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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ganz werden - Elend wer rafft / halb nur wer hortet / ganz erst, wer teilt.
Mit wenigen Worten bringt der Dichter und Theologe Kurt Marti eine wichtige Lebensweisheit auf den Punkt.
Elend, wer nur rafft, wer nur haben und besitzen will und sich abschottet und in sich selbst verschließt.
Halb nur, wer hortet und meint, sich so seine Zukunft sichern zu können, dabei aber das Leben in der Gegenwart vergisst.
Ganz erst, wer teilt, wer das Leben anderer Menschen sieht und Not mit ihnen teilt.
Ganz werden da schwingt natürlich eine tiefe Sehnsucht mit. Wer tagtäglich an sich selbst die Zerrissenheit erlebt - von Ansprüchen und Erwartungen, von Wollen und Können, von Wunsch und Wirklichkeit, der sehnt sich danach, ganz zu sein, eins zu sein mit sich, dem lieben Gott und der ganzen Welt. Und wer sich selbstkritisch befragen lässt, wie sehr das eigene Leben diktiert wird von Wünschen und Konsum und wie wenig Zeit dann noch bleibt für's Teilen, für Gemeinschaft und die Möglichkeit, sich gegenseitig das Leben schön zu machen, der kennt die Sehnsucht ebenso.
Ganz werden ... das verbinde ich aber auch mit einer großen Hoffnung. Denn entscheidend, so lese ich es immer wieder in der Bibel, ist nicht, dass ich endlich alles unter einen Hut bekomme, dass ich Ansprüchen und Erwartungen gerecht werde und dann auch noch Zeit habe für Beziehungen und Menschen, und alles gelingt mir. Entscheidend ist, dass Gott derjenige ist, der nicht rafft und hortet, sondern Leben teilt. Er bleibt nicht bei sich selbst und schottet sich nicht ab, sondern fragt nach uns Menschen, mehr noch: Er kommt auf uns zu und sucht uns. Sie und mich.
Eine bemerkenswerte Hoffnung. Er kommt und teilt das Leben mit mir, nimmt Anteil an mir, an dem, was mich freut  und an dem, was mich traurig macht, an meinen Stärken und an meinen Schwächen. -  Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Das gilt auch für den Glauben.
Kurt Marti sagt: Ganz erst, wer teilt. Ich denke, er meint Gott. Aber sicher auch uns, die suchen und denen er entgegen kommt.

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Oleg Popov gehört zu den ganz großen Clowns der Welt. Mit dem russischen Staatszirkus hat er Menschen in der ganzen Welt erreicht, Kleine und Große.
Einer seiner Auftritte beginnt im Dunkeln. Nur ein kleiner Lichtkegel in der Mitte der Manege. Oleg Popov tritt heran, einen kleinen Koffer in der Hand. Und macht es sich gemütlich. Setzt sich, nimmt eine Flasche aus der Tasche und räkelt sich im wärmenden Licht.
Doch plötzlich bewegt sich der Lichtkegel weg. Der Clown sitzt im Dunkeln und  beeilt sich zu folgen,  mit großen Schuhen und weitem Mantel, den Koffer in der Hand. Kaum hat er's sich im Licht wieder gemütlich gemacht, wandert dies weiter. Er hinterher. Und so wiederholt es sich. - Schließlich beginnt er, den Lichtkegel einzufangen, wie mit Handfeger und Kehrschaufel. Und schwupps, ist das Licht im Koffer.
Ich finde, dieser Auftritt passt gut in diese dunklen Tage Anfang Dezember. Wo die Sehnsucht nach Licht mit Händen zu greifen ist. Lichterketten, Kerzen, Leuchten. Wie viel Sehnsucht nach Licht und Wärme wird da spürbar. Wie Popov, der den lichtgefüllten Koffer fest in seine Arme schließt.
„Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben" - das schreibt der Apostel Paulus in einem seiner Briefe an Menschen, die sich auch nach Licht sehnen. Christus ist dieses Licht, sagt Paulus, ein Licht, das stärker ist als alles Dunkle. Er ist in die Welt gekommen, mehr noch, sein Licht leuchtet auf - bis heute in den Herzen. Als Lichtschein der Hoffnung und der Freude. Wenn Menschen merken, dass sie dem Licht nicht immer hinterher laufen müssen, sondern es sich gefallen lassen dürfen. Sich hineinstellen in das wärmende Licht seiner Liebe.
Nachdem Popov das Licht im Koffer eingefangen hat, ist es dunkel im Zirkuszelt, kein Licht mehr. - Doch mit  einem Mal wird es hell, denn mit großer Geste hat der Clown den Koffer geöffnet und wirft das Licht ins Zirkusrund. Keine Chance für die Dunkelheit. Paulus würde vermutlich sagen: so ist´s auch mit der Liebe Gottes. Wenn man sie großzügig austeilt, wird es ganz hell. Bei Popov im Zirkus, wie im Leben..

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14313

Na und? Haben Sie dran gedacht? Die Schuhe rauszustellen? Bzw. die rausgestellten Schuhe zu füllen!  ? - Ach, so. Das ist nichts für Sie! Das macht Ihre Frau! Bzw. die Kinder sind längst aus dem Haus.
Dann kennen Sie das gar nicht, was mir mal passiert ist. Dass ich nichts hatte, und am frühen Morgen ziemlich dumm da stand. Die anderen hatten nämlich doch was erwartet zum Nikolaustag und ihre Schuhe rausgestellt. Und in meiner Verlegenheit suchte ich schnell ein paar Mandarinen, Äpfel und Nüsse zusammen - was ich halt auf die Schnelle in Küche und Lagerraum finden konnte und füllte damit die Schuhe.
„Das hättest du dir auch schenken können!" hörte ich später.
Ja, besser wäre es gewesen. Das hätte ich mir schenken können.
Und vielleicht ist das, an einem Tag wie diesem, sowieso mal einer Überlegung wert: Sich das Schenken zu schenken. Zumindest, das, was nicht aus dem Herzen kommt, sondern nur als Pflicht erscheint.
„Ich müsste dringend mal die oder jenen besuchen", so schießt es mir manchmal durch den Kopf. Dabei habe ich genau den nicht für einen Besuch und mache ihn trotzdem. Hinterher habe ich mich schon öfter gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, zu Hause zu bleiben, so unaufmerksam und so unaufgeräumt wie ich war. Genauso könnte ich an das nicht ernst gemeinte Kompliment denken, an die vorgegaukelte Freundlichkeit, das vermeintlich klärende Gespräch mit dem rechthaberischen Unterton. Der vorwurfsvolle Blick. Die alte Rechnung, die nach langer Zeit beglichen werden soll.
Geschenke, die man sich getrost schenken kann, weil niemand sie braucht.
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu", heißt es im Volksmund. Die Bibel wird konkreter: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!"
Das dürfte ja auch in unseren Geschenken zum Ausdruck kommen. Schenken so, wie Gott es meint. Tun, was er selbst nach den Worten der Bibel immer wieder tut: Freundlichkeit weitergeben, ein gutes Wort sagen, trösten und offen sein füreinander. Ja, so schenkt Gott - ohne Hintergedanken. Herzlich. Einfach, Einzig, weil er liebt.

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"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier..." - das kennt wohl jeder. Am Samstag habe ich ein neues Adventslied gelernt. Und zwar im ehemaligen Konzentrationslager Dachau.
Ich war am Wochenende mit einer Gruppe Jugendlicher in München und habe das Konzentrationslager Dachau besucht. Immer wieder haben wir uns gefragt: was hat das alles mit uns heute zu tun? Sind diese Dinge nicht Schnee von gestern?
Aber dann haben ein paar Mädchen erzählt, wie es ihnen schon in der S-Bahn ergangen ist und andere haben von Erlebnissen auf dem Schulhof berichtet. Da, wurde uns klar, dass wir leider nicht in einer heilen Welt leben. Das Schreckliche, das Bedrohliche, das Dunkle ist auch heute Teil unseres Alltags.
Aber die Frage bleibt doch, ob ich als Einzelner überhaupt etwas gegen Bedrohungen und Dunkelheiten in meiner Welt tun kann?
Wir haben dann ein Adventslied von Kurt Mikula gelernt, das mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: "Zünd ein Licht an gegen Gewalt und Streit. Ein Licht ist stärker als alle Dunkelheit. Es macht dich offen, lässt dich wieder hoffen. Es gibt dir wieder Mut, alles wird gut: Zünd ein Licht an."
Früher habe ich immer gelächelt über Lichterketten rund um Atomkraftwerke oder quer durch die Stadt - was soll das schon bringen? Heute weiß ich es besser. Es macht viel Sinn, dass ich mein Licht, auch wenn es noch so unscheinbar ist, anzünde. In der zweiten Strophe heißt es: "Zünd ein Licht an gegen Gleichgültigkeit. Ein Licht ist stärker als alle Dunkelheit." Stimmt das wirklich? Ja!
1989 hatten viele Menschen in der DDR den Mut, nur mit Kerzen in der Hand auf die Straßen zu gehen und sie waren stärker als alle Mächtigen und Gewaltigen.
"Zünde ein Licht an" - das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Das passt in den Advent. Wir Christen feiern an Weihnachten das Gott Mensch wird - aber das geschieht so ganz anderes, als es erwarten würde.
Eigentlich sollte man erwarten, dass der Retter und Friedensstifter der Welt eindrucksvoll mit Macht und Herrlichkeit erscheint. Was da aber in Betlehem geschieht, ist so ganz anders, das ist keine machtvolle Demonstration sondern eher der Beginn einer Lichterkette: Unscheinbar und von manchem verlacht, verändert sie Stück für Stück die Welt und zwar immer dann, wenn auch ich in diesem Sinne eine Kerze anzünde.

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In rund drei Wochen ist bereits Weihnachten! Ich finde: Das kommt sehr überraschend und eigentlich viel zu schnell!
Als Kind habe ich immer auf Weihnachten gewartet, aber die Zeit verging unendlich langsam. Gab es damals mehr Zeit wie heute?
Aber wenn ich dann meine Mutter überreden konnte, mit mir Strohsterne zu basteln oder Plätzchen zu backen, dann war die Zeit bis Weihnachten zwar immer noch lang, aber auch wunderschön.
Und heute? Da ist es auf einmal Weihnachten - und ich bin irgendwie noch gar nicht richtig angekommen. Dabei sind mir Strohsterne am Weihnachtsbaum und Plätzchen immer noch sehr wichtig - aber das ist einfach nicht mehr das Selbe. Warum nur?
Liegt das vielleicht daran, dass ich heute die Strohsterne kaufe und mir die Plätzchen geschenkt werden? Wahrscheinlich.
Das Besondere in meiner Kindheit waren ja gar nicht die Plätzchen oder die Sterne, es war die gemeinsame Zeit mit meiner Mutter. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit Begeisterung Spritzgebäck produziert habe und wie es dabei in der Küche aussah, spätestens, wenn der Schokoguss ins Spiel kam. Aber die Plätzchen dann zu genießen war mir als Kind gar nicht so wichtig - die Zeit mit meiner Mutter sehr wohl.
Als ich später selber Kinder hatte, habe ich mir immer ein Bild von ihnen gewünscht - manche davon hängen noch heute bei mir im Büro. Solch ein Bild war etwas ganz persönliches, etwas mit Zeit und Liebe drin.
Heute sind meine Kinder groß. Wenn sie mich fragen, was ich mir wünsche, dann sage ich: "Du brauchst mir nichts zu kaufen" und will eigentlich damit sagen: "ich hätte gerne wieder etwas Persönliches, etwas mit Zeit und Liebe von dir".
Aber ich mache es ja auch nicht anders und kaufe Geschenke auf den letzten Drücker und fülle jeden Moment meiner Zeit aus - gerade im Advent. Warum selber Plätzchen backen, wenn man genauso gut welche kaufen kann? Warum Strohsterne basteln, wenn ich viel schönere fertig kaufen kann?
Weil mir dann die Zeit des Backens und die Zeit des Bastelns fehlt!
Ich habe mir daher vorgenommen, in diesem Advent etwas daran zu ändern. So erzählte mir eine Bekannte, dass sie am Wochenende in einem wunderschönen Adventskonzert war. Das war für sie der Einstieg in den Advent, eine Zeit, die sie sich selbst gegönnt hat. Es ist schon komisch, das Wertvollste können wir uns nicht kaufen, aber wir brauchen es auch gar nicht! Wir haben viel Zeit, wir müssen sie uns nur nehmen und uns von niemanden - nicht einmal von uns selbst - einreden lassen, das dies vergeudete Zeit sei.
Es muss ja nicht Plätzchenbacken sein, vielleicht tut mir ein schönes Konzert gut, oder ein besonderer Adventsgottesdienst, oder ein Spaziergang mit meiner Frau oder ein Besuch bei meinen Eltern? Es gibt viele Möglichkeiten, mir und anderen Zeit zu gönnen. Ich wünsche Ihnen solch einen Advent.

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Bei meinem Freund steht der Adventskranz in der Küche. Fürs Wohnzimmer findet er ihn etwas peinlich. Er hat ihn von seiner Mutter geschenkt bekommen, er selbst hätte sich nie einen Adventskranz gekauft. "Alles viel zu kitschig", meinte er. Ich habe ihn dann gefragt, ob er wisse, wie denn der Adventskranz entstanden sei?
Erfunden wurde er von Pastor Johann Hinrich Wichern im Jahre 1839. Wichern leitete damals das „Rauhe Haus" in Hamburg. Er war sozial engagiert und wollte den damals unzähligen Straßenkindern ein Zuhause bieten. Jeden Abend trafen sich die Jugendlichen des "Rauhen Hauses" dann in einem großen Saal um den Tag gemeinsam zu beschließen. Dabei merkte Wichern, dass die Jugendlichen nicht nur ein warmes Essen und ein Dach über dem Kopf brauchten, sondern vor allem eine neue Hoffnung auf ein sinnvolles Leben.
So erfand er den ersten Adventskranz: ein altes Wagenrad wurde an die Decke gehängt und jeden Tag im Advent eine kleine rote Kerze darauf gesteckt, an den Sonntagen eine dicke weiße. Der Saal muss ziemlich groß gewesen sein, und natürlich noch ohne elektrisches Licht - was bringt da schon eine kleine Kerze? Aber wenn sich jeden Abend eine weitere Kerze dazu gesellt, dann wird es langsam immer heller im Saal.
Die Jugendlichen verstanden dieses Bild. Viele fühlten sich einsam und verlassen, in einer dunklen Welt. Jetzt erlebten sie, wie jede noch so kleine Kerze wichtig ist und wie sie zusammen einen riesigen, dunklen Saal erleuchten können. Für sie wurde der Adventskranz zu einem echten Hoffnungszeichen. So verstehe ich als Christ den Advent: es gibt Hoffnung für mich und diese Welt. Diese Hoffnung kommt nicht mit lautem Getöse und mächtigem Gehabe. Jesus Christus ist damals in einem unscheinbaren Stall geboren worden, wie so eine kleine Kerze im Dunklen. Aber so hat er das Herz unzähliger Menschen erreicht. Übrigens wurde im Rauhen Haus jedes Jahr dieser Adventskranz wieder aufgehängt. Für die Jugendlichen was das ihr Symbol, das ihnen Mut machte. Als Straßenkinder erschien ihnen ihr Leben zuvor oft wertlos, jetzt spürten sie, wie wichtig ihr Licht ist. Daher muss ich bei einem Adventskranz immer wieder an dieses Wagenrad im Rauhen Haus denken. Die Jugendlichen fanden das nicht kitschig, vielmehr hat es ihnen Mut und Hoffnung gegeben. Wie doch ein paar Kerzen die Herzen von Menschen verändern können.
Das ist für mich ein echter Advent.

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