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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Auf das richtige Maß kommt es an. Wasser zum Beispiel ist lebenswichtig. Wir können froh sein, dass wir in unserem Land genug davon haben. Aber wenn es zu viel wird, dann wird aus dem eigentlich Guten eine zerstörerische Kraft. Die Bilder von überschwemmten Landschaften und unbewohnbar gewordenen Häusern in den letzten Wochen haben das gezeigt.
Ich denke so ist es nicht nur mit dem Wasser, sondern mit ganz vielen Dingen. In einem gewissen Maß sind sie gut und sogar lebensnotwenig, aber im Übermaß können sie zerstörerisch sein. Das richtige Maß gibt es aber auch im persönlichen Leben:
Das rechte Maß an Arbeit und Freizeit, an Genuss und Verzicht, an Zeit mit anderen und Zeit mit sich selbst. Im Übermaß kann das alles schädlich sein. Sogar ein Übermaß an Liebe und Fürsorge: Wenn ein Kind überbehütet wird, lernt es nicht, selbständig zu leben.
Die Frage ist: Was ist das richtige Maß? Ich denke, sie ist deshalb nicht so leicht zu beantworten, weil jeder Mensch sein eigenes Maß hat. Um für mich das richtige Maß zu finden, muss ich mich gut selbst kennen lernen. Ich muss in mich hineinhören und ein Gefühl dafür bekommen, was für mich stimmt und wann es zu viel wird - oder zu wenig - und dann eben nicht mehr stimmt.
Weil jeder sein eigenes Maß hat, hilft es auch nicht weiter, sich an anderen Menschen zu orientieren. Wie das ist, habe ich vor Jahren im Film „Das Wunder von Bern" über die Fußball-Weltmeisterschaft von 1954 gesehen. Da kickt der elfjährige Matthias so lange schlecht, wie er versucht seinem großen Helden, den Stürmer Helmuth Rahn, nachzueifern. Erst als er seinen eigenen Fußball-Stil als Verteidiger entdeckt, spielt er gut.
Ich denke, so ist das auch mit dem richtigen Maß: Was für den einen stimmt und was ich vielleicht sogar an ihm bewundere und auch gerne hätte, kann für mich verkehrt sein. Vielleicht wäre ich auch gerne so gesellig wie mein Kollege, der mit jedem gleich ins Gespräch kommt. Aber möglicherweise brauche ich eben mehr Distanz und mehr Raum für mich.
Ich denke, dieses richtige Maß für die vielen einzelnen Bereiche meines Lebens zu suchen, lohnt sich. Wenn ich es finde ist das jedes Mal ein kleiner Schritt auf dem Weg zu mir selbst. Weg von einem Leben, das ich mir ausmale, mir bei anderen abschaue oder aufgezwungen bekomme hin zu einem Leben, das zu mir passt.

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Sich helfen lassen, ist gar nicht so einfach. Es kostet manchmal Überwindung. Ich will ja niemandem zur Last fallen. Ich will auch bei niemandem in der Schuld stehen. Und vor allem fällt es mir schwer, zuzugeben, dass ich es allein nicht schaffe. Außerdem: Wenn ich mir von jemandem helfen lasse, dann muss der schon Ahnung haben, jedenfalls mehr als ich selbst.
Also: Gar nicht so leicht, sich helfen zu lassen, auch nicht von Gott. Vielleicht ist es sogar noch schwerer, sich von ihm helfen zu lassen als von anderen Menschen.
Warum ist das so? Ein Grund ist vielleicht der Zweifel, ob Gott mir tatsächlich helfen kann. Wenn ich einen Freund bitte, mir zum Beispiel beim Fliesen legen zu helfen, dann weiß ich, dass er das kann. Ich habe mir vielleicht sein eigenes Bad angeschaut und das hat mich überzeugt. Bei Gott, den ich nicht sehen kann, kommen mir Zweifel.
Aber ich denke, der größte Unterschied ist: Gott will mir bei einer Sache helfen, bei der ich mich selbst für den Experten halte. Nämlich, die richtigen Entscheidungen in meinem Leben zu treffen, mein Leben so zu leben, dass es gelingt. Und das geht vielen Menschen zu weit. Für mein eigenes Leben bin ja wohl ich der Experte. Ich habe schließlich meinen Stolz, und ich habe Angst, das Ruder meines Lebens aus der Hand geben zu müssen.
Es ist deshalb vielleicht gar nicht so erstaunlich, dass Menschen sich dann von Gott helfen lassen, wenn sie gar nicht anders können. Einer, dem es so gegangen ist, ist der Gitarrist und Sänger Eric Clapton. Jahrlang hat er versucht gegen seine Alkoholsucht anzukämpfen, ohne Erfolg. Gegen Ende eines weiteren Aufenthalts in der Entzugsklinik hat er plötzlich große Angst bekommen, es wieder nicht zu schaffen. In dieser Situation, so erzählt er in seiner Autobiografie (Eric Clapton, Mein Leben, S. 242f), hat er Gott um Hilfe gebeten. Das ist ihm bei seinem großen Ego nicht leicht gefallen, schreibt er, aber Gott hat ihm tatsächlich geholfen - und hilft ihm bis heute. Eric Clapton schreibt: „Von diesem Tag bis zum heutigen habe ich jeden einzeln Morgen gebetet (,,,) und um Hilfe gefleht, und jeden einzelnen Abend habe ich für mein Leben und (...) meine Nüchternheit gedankt".
Ich denke, sich von Gott helfen lassen bedeutet nicht, sein Leben aus der Hand zu geben. Gott nimmt mir mein Leben nicht ab. Ich werde nicht gelebt. Aber ich denke, der Glaube bedeutet schon anzuerkennen, dass da ein anderer mehr Ahnung hat vom meinem Leben als ich selbst. Das zu akzeptieren ist nicht einfach, aber es lohnt sich. Und darauf zu vertrauen, setzt Kräfte frei.

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Erwartungen können einen lähmen. Mir geht das manchmal so. Wenn meine Frau zum Beispiel findet, dass unser Rasen schon lange gemäht gehört, habe ich wenig Lust dazu, den Mäher raus zu holen. Ganz anders ist es, wenn ich selber auf die Idee komme, ich meine Frau vielleicht sogar mit einem schön geschorenen Rasen überraschen kann und sie sich darüber freut. Erwartungen lähmen, aber Anerkennung motiviert.
Ich denke, so ähnlich ging es auch dem Zachäus, von dem Lukas in seinem Evangelium erzählt: Zachäus war reich - auf Kosten anderer. Als Zöllner von Jericho konnte er selbst bestimmen, wie viel Steuern die Bauern und Händler zahlen mussten. Da war die Versuchung groß, möglichst viel zu verlangen. Und das hat Zachäus auch getan. Deshalb und weil er als Zöllner ein Geschäftspartner der verhassten Römer war, war Zachäus bei den anderen Leuten total unbeliebt. Die Erwartungen waren klar: „Der soll erst mal ehrlich werden, wenn er wieder zu uns gehören will". Das haben die Leute Zachäus sicher spüren lassen. Geändert hat sich Zachäus deshalb aber nicht.
Erst als Jesus nach Jericho kommt, wird für den Zöllner alles anders. Zachäus hat von dem berühmten Wanderprediger schon viel gehört. Und weil er klein ist, steigt er auf einen Baum, um Jesus trotz der vielen Menschen sehen zu können. Dann geschieht sehr Unerwartetes. Jesu spricht Zachäus an. Aber er hält ihm keine Moralpredigt und formuliert auch keine Erwartungen. Sondern Jesus will bei Zachäus zu Abend essen - eine ungeheure Ehre. In der Bibel heißt es dann: „So schnell er konnte, stieg Zachäus vom Baum herab, und er nahm Jesus voller Freude bei sich auf." (Neue Genfer Übersetzung, Lukas 19,6). Und Zachäus verspricht Jesus zwei Dinge: Die Hälfte seines Vermögens, will er den Armen spenden. Und die, denen er am Zoll zu viel abgeknöpft hat, will er großzügig entschädigen.
Was hat Zachäus dazu gebracht? Ich denke, er hat bei Jesus zum ersten Mal seit langem keine Erwartungen gespürt. Das hat ihn frei gemacht und ihm Mut gegeben, sich zu ändern. Nicht weil alle anderen das von ihm verlangt haben, sondern weil er das selbst gewollt hat.
Ich mag diese Geschichte vom Zöllner Zachäus, weil ich daran sehen kann, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Gott hat anscheinend keine lähmenden Erwartungen. Aber er sagt auch nicht: „Bleib einfach wie Du bist". Er sieht die Möglichkeiten, die in einem Menschen liegen.  Das macht Mut, sich zum Guten hin zu verändern. Denn die Chance hat jeder

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„Ich bin wie du", sagt mein Sohn immer wieder, seit er ein Kinder-Foto von mir gesehen hat. Auf dem Bild sehe ich ihm tatsächlich sehr ähnlich.
Mein Sohn findet das lustig. Für mich ist die Vorstellung eher beunruhigend. Denn ich will natürlich, dass mein Sohn sein eigenes Leben lebt und seine eigene Persönlichkeit entwickelt. Und vor allem will ich nicht, dass er die gleichen Fehler macht wie ich oder zum Beispiel die Eigenschaften und Gewohnheiten übernimmt, die ich nicht an mir mag.
Es ist wahr: Kinder entwickeln sich nicht völlig unabhängig von ihren Eltern. Väter und Mütter geben ihren Kindern ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit mit auf den Weg. Das tun sie durch die Gene, die sie weiter geben und vor allem durch die Erziehung, dadurch wie Eltern ihre Kinder in der Kindheit und Jugendzeit prägen.
Für Amadeu Prado, eine der Hauptpersonen in Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon" ist das eine große Last. In einem Brief nennt er seine Mutter verbittert „Bildhauerin einer fremden Seele" (S. 360). So sehr fühlt er sein eigenes Leben durch sie bestimmt und festgelegt.
Aber das ist ja nur die eine Seite. Fast niemand bekommt von seiner Mutter und seinem Vater nur negative Eigenschaften mit für sein Leben, sondern auch positive. Amadeu Prado aus Pascal Merciers Buch ist beispielsweise ein sehr kluger und sensibler Mann. Wäre er das mit anderen Eltern auch geworden? Ich denke nicht.
Dass Eltern - so oder so - eine große Rolle im Leben ihrer Kinder spielen, bedeutet auf jeden Fall eine große Verantwortung. Daran werde ich immer erinnert, wenn mein Sohn sagt „Ich bin wie du". Ich versuche deshalb, möglichst so zu leben, wie ich es mir auch für meinen Sohn wünsche.
Das gelingt leider nicht immer. Deshalb bin ich froh, dass ich glauben kann: Auch wenn ich meinen Kindern so manches Päckchen mit auf den Weg gebe, kann es trotzdem gut mit ihnen werden. Als Jesus einmal gefragt wird, ob ein Blinder deshalb blind ist, weil seine Eltern gesündigt hätten, widerspricht er entschieden: „Es ist weder seine Schuld noch die seiner Eltern", sagt er, „An ihm soll sichtbar werden, was Gott zu tun vermag". (Johannes 9,3). Der Blinde ist nicht durch seine Mutter oder seinen Vater festgelegt. Überhaupt interessiert sich Jesus gar nicht so sehr für seine Vergangenheit, sondern viel mehr für seine Zukunft: Gott hat mit jedem Menschen etwas Gutes vor, egal welche Prägungen er mitbringt.

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Die Kinder in Deutschland haben es zwar gut, aber sie sind unglücklich. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die im Frühjahr veröffentlicht wurde. Das Kinderhilfswerk Unicef hat die Lebensbedingungen von 11- bis 15-Jährigen aus 29 Industrieländern untersucht. Einerseits wurde gefragt: Wie steht es mit der materiellen Versorgung? Wie gebildet sind sie und wie gesund? Da haben die deutschen Kinder mit Platz 6 ziemlich gut abgeschnitten.
Gleichzeitig hat Unicef aber auch gefragt wie sich die 11- bis 15-Jährigen fühlen und wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Und da lag Deutschland dann plötzlich nur noch auf Platz 22. Als Grund für ihre Unzufriedenheit haben viele Kinder und Jugendliche den zunehmenden Leistungsdruck in der Schule genannt.
Mich hat dieses Ergebnis an einen Satz von Jesus erinnert: „Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber (...) sein Leben verliert?" (Markus 8,36, Gute-Nachricht-Übersetzung). - Was haben Kinder und Jugendliche davon, wenn sie im Wohlstand leben, ihnen Druck und Angst aber die Lebensfreude nehmen?
Offensichtlich brauchen Menschen - nicht nur die jungen - mehr als Geld und eine gute Ausbildung, um glücklich zu sein. Das zeigt ein Blick auf die anderen Länder der Studie. Am meisten hat mich dabei Griechenland überrascht. Was die äußeren Lebensbedingungen angeht, liegen die griechischen Kinder ziemlich weit hinten auf dem fünftletzten Platz. Bei der gefühlten Lebenszufriedenheit dagegen ist es genau umgekehrt: Platz fünf. Griechische Kinder sind - obwohl sie weniger haben - ziemlich glücklich. Bei uns, im Wirtschaftsvorzeigeland Europas, sind die Kinder dagegen ziemlich unglücklich.
Ich finde, das Ergebnis der Unicef-Studie stellt die Frage: Was ist wirklich wichtig im Leben? Dass Geld nicht glücklich macht, weiß ja schon ein Sprichwort. Aber was dann? Was haben die Griechen, was wir nicht haben? Ok, Sonne und Meer spielen sicher auch eine Rolle, aber vielleicht haben sie auch einen stärkeren Zusammenhalt in der Familie. Vielleicht haben die Erwachsenen weniger Stress und die Kinder mehr Zeit für Hobbys. Und vielleicht schaffen die Griechen es besser als wir, ihren Kindern zu zeigen, dass sie etwas wert sind, ganz unabhängig von dem, was sie leisten.
Ich glaube, wir können voneinander lernen: Die Griechen von uns, wie eine effektive Steuerverwaltung funktioniert, und wir von ihnen, wie man Kinder glücklich macht.

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„Wie du mir so ich dir". Dieser Satz leuchtet vielen auf den ersten Blick ein: Klar, warum sollte ich freundlich sein zu jemandem der unfreundlich zu mir ist? Warum sollte ich jemanden, der mich schlecht behandelt nicht genauso behandeln?
Wohin das „Wie Du mir so ich Dir" allerdings führen kann, zeigt ein Spielfilm, den ich neulich gesehen habe. Er heißt „Spurwechsel" und beginnt damit dass zwei Männer in New York in einen Autounfall geraten. Den Rest des Filmes bekämpfen sich die beiden und versuchen sich gegenseitig zu schaden. Auf die Aktion des einen folgt die Reaktion des anderen.
Immer wieder gibt es Stellen im Film, da könnte einer der beiden aus diesem Kreislauf aussteigen. Aber dann tut er es doch nicht. Beispielsweise als einer der Männer beschließt, das Bank-Konto des anderen zu löschen. Er geht deshalb zu einem Computerhacker, der so etwas kann. Bevor der Hacker auf die Enter-Taste drückt, bekommt der Mann Gewissensbisse. Er fragt, ob es denn nicht noch eine andere Möglichkeit gibt, auf die Aggressionen seines Gegenspielers zu reagieren. Der Hacker blickt auf, lächelt und sagt: „Natürlich: Seien sie freundlich zu ihm". Der Mann überlegt kurz, dann gibt er das Zeichen zum Löschen.
Ich finde, diese Szene zeigt, wie schwer es vielen Menschen fällt, aus dem „Wie Du mir so ich dir" auszusteigen und: wie leicht es eigentlich wäre. Es müsste sich eben einer dazu überwinden, den ersten Schritt zu tun. Raus aus dem Kreislauf des „Wie du mir so ich dir". Damit man in Frieden leben kann.
„Tut Gutes denen, die euch hassen" (Lukas 6,27 Gute-Nachricht-Übersetzung), das hat Jesus den Menschen, denen er begegnet ist, immer wieder, geraten. Will er also, dass man immer klein beigibt und sich unterordnet. Nein. Ich denke, er wollte damit den Leuten Mut machen, aus dem „Wie Du mir, so ich dir" auszusteigen.
Ich probiere das, so gut ich kann, zum Beispiel auf der Autobahn: Wenn ich einem schnelleren Auto einfach gelassen Platz mache, statt extra langsam zu fahren oder länger als nötig auf der linken Spur zu bleiben, dann fällt mit das erst mal schwer. Aber ich lasse so gar nicht erst zu, dass die Situation sich hoch schaukelt mit Lichthupe, Schimpfen, wilden Gesten und so weiter. Ich kann dann in Frieden weiter fahren, muss mich nicht aufregen und es geht mir besser.
Probieren Sie es doch mal aus. Vielleicht geht es Ihnen genauso.

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Wer Angst hat, läuft weg. So war das schon vor Urzeiten, hat einmal ein Psychologe im Radio erklärt. Wenn der Säbelzahntiger kam, gab es für unsere Vorfahren nur eins: Abhauen. Und die Angst hat für das nötige Adrenalin gesorgt, damit sie schnell und entschlossen reagieren konnten. - Ziemlich sinnvoll, die Angst.
Säbelzahntiger gibt es schon lange nicht mehr, aber Angst haben Menschen immer noch. Ängste - das kann man immer wieder in der Zeitung lesen -  haben in den letzten Jahren bei uns sogar zugenommen: Angst vor der Arbeit oder der Schule beispielsweise, Angst vor Begegnungen mit bestimmten Menschen oder Angst vor bestimmten Anforderungen und Aufgaben.
Aber was beim Anblick eines Säbelzahntigers früher sinnvoll war, ist es heute nicht unbedingt. Denn erstens kann ich vor den meisten Dingen, die mir Angst machen nicht dauerhaft wegrennen: Ich muss zur Schule oder zur Arbeit. Und Aufgaben, die ich vor mir herschiebe, müssen irgendwann doch erledigt werden. Und zweitens sind die Dinge, die mir Angst machen, auch gar nicht so lebensgefährlich wie es der Säbelzahntiger für die Steinzeitmenschen war, oder? Eigentlich könnte man sich diesen Dingen doch stellen.
Ich glaube, was einem dazu oft fehlt, ist Vertrauen. Vertrauen, dass ich den Dingen gewachsen bin. Vertrauen, dass das, was mir Angst macht, mich nicht auffressen kann. Dieses Vertrauen können mir andere Menschen geben. Als Lehrer habe ich schon erlebt wie schwierige Situationen in der Schule machbar werden, wenn man sich mit Kollegen darüber austauscht. Es hilft schon wenn ich höre, dass ein Kollege zum Beispiel mit einer schwierigen Klasse ganz ähnliche Erfahrungen macht. Dann bin ich schon nicht mehr allein.
Mir persönlich gibt auch Gott solches Vertrauen. Denn er hat - zum Beispiel durch den Propheten Jesaja - Sätze gegen die Angst ausrichten lassen: „Fürchte Dich nicht, ich bin bei dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich und helfe dir." (Jesaja 41,10) Solche Worte machen mir Mut, nicht wegzulaufen, sondern mich dem zu stellen, wovor ich Angst habe.
Im Vertrauen auf Gott kann man dann auch genauer hinsehen, was eigentlich los ist. Ich habe schon erlebt, dass meine Angst dann gar nicht begründet war: Der vermeintliche Säbelzahntigern war zwar keine Schmusekatze, aber beim genauen Hinsehen doch ein ziemlich kleiner Tiger und eigentlich ganz gut zu handeln.

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