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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sie steht in traumhafter Lage, inmitten von Reben: Die Wallfahrtskirche Birnau - direkt oberhalb des Überlinger Sees, dem oberen Teil des Bodensees. Sie ist ein „Barockjuwel", die „Basilika zu Unserer Lieben Frau". 260 Jahre alt, viel besuchter Wallfahrtsort und beliebtes Touristenziel. 

Von der großen Terrasse vor der Kirche hat der Besucher bei guter Sicht einen herrlichen Blick auf die Schweizer Alpen. 

Betritt er das Innere der Kirche, empfängt den Besucher ein festliches Spiel von Formen, Farben und Licht, eine Sinfonie von Altären, Fresken und Statuen. 

Die Birnau wird von Zisterziensermönchen betreut, ein Orden, der vor über 900 Jahren in Frankreich gegründet wurde. Einer der bedeutenden geistlichen Gestalten des Ordens ist Bernhard von Clairvaux - er hat im 12. Jh. gelebt. Weil er sehr gewandt sprechen und formulieren konnte, haben ihn die Zeitgenossen den „doctor mellifluus" genannt, den „honigfließenden Lehrer". Bernhard von Clairvaux hat natürlich seinen festen Platz auf einem der vielen Seitenaltäre. 

Er ist aber gar nicht der Hauptanziehungspunkt. Das ist ganz in der Nähe ein Engel mit spitzbübischem Gesicht und hochgestyltem Lockenkopf. Um Schulter und Hüfte schwingt sich ein goldenes Tuch. - Es ist der „Honigschlecker".

Er guckt verschmitzt und schleckt mit dem Zeigefinger der linken Hand  genüsslich den Honig. Aus dem Bienenkorb in seiner Rechten schwärmen die empörten Honigsammler aus. Einfach schön, dieser „Honigschlecker". 

Auch wenn das Leben meistens kein Honigschlecken ist - gelegentlich möchte ich schon so ein Honigschlecker sein: unbeschwert und fröhlich, etwas genießen, mit Honig ab und zu das Leben versüßen. 

Honig bedeutet aber noch mehr. In der Bibel ist Honig ein anderes Wort für Leben. Honig öffnet die Sinne für Gott und sein Wort. Und dieses Wort ist süß, sprich: lebendig. Es schafft und erhält Leben. Wer Honig isst, der hat demnach schon jetzt Anteil an der ewigen Seligkeit. Ein schönes Bild. 

Die Birnau am Bodensee ist immer eine Reise wert. Ist sie doch zusammen mit dem Honigschlecker wie ein Stück Himmel auf Erden.

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„Halb Insel, halb Paradies" - so wirbt ein Reiseveranstalter für die schöne Insel Kreta. Und das ist ja auch gar nicht übertrieben. 

Das „Paradies" - seit Adam und Eva hat kaum eine andere Geschichte aus dem Alten Testament die Phantasie der Menschen so sehr beflügelt. Das Wunschbild vom Paradies ist uralt und findet sich bei vielen Völkern. Nicht immer ist es ein Garten, es kann auch eine goldene Stadt sein oder eine Insel im Meer. Im Paradies ist es wunderschön, ja himmlisch. Es geht den Menschen gut, sie leben im Frieden miteinander. Im Paradies fühlen sie sich sicher und geborgen und eins mit der Natur und mit Gott. 

Doch über allen Erzählungen vom Paradies liegt ein Hauch von Wehmut. Weil es unerreichbar ist. Mag es manchmal auch für einen Augenblick gelingen, dass ich mich wie im Paradies fühle - so bleibt es doch unzugänglich. 

Was auch bleibt, ist die Sehnsucht danach. Diese Sehnsucht nach dem verlorenen oder unzugänglichen Paradies entdecke ich vor allem dort: Immer mehr Menschen spüren einen ungeheuren Nachholbedarf, wie die geschundene Schöpfung erhalten werden kann. Viele spüren ein Defizit an „Schöpfungsfreude". Es wird uns wieder bewusst, dass wir auf die Natur und unsere Mitgeschöpfe angewiesen sind und damit auch Verantwortung für sie haben. 

Ein aktuelles Beispiel: Wenn die Bienen aussterben - dann wäre das katastrophal. Dann würde allein der Ertrag unserer Kulturpflanzen erheblich zurückgehen. Denn mehr als ein Drittel unserer Nutzpflanzen werden von Bienen bestäubt. (Nach Greenpeace) 

Für länger oder auch nur kurz mal reinschauen ins Paradies - das kann man nicht, das bleibt uns verwehrt. Das Paradies ist auch kein unerreichbarer „Ort" aus längst vergangenen Zeiten. Es bringt nichts, nostalgisch einem Zustand nachzutrauern, den es so noch nie gegeben hat. Das Paradies ist das Bild, die Ahnung von einer besseren Zukunft. 

Was wir tun müssen ist, alles zu versuchen, dass unsere Erde bewohnbar bleibt und dass wir die Welt ein Stück weit menschlicher und von Leid freier machen. Daran kann ich in meinem Umfeld mitwirken. 

Und was bleibt, ist die Sehnsucht nach endgültiger Klarheit, und dass sich einmal alles vollendet, dass alles gut und heil wird. Dass wir, die wir aus der Geborgenheit Gottes gekommen sind, wieder in diese Geborgenheit zurückkehren. Mit unzähligen Menschen in aller hoffe ich, dass diese Sehnsucht in Erfüllung geht - in Gottes neuer Welt.

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Manche Leute scheinen sehr rasch und sehr gut über Gott Bescheid zu wissen. Sie tun so, als hätten sie ein langes und intensives Interview mit ihm geführt. Manchmal ist es aber auch gut, Gelassenheit an den Tag zu legen. Das erzählt der Schriftsteller Anthony de Mello (1931-1987) mit zwei kleinen Geschichten. * 

„Der Meister war stets liebenswürdig zu Gottesgelehrten, die ihn aufsuchten. Aber er antwortete nie auf ihre Fragen und ließ sich auch nicht in ihre theologischen Spekulationen und Spitzfindigkeiten hinein ziehen. Seinen Schülern, die sich darüber wunderten, sagte er: „Kann man zu einem Frosch in einem Brunnen über den Ozean sprechen - oder über das Göttliche zu Menschen, die in ihren Vorstellungen befangen sind?" 

Den Bescheidwissenden verwandt sind die Eiferer in Sachen Religion. Ihre Gefährdung: Sie möchten sich Gott zueigen machen. Wie jener Schüler. 

„Dieser sagte zu seinem Meister: „Ich bin bereit, auf der Suche nach Gott alles aufzugeben: Reichtum, Freunde, Familie, Land, ja das Leben selbst. Was kann ein Mensch sonst noch aufgeben?" Der Meister erwiderte ganz ruhig: „Die eigenen Glaubenssätze über Gott." Der Schüler ging traurig fort, denn er hing an seinen Überzeugungen. 

Die beiden Geschichten sind ein liebevolles Plädoyer gegen jede Art von Fanatismus und religiösem Fundamentalismus. Die Meister verkörpern wohl die Weisen. Und die wahren Weisen aller Glaubensrichtungen grenzen sich nicht mehr voneinander ab. Sie umarmen sich. Sie verstehen sich auch ohne Worte. Sie haben verstanden.  

Ich glaube, es kommt darauf an, dass ich auf meinem persönlichen Lebensweg - und jeder Mensch hat seinen eigenen - mit allen Sinnen wach bleibe und offen bin für sichtbare Hinweise und unsichtbare Zeichen, die zum Sinn des Lebens führen. Auf diesem Weg helfen alltägliche persönliche Erfahrungen sowie das Vorbild anderer Menschen. Religionen geben Sinn und Orientierung. Ich glaube, mehr ist nicht verlangt. Aber das ist ja auch schon viel.

 

Anthony de Mello, Eine Minute Weisheit,
...Verlag Herder Freiburg 1986, S.59-60 und S.67

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„Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Schnee und bald tut's nicht mehr weh" - ein Reim für Kinder, die sich das Knie verletzt oder den Kopf angehauen haben. „Heile, heile Segen" ...Segen, der kann nicht nur Kindern gut tun, sondern auch uns Erwachsenen.

Mir wird wieder bewusst, wie wichtig eine meiner Diensthandlungen als Pfarrer ist: segnen. Am Schluss des Gottesdienstes, wenn ich ein Kind taufe, ein junges Paar traue, jemanden beerdige, dann segne ich die Anwesenden. 

Segnen kommt vom lateinischen „signare" - bezeichnen. Ich mache mit der Hand das Kreuz-Zeichen und segne die Gemeinde. Dem sehr nahe kommt ein anderes lateinisches Wort: „benedicere", auf Griechisch „eu-legein" - Gutes sagen. Zum Segnen gehört beides: das Kreuz-Zeichen und das gute Wort. Dem andern von Gott her Gutes zusprechen, ihm Gutes wünschen. 

Doch warum segnet nur der Pfarrer, und dies fast nur bei offiziellen, dienstlichen Handlungen? Warum wünschen wir einander Gottes Segen nur bei feierlichen Anlässen? - Es ist selten geworden, dass die Mutter ihre Kinder mit einem Kreuz-Zeichen auf die Stirn segnet, wenn sie das Haus verlassen und bevor sie einschlafen. Ich weiß nicht, ob es in ländlichen Gegenden noch Brauch ist, dass der Vater oder die Mutter das Brot segnet, bevor es aufgeschnitten wird. 

Wenn jemandem Gutes geschieht, sagte man früher vielerorts „Vergelt's Gott" und bekam zur Antwort „Segne's Gott". 

Auch so manche Beziehung könnte weniger kompliziert sein, wenn Probleme nicht bis zur Erschöpfung behandelt würden. Wenn - ab einem bestimmten Punkt - jeder mal in sich gehen würde. Sie oder er sogar den Mut aufbringt, in einer verworrenen Situation um Gottes Segen und Hilfe zu bitten. 

So einiges im Zwischenmenschlichen, aber auch in Gesellschaft und Kirche könnte sich positiv bewegen, wenn wir es fertig brächten, Gott ins Spiel zu bringen. Auch und gerade in Situationen, die schwierig sind. Auch und gerade bei Leuten, mit denen ich mich nicht so leicht tue. Wenn ich es dann fertig brächte, Gott auch darum zu bitten: 

„Gott, ich bitte dich um deinen Segen für die,
die mich nicht mögen.
Ich bitte dich auch um deinen Segen für die,
die ich nicht mag."

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 Er gewinnt nicht auf Anhieb die Herzen - er ist voller Widersprüche. Ich spreche von Bernhard von Clairvaux. Er hat im 12. Jahrhundert gelebt. (1090-1153) Heute ist sein Gedenktag. 

Er ist ein innerlich zerrissener Mensch gewesen: liebevoll, sensibel und dann wieder verbissen intolerant und jähzornig - so wird berichtet. Im nächsten Moment ist er zärtlich gewesen zu denen, die er gerade attackiert und mit Worten verletzt hatte. 

Diese Widersprüchlichkeit durchzieht sein ganzes Wirken. Zum einen ist ihm die Reform der verweichlichten Mönchsorden ein Herzensanliegen. Der damals gegründete Zisterzienserorden mit seinem bewusst armen Lebensstil ist seine Heimat geworden. In diesem Geist hat er 65 Klöster gegründet. Für unzählige Menschen aus allen Bevölkerungsschichten ist er Berater, Seelsorger und Ansprechpartner. 

Andererseits hat er sich in die unselige Idee mit den Kreuzzügen verrannt. Was sich als religiös verbrämte Eroberungsaktion von Abenteurern und Geschäftemachern entpuppen sollte - und unvorstellbares Leid und Elend zur Folge hatte. An kaum einer Persönlichkeit des Mittelalters ist die Widersprüchlichkeit und innere Zerrissenheit eines Menschen so erkennbar wie an Bernhard von Clairvaux. 

Auch wenn sich mein Leben längst nicht so dramatisch anhört - die widersprüchlichen Eigenschaften kenne ich auch bei mir. Und ich nehme an, das geht nicht nur mir so. 

Recht freimütig gibt der Apostel Paulus zu, dass er das Gute oft will, dann aber doch nicht tut, und dass er dann nicht das Gute tut, das er eigentlich will, sondern Böses, das er nicht will. (Römer 7,18-19) 

Weil das im Menschen drin steckt, empfiehlt der Theologe Karl Rahner, bescheiden zu sein und vorsichtig im Urteil über andere. Denn oftmals seien wir selbst nur „verhinderte Sünder". 

Bei dieser Selbsterkenntnis tröstet mich die Zusage in der Bibel: „Wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz." ( 1 Johannes 3,20) Diese Zusage macht mir aber auch Mut, mich immer wieder zu bemühen: das Gute nicht nur  zu wollen, sondern auch zu tun.

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„Lang ist der Weg durch Vorschriften und Gesetze, kurz aber und wirksam durch das Beispiel" - kluge Worte wie diese hat der Philosoph Seneca gefunden. Er hat vor 2000 Jahren in Rom gelebt, ausgerechnet in der Stadt, die in der Geschichte Europas für das bürgerliche Recht steht - Grundlage auch für unsere Rechtsprechung. 

Diese Rechtsprechung reicht vom Mietrecht über die Steuergesetzgebung und die Straßenverkehrsordnung bis hin zu jener kuriosen Beamtenvorschrift: Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar. Aja!

Auch das Europäische Recht versucht, den Bürgern bis in die letzten Winkel hinein behilflich zu sein, wie jene irrwitzige Verordnung zeigt: Eine Pizza Napoletana darf maximal 4 Zentimeter dünn sein und einen Durchmesser von höchstens 35 Zentimeter haben. Was die Gesetzesmaschinerie doch für Blüten treiben kann. Auch das Kirchenrecht lässt sich nicht lumpen. Eine Kurz-Darstellung des evangelischen und des katholischen Kirchenrechts umfasst dann doch 400 Seiten. 

Selbstverständlich braucht es Vorschriften und Gesetze, um das Zusammenleben in Gesellschaft und Kirche zu regeln. Nicht immer einfach, bis das jeder einsieht und sich entsprechend verhält. Oft unterbrochen von juristischen Verfahren, weil sich nicht jeder danach richtet oder eine Sache  anders sieht. 

Damit Menschen recht und gut miteinander umgehen - dafür ist der kurze und wirksame Weg doch das Beispiel, wie es Seneca vorschlägt. Das ist gewiss nicht immer einfach, aber es ist der menschlich richtige Weg. Ich denke an Kinder und Jugendliche. Die nehmen uns Erwachsenen doch am ehesten das ab, worum wir uns selbst bemühen. Wenn sie spüren, dass wir glaubwürdig sind. Wenn unser Reden und Tun möglichst zusammenklingt. 

„Lang ist der Weg durch Vorschriften und Gesetze, kurz aber und wirksam durch das Beispiel" - mit seiner Einsicht befindet sich Seneca in guter Gesellschaft mit Jesus: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Matthäus 7,12) Die so genannte „Goldene Regel" ist so genial wie einfach. Sie ist „ethischer Kern" aller Religionen. Jesus übernimmt diese alte ethische Weisung der Menschheit und sieht in ihr „das Gesetz und die Propheten" erfüllt. Man muss sich diese „Goldene Regel" auf der Zunge zergehen lassen: Was das für Konsequenzen hätte!

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