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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal muss man was riskieren, damit ein Wunder passiert. Daran hat mich vor ein paar Tagen Martin erinnert. Martin ist Ingenieur, seit einem ¾ Jahr arbeitet er, frisch vom Studium weg, bei einem großen Chemiebetrieb. Vor zwei Wochen hatte er sein erstes Personalgespräch. Sie sind zufrieden mit mir, hat er erzählt. Ein bisschen mehr Geld gibt es auch. „Und ich habe gefragt, ob ich im Sommer eine Woche Sonderurlaub für das Zeltlager kriege." Martin betreut seit Jahren in den Sommerferien ein Ferienlager für Kinder vom CVJM. Für solche Ehrenämter kann man Sonderurlaub kriegen, hat er gehört. Das wollte er probieren.
Mir hat es erst mal die Sprache verschlagen. Ein Berufsanfänger! Und will Sonderurlaub! Ich hätte mich nicht getraut zu fragen. Martin ist da viel mutiger. „Mehr als Nein sagen können sie doch nicht", hat er gesagt, „und wenn man es nicht probiert, dann hat man schon verloren!"
Wahrscheinlich hat er Recht. Wie das ist, erzählt die Bibel in einer sehr merkwürdigen Geschichte. Die Jünger von Jesus sind mit einem Boot auf dem See unterwegs. Da sehen sie Jesus auf dem Wasser. Unglaublich. Und Petrus, der will es wissen. Wenn Du das bist, sagt er, dann lass mich zu dir kommen. Auf dem Wasser. Und Jesus sagt: Komm her! Da probiert es Petrus - und es geht. Das Wunder passiert.
Ich gebe zu: Ich kann mir das real schwer vorstellen. Aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig. Aber einen übertragenen Sinn, den sehe ich schnell in der Geschichte : Man muss es probieren. Ein Risiko eingehen. Sonst erfährt man nie, ob etwas Unwahrscheinliches geht.
Und für meine ängstlichen Bedenken gibt es noch den zweiten Teil der Geschichte in der Bibel. Der geht so: Auf einmal sieht Petrus den starken Wind wieder. Da erschrickt er, bekommt Angst und beginnt zu sinken. Aber Jesus hält ihn fest, hilft ihm ins Boot und fragt ihn: Warum hast auf einmal doch noch gezweifelt? Warum hat Dich das Vertrauen wieder verlassen?
Wer zu wenig Vertrauen hat, der wird ängstlich. Der traut sich nicht. Dann versinkt man leicht in seinen Befürchtungen. Wer auf Gott vertraut, der tut sich leichter, etwas zu riskieren.
Ob Martin, der Sonderurlaub möchte, dabei auf Gott vertraut hat, weiß ich nicht so genau. Vielleicht war das bei ihm mehr so ein unbewusstes tiefes Grundvertrauen ins Leben. Manchmal ist das ja dasselbe. Jedenfalls hat er sich getraut. Er hat es riskiert.
Wie die Sache ausgegangen ist, möchten Sie wissen? Noch ist es nicht entschieden. Aber sein Chef findet sein Anliegen gut. Er hat selber Kinder, die auch in den Ferien auf Zeltlager gehen. Und er hat versprochen, in der Personalabteilung nachzufragen. Das ist immerhin schon die Hälfte vom Wunder.

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„Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen." (Mt 25, 35) Auf den ersten Blick scheint das ganz selbstverständlich - Jesus hat diese und andere Selbstverständlichkeiten aufgezählt und dazu gesagt: Wer das macht, der nimmt mich auf. Für uns Christen heißt das: Wer so selbstverständlich barmherzig ist, der nimmt Gott selbst bei sich auf.
Ich denke an meinen Sohn. Der war 10 Monate lang in Südamerika unterwegs mit dem Fahrrad. Er hat erzählt, wie er bei Schneegestöber in der Hütte einer Indio-Familie seine Isomatte ausrollen durfte. Es ist großartig, wenn Menschen so miteinander umgehen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich so einen durchnässten und durchgefrorenen fremden Radfahrer und seine Freundin in meine Wohnung gelassen hätte. Obwohl: Jetzt vielleicht schon, wo ich die Geschichte von meinem Sohn gehört habe.
Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Leider ist das eben doch nicht so selbstverständlich. Für mich auch nicht. Und erst recht nicht, wenn es nicht bloß um einen einzelnen Fremden geht, sondern um die Fremden, die Schutz suchen und Wohnung und Arbeit, weil sie da nicht bleiben konnten, wo sie zu Hause waren.
Daran erinnern heute Abend christliche Frauen auf der ganzen Welt. Heute Weltgebetstag. Da erinnern Frauen sich und andere daran, wie es vielen Fremden leider auch geht, leider auch in unserem Land. Sie finden keine Arbeit, weil sie anders aussehen. Man begegnet ihrem Glauben mit Misstrauen. Schüler und Schülerinnen werden entmutigt, weil sie erleben, dass man ihnen keine Chance gibt. Warum sollen sie sich dann noch anstrengen?
Aber wir können uns doch nicht um das Elend der ganzen Welt kümmern, sagen viele. Und das können Sie und ich gewiss nicht. Aber die Politik, die steht da in der Pflicht, finde ich. Und ich glaube, man könnte viel tun, damit die Notleidenden der Welt gar nicht erst ihre Heimat verlassen müssen - wenn man das wirklich will.
Vielleicht werden wir auch bloß ausgenutzt von Menschen, die auf unsere Kosten leben wollen, sagen andere. Und natürlich gibt es solche unter den Fremden bei uns. Aber die meisten sind nicht so. Bloß: das merkt man erst, wenn man sich kennen lernt. Ich kenne einen Mann, der hat eine Patenschaft übernommen für einen Jungen aus Algerien. Manchmal geht er mit ihm zum Fußball. Und er hat ihm geholfen, eine Lehrstelle zu finden. So kann man erfahren, wie sie wirklich sind, die Fremden.
Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich glaube, dieser Weltgebetstag der Frauen heute Abend ist eine Protestabend. Weil nicht selbstverständlich ist, was selbstverständlich sein sollte. Bestimmt findet auch in Ihrem Ort einer statt.

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Der Herr segne dich und behüte dich! Das ist das Tagesmotto der Evangelischen Kirche für morgen, die sogenannte Tageslosung. Und morgen ist der erste Tag seines Ruhestands für Papst Benedikt XVI.
Ich habe mich richtig gefreut, als ich da diesen Segenswunsch aus der Bibel gelesen habe. „Der Herr segne dich und behüte dich!" Kann ein Mensch seinen Ruhestand besser anfangen als mit so einem Wunsch?
Ich will nicht verschweigen: Wir Evangelische hatten es nicht leicht mit diesem Papst. Während seiner Amtszeit ging es mit der amtlichen Ökumene zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche eher rückwärts als vorwärts. Ich weiß, dass auch viele Katholiken darüber traurig waren. Und ich bin froh, dass die Menschen an der Basis sich kaum haben beirren lassen. Wir gehören alle zur einen Kirche Jesu Christi. Das war den meisten wichtiger als Bedenken aus Rom.
Ich will nicht verschweigen: Wir Frauen hatten es nicht leicht mit diesem Papst, auch viele katholische nicht. Sie sind traurig, dass Frauen in ihrer Kirche als nicht geeignet gelten für die Ämter, die beraten und entscheiden, was in der Kirche gelten soll. Wo doch Jesus immer auch Frauen um sich herum hatte und sie genauso ernst genommen hat wie die Männer. Papst Benediktund seine Berater: Sie haben an einem Bild vom Miteinander der Männer und Frauen festgehalten, dass Jesus eigentlich schon überholt hatte, scheint mir. Mit vielen Frauen hoffe ich, dass sich da bald etwas bewegt, auch in der katholischen Kirche.
Beispielhaft finde ich, wie Papst Benedikt mit seinem Amt umgegangen ist: Vom ersten Tag an. Ich habe gebetet, dass Gott einen anderen nimmt, hat er damals gesagt. Er hat gewusst, was für eine schwere Last die Verantwortung für eine Weltkirche ist. Aber er hat sie trotzdem als Berufung von Gott auf sich genommen. Sein Amt war für ihn im wahrsten Sinne des Wortes ein Beruf. Er hat sich von Gott berufen gefühlt. Und darin unterscheidet er sich nach evangelischem Verständnis von keinem anderen Menschen. Martin Luther hat erklärt, dass jeder Beruf, jede Aufgabe und Verantwortung eine Aufgabe von Gott ist. Dazu gibt er Kraft und Verstand. Und wenn die Kraft weniger wird, dann darf man einem jüngeren Platz machen.
Morgen also fängt für Joseph Ratzinger der Ruhestand an. Hoffentlich kann er sich ausruhen und Freude am Leben haben. Wie für ihn beginnt auch für Sie und mich heute der Rest unseres Lebens. Wie schön, dass für uns alle gilt: „Der Herr segne dich und behüte dich!"

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„Bin ich bloß überempfindlich, oder ist das wirklich nicht in Ordnung?" Frauen erzählen manchmal Witze und haben Sprüche drauf, da schäme ich mich. Ich möchte nicht, dass irgendwer denkt: „So sind die Frauen!" Ich bin nicht so und ich kenne viele Frauen, die denken auch nicht so. Von den sogenannten Herren Witzen will ich heute Morgen gar nicht reden: Ich weiß, dass die meisten Männer es nicht nötig haben, Frauen mit blöden Sprüchen herabzuwürdigen auch wenn das manche unglaublich witzig finden. Männer sind eben verschieden. Frauen auch. Leider merkt man erst mit der Zeit, wen man vor sich hat. Manchmal erst durch einen blöden Witz.
Genauso geschmacklos wie sexistische Witze finde ich übrigens die religiösen. „Das Leben des Brian" zum Beispiel finde ich richtig dämlich. Früher haben mich solche Witze verletzt, weil ich diesen Jesus ernst nehme, der da lächerlich gemacht wird. Da wird mein Glaube lächerlich gemacht. Wieso tun Menschen das, frage ich mich manchmal. Brauchen die das? Tut ihnen das gut?
Ich habe mich lange gefragt, ob ich vielleicht bloß zu wenig Humor habe und überempfindlich bin. Inzwischen verletzt mich dieser Klamauk nicht mehr. Aber ich finde ihn geschmacklos und sage den Witzbolden: Ich nehme das ernst, was Sie sagen. Soll ich wirklich glauben, dass Sie keinen Respekt haben vor Leuten, die anders glauben als Sie? Soll ich wirklich glauben, dass Sie immer nur an „das eine" denken?
Aber das ist doch bloß Spaß, sagen dann manche. Das meine ich doch gar nicht so! Und ich frage mich: Wie meinen sie es denn? Jesus hat mal gesagt: „Nicht, was in den Mund hinein kommt, macht einen Menschen unrein. Aber das, was aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen. Das macht den Menschen unrein" (Mt 15, 17f) Ich finde, das trifft es genau, auch wenn Jesus damals nicht von blöden Witzen gesprochen hat, sondern von bestimmten religiösen Vorschriften.
Er hat trotzdem Recht. Das, was einer sagt, das kommt aus dem Herzen. Damit muss er oder sie sich identifizieren lassen.
Auf diesen Zusammenhang mache ich die manchmal aufmerksam, die blöde Witze machen oder anzügliche Bemerkungen. Manche halten mich deshalb für humorlos. Andere sind ganz erschrocken. So wollten sie eigentlich nicht ernst genommen werden.
Genau an dieser Stelle kann man glaube ich die doofen Witze von Satire und Ironie unterscheiden. Die gibt es und die ist wichtig. Auch im religiösen Bereich. Auch in Geschlechterfragen. Aber wer satirisch redet - der will ernst genommen werden. Der distanziert sich nicht von dem, was er sagt. Der steht dazu. Das finde ich gut. Da bin ich gar nicht empfindlich. 

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Eigentlich könnten wir alle genug haben. Genug zum Leben. Nicht bloß hier in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Denn es ist eigentlich genug für alle da. Der Reichtum ist bloß sehr ungleich verteilt.
Bei uns in Deutschland zum Beispiel gibt es 9 Billionen Euro privates Vermögen. Das ist eine 9 mit 12 Nullen dran. Damit ich mir ungefähr vorstellen kann, wie viel das ist, habe ich herausgesucht, dass der Gesamtetat des Bundessozialministeriums 143 Milliarden beträgt. Wenn ich richtig rechne, ist das weniger als ein fünfzigstel. Für das ganze Land! Ich finde das unglaublich, wenn ich daran denke, wie viele wichtige soziale Leistungen gestrichen werden, weil kein Geld da ist. Noch unglaublicher finde ich, dass 6 von diesen 9 Billionen Privatvermögen - also 2/3 - nur einem Zehntel der Bevölkerung gehören.
Aber jedes Mal wenn von dieser Ungleichheit die Rede ist, dann heißt es: Das ist bloß der Neid.
Ich glaube das nicht. Es geht vielmehr um das Wohl aller in unserem Land. Denn Untersuchungen zeigen: Kriminalität und Gewalt, Drogenmissbrauch und Gesundheit, Bildungsstand und Lebenserwartung. das alles verschlechtert sich, je größer die Ungleichheit ist in einem Land. Alle zusammen leben besser, wenn man für einen Ausgleich sorgt zwischen arm und reich.
Und viele Reiche sehen das auch so, glaube ich. Immer öfter liest man von Millionären und Milliardären, die ihren Reichtum für soziale Zwecke stiften oder schlicht sagen: Eigentlich müsste mein Reichtum viel stärker besteuert werden. Wahrscheinlich haben diese reichen Leute ein Gefühl dafür, was genug ist. Sie haben begriffen: erfülltes Leben ist mehr als Besitz und Wohlstand. Gutes Leben in einem Land gibt es nur, wenn es allen gut geht. Und eigentlich gilt das auch für die Welt als ganze.
Jesus hat mal gesagt: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden nimmt" (Lk 9, 25) Ich glaube, damit wollte er genau darauf hinweisen. Menschen, die man lieben kann und von denen man geliebt wird - die machen ein Leben reich. Zeit mit anderen und für andere zum Beispiel - das ist ein großer Reichtum. Und das Gefühl, anderen gut tun zu können: das gibt dem Leben Sinn.
Jetzt im Wahljahr reden die Politiker alle von sozialer Gerechtigkeit. Aber viele trauen sich nicht, zu sagen, dass man auch umverteilen muss, wenn man Gerechtigkeit will. Angeblich können sie das uns, den Wählern, nicht zumuten. Meinen Sie, dass das stimmt? Oder haben die meisten von uns nicht längst begriffen: Gut leben ist mehr als sehr viel haben.

http://www.zeit.de/2013/07/Essay-Bundesregierung-Armuts-und-Reichtumsbericht;
http://www.zeit.de/2010/13/Wohlstand-Interview-Richard-Wilkinson

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Meine Tochter war auf einer katholischen Mädchenschule. Die freundliche Atmosphäre dort hat ihr gut getan. Aus einem schüchternen kleinen Mädchen ist eine selbstbewusste junge Frau geworden. Sie hat dort Mathe und Bio, Deutsch und Englisch gelernt und sie hat auch christliche Werte kennen gelernt. Die helfen ihr jetzt, abzuwägen und zu entscheiden, was sie tut und vor allem wie sie es tut. Dass sie evangelisch war auf einer katholischen Schule, das war kein Problem. Sie haben dort auch gelernt, das Denken und Glauben anderer zu respektieren und zu achten.
In unserer Gegend gab es keine vergleichbare evangelische Schule. Aber ich denke, über die kann man genau dasselbe sagen.
Die Kirchen setzen mit diesen Schulen und mit den kirchlichen Kindergärten um, was Jesus gefordert hat. „Geht hin in alle Welt und macht das Evangelium bekannt" (Mt 28,28). In alle Welt. Nicht bloß in alle Kirchen und Gemeindehäuser. Alle Menschen sollen kennen lernen, was Jesus gelehrt hat. Damit sie sich entscheiden können, ob ihnen das einleuchtet und sie es für sich übernehmen wollen. Wir Christen glauben, dass das Leben besser wird, wenn man im Sinne Jesu lebt. Deshalb betreibt die Kirche Schulen und Kindergärten.
Aber der Staat finanziert solche Schulen mit den Steuern aller, sagen manche und finden das nicht in Ordnung.
Und es ist wahr. Der Staat erstattet Kosten für Schulen und Kindergärten und auch für den Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Damit bezahlt der Staat Leistungen, die er andernfalls selbst erbringen müsste. Die Kindergärten und Schulen werden ja in jedem Fall gebraucht.
Außerdem lebt der Staat, lebt unsere Gesellschaft von Werten, die der Staat nicht selbst hervorbringen kann. Immer wieder wurde das versucht: Im Nazideutschland zum Beispiel oder in der ehemaligen DDR. Da hat der Staat den Kindern in der Schule die Werte der herrschenden Partei vermittelt. In einem demokratischen Land wie unserem ist das anders. Da ist der Staat weltanschaulich neutral. Aber das heißt nicht, dass er alle seine Bürger verpflichtet oder gar erzieht, auch neutral zu denken (wenn es neutral überhaupt gibt). Vielmehr stellt der Staat Räume zur Verfügung, Kindergärten und Schulen, wo Werte vermittelt und gelebt werden. Christliche oder freireligiöse, anthroposophische oder - wo es gebraucht wird - auch muslimische. Was sie dort lernen, das müssen die Menschen dann einbringen, wenn es darum geht, in unserem Land etwas zu entscheiden. Und miteinander muss man sich verständigen, was das Beste, das Vernünftigste und das Menschlichste ist.
Meine Tochter hat das gelernt, glaube ich. Und viele andere junge Leute auch. Gott sei Dank.

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Manche finden den Glauben lächerlich. Nicht nur den christlichen, überhaupt an einen Gott zu glauben finden manche lächerlich. „Wie kann man nur?", sagen sie. Seht ihr denn nicht, dass das ganz sinnlos ist? Es gibt überhaupt keinen Beweis, dass da irgendwas dran ist.
Solchen Spott gibt es nicht erst seit heute. Schon in der Bibel ist davon die Rede. „Unser Glaube an Christus, den gekreuzigten ist für die einen ein Skandal", schreibt der Apostel Paulus in einem Brief, „und für die anderen ist es reine Dummheit."(1. Kor 1, 18)
Viele Christen behalten deshalb ihren Glauben lieber für sich. „Glauben ist Privatsache" sagen sie dann. Aber diese Formulierung, die auf Friedrich den Großen zurückgeht, sollte nicht dazu führen, dass man seinen Glauben verheimlicht, sondern eigentlich die Gläubigen vor staatlichem Druck schützen. Niemand sollte vom Staat gezwungen werden, einen bestimmten Glauben zu haben. Jeder sollte seinen Glauben frei und offen ausüben können. Denn „Glauben ist Privatsache".
Inzwischen hat sich das umgedreht. Inzwischen benutzen viele den Satz, um sich dahinter zu verstecken. Glaube ist Privatsache: Es geht niemanden was an, was ich glaube. Deshalb behalte ich lieber für mich, was ich glaube. Ich will mich schließlich nicht lächerlich machen.
Ich fürchte bloß: Genau das macht den Glauben dann wirklich lächerlich. Schon deshalb, weil dieser Glaube anscheinend sich selbst nicht traut. Jesus hat zum Beispiel gesagt: „Was ihr für andere Menschen getan habt - auch wenn sie noch so unbedeutend sind - das habt ihr für mich getan". Wer das glaubt und dann lieber still ist und nichts tut - muss man so einen Glauben nicht unglaubwürdig finden? Ein anderes Beispiel: Hat nicht Jesus gesagt: „Den Kindern gehört die Welt Gottes"? Wer das glaubt und es seinen Kindern nicht weiter sagt: muss man das nicht komisch finden? Ein Glaube, der die Gläubigen nicht beflügelt und ermutigt, sondern den sie mutlos und ängstlich für sich behalten: Kein Wunder, das viele keinen Respekt haben vor solchem Glauben und ihn lächerlich finden.
Ich glaube, wenn wir Christen, Sie und ich, deutlich sagen, was wir glauben und wenn wir tun, was wir können, damit es menschenfreundlicher wird: dann wird man unseren Glauben ernster nehmen. Dann würde sich nämlich zeigen, dass unser Glaube einen wichtigen Beitrag leisten kann für das Zusammenleben der Menschen. Wir können darauf vertrauen, dass es einleuchtend ist, was wir als Christen sagen. Wer weiß, vielleicht könnte unser Glaube dann manchmal sogar Berge versetzen. Ich glaube, das würde keiner lächerlich finden.

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