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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Geh aus mein Herz und suche Freud an deines Gottes Gaben!“ So beginnt ein Kirchenlied. Es ist ein Loblied auf Gott. Ich kenne es schon lange. Jetzt erst ist mir bewusst geworden, dass dieses Lied mich auffordert, Freude zu suchen. Sich freuen kann demnach etwas Aktives  sein – nicht nur ein Gefühl, das sich einstellt, weil ich einen schönen Abend mit Freunden verbracht habe, beruflich erfolgreich bin oder ein tolles Geschenk bekommen habe. 

Im Alltag gelingt es oft nicht, das Gute und Schöne wahr zu nehmen und sich daran zu freuen. Wenn ich im Stress bin krieg ich den Tunnelblick. Augen zu und durch. Rechts und links sonst nichts. Wer gewohnt ist, auf das zu schauen, was nicht gut läuft oder alles andere als perfekt ist,  wird leicht blind für den Rest. 

Heute wissen wir, dass Menschen besser und länger leben wenn sieaufmerksam sind für das Erfreuliche und Schöne im Alltag.Dazu gibt es viele Ideen.Eine davon habe ich in einerkleinen Geschichte entdeckt. Sie erzählt von einem Grafen, der sehr, sehr alt wurde. Vielleicht auch deshalb, weiler ein Lebensgenießer par excelleance war: 

Er verließ niemals das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa um die Bohnen zu kauen. Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und sie besser zählen zu können. Jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, zum Beispiel einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lächeln seiner Frau, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weins – für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke  Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei. Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wieviel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und er freute sich. Und sogar an einem Tag, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.

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Michael Schumacher ist schwer verunglückt. Viele Menschen auf der ganzen Welt haben bestürzt reagiert, Anteil genommen, für ihn gebetet. So ist das wenn man über Jahrzehnte erfolgreich war. Reporter von überallher haben tagelang das Krankenhaus belagert und zum Teil die Arbeit in der Klinik behindert. Im Internet hat es einen liveticker gegeben, in dem man – eben live – den aktuellen Zustand von Michael Schumacher mitverfolgen konnte. Jedes Detail zum Unfall ist in allen Zeitungen, in Radio, Fernsehen und Internet ausführlich dargestellt worden. Bis Corinna Schumacher öffentlich darum gebeten hat, die Menschen im Krankenhaus in Ruhe ihre Arbeit machen zu lassen. Und bis sie darum gebeten hat, ihr mit ihrer Familie den Schutzraum zu gewähren, den alle brauchen, wenn sie Angst um das Leben eines Angehörigen haben. 

Mich berührt das merkwürdig, wie mit einem solchen Unfall in der Öffentlichkeit umgegangen wird. Ich verstehe nicht, was in Menschen da vorgeht. Jedenfalls ist es ungerecht verteilt, wie unterschiedlich aufmerksam wir für das Schicksal anderer sind. 

Wie auf Knopfdruck fallen mir dann all die Menschen ein, von denen kaum jemand Notiz nimmt. Ein Freund, der vor kurzem arbeitslos geworden ist und der sich seitdem vergräbt. Alte Menschen, die wochenlang keinen Besuch bekommen. Die Flüchtlinge vor Lampedusa. 

Ich stelle mir für einen Augenblick vor, wie das wäre, wenn die geballte Aufmerksamkeit für Michael Schumacher sich verteilen würde auf die unzähligen Menschen für die sich keiner interessiert. Das ist utopisch. Ich weiß schon. Aber jede Utopie kann konkret werden. Ich kann in meinem Wohnort wenigstens die Nachbarn kennen lernen und den Kontakt so pflegen, dass sich die Frau von nebenan traut, bei mir zu klingeln wenn ihr zum Kochen eine Zwiebel fehlt. Ich kann die Reinigungskraft in unserem Betrieb endlich mal fragen, wo sie geboren ist und wie es ihr in Deutschland geht. Dass sie anderswo aufgewachsen ist, höre ich nämlich schon lange. Oder ich kann, wie die so genannten grünen Damen und Herren es bereits tun, im Krankenhaus oder im Altenheim Menschen besuchen, die sonst niemand besucht.

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Er hat sich von seiner Frau getrennt. In den ersten Wochen danach ist es ihm gut gegangen. Die Liebe war erkaltet. Er hat im Rückblick gesehen wie er jahrelang darum gekämpft hat, dass seine Frau ihn versteht, dass sie erkennt, was ihm wichtig ist und begreift, was er vermisst hat.

Jetzt muss er nicht mehr kämpfen und hat sich vorgenommen, seine Freiheit zu genießen. Er will glücklich sein und lebendig.
Ein paar Monate später ist er eingebrochen. Er fühlt sich vor allem schrecklich einsam. Es gelingt ihm nicht, glücklich zu sein und das Leben zu genießen. Er quält sich durch Abgründe, erkennt was er dazu beigetragen hat, dass seine Ehe gescheitert ist und will ändern was er ändern kann. Er sehnt sich unendlich danach gut zu leben, sich gesund zu fühlen, seelisch und körperlich. Und tut alles was nur geht. Er liest Buch um Buch. Macht Psychotherapie, hört Vorträge, geht zu Seminaren. Ich kenne niemanden, der so schonungslos mit sich selbst umgeht und  tut was in seiner Macht steht. Und trotzdem erlebt, dass er sein Glück nicht machen kann. 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich selbst viel dafür tun kann um mich gut zu fühlen, mich zu entwickeln und reifer zu werden. Machen kann ich es aber nicht. Wachstum geschieht. Das gilt für das äußere und innere Wachsen von Menschen gleichermaßen. Wir brauchen Geduld. 

Wer ein Musikinstrument lernt, weiß was das bedeutet. Wer nicht übt, hat kaum eine Chance. Wer übt, sogar viel übt, muss manchmal Pause machen um zu erleben, dass ein Musikstück plötzlich klingt.

 Auch wer die Natur bewusst wahrnimmt, hat ein gutes Übungsfeld. Der Winter in unseren Breitengraden dauert lang, auf jeden Fall ein Viertel des Jahres. Die Erde erscheint leblos. Die Bäume sehen aus wie tot. In Wirklichkeit ruhen sie. Haben das Leben in sich zurück­genommen, konzentrieren ihre Kraft. Am Gras kann man nicht ziehen, dass es wächst. Bäume kann man nicht zum Ausschlagen bewegen.

Auch kein Mensch kann immer wachsen, immer blühen und immer Frucht bringen.

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„Stellen Sie sich vor. Ihre Schlagbohrmaschine ist kaputt. Also setzen Sie sich an den Computer und gehen dafür auf eine der einschlägigen Seiten im Internet. Sie wollen sich das aktuelle Angebot zeigen lassen. Aber zu Ihrer großen Überraschung bekommen Sie kein einziges Produkt gezeigt sondern Sie werden gefragt: „Warum möchten Sie eine neue Bohrmaschine kaufen?“ Erstaunt antworten Sie: „Weil meine defekt ist.“ Nächster Kommentar: „Der  Defekt lässt sich möglicherweise beheben. Wir empfehlen Ihnen die folgenden Elektriker in der Nähe, die als Vertragspartner mit uns zusammenarbeiten. Möchten Sie, dass wir einen Kontakt zu einem Reparateur herstellen?“ Sie antworten. „Nein! Zeigen Sie mir bitte Produkte.“ Daraufhin werden Ihnen endlich alle verfügbaren Bohrmaschinen gezeigt. Eine ganz neue von einem bekannten Hersteller ist am besten. 319 Euro. Was soll’s! Man kauft so ein Ding ja nicht alle Tage. Also kaufen. Statt nun aber auf Ihren Klick hin die Maschine in „den Warenkorb“ zu legen, fragt der Internetanbieter schon wieder etwas: „Wie oft benutzen Sie Ihre Bohrmaschine durchschnittlich im Jahr?“ Sie überlegen. Gute Frage. Na, so vier- bis fünfmal werden es schon sein. Allmählich sind Sie gespannt, was als Nächstes kommt. Der Anbieter teilt mit: „Unsere Beraterinnen und Berater sind der Auffassung, dass es sich in Ihrem Fall nicht lohnt, so eine Maschine zu kaufen. In Ihrer Nachbarschaft hat eine Person unlängst die gleiche Maschine gekauft und sich als Leihgeber registrieren lassen. Sie können die Maschine bei ihm ausleihen.“ „Das wird ja immer besser, denken Sie. Wer verleiht denn seine Bohrmaschine? „Möchten Sie diese Option wählen? Wünschen Sie den Kontakt?“ Klar wünschen Sie den Kontakt, jetzt schon aus Neugier. Der Internetanbieter berechnet 3,95 Euro für die Vermittlung. Fairer Preis.

Zum Schluss klicken Sie auf „Beenden“. Auf dem Bildschirm erscheint: „Vielen Dank, dass Sie uns gefragt haben: Kunden, die die von Ihnen gewünschte Bohrmaschine ebenfalls nicht gekauft haben, haben auch folgende Artikel nicht gekauft: Akkuschrauber, Winkelschleifer, Rasenmäher, Werkzeugkoffer…“

Diese Geschichte beschäftigt mich so, dass ich sie gerne mit Ihnen teile.

Welzer, Harald: „Selbst denken“. Eine Aufforderung zum Widerstand. S. Fischer Verlag. März 2013

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Kennen Sie Ihre Stärken? Wissen Sie, was Sie richtig gut können, in welchen Bereichen Sie talentiert sind? Manchmal gar nicht so einfach das rauszufinden. Wir sollen es aber wissen. Steht auch in der Bibel. Jesus gibt einen klaren Auftrag: Mach was aus den Begabungen, die dir in die Wiege gelegt worden sind.

Und heute? Steht es überall. In den Bildungsplänen für die Schulen, in Leitbildern von Betrieben und Konzernen, in medizinischen und neurowissenschaftlichen Studien… Menschen sollen ihre Stärken entdecken, sich damit einbringen, effektiv sein und dann erleben, dass sie ihr Leben sinnvoll finden. Stimmt ja. Aber manchmal hab ich keine Lust mehr auf diese theoretischen Wahrheiten. Geschrieben steht es seit Jahrtausenden, wissen tun es viele. Wirklich wichtig ist das, was wir erleben mit Lehrern, Vorgesetzten, Eltern.

Philipp erinnert sich z.B. bis heute an seinen Chemielehrer. Philipp war kein besonders guter Schüler, in Chemie sogar richtig schlecht. Aber statt auf das zu achten, was Philipp richtig gut kann, hat ihm sein Chemielehrer einen Satz gesagt, den er bis heute wortwörtlich wiederholen kann: „Schüler wie du haben auf dem Gymnasium nichts verloren. Warum gehst du nicht zum Bau? Du bist doch groß und kräftig, da können sie dich gut brauchen!“

Das ist 15 Jahre her. Philipp hat trotz seines schlechten Abiturs Psychologie studiert und schreibt eine Doktorarbeit. Sein Einfühlungsvermögen in andere Menschen ist überdurchschnittlich; ebenso seine Begabung einen Zugang selbst zu Menschen zu finden, sehr verschlossenen sind. Gott sei Dank haben seine Eltern seinen Wert nie an Schulnoten gemessen und ihn unterstützt, auch finanziell, selbst wenn er bei Prüfungen durchgefallen ist. Gott sei Dank haben sie Geduld gehabt und ihm vertraut als er eine Ausbildung angefangen und schon bald geschmissen hat.

Es ist nicht so leicht, seine Spur zu finden. Zu erkennen, wofür man brennt,  was einem das Leben lebenswert macht. Klar zu kriegen, was man gut kann und zu entscheiden, wie man dann umgeht mit dem was man gut kann. Sicher ist, dass bei dieser Spurensuche Menschen wichtig sind. Menschen, die unterstützen, Fragen stellen und vertrauen.

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Die Kinder in unserer Lerngruppe trommeln. Ursprünglich haben wir das Trommelprojekt organisiert weil wir wissen, dass beim Trommeln die beiden Gehirnhälften gut vernetzt werden und dass das fürs Lernen wichtig ist. Das gleiche gilt für das Lernen von allen Rhythmen. Begonnen haben wir mit einer deutschen Trommellehrerin. Als sie krank geworden ist, hat Aly den Trommelunterricht übernommen.  

Aly ist Schwarzafrikaner und lebt seit zehn Jahren in Tübingen. Er stammt aus dem Senegal. Seitdem ist Trommeln viel mehr als das Vernetzen von Hirnhälften und Lernen von Rhythmen. Aly bringt seine Heimat mit. Er singt mit den Kindern einfache afrikanische Lieder, übersetzt ihnen die Texte, erklärt was sie bedeuten. Ich staune, wie leicht sich die Kinder die schwierigen afrikanischen Wörter und Sätze merken können und wie gerne sie mitsingen. Er tanzt mit den Mädchen und Jungs und weil er dabei so viel lacht und selbst Freude hat, finden das selbst die coolsten Jungs nicht komisch. Aly trommelt mit den Kindern und hat Geduld bis alle den neuen Rhythmus können. Bis alle so aufeinander hören, dass sie sich als Gemeinschaft erleben, so als würden sie miteinander eine große Trommel schlagen. Wenn wir mit Aly auftreten, trägt er seine afrikanische Kleidung. Bunt, würdevoll, selbstverständlich. 

Vor kurzem haben wir festgestellt, dass wir eigentlich wenig von ihm wissen. Aly stammt aus dem Süden Senegals, aus der Casamance. Dort ist seit 30 Jahren Bürgerkrieg. Im Moment sind die feindlichen Stämme bereit, Frieden zu schließen. Aly ist deshalb in den Senegal geflogen. Die Kinder aus der Lerngruppe haben ihm vorher ihre Wünsche mitgegeben. Dass er gut ankommt, gesund bleibt, glücklich ist, dass er wieder gut zurück kommt und der Krieg wirklich aufhört. Bei jedem Wunsch bedankt sich Aly und fährt sich dabei über die Stirn. Die Kinder lachen über seine Geste. Deshalb erklärt Aly ihnen was er macht: Jeder ihrer Wünsche ist ihm auf die Stirn geschrieben und möge sich erfüllen.  

Was die Kinder mit Aly in einer Stunde pro Woche lernen, schafft kein Schulbuch auf hunderten von Seiten, keine Moralpredigt gegen Fremdenfeindlichkeit und kein Antirassismusgesetz.

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„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Hab keine Angst, ich helfe dir, ich mache dich stark, ich halte dich.“
Autor dieser Sätze ist Jesaja. Geschrieben hat er sie im Jahrtausend vor Christus und wir finden sie im Alten Testament.

„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Ich mache dich stark, ich halte dich.“ Der Schriftsteller dieser wohltuenden Sätze hat die große Gabe zu trösten. Die Menschen seiner Zeit haben Trost gebraucht. Sie waren verunsichert, verängstigt und orientierungslos. Haben selbst nicht weitergewusst. Waren wie gelähmt. Hin- und her gerissen zwischen verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen. Als Fremde in einem anderen Land haben sie in der Luft gehangen - ohne Perspektive. Viele von ihnen haben resigniert, hatten genug vom Leben. Jesaja als zuversichtlicher und tröstender Mensch hat es geschafft, seine Landsleute aus der Resignation herauszureißen. Es ist ihm gelungen unter der Asche die Glut zu entfachen weil er viel Sympathie hatte für sie. Mit großem Einfühlungsvermögen hat er sich in sie hineinversetzt. Er hat ihnen zugehört. Er hat sich ihren Zweifeln und Fragen gestellt auch wenn er keine Antworten parat hatte. Auch er hat immer wieder neu nachdenken müssen, nach Antworten gesucht. Und nicht immer waren seine Antworten überzeugend. Aber er hat den Mut gehabt, schwierige Fragen zuzulassen. Ein Krisenberater im besten Sinn. Keine billigen Vertröstungen, die ihm sowieso niemand abgenommen hätte, keine falschen Hoffnungen. 

Jesaja kann das, weil er Gott vertraut. Er glaubt den Geschichten, die seit Jahrtausenden vom treuen Gott erzählen - auch wenn die Wirklichkeit scheinbar dagegen spricht. Das ist seine Hoffnung und Zuversicht. Die Situation seines Volkes wird sich wieder verändern. 

Trost ist einer der Namen Gottes - Hoffnung auch. Das muss nicht für jeden so sein. Trösten und hoffen können Menschen auch wenn sie nicht glauben wie Jesaja. Aber angewiesen auf Trost und Hoffnung sind wir alle. Gott sei Dank gibt es auch heute Menschen, die uns sagen:

Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir. Hab keine Angst, ich helfe dir, ich mache dich stark, ich halte dich.

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