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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wir umarmen zu selten, die wir lieben. Und wir sagen zu selten „danke". Denen, die uns wichtig sind: Freunde, Partnerinnen und Partner, Kollegen, Kinder, Väter, Mütter. Alle die, ohne die wir nicht wären, was wir sind. Die das Leben heller, wärmer und reicher machen.
Wir umarmen viel zu selten und sagen zu selten „danke".
Ich weiß, das ist so eine Binsenweisheit, dass ich mich kaum traue, sie öffentlich zu sagen. Sie haben sich das vermutlich auch schon oft gesagt und vorgenommen. Und, hat es was geändert? Bei mir nicht so viel.
„Öfter umarmen, öfter danke sagen." Ich erinnere heute trotzdem mal wieder daran. Vielleicht läuft Ihnen ja demnächst eine oder einer über den Weg, die Sie schon lange mal hätten drücken sollen. Und Sie tun es einfach.
Ich habe mich daran erinnert, weil jemand für mich sehr Wichtiges heute Geburtstag hat. Und weil ich vor ein paar Tagen gespürt habe, wie sehr das stimmt: Wir sagen zu selten danke, und manchmal kann es dann sogar zu spät sein für diese Erkenntnis.
Vor ein paar Tagen hat mich die Nachricht vom plötzlichen Tod eines lieben Kollegen überrascht. Über 20 Jahre haben wir immer wieder miteinander gearbeitet. Verlässlich war er, gescheit. Ein Herr. Ein paar Tage vor seinem Tod haben wir uns noch gesehen. Gründe, ihm danke zu sagen, hat es genug gegeben. Und auf einmal hatte ich das starke Gefühl: Meinen Dank mal so richtig ihm gegenüber ausgedrückt, habe ich irgendwie doch nicht. Manchmal verpacken wir ihn vielleicht zu schmucklos, in schnellen Floskeln.
Öfter danke sagen. Öfter umarmen, was wir lieben. Nicht bloß Menschen. Manchmal könnte man ja die ganze Welt umarmen. Und warum sollte man nicht. Im übertragenen Sinn zumindest. Dankbar sein zB: für die Sonne, ihr Licht und ihre Wärme, ohne die nichts lebt. Und vieles mehr.
Und eigentlich gehört zu jedem Dank und jeder Umarmung für liebe Menschen und Dinge auch eine ‚danke' an Gott. Denn ich glaube: Er steckt ja in allem drin und steht hinter allem, was gut tut. Gott gönnt uns was. Und vielleicht ist das Beste, was er mir und Ihnen gönnt, dass wir überhaupt lieben können. Er ist ja selbst Liebe. Gönnt uns mit jedem Menschen und allem was uns wohl tut, eine kleine Umarmung seinerseits. Insofern wäre danke sagen eigentlich viel öfter dran.
Öfter umarmen, öfter danke sagen. Hat es Sinn, sich das vorzunehmen? Wo man es so leicht wieder vergisst? Ich glaube schon. Damit ich dann auch wirklich danke sage und umarme. Ab und zu wenigstens.

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Es gibt persönliche Dinge, die gehen niemand etwas an, auch keine staatliche Obrigkeit. Nur mich selbst, diejenigen, mit denen ich Persönliches freiwillig teile und meinen Gott. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein in einer Demokratie. Ist es aber nicht, haben wir lernen müssen im letzten Viertel Jahr.
Ich frage mich, ist denn diese Versuchung nicht auszurotten, dass Obrigkeiten alles wissen wollen, als wären sie Gott?
Diese Versuchung bei denen oben, alles wissen zu wollen, ist alt. Mit dem Unterschied, dass es heute auch technisch möglich ist, auszuspähen, was nicht jeden was angeht.
Die Geschichte von Johannes Nepomuk hat mich erinnert, wie alt diese Versuchung da oben ist. Vermutlich sind Sie schon öfter begegnet. An vielen Brücken steht sein Denkmal. Ein stummer Zeuge des Widerstandes gegen zu großen Wissensdurst der Obrigkeit. Vor über 600 Jahren hat Johannes Nepomuk gelebt.
Es wird erzählt: Lieber hat er sich umbringen lassen als Geheimnisse zu verraten. Seine Königin hat sie ihm anvertraut, in der Beichte. Das bringt ihren Mann, König Wenzel von Böhmen, auf den Plan. Er will unbedingt wissen, was seine Ehefrau dem Geistlichen anvertraut hat. Was nur sie und Gott angeht. König Wenzel versucht, Nepomuk als Quelle auszuspähen. Aber, trotz Folter, soll der dem König widerstanden haben. Die Verteidigung des Rechts auf Persönliches hat Nepomuk mit dem Leben bezahlt. Man hat ihn in Prag von einer Brücke geworfen und ertränkt. Vielleicht gab es noch mehr politische Gründe für seine Ermordung. Aber dass er sich nicht hat ausspähen lassen, dafür haben die Menschen ihn verehrt als Vorbild.
Mir sagt das: Menschen haben schon lange vor dem demokratischen Rechtsstaat gewusst; zum Menschsein gehört das Recht auf Persönliches, das andere nicht wissen müssen. Auch nicht die Obrigkeit.
Und wenn der Staat alles wissen will, dann maßt er sich etwas an, was Gottes ist. Dann überschreitet der Staat seine Grenzen. Schon gar ein demokratischer. Ich finde, es braucht mehr Leute, die den Geist Nepomuk lebendig halten.
Ist es zu viel verlangt, wenn ich von meinem Staat erhoffe, dass er mich als Bürger aufklärt, wo mein persönliches Recht auf Geheimnis überall in Gefahr ist? Müsste es nicht nur Verbraucherschutz geben, sondern bei den heutigen Ausspähmöglichkeiten viel mehr Kommunikationsschutz. Aktiv von Seiten unseres Staates? Vielleicht ist es ja Zeit für ein Internetministerium, das zuerst die Persönlichkeitssphäre zu schützen hat.

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Wir könnten von Moscheen eine ganze Menge abgucken für unsere Kirchen, finde ich. Als Tourist in Istanbul ist mir das bewusst geworden. Moscheen gehören in dieser Riesenstadt genauso selbstverständlich zum Stadtbild wie bei uns Kirchen. Als Gebäude. Man findet sie in jedem Stadtteil.
Und ich hatte das Gefühl: Die Moscheen sind mittendrin im normalen Leben. Vielleicht mehr, als bei uns die Kirchen. Nicht nur sonntags, auch an Werktagen. Offen, fast rund um die Uhr. Für Einheimische, genauso wie für mich als Ausländer. Für Muslime und mich als Christen.
Ich finde, das hat was, wenn ein Gotteshaus selbstverständlich offen ist und jeden einlädt, sich was Gutes zu gönnen. Da ist man den halben Tag auf den Füßen in einer so lebhaften, vollen und lauten Stadt. Man trifft auf ein Gotteshaus und braucht nur ein paar Schritte weg von der Straße und die Welt wird stiller, langsamer, erholsamer. Ohne dass man gleich gläubig werden muss.
Eine Moschee ist nicht nur offen für Beter. Zu vielen gehört außen ein Grünbereich, man kann sich auf eine Bank setzen, Kaffee oder Tee trinken. Und ich fand auch gut zu wissen, bei einer Moschee, da gibt es ein WC. Ich vermute, Sie verstehen, was ich meine.
Es hat mir sogar gut getan, die Schuhe los zu werden. Das muss man ja, bevor man über die Schwelle tritt, ins eigentliche Gotteshaus. Drinnen, auf Strümpfen, oder barfuß, tritt man automatisch anders auf. Ist auch nicht das Schlechteste, finde ich, wenn Menschen auch einmal sanfter auftreten in dieser Welt. Weicher. In unseren Touristenkirchen erlebe ich das inzwischen oft anders. Im Freiburger Münster zB. Manchmal habe ich den Eindruck, für viele die da rein kommen, macht es nur noch wenig Unterschied, ob sie draußen auf dem Markt oder drinnen in der Kirche sind. Schade. Das nimmt einem Gotteshaus einen großen Teil seiner wohltuenden Kraft.
Insofern fand ich es sogar angenehm, dass der Gebetsbereich für mich als Christ in der Moschee nicht zugänglich ist. Man reserviert einen Raum für die Begegnung mit Gott. Genauso selbstverständlich, wie die Moschee grundsätzlich offen ist.
Ich denke, wir könnten davon nicht nur manches abgucken, wir sollten auch, für unsere Kirchen. Sie können so wohltuend sein, gerade auch für unser normales schnelles Leben im Alltag. Für Einheimische und Fremde. Wenn sie offen sind. Mit einem bisschen Platz außen, und dem Raum und der Atmosphäre drinnen, die uns erinnert, dass Gott da ist, auch im Alltag, zwischen shoppen und schaffen.

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„Geld allein rettet niemanden." Dieser Satz hat mich berührt. In einem Interview im Internet bin ich daran hängen geblieben. (Spiegel online vom 7.9.2013)
Undine Zimmer hat dieses Fazit gezogen: ‚Geld allein rettet niemanden'. Erstaunlich bei einer Frau mit so einer Lebensgeschichte. Sie wurde in Armut hineingeboren. Ihre Eltern kannte sie nicht anders als arbeitslos. Immer von Sozialhilfe gelebt. Geld war sehr knapp. Von Kind an.
Einmal - da war sie drei - hat sie ihre Mutter öffentlich weinen gesehen. Ein Sachbearbeiter auf dem Arbeitsamt hat sie zum Heulen gebracht. Was für eine Verletzung für eine Kinderseele.
Heute ist Undine Zimmer Anfang 30. Sie hat Abitur gemacht, studiert. Auch dank ihrer Mutter, die sie trotz allem zur Bildung gelenkt hat. Für ihre Tochter geträumt von einem anderen Leben. Heute arbeitet Undine Zimmer als Arbeitsvermittlerin. Will dem Sozialstaat ein menschliches Gesicht geben.
„Geld allein rettet niemanden." Wenn das stimmt, was braucht es noch, dass Menschen, Kinder vor allem, heraus kommen aus Armut? Was rettet aus Armut?
Mich hat Frau Zimmer erinnert, dass ich selber eine Verantwortung für arme Nachbarn und Mitbürger habe. Ich kann sie nicht allein dem Staat „überlassen", als „sein Problem". Könnte es sein, dass uns, die wir nicht arm sind, arme Menschen egal sind, wir geben ja unser Steuergeld? Vielleicht hat jeder von uns auch Möglichkeiten mit zu wirken, wo doch Geld allein nicht rettet?
Eine Geschichte aus der Bibel erzählt, wie das gehen könnte:
Petrus und Johannes treffen einen Mann. Er ist behindert, sitzt auf der Straße und bettelt, um über die Runden zu kommen. Petrus spricht ihn an: Mit Geld kann ich Dir nicht helfen; ich bin selber arm. Aber ich habe etwas, was ich Dir geben will. Einen festen Glauben. An Gott, dem du genau so viel etwas wert bist, wie alle anderen. Er kann Dir Kraft geben, aufzustehen in ein eigenes Leben. Und dann sagt Petrus: Im Namen Jesu Christi, steh auf und geh! Er reicht dem Bettler die Hand, hilft ihm hoch. Und der Bettler könnte von da an auf eigenen Füßen stehen. (Apg 3)
Wahrscheinlich ist es immer noch dasselbe wie damals, was man Menschen zum Leben geben kann, außer Geld: Erst mal, dass man sie sieht. Dass man sie ernst nimmt als Menschen. Die vor Gott dieselbe Würde haben wie Sie und ich, die genauso viel wert sind wie eine Präsidentin oder ein überbezahlter Fußballer. Dass wir in unserer Gesellschaft dafür kämpfen, dass Bildung keine Frage des Geldes und der Herkunft mehr ist. Das kann retten.

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Wir haben unsere Stimmen abgegeben. Jetzt sind die Parteien dran.
Wir können gespannt sein, wie sie umgehen mit der Macht und der Verantwortung, die wir ihnen als Wähler anvertraut haben.
Ich hoffe, dass die Verantwortlichen nicht vergessen, dass sie ihre Macht von uns haben, und ich hoffe, dass sie immer im Blick behalten, wozu wir sie ihnen gegeben haben:
In der Bibel wird das einmal so treffend auf den Punkt gebracht, wie man es m. E. nicht besser sagen kann:
„Suchet der Stadt Bestes", heißt es da, und das soll wohl heißen: „Sucht das Beste für das Land und für alle Menschen, die hier leben. Dass sie gut leben können, in Frieden und gerecht: Rentner und Kinder, Einheimische und Migranten, Banker und Obdachlose. Frauen und Männer. „Sucht das Beste für alle."
Dazu haben wir den Politikern unsere Stimmen gegeben. Aber das heißt nicht, dass wir unsere Stimme abgegeben hätten. „Sucht das Beste des Landes." Dafür bleiben Sie und ich verantwortlich, auch nach der Wahl.
Für Christen war immer schon klar, unsere Stimme für das Beste des Landes einbringen, das können wir auch, wenn wir für Politikerinnen und Politiker beten. Was das Beste ist, das liegt oft nicht auf der Hand. In unseren unübersichtlichen Zeiten.
Ich glaube, es tut Politikern gut, wenn sie wissen, da sind Menschen, die für sie beten. Weil sie wissen, vieles wird mit menschlicher Kraft allein nicht gut. Es braucht den Segen Gottes. Ich bin sicher, es tut Politikern gut wenn wir Christen für sie z. B. um Weitblick beten, um Durchhaltevermögen, um innere Unabhängigkeit auch gegen starke Interessengruppen. Um Kampfgeist für Ziele, die wichtig sind, auch wenn man sie vielleicht nicht gleich morgen oder übermorgen erreichen kann. Und wir sollten auch für sie beten, dass sie ihre Macht gebrauchen, ohne sie zu missbrauchen. Und nicht zuletzt dafür, dass sie sich selbst, ihre Gesundheit, ihre Partner oder Kinder nicht erschöpfen durch ihr Amt.
Wir haben gestern unsere Stimmen nicht abgegeben für die nächsten Jahre. Wir können auch weiterhin Stimme erheben. Nicht nur beim Beten, sondern auch mitdenken und mitreden. Auch demonstrieren wenn es dran sein sollte. Ich finde, das gilt auch für Sie, die gestern nicht wählen gegangen sind. Vielleicht finden Sie ja im Lauf der nächsten Jahre Ihre Stimme wieder. Und machen von ihr Gebrauch, um das Beste für das Land zu suchen.

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