im Urlaub und nicht auf der Flucht!“ – das ist ein so flapsiger wie sinnvoller Spruch, wenn sich jemand im Urlaub nicht hetzen lassen will.
Genau das – Urlaub und Flucht – geht mir in diesen Tagen nicht aus dem Kopf. Es lässt mich nicht los, dass Millionen von Menschen zurzeit von zu Hause weg, in die Ferne fahren um sich durch ihren wohl verdienten Urlaub zu erholen. Und gleichzeitig gehen auch Millionen  Menschen aus ihrer Heimat fort – aber, weil sie um ihr Leben fürchten oder weil sie zu arm sind um in ihrer Heimat leben zu können. Sie flüchten, sie wandern aus, sie sind Wandernde zum Leben oder zum Überleben. Was Migranten wörtlich heißt: Wandernde.                                    Migranten gibt es seit es Menschen gibt. Ja die Entwicklung der Menschheit hat mit Migration begonnen. Als der Mensch aus seiner afrikanischen Wiege ausgewandert ist und nach und nach die Welt bevölkert hat.
Die Menschheit war und ist immer in Bewegung. Die Geschichte des Volkes Israel oder die Ausbreitung des Christentums sind Migrationsgeschichten. Und auch mich gäbe es nicht. Wären mein Vater und meine Mutter nicht wegen des Krieges geflüchtet, hätten sie sich nicht hier in Baden-Württemberg kennengelernt.   
Und das sind dann auch die drei Hauptgründe für Migration: Krieg, Armut und Liebe. Vor Krieg und Armut flüchten die Menschen. Die Liebe suchen sie oder der Liebe wegen verlassen sie ihre Heimat. Um dem geliebten Menschen zu folgen oder um die geliebten Menschen in der Heimat zu versorgen, mit dem Geld das sie in der Fremde verdienen. So wie es zu allen Zeiten Migration gegeben hat, so gab es – Gott sei Dank – zu allen Zeiten Menschen, die die Migranten aufgenommen haben, sich um sie gekümmert, ihnen eine neue Heimat gegeben haben. Die, die Krieg, Vertreibung und Armut schon am eigenen Leib erfahren haben und nun in Sicherheit und Wohlstand leben, geben leichter. Besonders viel geben oft die, die selbst gar nicht so viel haben.

Und wenn wir dann im September möglichst gut erholt aus unserem wohlverdienten Urlaub zurückkommen, dann sollten wir eines bitte nicht tun: über eine Flüchtlingswelle klagen wenn wir reiches Land im Herbst ein paar Tausend Menschen mehr aufnehmen sollen als bisher. Denn ihre Not könnte auch die unsere sein, wir müssten nur ein paar tausend Kilometer südlicher geboren sein.

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Da musste ich laut rauslachen. Und das passiert mir beim Zahnarzt doch eher selten. Ich musste lachen, weil die bezaubernde Zahnärztin meine Zahnstellung als „lebendig“ bezeichnet hat. Also meine Zähne stehen nicht alle schön in Reih und Glied. Selber Schuld, hab als Kind halt die Zahnspange verweigert. Und so könnte man die Stellung meiner Zähne durchaus auch ungerade, schief oder krumm nennen.
Aber die junge Frau wollte nett zu mir sein und hat diesen Euphemismus benutzt. Ein Euphemismus ist, wenn man etwas Unangenehmes oder Unschönes mit angenehmen oder schönen Worten sagt. Also zum Beispiel lebendig statt krumm.
Euphemismen sind was Wunderbares. Man muss die Dinge nicht immer so hart beim Namen nennen wie sie sind. Es tut gut, wenn die Realität nicht immer 1:1 in Sprache umgesetzt wird. Sondern Sprache dazu benutzt wird die Realität erträglicher, freundlicher oder schöner zu machen. Natürlich nicht immer.
Es gibt auch ziemlich doofe Euphemismen: „Kostenintensiv“ statt teuer oder „Best Agers“ für die Generation der so langsam die Zähne ausfallen. Es kommt auch immer auf die Situation oder den Ernst der Lage an. Ärzte zum Beispiel verstecken sich manchmal hinter Fremdwörtern oder auch hinter Euphemismen.
Wenn zum Beispiel klar ist, dass ein Mensch sterben muss und sie dann von „austherapiert“ reden. Sprache kann verschleiern, reinknallen oder sanft verpacken.
Es kommt immer darauf an in welcher Situation ich welchem Menschen was sage. Vor allem aber auf meine Haltung: will ich dem Menschen gut, dem ich etwas direkt, sanft oder verschleiert sage? Und tut es ihm auch gut, wenn ich es ihm sage wie ich es sage?

Meine krumme Zahnstellung als lebendig zu bezeichnen hat mir jedenfalls sehr gut getan. Danke Frau Doktor!  

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Im Augenblick leben, das hört sich gut an. Ich denke an Sonnenuntergänge am Meer oder an den Blick vom Gipfel eines Berges. An schöne, intensive Situationen also.
Das „im Augenblick“ lese ich immer wieder in Lebensratgebern. Wenn es darum geht sich zu entschleunigen, bewusster zu leben. Das hört sich auch ganz gut an, aber wie soll das denn gehen, wenn ich nicht gerade auf dem Gipfel eines Berges oder am Strand sitze?
Und wo ein Augenblick doch so kurz ist. Kurz, ja, ich denke das mit der Kürze des Augenblicks ist ein gutes Stichwort dafür, worum es beim „im Augenblick leben“ geht. Genau eben diesen kurzen Moment zu dehnen, länger zu machen. Die vielen einzelnen kurzen Momenten unterbrechen und mich auf einen einlassen. Indem ich mich, die Welt, mein Leben bewusster wahrnehme. Nicht nur im Urlaub, sondern genau hier und heute. Im Alltag. Schon beim Aufstehen: Wie gehe ich in den Tag? Der erste Blick in den Spiegel, der erste Schluck Kaffee oder Tee. Nicht sklavisch, mich nicht zum bewussten Wahrnehmen zwingen, es aber immer mal wieder tun. Und spüren, dass ich lebe, wie ich lebe.
Den ersten Menschen, den ich am Tag sehe, wirklich sehen, wahrnehmen. Die Natur hören, sehen, riechen. Das Essen und Trinken schmecken.
Den Alltag immer wieder unterbrechen und eine Pause machen. Und mit dieser Pause den Augenblick lang werden lassen, die Zeit dehnen. Oder auch, wenn mir der Alltag eher grau und langweilig ist – raus gehen, was Anderes, Neues machen, ihn bunt und lebendiger werden lassen.
Mir hilft die Natur und die Bewegung. Das Grün der Bäume, die frische Luft und weg vom Schreibtisch oder Auto zu sein. Oder mich in eine Kirche setzen. Allein, mitten im Alltag oder am Sonntag im Gottesdienst.
Religion ist ein hervorragender Zeitdehner. Sie nimmt mich raus aus dem Alltag, stoppt das Hamsterrad und bringt mich in die Ruhe, die mich öffnen kann.
Genauso Menschen. Wenn ich mich ganz auf sie einlassen kann, wenn ich Zeit und Kraft habe ihnen zuzuhören, sie zu sehen, sie zu spüren. Dann steht die zu oft rasende Zeit immer mal wieder still. Und der so kurze Augenblick wird zeitlos, ewig...

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Ich bin weiß Gott kein Mensch, der seinen Glauben in der Tasche hat. Und ihn bei Bedarf rausziehen kann wie ein Scheckkarte oder einen Ausweis.
Der Glaube, mein Glaube, ist eine lebenslange Beziehung mit Höhen und Tiefen. Wie alle Beziehungen. Eine Beziehung, die immer auch mit Menschen zu tun hat, die den Glauben durch die Zeit tragen wollen oder sollen. Mit all ihren Stärken und Schwächen. Und darum ist es gut den Glauben nicht nur von diesen Glaubensvermittlern abhängig zu machen. Immer auch selbst zu denken und zu fühlen. Auch und gerade beim Glauben. Immer wieder auch zu fragen und zu zweifeln.
Denn der Zweifel ist ein Bruder des Glaubens. Aber trotz meinen zeitweiligen Zweifeln kann ich doch nicht nicht glauben. Ich kann und will nicht glauben, dass am Ende nur ein großes Nichts sein soll. Auch wenn das manche als Verweigerung sehen mögen, als Verweigerung den Tod anzuerkennen oder als schöne wie blinde Illusion.
Trotz der todsicheren Perspektive des Lebensendes, gibt es so viele Dinge in dieser Welt, die mir wie Spuren Gottes erscheinen, wie Zeichen eines Lebens nach dem Tod. Das Werden und Vergehen der Natur, außerirdisch schöne Momente hier in diesem irdischen Leben, und natürlich, die Liebe.

Die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz ist einmal gefragt worden ob sie denn an ein Leben nach dem Tod glaube. Ihre Antwort spricht mir aus dem Herzen. Ich möchte sie Ihnen und all den Menschen, die heute an einem Grab stehen müssen gern weitergeben:

Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte, wie ich selber Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz verdammter Seelen
Nur
Nur Liebe - frei gewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold, mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnenwebenleichtes Gewand, ein Hauch mir um die Schultern
Liebkosung, schöne Bewegung, wie einst von thyrrhenischen Wellen ...
Wie von Worten hin und her    

Wortfetzen, komm du komm

Schmerzweh mit Tränen besetzt, Berg- und Talfahrt
Und deine Hand wieder in meiner, so lagen wir   
lasest du vor,    
Schlief ich ein, wachte auf, schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich, entlässt mich und immer so fort

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte
Weniger nicht.

Quelle: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in 7 Bänden, Frankfurt am Main: Insel 1981 ff., 5. Band, Seite 504 f.

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„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“. Wär ja schon schön, wenn’s da was gegeben hätte, heute Nacht. Eine gute Kappe gesunden erholsamen Schlaf. Einen schönen Traum. Oder gar eine Erkenntnis, eine Idee?!

„Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“. Dieser Spruch aus der Bibel wird immer dann gesagt wenn jemand unverdientes Glück gehabt hat. Oder wenn jemandem ohne große Anstrengung etwas Besonderes gelungen ist.  Es ist nicht ganz sicher ob dieser Spruch richtig aus dem Hebräischen übersetzt ist. Er könnte auch heißen „Den Seinen gibt der Herr den Schlaf. Was auf die beruhigende Wirkung von Religion hinweisen könnte. Dass Menschen mit einem gesunden Gottvertrauen einen besseren Schlaf haben. Weil sie Belastendes auch ihm überlassen können und nicht mit ins Bett schleppen.

Aber auch die erste Variante – dass Gott es den Seinen im Schlaf gebe – hat eine religiöse Tiefendimension. Nicht nur weil von „den Seinen“ also den gläubigen Menschen gesprochen wird. Der Schlaf ist unsere Verbindung zum Unbewussten, unsere Andockstation zu den Archetypen, den großen und zeitlosen Bildern und Erfahrungen der Menschheit. Und er ist Teil von Religion, als eine Art Nabelschnur durch die wir mit der anderen Welt verbunden sind. In der Bibel spricht Gott immer wieder zu den Menschen, wenn sie schlafen. In Träumen erscheinen Engel. Oder über Nacht, im Schlaf klären sich entscheidende Dinge... Nicht umsonst heißt es man soll über manche Dinge, belastende Dinge, schwere Entscheidungen noch eine Nacht schlafen.

Man kann das auch neurologisch erklären. Unser Gehirn speichert die Erfahrungen die wir tagsüber machen nicht nur ab, es bearbeitet sie, verarbeitet sie im Schlaf, genauer gesagt im Tiefschlaf. 

Wir verlieren also im Schlaf unser Bewusstsein, um uns überhaupt erst unserer selbst bewusst zu werden. Könnte das nicht auch ein Hinweis sein? Ein Hinweis darauf, dass wir mit einer ganz anderen, größeren, tieferen Welt verbunden sind? Und immer dann mit ihr in Kontakt kommen, wenn wir uns entspannen und uns vergessen?! 

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